Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Wilhelm Jordan >

Die Sebalds. Zweiter Band. Exodus

Wilhelm Jordan: Die Sebalds. Zweiter Band. Exodus - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm Jordan
titleDie Sebalds. Zweiter Band. Exodus
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunDritte Auflage
year1904
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20150715
Schließen

Navigation:

Neunundzwanzigstes Kapitel.

Traumrath.

 

Bei den Hörnern gedenk' ich zu fassen den Stier
Und ein Herz zu erobern in heiterm Turnier,
Indem ich verwend' als bestechende Zier
Ein Erbtheil des Looses, um dessentwegen
Der Stolz noch verschmäht den erwünschtesten Segen.

 

Arnulf hatte sein Bett in Loa's Kammer setzen lassen. So spät er sich niedergelegt und so kärglich die beste Erquickung des Schlafs, die Daseinsvergessenheit, ihm in der vorigen Nacht beim Gerassel des Zuges zu Theil geworden, lange noch blieb er wach. Seine Gedanken waren zu rege beschäftigt mit der bevorstehenden Wendung im Leben Ulrich's, mit der siegreich überstandenen Gefahr und der Zukunft des kleinen Schlafkameraden, zumeist aber mit einer Entdeckung im eigenen Herzen.

Er hatte sich überzeugt, daß Cäcilie seinen Bruder liebe und kaum bemüht sei, es zu verheimlichen. Der keck vertrauliche Schlag auf die Hand für sein entlarvendes Neckwort bedeutete ja mehr Eingeständniß als Leugnung, mehr Dank der annehmbar befundenen künftigen Schwägerin, als Strafe für die bereitete Verlegenheit. In demselben Moment war ihm endlich auch mittagshell aufgegangen, was schon im Observatorinm die rückblickende Vision durchschimmert und wovon er das Morgengrauen der Einsicht auf dem Wege vom Pfarrhause zur Mutter ausgesprochen. Ja, Er liebte Hildegard.

Nochmals an sich vorüberfliegen ließ er nun die ganze Reihe von Erlebnissen mit ihr und ihrem Vater von Cliffhouse bis zum Abschied auf der Station. In der vollen Beleuchtung der Selbsterkenntniß gewann jede Szene denselben beglückenden Sinn. Aus jedem erinnerlichen Wort und seinem Ton klang Erhörung des Wunsches, den er sich so lange zu hegen verboten, aber unbewußt dennoch gehegt hatte.

»Wie konnt' ich so staarblind sein,« dachte er, »die Zeichen zu verkennen, mit denen der Graf mich ermuthigte! Wie wonnig anders erklärt sich nun ihr schmollendes Versteckspiel nach dem Nordlichtabend und vollends ihre stichelnde Ausgelassenheit beim letzten Frühstück auf dem Leviathan und kurz vor der Katastrophe im St. Georgskanal! Mich, mich liebt sie!« jauchzte es in seiner Seele.

Verwunderlich stumm blieb dabei die sonst so laute Gewissensstimme seiner Bruderliebe. Ulrich hatte sich auf der Sternwarte noch tief erregt gezeigt bei Nennung Hildegard's. So rückhaltslos er auch Cäcilien's Schönheit und Begabung gerühmt, von einer erotischen Erwiederung ihrer Neigung war ihm bisher nichts anzumerken gewesen. Doch um sich vorwurfsfrei zu fühlen bei dem Entschluß, die bisher als Braut des Bruders Betrachtete selbst als Gattin heimzuführen, bedurfte es jetzt für Arnulf nicht einmal der entschuldigenden Vermuthung, daß wohl nur die Amtskrisis den Geistlichen zu sehr beschäftige, um ihn ein warmes Empfinden für die liebenswerthe Schülerin auch zeigen zu lassen. So fest war nun Arnulf's halb mystische Zuversicht auf eine Fügung, welche auch Ulrich in der dem Bruder Zugedachten die rechte Frau für ihn selbst offenbaren werde.

