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Die Sebalds. Zweiter Band. Exodus

Wilhelm Jordan: Die Sebalds. Zweiter Band. Exodus - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm Jordan
titleDie Sebalds. Zweiter Band. Exodus
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunDritte Auflage
year1904
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20150715
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Dreißigstes Kapitel.

Einsilbig vielsagend.

 

Vermag denn wirklich ein Gedenken
Des späten Enkels Schritt zu lenken,
Weil ferne Väter hier gegangen,
Bevor sein Dasein angefangen?

 

Auf der breiten, aus Quadern ausgemauerten Terrasse vor der nördlichen Hauptfront des alten Schlosses zu Sebaldsheim, reichlich dreihundert Fuß über dem Wasserspiegel des Stromes am Fuße des felsigen Burgberges, gingen Hildegard und ihr Vater in eifrigem Gespräch auf und nieder.

»Ich habe vor,« sagte der Graf, »den überaus tüchtigen Oberinspektor unseres neuen Gutes zum Amtmann zu ernennen, ihm Sebaldsheim in Verwaltung zu geben und mit Dir ganz nach Wallingen überzusiedeln. Ist es Dir recht?«

Hildegard schien überrascht. Erst nach einigem Sinnen gab sie Antwort:

»Von mir will ich nicht reden. Aber glaubst Du die Trennung von Sebaldsheim aushalten zu können? Nach dieser Stätte Deiner Geburt, Deiner Knabenspiele, Deines erfolgreichen Schaffens als Mann; nach diesem Schloß, das Dir mit jedem Baustein, jedem Waffenstück der Rüstkammer, jedem Hausgeräth und jedem Porträt an den Wänden etwas zu erzählen weiß aus einer Familiengeschichte von sieben Jahrhunderten, würde Dich bald, deß bin ich sicher, ein unstillbares Heimweh beschleichen.«

»Das vermuth' ich selbst. Dann kehren wir zurück zu kurzem Besuch. Ich bin sehr empfänglich für Heimatgefühl und Ahnenkult. Doch ich meine, auch die Familienandacht wird an Innigkeit nichts verlieren, wenn wir sie beschränken auf etliche Feiertage. Ich bin zu sehr Weltkind der Gegenwart, um nicht die Opfer an Behagen unverhältnißmäßig groß zu finden, welche uns auferlegt werden von der Anhänglichkeit an unseren Stammsitz. Auf dem Zickzackwege nach dem Wirthschaftshofe hinunter und zurück täglich dreimal und öfter je eine halbe Stunde zu verschwenden, ist mir längst viel zu beschwerlich, das Ponygespann vor dem leichten Wägelchen hinaufzu keuchen, hinunterzu den Hemmschuh ohrzerreißend über den Kies knirrschen zu hören, noch unausstehlicher, als mich selbst außer Athem zu laufen und heiß zu klettern. Die Aussicht von hier und aus den Fenstern über den Strom, über die weite gesegnete Uferebene jenseits nach den wundervoll geschwungenen Linien des blauen Gebirges am nordwestlichen Horizont ist in der That entzückend und mir aus Gewohnheit die liebste auf Erden. Auch sitzt man ja während der Hundstage köstlich kühl auf den eingenischten Steinplatten der Kämmerchen, welche die Fensterscharten bilden. Aber im Winter, wann der Nordwind um die Zinnen heult und diese Terrasse klaftertief unter Schneemassen begräbt, monatelang auch in der Wohnung auf Pelzstiefel und Pelzkleider angewiesen zu sein, weil trotz der drei Ellen dicken Mauern, trotz aller Verpolsterung und Verklebung, mit dem Verbrauch eines Waldes kaum zwölf Grad zu erheizen sind, – das find' ich doch nachgerade recht ungemüthlich. – Warum ich die fertigen Baurisse zum neuen Herrschaftshause unten am Wirthschaftshofe unausgeführt wegschloß, als uns Lothar entrissen ward, das weißt Du. Leider muß ich mich anklagen, seitdem auch den andern Bau eingestellt zu haben, bevor er zur Hälfte fertig war: die Anlage des Gartendorfs für unser Hofgesinde und die Feldarbeiterfamilien, mit welcher ich auf meinem Gebiet eine Lösung der sogenannten sozialen Frage versuchen wollte. Weniger der Trieb, für Dich zu sparen, ist daran schuld, als die Gewißheit, daß meine Schöpfung den Erbantritt seitens Deines Vetters, des Rittmeisters, keine vier Wochen überleben würde. Der Gedanke an ihn benimmt mir alle Lust zu Verbesserungen und macht mich träg. Weiß ich doch, daß alles von mir ermühte Gedeihen schnellem Niedergang und heilloser Zerrüttung anheimzufallen verurtheilt ist, sobald ich die Augen geschlossen. Der hier auf Schritt und Tritt an mir nagende Schmerz, den Verlust des Stammsitzes von Dir nicht abwenden zu können, macht mir den dauernden Aufenthalt in Sebaldsheim unleidlich. Ich will das Herrschaftshaus in Wallingen mit allem Comfort ausstatten, den wir bewundern gelernt in Amerika, wo man in der menschenwürdigen Einrichtung der Heimstätte dem alten Europa entschieden überlegen ist. Wenn wir dort bequem, vergnügt, gesund, vor allen Dingen wieder ungestört fleißig haushalten, dann wird mir das Erinnerungsbild von Sebaldsheim mit dem Bedauern, fern zu sein, jedenfalls weniger weh thun, als der wirkliche Anblick; denn bei diesem vermag ich einen häßlichen und verwerflichen Ingrimm auf meinen Nachfolger nicht zu unterdrücken. – Ich sehe Dir's an, Du verstehst diese Gründe meines schweren Entschlusses und findest sie triftig. Aber mir scheint, Du hast noch einen andern Einwand gegen unsern Exodus in Vorrath, und sinnst, wie Du mir den beibringen sollst.«

