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Die Sebalds. Zweiter Band. Exodus

Wilhelm Jordan: Die Sebalds. Zweiter Band. Exodus - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm Jordan
titleDie Sebalds. Zweiter Band. Exodus
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunDritte Auflage
year1904
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20150715
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Achtundzwanzigstes Kapitel.

Heldenknöspchen.

 

Ein Rückverdacht, ihm aufgeladen,
That ihrer Neigung keinen Schaden.

 

Frau Sebald hatte schon errathen, womit Arnulf diese Röthe in Cäciliens Gesicht getrieben. Das schelmische Lächeln des weltklugen, überwiegend ihr, der Mutter, nachgearteten Sohnes, bewies ihr seine schnell gewonnene Mitwissenschaft derselben Herzenskunde, welche es ihr so schwer gemacht, den Widerspruch vorläufig zu verschlucken und ernst zu bleiben, als Ulrich ihr anvertraut, er habe seine schöne Schülerin für den Bruder auf's Korn genommen. Nun war sie zwar nicht abgeneigt, den Szenenwechsel zu unterstützen, mittelst dessen Cäcilie gewandt fortzuschlüpfen versuchte aus dem Brennpunkt der allgemeinen Neugier, mußte aber den Aufbruch nach dem Speisezimmer gleichwohl noch verzögern, da sie die Tafel erst in der Anrichtung begriffen wußte. So kommandirte sie mit schnellem Entschluß eine Diversion, die vielleicht noch geeigneter war, den Gedanken Aller eine andere Richtung zu geben und den Räthselreiz des von Arnulf erneckten Auftritts mit einem stärkeren niederzuschlagen.

»Nein, ihr Lieben,« rief sie, »der Tisch ist noch nicht fertig gedeckt. Erst will ich euch laben mit einer Augenweide. Nehmen Sie die Lampe, Herr Mottwitz. Ihrem Postgefährten wird es nichts schaden, wenn wir ihm fünf Minuten Schlaf rauben. Er ist ja selbst so drall, so blühgesund und übersprudelnd von Kraft, wie eine der zappeligen Forellen, bei deren Fang das verwunschene Prinzchen Ihr Herz erangelt hat.«

Dem Voranleuchtenden folgend, führte sie die Gesellschaft in das Zimmer Arnulf's. Zwei Schritt von der Kammer hieß sie Mottwitz stehn bleiben, öffnete die Thür so leise als langsam, um das kleine Schlafgemach ganz allmälig hell werden zu lassen, schlich dann ans den Zehen hinter das Kopfende des Bettes und winkte Cäcilien, dem Arzt und ihren Söhnen, ebenso geräuschlos einzutreten.

Loa schlief noch, aber nicht ganz regungslos. Unten zuckten seine entblößten Füßchen ein wenig hin und her und oben schien er, als ob ihm zu warm sei, die Wollendecke immer noch weiter wegdrücken zu wollen, obgleich er sie schon bis an die Herzgrube abgestreift hatte. Nach der Körperlänge urtheilend, hätte man ihn für mindestens fünfjährig gehalten. Seine voll gerundeten Aermchen, kaum halbwegs zum Ellenbogen von den kurzen Aermeln des Hemdes bedeckt, zeigten Muskelpolster von einer für sein Alter an's Unglaubliche streifenden Fülle und Gedrungenheit. Nicht minder sehnig und stärkestrotzig sah man die Schenkel und Waden angelegt, als Frau Sebald behutsam die Decke liftete. Eben drehte er das von dunkelbraunem Gelock umkräuselte Köpfchen mit dem entzückend schönen Kindergesicht etwas nach rechts und erhob den linken Arm, um instinktiv mit der Hand den Schein der Lampe wegzuschirmen, der ihm auch die geschlossenen Lider durchschimmerte, schlief aber immer noch weiter.