Er malte sich wunschgemäß den Empfang aus, der ihm in Sebaldsheim demnächst bevorstehe. Damit verband sich ein errathendes Vorschauen der Begrüßung, die vom Grafen und Hildegard für den kleinen Enkel und Neffen zu gewärtigen sei. Da der nicht grundlose Zweifel, ob das posthume Kind des Sohnes und Bruders willige Anerkennung oder stolze Zurückweisung erfahren werde, für Loa's Aufnahme keine gleich befriedigende Vorstellung aufkommen ließ, knüpften sich daran Erwägungen, wie der Knabe wohl mit bester Aussicht auf guten Erfolg beim Großvater und der Tante einzuführen sei.

Bei diesem Problem angelangt, geriethen seine Vorstellungen in's Taumeln. Der heranschleichende erste Schlummer breitete seinen zartgewobenen Flor über die Gemälde des Tagbewußtseins, immer noch durchsichtig, doch allmälig mehr und mehr verwaschend und verzeichnend. Anfangs noch halb verständige Phantasmen spielten verflimmernd hinüber in das groteske Bildergemisch des Meisters im Wunderthun, des Traumes, der, ungezügelt von Urtheil und Gesetz, aus dem Vorrath des Schaugedächtnisses die unvereinbarsten Fragmente kaleidoskopisch zusammenwürfelt und wie lebendige Ungethüme der Zeit, des Raumes und der Schwere im tollsten Märchengegaukel spotten läßt.

Im alten Schloß zu Sebaldsheim, das er immer nur aus der Ferne gesehen und zum ersten Mal als Knabe, als er mit Ulrich und Mottwitz auf die Hirschkäfersuche gezogen, kam ihm in der Vorhalle Hildegard entgegen mit freudeglühendem Gesicht und ausgebreiteten Armen. Hinter ihr auf der Treppe zum oberen Stocke stand freundlich nickend der Graf, unter dem Arm ein Schachbrett und die Figurenschachtel. Da prallte die schöne Reisegefährtin plötzlich zurück, starrte ihn vorwurfsvoll an und deutete abwehrend auf den kleinen Steckenpferdreiter, den er an der Hand führte. »Wie können Sie sich erdreisten,« rief mit finsterer Miene der Graf, »den Wildling des Pastors von der Gauklerin mitzubringen? Fort mit euch! Schachmat bei vollem Brett in dreizehn Zügen.« Da ließ aber Loa Peitsche und Steckenpferd fallen und schwang gegen den Küster, der ihn unter den Mantel nehmen wollte, den Papierdolch. Aufkreischend mit blutüberströmtem Gesicht flüchtete Spitzer nach der Stiege. »Gib mir einen Kuß, tapferes Bübchen!« sagte Hildegard. Der Graf klatschte Beifall, rief »bravo!« und wollte den hinaufstürmenden Küster festnehmen. Da war von Dem nichts mehr übrig als das Gesicht, von der Stirn bis zum Kinn überklebt mit einem schwarzen Streifen englischen Pflasters. Die hin und her klappenden Ohren wuchsen immer größer und breiteten sich aus als Eulenflügel, auf denen der Kopf zur Schloßthür hinausflog. Immer gesetzloser wurde das Gewirr toller Arabesken, bis ihre Ueberfülle und schwindelerregende Wechselschnelle den letzten Rest von Bewußtsein betäubte und in vollem Schlaf erlöschen ließ.

Erst gegen Morgen erneuerte sich das Gaukelspiel, und wenn auch immer noch wandelbunt und fabelhaft genug, so doch minder unverständig und aus lauter wirklichen Erinnerungen aneinandergereiht.