»Getroffen!«

»So sprich offen und unverlegen.«

»Komm' hinein vor eines der Bilder, die wir erst von der Verbannung in die Thurmkammer begnadigt und neu gerahmt im Ahnensaal aufgehängt haben.«

»Welches meinst Du?«

»Jenes, von dem wir ausnahmsweise wissen, warum es als mißliebig auf die Seite geschafft war; dasselbe, dessen photographische Kopirung Du vor etlichen Jahren gestattetest, wenn ich nicht irre, auf ein Schreiben eines Odenburger Kirchenbeamten.«

»Also das des Junkers Franz, des nachmaligen Obersten Sebald, der als zweiter Sohn des regierenden Grafen erst hessischer Unterlieutenant wurde, dann aber nach Amerika ging und dort im Unabhängigkeitskriege kämpfte gegen Kameraden, die sein Kriegsherr an die Engländer verkauft hatte. Weil er, heimgekehrt, seinen Adel verleugnete, sich nur Oberst Sebald nennen ließ, dann auch für die ersten Anläufe der französischen Revolution werbende Begeisterung zur Schau trug, entzweite er sich völlig mit seinem älteren Bruder, der inzwischen das Majorat angetreten.«

»Und deßhalb wurde sein Jugendbild in die Rumpelkammer verwiesen. – Ich hab' es heute nochmals gesäubert, ja sogar mit einem Kranz von Epheu und Astern, einer Inschrift und einer darunter angebrachten kleinen Handzeichnung geschmückt. Wozu? Das wirst Du merken, wenn Du davor stehst, dann auch meinen Einwand gegen Deine Umsiedelung nach Wallingen errathen.«

Am Arm des Vaters stieg Hildegard die Terrassentreppe zum Sommersaal hinauf. Eine Flucht von Zimmern durchschreitend, traten sie aus dem letzten hinaus in die Mitte eines Korridors, der durch die ganze Länge des Erdgeschosses hinlief. Von der Vorhalle im Osten war er betretbar durch eine thürlose Spitzbogenpforte von graugrünem Sandstein, über der ein sehr plump gemeißeltes, offenbar uraltes Relief den Ritter Georg mit dem Lintwurm darstellte. Seine Beleuchtung erhielt er vom Westende her durch ein farbenglühend gemaltes Fenster, außerdem durch schmale mattgeschliffene Scheiben über den Thüren der südlichen Längswand. Diese führten in die geräumige Küche, Vorrathskammern und Gemächer für das Schloßgesinde. Ueber diesen Räumlichkeiten, im ersten Stock die ganze Südfront einnehmend, lag die mit Hunderten von Familienbildern nahezu vollgehangene Ahnengalerie. Gäste des Hauses pflegte man aus den anstoßenden anderen Räumen des ersten Geschosses, dem Banket-, dem Kunstsaal und der Rüstkammer eintreten zu lassen, während jetzt der Graf und seine Tochter den weit näheren Weg einschlugen, der für die säubernde Dienerschaft, Handwerker, restaurirende Maler und schaulustige Touristen bestimmt war. Schrägüber jenem gemalten Fenster, wo sich der Korridor quadratisch erweiterte zum inneren Vorplatz der dort auf der südwestlichen Ecke ausgebauten Schloßkapelle, führte ein schmales Lauftreppchen zu einer Tapetenthür hinauf.

»Ich verheiße Dir zugleich,« bemerkte Hildegard unterwegs, »einen neuen Beleg für den Satz, den die Bilder unserer Vorfahren so vielfach und unwiderleglich beweisen: daß in der Familie nach vielen Generationen, ja zuweilen nach einer Reihe von Jahrhunderten, dieselben Gesichter wieder erscheinen.«

Sie erreichten durch die Tapetenthür die Ahnengalerie und traten vor jenes Bild. Es war von seinem chronologischen Platz in der Reihe der Zeitgenossen des Junkers Franz heruntergenommen und an bestbeleuchteter Wandstelle in Augenhöhe des Beschauers befestigt. Ueber dem Rahmen, jetzt mit einigen Stecknadeln aufgeschürzt, und unter demselben herabhängend, aber zum Aufschürzen vorbereitet, befanden sich schmale Draperieen von dunkelm Stoff, bestimmt, den Ausputz des Bildes einstweilen zu verbergen. Noch aber war das nicht geschehen. So wurde denn die Aufmerksamkeit des Grafen zunächst von diesen Zuthaten in Beschlag genommen.