»Gelt,« flüsterte Frau Sebald mit einem Triumphlächeln ihres Godenstolzes, »dies mein Pathchen müßte einem neuen Praxiteles ein Glücksfund dünken als Modell zum Bacchusknaben. Seit ich Arnulf, diesen jetzt so langen und breitschulterigen Kerl, als Jüngelchen in derselben Wanne plätschern ließ, hab' ich eine Tastwonne mit der Handfläche und den Fingerspitzen wie heute beim Baden dieser Gliederchen nur noch einmal genossen, und das war, als ich Ihnen, liebe Cäcilie, die Betrübniß von Stirn und Schläfe wegstreichelte.«

Wie Jemand, der sich anderen, ihn vollauf beschäftigenden Gedanken entreißen muß, um gehörte Worte nachträglich auch in seinem Bewußtsein eintreffen zu lassen, schaute Cäcilie, aus Zerstreuung auffahrend, die Frau Pfarrerin an. Deren liebevoller Blick erst weckte sie für das Vernommene und erneute ihr die Erinnerung an ein beseligendes Erlebniß. Nun schlang sie den Arm um die Matrone und küßte sie. Was sie bis zum Vergessen der Umgebung erfüllt hatte, war die unverkennbare Aehnlichkeit dieses Knaben mit Ulrich. Sogleich war auch ihr die nächstliegende Vermuthung durch den Kopf geflogen. Hatte das Stadtgespräch die Karrikatur auf dem Umschlage der Osterpredigt dennoch nicht falsch ausgelegt?

Zitterte Cäcilie vor der jetzt nicht unwahrscheinlichen Bejahung dieser Frage? Regte sich in ihr Vergangenheitseifersucht?

Vielleicht ein Gefühl, das mit Eifersucht insofern etwas gemein hat, als diese böse Leidenschaft das Besitzverlangen zuweilen heftig steigern kann. Wer ihr aber in dieser Lage eine Minderung des Wohlgefallens am gewünschten Mann zuschriebe, der bewiese damit nur seine Unkenntniß der Frauennatur.

Die Liebe des Weibes ist niemals ätherisch, wenigstens nicht die echte; die man denn freilich nicht suchen darf bei romangefütterten Zimperdöckchen und klaviersiechen Kandidatinnen der Bleichsucht und Rückenmarkschwäche. Ihr Uranstoß ist ein dunkles Empfinden, dem rechten Gedeihwecker für die vorangelegten Schooßknöspchen begegnet zu sein. In das Tageslicht des Bewußtseins tritt dieser Grund des erotischen Wohlgefallens einer Braut niemals, einer Frau sehr selten; nämlich nur, wenn sie das dem Weibe Nächstmögliche eines Genies und doch zugleich in hohem Maße glücklich ist als Gattin und Mutter schöner und kräftiger Kinder. Aber auch dann wird sie's nur ungewollt zuweilen verrathen, nimmer bekennen, sogar heftigst bestreiten, wenn es behauptet wird. Darum ist einem jungen Wittwer sein schönes Kind mehr behülflich als hinderlich, Verliebniß zu wecken. Darum konnte Cäcilie zwar nicht das Problem ausrechnen, wie sich zu diesem Hauptpastor ein Bastard reime; aber was in ihr vorging, während ihre Augen von diesem allerliebsten Bengel immer wieder so verschämt als verstohlen zurückkehrten zum Gesicht Ulrich's, das war für diesen das Gegentheil einer Abkühlung.

Auch Arnulf grübelte derweil über ein Räthsel. Ihm aber wurde es weniger vom Gesicht Loa's aufgegeben, als von dessen nackten Füßchen. Gründlichst beschaute er die hohen Reien, die Schmäle zwischen Ferse und Vordersohle und ihre bedeutende Emporwölbung. »Sebaldsfüße!« murmelte er für sich. Aus den Familienbriefen und heutigen Mittheilungen wußte er von der Existenz des Pathchens und Mündels, auch von der verunglückten Arabella, nichts aber vom Namen des Vaters; denn den hatte Ulrich, als ein Beichtgeheimnis nicht nur ihm verschwiegen, sondern sogar der eigenen Mutter, obwohl ihn diese errathen.

Mottwitz mochte sich nicht länger begnügen mit dem Amt, seinen Liebling beleuchtend zu zeigen. Um auch seine Portion Augenkost abzubekommen, überschritt er die Schwelle und hob die Lampe höher. Ihr voller Schein fiel auf das Gesicht des Knaben, während eben Arnulf dessen Füßchen zu betasten wagte. Das grelle Licht und der gleichzeitig empfundene Sohlenkitzel vollendeten die Erweckung des längst schon unruhig zuckenden Kindes.