Er befand sich mit Ulrich und Mottwitz auf der Wiese zwischen der Buchenschonung und dem Hochwald und blickte der Lichtung entlang nach dem alten Schlosse. Auf der zinnenumkränzten Plattform stand winkend der Graf und streckte ihm eine geöffnete große Cigarrentasche von Alligatorhaut entgegen. Doch Mottwitz zog ihn fort. Alsbald sah er auf dessen Schultern Ulrich als Tertianer hoch oben an der uralten Eiche stehen und mit dem Schmetterlingsnetze fahnden nach einem unzählbaren Gewimmel von Hirschkäfern. Diese aber machten einander nicht eine Gerinnselpaste von Baumsaft streitig, sondern die große Torte vom Nachtessentisch mit der Zuckergußinschrift: »Willkommen daheim.« Mit dem Rufe: »Lothar, Lothar!« kam Hildegard gelaufen als kleines Mädchen. Nun kreischte sie laut auf, in die Stirn gespießt von einem rattengroßen Hirschkäfer. Mit Mottwitz sprang er auf sie zu, um sie zu befreien von dem Ungethüm. Doch schon stand sie vor ihm wie auf dem Leviathan, im Regenmantel von Kautschuktaffet, zur Unform geschwollen durch den Schwimmgürtel, die feinen Närbchen am Haarsaum der Stirn leicht geröthet, und frug ihn lachend, wo er an seinem Stammbaum den Ahnenschild mit der Devise »Junker Neunaug« anbringen wolle. Ulrich derweil war nicht hinabgestürzt in's Farrnkraut, sondern hatte sich verwandelt in den kleinen Loa. In bei Weitem sichrerer Haltung als bisher auf den Schultern des Konservators Mottwitz stand er, Zügel in der Linken, sein Lederpeitschchen in der Rechten, tänzelnd auf plattem Kunstreitersattel und galoppirte im Zirkel herum auf demselben getigerten Pony, auf dem vor anderthalb Jahrzehnten Arnulf reiten gelernt. Nun ließ sich der Knabe sitzlings auf den Sattel gleiten und ritt graziös eine Acht. Nur wollte zum Waldboden und den Ponyhufen ein Gepatsche wie von nackten Füßen auf Dielen, dazu ein Holzgeklapper und Steckengeschleif ebensowenig stimmen, als zu den meisterlich anmuthsvollen Volten ein kindisches Hottahihgeruf.

Arnulf schlug die Augen auf. Die Thür stand weit offen. In seinem Schreibzimmer sah er den leibhaftigen Loa, barfuß, das Nachthemd bis über die Mitte der drallen Schenkel aufgehost, das hölzerne Gäulchen zwischen den Beinen und dessen Stockhintertheil peitschend, mit hellem Gejauchze in Zirkeln und Achten herumspringen.

Ohne durch eine Bewegung zu verrathen, daß er schon wache, schaute er dem Kleinen, hinwegblinzelnd über die Schwellung des eingedrückten Kopfkissens, eine Weile ähnlich bewundernd zu, wie neulich Mottwitz von hinter dem Weidenstrauch bei der Tannkircher Bachmühle. Auch er mußte staunen über die Muskelkraft, mit welcher dies Kind, den Pferdegalopp nachahmend, weite Sprünge anmuthig leicht ausführte, fast noch mehr über die instinktive Sicherheit, mit der es, bald nach rechts bald nach links stark geneigt, die unvorgezeichneten Kreis- und S-Linien scharf einhielt. »Ein Erbtheil von der Mutter!« dachte er. Dabei erneuerte sich ihm die Frage, mit welcher er eingeschlafen: wie dem Sprößling der Kunstreiterin hinweg zu helfen sei über die vermuthliche Barrikade vor dem Eingang zum Herzen des Grafen? Indem sich mit dem Schauspiel vor seinen offenen Augen das letzte, im Zwielicht von Schlummer und Wachen geschaute Traumbild, der Ponyritt Loa's, verquickte, schoß ihm ein sofort auch in der Ausführung anschaulichst vorgestellter Einfall durch den Kopf. Der war seltsam genug, aber so glaubhaft vortrefflich zur gewünschten Lösung des Problems, daß er sich hastig im Bett aufrichtete und den Kleinen zu sich rief.

»Willst Du reiten lernen auf lebendigem Gaul?« frug er ihn.

Loa sperrte den Mund weit auf, ließ das Steckenpferd fallen und starrte ihn an. Verstanden hatte er ganz richtig. Aber die Seligkeit in Sicht war so überwältigend, daß er noch nicht glauben konnte an den Ernst des Erbietens.

»Anbunden? – S–tall? s–till sitzen?« frug er endlich kleinlaut.

Der Pfarrer in Tannkirch hatte zu seiner Bitte, ihn auf einem seiner zwei Ackergäule einmal reiten zu lassen, ein sehr böses Gesicht gemacht und ihm sogar Schläge gedroht, wenn er das gefährliche Wagniß dennoch versuche; Loa's liebster Umgang indeß, der Knecht, den er trotz dieser Drohung unaufhörlich geplagt mit dem allerheißesten seiner Wünsche, hatte endlich eingewilligt, ihn wenigstens im Stall auf das an der Krippe festgehalfterte Pferd zu setzen.