Auf der Mitte der unteren Leiste des noch ziemlich neuen Goldrahmens befestigt war das flache Kalkschälchen eines Seesterns mit der fein punktirten, einem Stiefmütterchen ähnlichen Zeichnung, welches Hildegard am Strande des Stillen Meeres aufgelesen; etwas tiefer rechts und links eine große geriefte, aber rauh gebliebene, und jene von der Brandung perlmutterglänzend geschliffene Muschel, zu deren Mitnahme niederbückend sie hinter sich den Spurenmesser zu Gesicht bekommen. Die zwischen diesen Muscheln angebrachte kleine Handzeichnung stellte wohlerkennbar einen jungen Mann vor, der ein Handbeil schwang und auf dem Quarterdeck eines Dampfers aus Lattenbänken ein Floß zimmerte. Auf den beiden über dem Kranz zu Häupten des Bildes ausgebreiteten Flügeln einer weißen Atlasschleife las man die roth gestickte Inschrift:

»Dem auferstand'nen Freiheitsmann
Zum Gruß im Ahnenschlosse,
Zum Wink auch, was er sich gewann
Als rettender Fahrtgenosse.«

Jetzt erst widmete sich der Graf dem Beschauen des Gemäldes.

»In der That erstaunlich! Sprechend getroffen porträtirt ungefähr ein Jahrhundert vor seiner Geburt!« rief er nach einer Weile stummer Betrachtung. »Jetzt erst weiß ich, warum unser Reisegefährte mir so geheimnißvoll vertraut vorkam, als ich ihn zum ersten Mal auf dem Altan in Cliffhouse erblickte. Damals schrieb ich das lediglich einer schwachen Aehnlichkeit zu, die eben nur erinnerte an Deinen Retter aus dem Eisspalt.«

»Auch damit hattest Du nicht Unrecht. Arnulf ist der Bruder Ulrich Sebald's.«

»Was meine kluge Tochter seit Wochen gewußt, aber dem Vater – liebevoll verborgen hat! – Und was bezweckt dieser Ausputz?«

»Hast Du vergessen, was ich Dir in Wexford bekannte?«

»Nicht vergessen, aber nach Deiner kühlen Haltung seit Arnulf's Erwachen und auf der Heimfahrt für mindestens weit vertagt, wohl gar für stillschweigend zurückgenommen erachtet als Uebereilung der dankglühenden Krankenpflegerin des Retters aus dem Schiffbruch.«

»Kennst Du mich so schlecht?«

»Weniger durchsichtig bist Du mir in der That geworden. Hätt' es Dir weiland nimmer zugetraut, so gewandt selbst mit dem Vater – Komödie zu spielen. – Was also bezweckt dieser Schmuck des Bildes?«

»Stumme Antwort.«

»Worauf?«

»Auf die Frage, welche Arnulf noch heut an mich richten wird.«

»Hat er sich angemeldet?«

»Bewahre. Gleichwohl bin ich gewiß, daß er schon unterwegs ist, falls nicht ein Erdbeben ihn sammt Odenburg verschlungen hat.«

»Woraus schöpfst Du diese mystische Zuversicht?«

»Erstens aus der Geographie, die mir sagt, daß Odenburg nur drei Wegstunden von Sebaldsheim entfernt liegt. Zweitens aus der Frauenphilosophie, welche mir offenbart, daß er mich liebt und es jetzt endlich auch entdeckt haben muß.«

»Und mich fragst Du gar nicht um Erlaubniß zu dieser Bilder-, Blumen- und Zeichenantwort?«

»Heuchlerischer Papa! Als ob ich nicht wüßte, daß Du lange vor mir in diesen Eidam verliebt warst!«

»O, Du Ausbund von Tochter!« versetzte Graf Udo, sie mit einem Kuß auf die Stirn zärtlich umarmend. »Ohne Worte weiß sie dem alten Vater in's Gewissen zu leuchten! Ja, dieser Einwand gegen meinen Umzug nach Wallingen ist unbesiegbar. Nicht als Gutsherr, sondern als müßiger Schwiegerpapa und Altsitzer beim Tochtergemahl zu wohnen, das wäre mir, auch wenn ich so geartet wäre, nur an mich zu denken, schlechterdings unerträglich.«

»Vollende das Gartendorf und nimm auch den Bau des Herrenhauses unten in Angriff. Das wird Dich mit Sebaldsheim wieder aussöhnen. Die Frucht der amerikanischen Reise und Arnulf's Wohlstand überheben Dich der bisherigen Sparsamkeit. – Aber komm' nun zurück auf die Terrasse.«

Dabei verdeckte sie den Schmuck des Porträts mit den Draperiestreifen.

»Um nach der Odenburger Chaussee auszulugen! Will Dir meinen Feldstecher holen.«

Vorangeeilt und hinausgebeugt über die Seitenbrüstung am westlichen Ende der Schloßterrasse erspähte Hildegard schon ohne Glas ein staubaufwirbelndes Fuhrwerk auf der Landstraße, die sich nahe dem Strom heraufzieht und erst kurz vor Sebaldsheim durch eine Schlucht nach der Hochebene ausbiegen muß, weil hier die Uferhöhen, schroff abfallend und felsig, selbst bei niedrigem Wasserstande nur einen schmalen Fußpfad gangbar lassen. Trotz der noch beträchtlichen Entfernung glaubte sie einen schon etwas schäbigen Wagen mit eiferlos trottenden Miethgäulen zu erkennen.