Loa schlug die Augen auf, richtete sich empor und starrte die Umherstehenden erschrocken an. Er fürchtete, ertappt zu sein als Dieb des Papiermessers.

»Loa Pert aufsneiden!« rief er halb weinerlich und wie entschuldigend, merkte aber sogleich, daß Niemand begriff, was er damit meinte. Auch überzeugte ihn ein verstohlener Blick nach rechts von der Unsichtbarkeit des Corpus delicti. Sofort klärten sich seine Züge. Sicher lächelnd streckte der Schelm die Aermchen der vorgebeugten Stadtmama entgegen, umschlang ihren Hals, ließ sich aus dem Bette heben und weit gefügiger als gewöhnlich herzen und küssen. Von ihrem Arm aus beschaute er sich die Gesellschaft, mit besonderer und bald ausschließlicher Aufmerksamkeit Cäcilien. Die grelle Farbenverschiedenheit zwischen ihrem Haupthaar und den dichten Sichelbrauen war ihm sofort aufgefallen.

»Swarz!« rief er, die letzteren mit dem Zeigefinger berührend; dann, indem er die Fläche der Hand auf ihr blondes, glatt gescheiteltes Haupthaar legte und, mit unverkennbarem Wohlgefallen an dessen seidenweicher Fühlung, hinuntergleiten ließ bis über die Schläfe und sammtige Wange: »ßön, ßöne, S–tatbetta«.

Mottwitz erklärte, daß der Kleine damit das Fräulein als eine schönere städtische Nachfolgerin seiner Tannkircher Pflegeschwester Bertha bezeichne. Gern hätte der alte Kinderfreund eine Wiederholung seiner neulichen Lobrede angeknüpft und auch hier auseinandergesetzt, daß Loa's befremdliche Unbeholfenheit im Sprechen bei so vorgerückter leiblicher Entwicklung keineswegs ein schlimmes Symptom, vielmehr von bester Verheißung sei für die künftige Mannestüchtigkeit. Doch er merkte rechtzeitig, daß jetzt keine Hörgeduld für seine Theorie zu erwarten stehe, als Cäcilie das Kind ungestüm der Frau Pfarrerin entriß, um es mit fast gefährlicher Heftigkeit an sich zu drücken und abzuküssen.

Das ließ sich der kleine Schalk mit erstaunlicher Fügsamkeit und auffällig vorhaltender Geduld gefallen. Endlich aber war er doch der Liebkosungen ersättigt und fing an zu strampeln. Zugleich mochte er fürchten, daß man bei längerem Verweilen an seinem Lager das Papiermesser dennoch entdecke. Obgleich er sich völlig aufgemuntert fühlte und ohne diese heimliche Angst wahrscheinlich lieber auf Cäciliens Arm in der Gesellschaft geblieben wäre, rief der schlaue Wicht: »Bitte, bitte, hinlegen; Loa müde, Loa slafen.«

Eben erschien auch das Dienstmädchen und meldete, daß angerichtet sei.

Als Cäcilie dem Kleinen gewillfahrt, warf er sich auf die rechte Seite, drückte sich dicht an die Bettwand, um jeden Blick abzuschneiden vom Versteck des Papiermessers, kniff die Augen zu und athmete wie ein Schlafender. Kaum aber hatten die Besucher ihn verlassen und die Saalthür hinter sich zugeklappt, so richtete er sich wieder auf und horchte. Sobald es ganz still geworden, wollt' er das entwendete Messer an seinen Platz zurücktragen. Aber geraume Zeit hörte er, wenn auch minder deutlich, immer noch sprechen, da man die Thür zwischen dem Gesellschafts- und dem Eßzimmer offen gelassen.

Jetzt klang das Geklirr von Gabeln und Tellern an sein Ohr, dann einige von Doktor Mannheimer laut geredete Worte und gleich darauf das helle Geläut angestoßener Gläser.