»Nein, mein Jüngelchen, nicht im Stall nur stillsitzen, sondern herumreiten auf lebendigem Pferde sollst Du, vorerst in der Reitbahn. Willst Du?«

»Heut, Onkel Ulf?« frug Loa, immer noch ungläubig, aber zitternd vor Erwartung und mit wonnestrahlendem Gesicht.

»Ja, noch heut, und meinetwegen sogleich. Geh zurück in's Bett, bis ich mich gewaschen und angezogen habe. Dann helf' ich auch Dir in die Kleider.«

»Loa allein anßiehn!« rief der Kleine stolz, und ging dann so eifrig und geschickt an's Werk, daß er lange vor Arnulf fertig war.

Den Buben an der Hand, schritt Arnulf durch die noch ziemlich leeren, nur wo sie ostwestlich liefen hier und dort schon von der Morgensonne gestreiften Gassen, zunächst nach einem noch geschlossenen Laden auf dessen Schild »Konfektion für Knaben« zu lesen stand. Erst nach mehreren kräftigen Zügen an der Schelle öffnete der jüdische Kleiderhändler mit etwas verdrießlichem Gesicht. Es strahlte aber sogleich von eifrigster Bereitwilligkeit, als der elegant gekleidete Frühkunde mit der dicken kalifornischen Uhrkette von zwanzigkarätigem Golde und daran hängendem Kompaß von ciselirtem Platin einen vollständigen Anzug für seinen Knaben verlangte, Jacke, Hosen und Weste, und hinzusetzte: »Das Feinste, was passend vorräthig ist.«

Binnen zehn Minuten war Loa umgekleidet. Aus dem Laden führte Arnulf den überglücklich und stolz auf seine Verwandlung in einen Herrn neben ihm Einhertrippelnden nach der Reitschule.

Der eisgraue »Rittmeister«, wie er sich gern tituliren hörte, ohne jemals Kavallerieoffizier gewesen zu sein, begrüßte ihn erfreut als ehemaligen Zögling, hielt es aber für Scherz, daß er den »fünfjährigen Knirps« als Reitschüler in Zucht nehmen solle.

»Er ist sogar erst vierjährig,« entgegnete Arnulf. »Aber versuchen wir's. Ich wage zu prophezeien, daß der Kleine Sie überraschen wird mit seiner Gelehrigkeit. Halten Sie Ponies?«

»Mehrere, darunter einen dem Tiger, auf dem Sie zuerst reiten lernten, sehr ähnlichen Schecken.«

Erst nach einer Abwesenheit von zwei Stunden kehrten die Beiden in's Wittwenhaus zurück, wo schon Frau Sebald mit dem eben erschienenen Ulrich am Kaffeetisch wartete.

Auf die Frage, ob denn Loa's Umkleidung so viel Zeit gekostet, oder wohin sonst noch ihr früher Ausgang gerichtet gewesen, erwiederte Arnulf:

»Erlaubt mir, das vorläufig zu verschweigen. Bringt auch Loa nicht in Versuchung, es auszuschwatzen; ich hab' es ihm streng verboten. Ihr sollt es erfahren, wann Ulrich heimkehrt vom Colloquium, zu dem er sich telegraphisch für morgen schon gemeldet hat und diesen Abend abreisen will, und ihr mich dann begleitet nach einem leicht zu errathenden Ort, dem ich schon heut einen Rekognoszirungsbesuch zugedacht habe. Das dazu bestellte Pferd wird bald vor der Hausthür erscheinen.«

Ulrich schaute ihn grübelnd an, die Mutter mit feinem, schnell unterdrücktem Lächeln. Ihr hatte die Erwähnung des gemietheten Reitpferdes bestätigt, was sie, so fern es auch lag, schon errathen als ihre hellen Augen auf Loa's neuen Höschen etliche von den weißen Rückenhaaren des gescheckten Ponys entdeckt. Auch lieferte ihr der Knabe selbst, obwohl er standhaft schwieg, im Laufe des Tages einen zuverlässigen Indizienbeweis. Er legte zwar die Peitsche kaum noch aus der Hand, ließ aber sein Steckenpferd verachtet im Winkel stehen und berührte es niemals wieder.

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.