Ein Schatten von Verdruß flog über ihr Gesicht und das Närbchenpaar am Stirnsaum röthete sich.

»Er,« dachte sie, »Er zu diesem, diesem Besuch in solcher Karrete? Doch mindestens vierspännige Extrapost zu nehmen war er mir schuldig, wenn er so schnell keinen feurigen Reithengst auftreiben konnte. Das wäre der erste Fleck auf seinem Charakter.«

Der Vater kam mit dem Feldstecher. Nach einem Blick durch das Glas rief sie enttäuscht und doch zugleich mit einem Oberton von Zufriedenheit:

»Professor Marpinger!«

»Wird Der ein langes Gesicht machen, wenn er merkt, wie weit ihm seine weiland so gläubige Schülerin entwachsen ist mit ihrer transatlantischen Metamorphose! Du wendest Dich nach der Treppe? Wohin, Kind? Willst Du heut unsichtbar bleiben für den Professor? Scheust Du die Krachszene der Entdeckung, daß ihr Zwei inzwischen weltweit auseinander geriethet?«

»Ganz und gar nicht. Einstweilen aber überlaß ich ihn Dir allein. Ich steig' auf die Schloßzinne, von der man weiter ausschaut.«

Eine halbe Stunde später wurde Marpinger, der sein Fuhrwerk im Wirthschaftshofe gelassen und zu Fuß den Zickzackweg emporgestiegen, im östlichen Hauptportal des Schlosses von dem heute nicht uniformirten Jäger empfangen und in das Arbeitszimmer des Grafen geführt.

Bisher war er immer nur Nachmittags gekommen, entweder zu Fuß oder mit einem der zu Berg fahrenden Dampfboote. So schloß Graf Udo schon aus der frühen Stunde dieses Besuches auf ein dringliches Anliegen von Wichtigkeit. Die Blässe des Gastes, dem es nicht gelungen, den entbehrten Nachtschlaf auf der Fahrt nachzuholen, etwas Unstätes in seinem Blick und die sehr merkliche Anstrengung, von seiner sonst so bedächtigen Ruhe und diplomatischen Kühle wenigstens den Schein zu bewahren, bestärkten diese Vermuthung.

Er habe, begann Marpinger, seinem Herzensdrange nicht widerstehen können, den verehrten Freund und Gönner und seine Tochter schon am ersten Tage nach ihrer Rückkehr zu beglückwünschen als begnadete Schützlinge der Vorsehung, welche sie vom Untergange mit dem Leviathan gerettet.

Der Graf nickte verbindlich; aber sein seines Lächeln und seine Antwort waren schon schmeckbar angesalzen mit einem Körnchen Ironie.

»Ihren Freundschaftseifer, uns einen kostbaren Studienvormittag, wohl gar ein Stündchen Ihres Morgenschlafes zu opfern, müssen wir sehr hoch aufnehmen. Doch gestatten Sie mir wohl die Vermuthung, daß zu dieser löblichen Eile auch ein Geschäft bei mir oder unserem Kaplan wenigstens mitgewirkt hat.«

»Ich will's nicht leugnen. Ich habe die Freude, Glück wünschend zugleich Bringer eines Glückes zu sein.«

»Sie machen mich um so neugieriger, als mir nach Ihrer Miene, offen gesagt, vor einer Hiobspost bangte.«

»Herr Graf, Sie sind ein scharfblickender Physiognomiker. Zwar nicht eine Hiobspost hab' ich zu verbinden mit meiner guten Kunde, wohl aber die Erwähnung eines bedauerlichen Unternehmens, von dem ich durch ein Schriftstück beweisen kann, daß ich es mißbilligte und ernstlich widerrieth, ohne es verhindern zu können: eines versuchten Gewaltakts, der zwar fehlgeschlagen ist, aber dennoch widerwärtige Folgen haben kann, wenn Sie nicht helfen, dieselben abzuwenden.«

»Haben Sie die Güte, mir diese unfaßlich runenhafte Einleitung mit schlichten Worten verständlich zu machen.«

Marpinger bekannte zunächst, von Hörensagen und aus einigen dem Grafen selbst und Hildegard entschlüpften Aeußerungen zu wissen, wie unglücklich sie Beide darüber seien, daß einst der Stammsitz der Familie einem hoffnungslos verdorbenen Wüstling und Verschwender anheimfallen solle. Auch leitende Autoritäten der Kirche hätten sich beschäftigt mit der Besorgniß, die einzige in diesem Bezirk im Besitz ihrer Getreuen befindliche Herrschaft in einer wenn auch hoffentlich noch fernen Zukunft von Verwahrlosung und Vergeudung bedroht zu sehen. Hochwillkommen daher sei die Entdeckung gewesen, welche das Erbrecht jenes Rittmeisters hinfällig mache: die Entdeckung eines zwar außerehelich erzeugten, aber von der legitim kopulirten Wittwe des jungen Grafen Lothar von Sebaldsheim geborenen direkten Leibeserben und Enkels des regierenden Grafen.