Schon saß er, den Papierdolch in der Hand, aufrecht und schickte sich an ans dem Nette zu klettern. Da knackte der Drücker der auf den Korridor hinausgehenden Kammerthür. Durch eine schmale, langsam breiter werdende Ritze sah er das Licht der Treppenlampe in die Finsterniß seines Schlafgemachs hineinschimmern.

Sogleich ließ er sich auf die Kissen zurücksinken und verbarg die bewaffnete Hand unter der Decke, behielt aber die Augen vorläufig weit offen. Erst wann die Magd, deren Kommen er vermuthete, an sein Lager träte, gedacht' er sich wieder schlafend zu stellen.

Doch nicht die Erwartete, sondern eine Mannsgestalt in langem Mantel ward einen Augenblick sichtbar auf dem hellen Hintergrunde. Sein Herzchen pochte; denn so rasch der Hereingeschlichene die Thür wieder angelehnt, dieser Moment hatte genügt, dem Kleinen einen Kopf mit zwei henkelartigen Ausragungen zu zeigen. »Aeßlima!« wollte er schon aufschreien; aber ihm stockte die Stimme in der Kehle. Die Hand that ihm weh, so fest umkrallte sie den scharfeckig ciselirten Kupfergriff des Buchschlitzers.

Jetzt empfanden seine nackten Füßchen die Wärme einer nahen Hand. Gleich darauf berührte die Zehen etwas Feuchtes, das sich gerade so anfühlte, wie der Schwamm, mit dem Frau Sebald ihn heute gewaschen.

Plötzlich ward er um die Beine gepackt und emporgerissen, mit dem Kopf nach unten. Der Küster konnte nicht wissen, daß Frau Sebald die Umstellung der Bettlade bewirkt, um dem Kinde nicht das Fensterlicht in's Antlitz scheinen zu lassen. So setzte er voraus, daß sie noch ebenso stünde, wie er es gesehen. Die Thür mit dem Fuß aufdrückend, wollte er den Kleinen unter den Mantel nehmen, und hinaustragen. Doch laut aufschreiend ließ er ihn fallen.

Mit den Kniekehlen in Spitzer's Armen hangend, hatte sich der Knabe wie eine Schlange mit dem Kopf in die Höhe geschwungen, dem Küster, mit der scharfen Schneide des Dolchmessers über das Gesicht fahrend, eine lange Ritzwunde beigebracht und ihm alsbald noch einen, zwar ungefährlich flachen, aber doch schmerzhaften Stich durch die Weste versetzt.

»Onkel Bisch, Aeßlima, Aeßlima!« schrie der Kleine, sich vom Boden aufraffend, und erhob dann ein Zetergekreisch, das schrill gellend nicht nur in allen Räumen des Wittwenhauses gehört werden mußte, sondern auch durch die offenstehende Hausthür vernehmlich hinüberdrang zu dem im Fenster der Küsterwohnung lauschenden Maloti.

Den Anderen voran sprangen Arnulf und Ulrich aus dem Speisezimmer in den Vorplatz, gerade noch rechtzeitig, um den taumelnd und mit blutüberströmtem Gesicht flüchtenden Küster von der fast erreichten Treppe abzuschneiden. Von den Beiden gefaßt, brach er ächzend und mit schlotternden Kuieen zusammen. Auf's Gesäß fallend, lehnte er den Kopf an die Wand des Korridors, wischte sich mit der einen Hand das Blut aus den Augen und drückte die andere auf eine Stelle der Brust, an der aus einem Löchelchen der Weste ebenfalls einige rothe Tropfen hervorquollen.

»Der entrinnt mir nicht,« rief Ulrich. »Spring' hinunter, und sieh' Dich um auf der Straße. Schwerlich ohne Helfer hat er das Kind zu rauben versucht!«

Arnulf befand sich im Nu vor dem Hauseingaug. Im Schatten des kleinen Vordachs stand ein Mann von untersetzter Gestalt. Als der sein Gesicht erblickte, wandte er sich zur Flucht. In gewaltigen Sätzen seinen Vorsprung vor dem Verfolger schnell vergrößernd, erreichte er den Gemüsemarkt und sprang in einen jenseits der Ecke bereit stehenden Wagen, dessen Zweigespann ihn im schärfsten Trabe von dannen führte.

Unterdeß war Loa am verwundeten Küster vorüber gelaufen zu Mottwitz, der gleich hinter Ulrich und Arnulf, gefolgt von Mannheimer, Frau Sebald und Cäcilie, auf dem Vorplatz erschienen. Onkel Bisch – so nannte der Kleine den Domsekretär seit der Begegnung beim Fischfang – nahm ihn auf den Arm und versuchte ihn auszufragen, während die beiden Damen ihm einige Spritztröpfchen Blut vom Gesicht wischten, ihn streichelnd zu beruhigen, aber vergebens ihm das Papiermesser zu entlocken versuchten, das er seiner Friedensbestimmung entfremdet und so erfolgreich als Vertheidigungswaffe geführt hatte. Doch immer nur eine Antwort war aus dem aufgeregten, wild blickenden Knäbchen herauszubringen:

»Aeßlima Loa wegtagen, Loa Aeßlima sneiden, pieken.«

Sehr verständlich dagegen und entschieden protestirte er gegen Fran Sebald's Vorschlag, wieder schlafen zu gehen. So schickte sie die Magd nach seinen Kleidern, umwickelte ihn vorläufig mit einem Tuch und kehrte mit Cäcilie und Mottwitz, der den kleinen Helden trug, in's Speisezimmer zurück.

Hier legte Loa, auf dem Schooße des Onkel Bisch am Tische sitzend, das Papiermesser freiwillig aus der Hand. Die Beruhigung des Wichts, die Cäcilie und die Frau Pastorin erfolglos versucht hatten, bewirkte hier unverzüglich die Krystallschale voll goldgelber Birnen und rothbäckiger Aepfel, zumal aber die kunstreich mit kandirten Früchten verzierte, in der Mitte der Tafel prangende große Torte mit der Zuckergußinschrift: »Willkommen daheim!« Nach dieser und dem Obst streckte er bittend die Händchen aus und nicht vergeblich.

Spitzer derweil war hartnäckig stumm geblieben. Ulrich sogar war ungewiß, ob er auf die an ihn gerichteten Fragen Geistesabwesenheit nur heuchle, oder in seiner Zerknirrschung wirklich einem Zustande der Bewußtlosigkeit verfallen sei. Regungslos vor sich hinstierend, hatte er sich von Mannheimer den oberflächlichen Schlitz, der ihm von der Stirn über die Backe bis an's Kinn lief, abwaschen und mit Streifen englischen Pflasters überkleben lassen. Auch als der Arzt die kleine Stichwunde in seiner Brust bloßlegte, um sie ebenso zu bepflastern, und dieselbe für völlig unbedeutend und gefahrlos erklärte, schien er das entweder gar nicht zu hören oder doch gleichgültig hinzunehmen. Nur als Arnulf athemlos keuchend zurückkehrte und flüsternd berichtete, was er gesehen, verrieth ein heftiges Zucken der Ohren seine gespannte Aufmerksamkeit.

Eben trat die Magd, welche Loa's Kleider auf dem Wege durch Arnulf's Zimmer geholt, aus dem Speisezimmer auf den Vorplatz und in den Korridor.

»Diesen Schwamm,« sagte sie, »hab' ich auf dem Bette des Kleinen gefunden.«

»Getränkt mit Chloroform!« erklärte Mannheimer, nachdem er daran gerochen. »Ein wichtiges Beweisstück. Der Schurke hat das Kind betäuben wollen.«

»Wohin bringen wir den Attentäter in Sicherheit?« frug Arnulf.

»Nach dem Gefängnißspital!« erwiederte Mannheimer. »Laßt die Magd von der Polizeistation am Wallgraben zwei Schutzmänner, zugleich eine Droschke holen. In wenigen Tagen sind die Schrammen, die das tapfere Bübchen ihm beigebracht, zugeheilt; dann vor's Gericht mit ihm und in's Zuchthaus.«