Gegen alle Erwartung zeigte sich der Graf nicht im geringsten überrascht. Nur mit kühlem »Weiter!« bat er um Fortsetzung. So fand es Marpinger gerathen, als der gehoffte Effekt ausblieb, die zur Beobachtung desselben gemachte Pause nicht zu verlängern mit seinem Staunen und Gegrübel über die befremdliche Gleichgültigkeit seines Zuhörers gegen eine Enthüllung von unschätzbarem Werth. Er unterdrückte seine Betroffenheit und berichtete weiter von der Kunstreiterin Arabella, von ihrem Söhnchen und vom verfehlten Versuch, es zu entführen. Geübt in der Kunst, die Wahrheit fälschend zu modeln, ohne plump zu lügen, wußte er seine und seiner Oberen Absichten und Machenschaften darzustellen als unverfänglich loyal und lediglich eingegeben vom lautersten Eifer, in diesem Fall mit den heiligen Rechten der Kirche zugleich die gedeihliche Erhaltung des erlauchten Grafenhauses zu vertheidigen. Desto schärfer sprach er sich aus über die unglückliche Wahl des ihm zugeschickten Agenten. Doch nannte er weder diesen, noch den protestantischen Pfarrer, der den Sprößling katholischer Eltern zu entwenden gewußt, um ihn zum Ketzer zu erziehen.

Mit eisiger Ruhe und marmorstarrem Gesicht hatte Graf Udo zugehört.

»Herr Professor,« begann er jetzt, »Sie haben zwar noch mit keiner Silbe gesagt, welche Hülfe Sie bei mir suchen kommen. Doch Ihr Bericht läßt mir darüber keinen Zweifel. Sie erachten mit Recht Ihre Stellung gefährdet, Ihr Verbleiben in Odenburg bedroht von den Folgen dieser Intrigue, bei der Sie mitgewirkt, wenn ich auch gern glaube, daß dieselbe gegen Ihren Willen waghalsiger betrieben wurde, als Ihre Vorsicht räthlich fand. Ich bedaure, nichts beitragen zu dürfen zur Verhütung dieser Folgen. Ich, meinen Sie, ich soll die Auslieferung des Kindes fordern. Ich bekännte mich damit zur Urheberschaft des Entführungsplanes, welche einem Großvater Niemand verübeln dürfte. Die Löblichkeit des Unternehmens für mich als den Anstifter würde den versuchten Knabenraub für Sie schminken mit dem Schein eines hochherzigen Wagnisses zum Besten heiligen Familienrechtes. Das ist Ihre Rechnung. Sie ist falsch. Ich will nichts zu schaffen haben mit dieser Sache. Sie haben sich ebenso sehr, als mit der Voraussetzung, mir Hocherwünschtes zu melden, mit der zweiten getäuscht, mir eine Neuigkeit zu offenbaren. Ich weiß längst, daß mein Sohn etliche Wochen vor Antritt des Feldzuges nach Dalmatien in eine Liebschaft mit der Kunstreiterin Miß Arabella verstrickt wurde. Leider befand ich mich mit meiner Tochter auf einer Sommerfahrt nach Norwegen und nahe dem Nordkap, als Lothar den Schuß durch die Brust erhielt. Erst volle drei Wochen später fanden wir hier einen noch von ihm selbst auf dem Siechbett und ersichtlich schon bei gestörtem Geist mühsam gekitzelten Brief, nebst zwei anderen von seinem Regimentskommandeur und einem Kameraden mit der Nachricht von seinem erst zehn Tage nach der Verwundung erfolgten Hinscheiden. Auch ist mir nicht unbekannt geblieben, wozu sich der Aermste, als er sich von uns verlassen und vergessen wähnen mußte, von einer Gauklerin beschwindeln ließ, während er bereits mit dem Tode kämpfte. Jahrelang hielt ich eine erhebliche Summe bereit, um der Hochstaplerin und ihrem Bankert von Gott weiß welchem Vater das erschlichene Recht auf unseren Namen abzukaufen. Sie hat sich mehrmals mit ihrer Gesellschaft in unserer Nähe befunden; so kaum einen Monat nach dem Tode meines Sohnes in Odenburg, wo sie nach den Schilderungen der Zeitungsreporter noch im Stande war, die verwegensten Reiterkünste und tollkühnsten Luftsprünge auszuführen; – beiläufig bemerkt, ein gewichtiger Grund zum Verdacht gegen ihre Behauptung, schon in Dalmatien Mutterhoffnung gefühlt zu haben. Doch sie kam nicht. Entweder also wußte sie ihren Trauschein doch nicht beweiskräftig genug zur Gelderpressung mittelst Androhung gerichtlichen Zwanges, oder – und das dünkt mir das Wahrscheinlichere – oder es war ihr gelungen, einen reichen Lüdrian zu umgarnen und dem seine Vaterschaft plausibel zu machen, vielleicht sogar mit besserem Fug, als zuvor meinem Sohn. Im vorigen Jahr gegen Ausgang des Winters ist sie dann bekanntlich in einer Vorstellung verunglückt. – Was nun meinen Erbanwart betrifft, so wünscht' ich den allerdings anders geartet. Aber ich habe großen Respekt vor unserem Familienstatut. Es würde mir nimmer einfallen, dem Rittmeister sein fragloses Recht streitig zu machen für den Bastard einer sittenlosen Dirne, auch wenn derselbe sein Dasein wirklich einer Verirrung meines Sohnes verdanken sollte. – So. Damit sei diese Angelegenheit zwischen uns abgethan für immer. Ich rede deutsch, um nie wieder behelligt zu werden mit einer Figurantenrolle in euren weitgesponnenen, heimlichen Plänen geistlicher Herrschsucht, denen ihr die Fürsorge für mein Haus als Schönmäntelchen umthut. – Uebrigens hab' ich nichts gegen Ihre Person. Wenn Sie Ihren für mich erst heut an's Licht gekommenen Neben- oder Hauptberuf mir gegenüber ruhn lassen wollen, dann werden Sie mir zum Verkehr in unserer früheren Weise und dann und wann einer Partie Schach auch ferner willkommen sein, – so lange Sie noch in Odenburg wohnen, – vorausgesetzt natürlich, daß Ihnen der Umgang mit uns nicht ganz werth- und zwecklos erscheint nach dem heutigen Fehlschlage. Auch vermuth' ich, daß meiner Tochter nach dem Zuwachs an Anschauungen und Einsicht, den sie von Amerika mitgebracht, eine Fortsetzung der Gespräche mit Ihnen nicht unerwünscht sein wird. Jedenfalls nehmen Sie jetzt mit uns ein Gabelfrühstück, um sich zu erholen; denn Sie sehen überwacht und erschöpft aus.«