»Spitzer,« nahm Ulrich das Wort, »ich sehe, daß Sie jetzt hören und verstehen. Ja, wenn ich die Polizei rufen lasse, verfallen Sie unentrinnbar dem Zuchthause. Verdient haben Sie's reichlich schon vor diesem Frevelversuch. In meinem Besitz ist das Beweisstück, daß der Diebstahl meiner Predigt von Ihnen besorgt wurde. Sie sind der Urheber der Verleumdung durch die Karrikatur. Für meine Person könnte mir's nur erwünscht sein, Sie vor Gericht zu stellen. Es wäre das beste Mittel, mich glänzend zu reinigen von einem falschen Verdacht. Aber Ihr Prozeß vor den Geschworenen würde eine mir theure Familie in die peinliche Lage versetzen, ein trauriges Kapitel ihrer Geschichte öffentlich verhandelt zu hören, ja, dabei selbst zeugnißgebend auftreten zu müssen. Wenn Sie mir bekennen, wer Sie angestiftet hat, das Kind zu stehlen, erspar' ich Ihnen die Schande, als Verbrecher auf der Anklagebank zu sitzen. Dann geb' ich Sie frei mit dem Rath, noch in dieser Nacht so weit hinweg als möglich auf Nimmerwiedersehen aus Odenburg zu verschwinden. Wollen Sie?«

Spitzer nickte. Man führte ihn in das Schreibzimmer. Er gestand, wer ihn gedungen, und wiederholte, was ihm von Maloti vorgefabelt war. Nachdem das von Arnulf aufgenommene Protokoll sowohl Spitzer selbst, als Mannheimer und Ulrich unterzeichnet, wurde dem Verhörten der Abzug gestattet.

Fast unhörbar auftretend in seinen mit Wollenstrümpfen überzogenen Stiefeln schlich er die Treppe hinunter und über die Straße in seine Wohnung. Da packte er eiligst seinen Sonntagsanzug und einige Wäsche in die zur Fahrt nach Tannkirch angeschaffte Reisetasche, steckte einige Werthpapiere und seinen Sparpfennig in klingender Münze zu sich und wankte dann wie ein Trunkener nach dem nächsten Droschkenstand, um sich zu Professor Marpinger fahren zu lassen. Vor dessen Thür fand er noch den kurz vorher auf weitem Umwege angekommenen Zweispänner Maloti's.

Die beiden Jesuiten hatten Mühe, dem völlig verstörten Küster einen Bericht abzufragen über die Umstände, die das Mißlingen der Entführung verschuldet und namentlich über den Inhalt seines protokollirten Geständnisses. Dann ward dem Erschöpften ein Sopha im Nebenzimmer angewiesen. Durch die geschlossene Thür wurde zuweilen sein Gestöhn und Schluchzen vernehmlich, während Maloti und der Professor am Tisch der Studirstube italienisch flüsternd Rath hielten.

»Ihr Wagniß,« schloß Marpinger, »ist noch weit schlimmer ausgefallen, als ich befürchtete. Es wird mein Verbleiben in Odenburg unmöglich machen, wenn es mir fehlschlagen sollte, den Grafen die unverzügliche Auslieferung Lothar's erzwingen zu lassen. Jetzt, nachdem der Versuch kläglichst gescheitert, den ich Ihnen nach der überbrachten Missive leider nicht wehren durfte, jetzt hören Sie nicht mehr meinen Rath und Vorschlag, sondern meinen Befehl im Namen des Provinzials. Die vom Pastor Sebald geäußerte, mir wohl begreifliche Scheu vor einer gerichtlichen Verhandlung ist mir keine genügende Sicherheit. Spitzer muß, um jeder ferneren Vernehmung entzogen zu bleiben, unfindbar verschwinden. Sie wissen schon, wohin. Sie fahren mit ihm sogleich ab nach A …, wo Sie gegen fünf Uhr Morgens ankommen können. Dort besteigen Sie mit ihm den um Sechs von hier abgehenden, eine halbe Stunde später daselbst eintreffenden Schnellzug der Südbahn. Im Kloster P liefern Sie ihn persönlich ab und übergeben dem Prior diese Zeilen. Dann mit dem nächsten Zuge weiter zum Provinzial zu mündlichem Bericht. Er wird inzwischen ein Schreiben von mir empfangen haben, welches Ihr Mißlingen nach Möglichkeit entschuldigen und für Sie eine mehrjährige Mission außerhalb Europas vorschlagen soll.«