Marpinger's kluge Selbstbeherrschung und soziale Gewandtheit waren groß genug, um das drückende Gefühl, in einer Hauptaktion eine hoffnungslose Niederlage erlitten zu haben, zu verbergen unter dem Schein dankbarer Bereitwilligkeit, das gastliche Erbieten anzunehmen. Was ihm jedoch dieser Freigeist anzüglich zugespitzt und mit leise anklingender Schadenfreude eben zugeraunt von den Fortschritten seiner Tochter, das stellte ihm einen zweiten unerwünschten Fehlschlag in Aussicht. Er mußte darauf gefaßt sein, die so vorsichtig ausgestreute und, wie es schien, in Hildegard's Gemüth so verheißungsvoll aufgegangene Saat arg verhagelt zu finden. So nahm er sich vor, weder Kummer darüber noch Befremden zu verrathen. Während er dem Grafen durch mehrere Räume des Schlosses folgte, grübelte er nach, wie und womit er im vorausgesetzten Fall vielmehr selbst überraschen und siegreich imponiren könne.

Hildegard hatte unterdeß von der Schloßzinne auf der Landstraße von Odenburg zwei Reiter nahen gesehen und so lange mit ihrem Taschentuch geweht, bis der vorantrabende durch eifriges Hutschwenken bewiesen, daß er sie droben erblickt und erkannt. Als er bald darauf sein Roß in kurzen Galopp gesetzt und verschwunden in dem vom Strom heraufbiegenden Hohlwege, war sie die Wendeltreppe des runden Thurms auf der Südseite hinuntergeeilt, jedoch in dessen halber Höhe stehen geblieben an einer Fensterscharte, durch welche sie auf den Wirthschaftshof und die unterste Ausmündung des Zickzackweges hinabschauen konnte. Erst als sie Arnulf in dem langsamen Schritt, den die starke Steigung gebot, in den Burgweg einreiten sah, hastete sie vollends hinunter.

Jetzt kam sie dem Vater und seinem Gast aus dem Speisezimmer entgegen, heiter blickend, aber keineswegs aufgeregt, und begrüßte den Professor mit unbefangener Freundlichkeit.

«Mit dem Frühstück,« sagte sie, »müssen wir noch warten auf unsern zweiten Gast, der eben heraufgeritten kommt.«

»Willst Du denn Den nicht an der Schwelle begrüßen?« frug der Graf etwas verwundert.

»Begrüßt hab' ich ihn schon von der Zinne. Nach drei Wegstunden Rittes auf staubiger Landstraße pflegt einem jungen Herrn Damenbewillkommnung in nächster Nähe nicht erwünscht zu sein, bevor er seine Erscheinung aufgebessert. Unser Jäger wird ihm dabei behülflich sein.«

»Wie sie dicht vor dem freudigsten Moment vielleicht ihres Lebens dennoch Alles so ruhig und richtig bis in's Geringste zu überlegen weiß!« dachte der Graf. Hildegard wandte sich derweil zu Marpinger:

»Rathen Sie 'mal, Herr Professor,« rief sie lustig, »was ich mir für Sie von Amerika mitgebracht habe.«

Mit virtuoser Fügsamkeit ging er ein auf ihren Scherzton und erwiederte:

»Ich bilde mir ein, auf der Fährte eines vorwarnenden Fingerzeiges vom Herrn Grafen der Lösung Ihres Neckräthsels wenigstens nahe gekommen zu sein.«

»Heraus damit!«

»Was Sie mir in sich mitgebracht, ist vermutlich eine Antipodin.«

»Nicht übel, wenn auch geographisch und logisch bedenklich, da es auch von Kalifornien noch ziemlich weit ist bis zu unseren Antipoden und eine mitgebrachte Antipodin eine solche zu sein aufgehört hat. Meine Lösung ist viel bescheidener.«

»Heraus damit, muß ich nun zurückgeben. Was haben Sie sich für mich mitgebracht?«

»Einen schönen, starken Nußknacker.«

»Für harte Probleme, und bildlich gesprochen?«

»Für harte Nüsse aus Ihrer Gärtnerei, aber nicht bildlich, sondern leibhaftig. Bildlich und doch zugleich hausbacken dinglich sollen Sie bei Tisch die Knack methode vor Augen gestellt bekommen. Jetzt indeß muß ich die Herren bitten, sich noch ein Viertelstündchen zu gedulden.«

Mit raschen Schritten eilte sie durch den Speisesaal und das nächstfolgende Gemach hinaus in die Halle; denn von dieser her hatte ihr seines Ohr durch eine halboffene und zwei geschlossene Thüren wohlbekannten, von Sporengeklirr begleiteten elastischen Sohlenschlag vernommen.