Inzwischen waren Ulrich, Arnulf und Mannheimer zurückgekehrt in's Speisezimmer, wo die beiden Damen und Mottwitz vor längst gefüllten, aber noch nicht wieder berührten Tellern in gespanntester Erwartung saßen, während sich Loa, jetzt von Cäcilie auf dem Schooße gehalten, nach Vertilgung eines ansehnlichen Stückes Torte einen Apfel munden ließ und in merklicher Würdigung der Schönheit dieser Stadtbetta sein sonst so eifersüchtiges Widerstreben gegen das Gefüttertwerden völlig zu vergessen schien, als schmeckten ihm die Schnitte aus ihren Fingern weit besser als aus der eigenen Hand.

Wohl eine Viertelstunde hatte jetzt Ulrich zu erzählen; vom Geständniß Spitzer's, von der Herkunft Loa's, die er nicht länger geheim halten dürfe, da er vielmehr den Kleinen baldmöglichst seinem Großvater auf dem Schlosse Sebaldsheim zuführen müsse.

»Lasset uns nun,« so schloß er, »unser gestörtes kleines Fest wieder aufnehmen, indem wir anstoßen auf die Zukunft des Helden in Kinderschuhen, der den heimgekehrten Bruder so siegreich bewogen hat, die Ehre des Abends willigst mit ihm zu theilen. Trinken wir auf sein Wohl, aber nicht bloß als fröhliche Gäste am Tisch unserer geliebten Mutter, sondern zugleich als andächtige, erste Mitglieder einer im Werden begriffenen neuen Gemeinde. Weiß ich es doch, daß es ausführender Worte meinerseits kaum bedarf, um jetzt in den Mittelpunkt eures Nachdenkens eine der Grundlehren zu rücken, aus deren Erkenntniß und ernster Beherzigung der um diesen Tisch versammelte kleine Ansatzkeim die Gedeihkraft schöpfen muß, um heranzuwachsen zu einer Mustergemeinschaft, die mit ihrem Beispiel ein hohes Maß edeln Menschenglückes als erreichbar aufzeigt. Eine Ahnung dieser Grundlehre war es, was ihr fühltet, als ihr augenentzückt das Bettchen des schlafenden Knaben umstandet. Nun dämmert sie bereits eurem Bewußtsein auf in der Bewunderung so wehrhaften Muthes in zartem Kindesalter. So darf ich mich begnügen mit leiser Andeutung. – Möge dieser Sproß einer verspätet geweihten heißen Leidenschaft nicht nur die Gliedergewandtheit ererbt haben, deren Erhaltung im allzu gefahrlos und bequem gewordenen Kulturleben wir anerkennen sollten als ein hochwerthiges Verdienst um das Menschengeschlecht, anstatt meistens ungerecht mißachtend nur Gaukelei zu betiteln, was sich doch auch zur echtesten Kunst erheben kann, wenn die Ausübenden beflissen sind, mit dem eigenen Leibe vollendete Schönheit der Gestalt zur Erscheinung zu bringen und wie mühelos spielend idealische Anmuth zu vermählen mit staunenswerther Kraft. Mögen ihm auch jene Manneseigenschaften eingeboren sein, in welche sich eine so hingebend treue und opferwillige Mutterliebe zu übersetzen pflegt, wie sie die Kunstreiterin Karola von Mojenyi einst glorreich bewiesen. Heute schon hat er ein verheißungsvolles Pröbchen abgelegt von frühzeitiger Entwicklung der herkulischen Stärke seines Vaters. Hoffen wir, daß ihm von diesem auch die Keime der höchsten und besten Gaben eingepflanzt seien, welche wir Sebalde an unseren Vätern verehren und unvermindert in uns zu pflegen und zu erziehen bemüht sind. Lasset die Gläser klingen auf das Gedeihen Lothar's zum würdigen Enkel und Erben des Grafen von Sebaldsheim.«

Auch dem Kleinen wollte man ein halbgefülltes Glas in's Händchen drücken. Doch mit dem hatte sich zugetragen, was einem Tischgast während einer Toastrede zur Feier seiner Person wohl noch niemals begegnet ist: Er war in Cäciliens Arm fest eingeschlafen.

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