Eine Weile regungslos bis zum Vergessen des Athmens standen draußen die Beiden einander gegenüber, so gänzlich aufgegangen in durstig eintunkendes Schauen, als wären ihre Leiber zu keinem andern Dienst von der Natur gebildet als zum Tragen und Offenhalten der Augen.

Nun suchten und vereinigten sich ihre Hände, die rechte mit der linken und umgekehrt. Beide athmeten tief auf. Endlich brach Arnulf das Schweigen:

»Gestern bin ich sehend geworden. Zur Entscheidungsfrage ritt ich her. Muß ich ihr noch Worte leihen?«

Hildegard's Antwort zählte nur eine Silbe. Doch eben diese Einsilbigkeit gab ihr eine Bedeutung, die zwei ganze Menschenleben einschloß:

»Komm'!«

Arnulf küßte ihre beiden Hände für dies erste, zwar des Eigenlauts noch entbehrende, doch gerade dadurch so schlicht als entzückend für hinfort selbstverständlich erklärte Du. Dann frug er:

»Zum Vater?«

»Zuvor zu den Vätern.«

Er verstand sogleich, was sie meinte, nickte, ließ ihre Hände los und bot ihr den rechten Arm. Dabei schwand von seinem Antlitz das strahlende Lächeln des Wonnerausches und wich einem Ausdruck demuthvoller Ehrfurcht und hochernster Andacht.

Schon machte Hildegard eine führende halbe Wendung nach der breiten Stiege zum oberen Stock. Durch die Gesellschaftszimmer, den Banketsaal und die Kunstkabinette in die Rüstkammer gedachte sie den Geliebten zu führen und ihn erst aus der letzteren in die Ahnengalerie gelangen zu lassen. Doch befremdlich widerstrebend hielt Arnulf sie zurück und hinderte die Vollendung des Frontwechsels.

Es trug sich etwas zu, was nicht nur die Novize der Weltlehre für die erwachsene Menschheit, die noch unlängst so wundergläubige Hildegard, sondern auch Arnulf, den unentwegbaren Bekenner der Allgültigkeit des Naturgesetzes, geheimnißvoll durchschauerte mit der Empfindung eines unbegreiflichen Erlebnisses.

Mit einem Augenglanz, der an's Unheimliche streifte, nicht gerade laut, aber, wie er selbst fühlte, mit ähnlichem Nachdruck und weihevollem Ton, wie sein Bruder Ulrich, wann er in der Predigt nach sorgsamer Vorbereitung einen Hauptspruch in die Gemüther der Zuhörer blitzhaft einschlagen ließ, rief er:

»Mich laß führen. Ich weiß den Weg!«

Dabei schritt er, Hildegard mit sich ziehend, auf die thürlose Bogenpforte mit dem Relief des Drachenritters zn.

»Bist Du denn schon hier gewesen?« frug Hildegard wie verängstigt.

»Niemals!« gab er zur Antwort, die vorige Tonart noch steigernd, als ob er vor den eigenen Worten erschräke. Auch durchlief ihm wirklich ein Gefröstel das Rückenmark. »Niemals in meinem Leben. Aber ich weiß den Weg und weiß ihn aus Erinnerung. Am Ende dieses Ganges muß ein gemaltes Fenster den Vorplatz der Schloßkapelle beleuchten. Da biegen wir links um die Ecke zum Treppchen nach dem Ahnensaal.«

»Arnulf,« flüsterte Hildegard fast entsetzt, sich an ihn anschmiegend und ihn zum Stehenbleiben in der Bogenpforte nöthigend, »wenn ich nicht Deinen Arm fühlte, – ich könnte Dich für ein Gespenst halten. Du gefährdest Dein Erziehungswerk. Du drohst mich zurückzuwerfen in den Glauben an Wunder. Laß uns doch lieber zuerst zum Vater gehen. Ich fürchte, was ich Dir zeigen wollte, um Dich meine Antwort sehen zu lassen, würde Dich jetzt vollends in Geistesaufruhr versetzen, wohl gar krank machen.«

»Nicht doch!« versetzte Arnulf ruhiger. »Komm' nur. Ich ahne schon, was ich sehen soll. Ich erlebe nun selbst, was ich bisher kaum unterlassen konnte, zu bespötteln, wann mein Bruder es auch für den Menschen in Anspruch nahm und oft in sich selbst zu entdecken behauptete, obgleich ich es mit Hunderten von Beispielen aus dem Thierreich unwiderleglich zu beweisen vermag. Es ist keineswegs ein Wunder. Ich bezweifle den naturgesetzlichen Zusammenhang keinen Augenblick, wenn ich auch, wie es die redliche Wissenschaft so oft thun muß, über die Ursachenkette in völlige Finsterniß gebannt zu sein bekenne, die Erscheinung also nicht erklären zu können. Es ist von der Vererblichkeit der Erinnerung eine Probe von erstaunlicher, ja, geradezu unglaublicher Deutlichkeit. Denn da sich eure jüngere Linie von der unsrigen zur Zeit Luther's abgezweigt hat, müßte ich annehmen, durch ungefähr zwölf Generationen hindurch ein Hirnfaserchen mit dem Photogramm dieses Schloßganges überkommen zu haben von einem Vorfahren, der denselben vor mehr denn vierthalb Jahrhunderten durchwandelte. Doch halt!« – setzte er, sich die Augen zuhaltend, nach kurzem Sinnen hinzu, »der Zeitraum wenigstens ermäßigt sich beträchtlich.«

Sie befanden sich nun am westlichen Ende des Korridors vor dem gemalten Fenster. Kaum hatte Arnulf dieses einen Moment betrachtet, als er in helles Gelächter ausbrach.

»O, ich kindisch blinder Narr!« rief er aus. »Fast find' ich's nun verzeihlich, wenn sich sogar Forscher ersten Ranges mit Spiritistenspuk in den alten Sumpf hinein irrlichteliren lassen! Solchem Selbstbetruge zu verfallen!«

»Was ist Dir? Wofür schlägst Du hohnlachend Deine Stirn?«

»Für meine Dummheit! Das Mysterinm explodirt. Von diesem Glasgemälde kenn' ich eine Kopie seit meiner frühesten Kindheit, ein Aquarell von der Hand meiner Mutter. Als hört' ich sie reden, so klingt jetzt frisch herauf aus meinem Gedächtniß ihre vergessen gewähnte Erzählung, namentlich auch, was sie angeführt vom Relief mit dem Drachentödter über dem Korridoreingang. Ihren Worten verdank' ich die Wegwissenschaft, die sich mir foppend maskirte als Erberinnerung. Wisse, daß auch meine Mutter von Geburt eine Sebald ist. Ihren Großvater hatte sein älterer Bruder, Dein Urgroß- oder Urältervater, von der Familiengemeinschaft ausgeschlossen, weil er aus dem Freiheitskriege der nordamerikanischen Union republikanische Gesinnung heimgebracht. Als einst während einer längeren Reise der Herrschaft dies Schloß den Touristen zugänglich war, benutzten das gleichzeitig, ohne von einander zu wissen, mein Vater und meine Mutter, sich das Haus ihrer Ahnen zu beschauen. Hier hat ihre erste Begegnung stattgefunden. Hier, wo wir eben stehen, vor diesem Fenster mit dem Bilde des Kreuzfahrers Udo, bekannten sie einander ihre Neigung.«

Tief bewegt versetzte Hildegard:

»So lache nicht ferner über ein explodirtes Mysterium an einer Stätte, an welcher auch wir noch geheimnißvoll heilige Führung genug mit Dank und Andachtschauern im Herzen anerkennen müssen, indem ich Dir hier, angesichts unseres Urahnen, wie weiland Deine Mutter Deinem Vater, die Hand reiche, um Dir ein Leben anzugeloben, das Du aus bänglichem Zwielicht in den Sonnentag der Weltfreude hinüber geborgen und dann für Dich dem Untergang in den Fluten des Meeres entrissen hast. – So weißt Du nun schon, was Du schauend erfahren solltest. Aber komm' dennoch hinauf zu den Vätern.«

Als Arnulf vor dem Jugendbilde des Großvaters seiner Mutter stand und sich selbst, nur wertherisch kostümirt, wie im Spiegel zu sehen meinte, da rief er in einem Ton zwischen heiligem Ernst und gerührtem Humor:

»So bin ich also doch schon leibhaftig hier umhergelaufen auf den Beinen dieses Urgroßvaters und immerhin auch Erinnerung, die seine Augen mir erschaut, kann mir vorhin den Weg gezeigt haben. Uebrigens hätt' ich das wissen sollen. Denn von eben diesem Bilde hat mir meine Mutter eine Photographie schon vor mehreren Jahren nach San Franzisko gesandt.«

»Jetzt,« sagte Hildegard, »weißt Du, was ich damals freilich selbst nicht wußte: warum ich schon beim Aufheben einer Muschel den Spurenmesser weit hinter mir erschrocken betrachtete und warum vollends er mir so gespenstisch vertraut vorkam beim Hinaustreten auf den Altan des Klippenhauses.«

Mit raschem Griff beseitigte sie dabei die beiden verhüllenden Draperieen.

Was sagte Arnulf, als er die Handzeichnung zwischen den wohlbekannten Südseekonchylien erblickte und auf den Schleifen über dem Kranz die gestickten Verse las?

Keine Silbe.

Was er that? – Das bedarf keiner Meldung.

Dem Grafen wenigstens blieb darüber kein Zweifel, obgleich das Paar nicht Arm in Arm, sondern getrennt und in abgemessener Haltung in den Speisesaal eintrat. Denn mit ihrem Kontrast gegen die zur Schau getragene Kühle plauderten das nur um so verständlicher aus, und sogar für den Professor, vier strahlende Augen, zwei röthlich schimmernde Närbchen, röthere Wangen und Lippen vollends, die sich an Farbenglut messen durften mit der eben aufblühenden Päonie.

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