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Die Sebalds. Zweiter Band. Exodus

Wilhelm Jordan: Die Sebalds. Zweiter Band. Exodus - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm Jordan
titleDie Sebalds. Zweiter Band. Exodus
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunDritte Auflage
year1904
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20150715
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Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Konzil mit Frauenstimmrecht.

 

Bemüht, aus Ihr mit frohem Schrecken
Den Herzenswunsch heraus zu necken,
Begann er seinen zu entdecken.

 

Am Arm Ulrich's ging Cäcilie durch den Hausgang nach der etwas steilen, ohne Wendung zur Wohnung der Frau Sebald führenden Treppe, die nur von einer altmodischen, oben angebrachten Wandlampe beleuchtet wurde.

»Warum,« frug sie, die unterste Stufe betretend, »bleibt Ihr Begleiter so weit hinter uns zurück? Weßhalb drückte er sich, während ich ausstieg, aus dem Licht der Gaslaterne in den Schatten des Vordachs über der Hausthür?«

»Vermuthlich, weil man aus dem Dunkeln in's Helle deutlicher sieht,« antwortete Ulrich. »Er ist wohl neugierig, Sie auch in der Nähe und mit bloßem Auge zu beschauen. Hab' ihm viel von Ihnen erzählt.«

»Wohl ein Sternwartengehülfe oder Liebhaber der Astronomie? Eine ähnliche Figur hab' ich im Plößl neben Ihnen auftauchen gesehen. Wer ist er?«

»Sie haben aus meinem Munde schon Manches über ihn, in unseren Unterrichtsstunden sogar Vieles von ihm gehört. Er ist mein heute zurückgekehrtes anderes Ich, mein Bruder Arnulf.«

Cäcilie ließ auf der eben erreichten obersten Stufe den Arm Ulrich's los und machte rasch Kehrt.

»Willkommen daheim, Herr Arnulf Sebald!« rief sie herzlich hinunter und streckte dem noch fünf oder sechs Stufen von ihr Entfernten die Hand entgegen.

Absichtlich langsam war Arnulf den Beiden gefolgt. Seine Aufmerksamkeit galt noch immer dem Fußpaar in Knöpfstiefeln von Glanzleder. Hoch über sich, während Cäcilie die Treppe hinauf stieg, konnte er die Fersenböden und zuweilen die Sohlen bis zur schmalen, aufgewölbten Mitte beobachten und so die Bildung der Unterseite des Fußes wenigstens ungefähr erschließen. Schon das Schuhwerk allein ertheilte der Trägerin ein für ihn schwerwiegendes Charakterlob. Es bewies kluge und tapfere Selbständigkeit gegenüber einer Despotin, welcher neun Zehntel aller Stadtfrauen auf Kosten des Geschmackes und der Gesundheit als willenlose Sklavinnen zu fröhnen für unausweichliche Pflicht halten. Die breiten und niedrigen Absätze trotzten beifallswürdig der heillosen Mode zwei Zoll hoher, zugespitzter und weit vorgeschobener Stelzen, die den menschlichen Gang verschimpfiren zu halblahmem Getrippel, die Körperlast der Fußspitze aufdrängen, die Zehen hörnend zusammenquetschen und der Nachkommenschaft so bestiefelter Mütter verkrüppelte Chinesenpadden in sichere Aussicht stellen; daher denn die Anfertigung solcher unsäglich albernen, in ihrer Wirkung verbrecherischen Marterklemmen bei hoher Buße verpönt sein sollte.

Nun sprang er die trennenden Stufen rasch hinauf, ergriff die dargebotene Hand, schüttelte sie mit der in Amerika üblichen Grußenergie und sagte:

»Schon durch den Fraunhofer hab' ich diese Hand bewundert. Nun fühl' ich, sie kann auch herzhaft zugreifen. Sie ruht in der meinigen mit warmem, kräftigem Gegendruck, nicht wie der willensschlaffe, froschkühle Fingerlappen, mit dem schon so manches Frauenzimmer mich bis in's Herz hinein angefröstelt hat. Auch Ihre klaren, großen Augen sagen, was ich eben denke: auf gute, feste Freundschaft, liebes Fräulein Cäcilie.«

»Abgemacht, Freund Arnulf,« antwortete sie, sein Gesicht aufmerksam und mit unverhohlenem Wohlgefallen betrachtend. »Die dunkle Sonnenbräune steht Ihnen sehr gut. Dem Bruder sehen Sie wenig ähnlich, desto mehr Ihrer Mutter. Damit haben Sie bei mir schon einen Hauptstein im Brett. Die hat mich nämlich mit ihren Fingerspitzen bezaubert. Ich liebe sie schwärmerisch, wie außer meiner seligen Mutter noch niemals eine andere Frau. Aber treten wir ein. Eben schlägt's Acht und bei Frau Sebald muß man pünktlich sein.«

Am Theetisch der schönen Matrone saßen schon Doktor Mannheimer und der Domsekretarius. Nach Bewillkommnung der eben Eingetretenen und zwischen Arnulf und seinen alten Freunden, dem Arzt und Mottwitz, getauschten Wiedersehensgrüßen saß die kleine Gesellschaft in lebhafter Unterhaltung um den altmodischen, säulenförmigen Samowar von spiegelblankem, aber schon mehrfach geflicktem Messingblech, ein aus Rußland stammendes, schon von Ulrich's Urgroßvater Dietleib aus Ostpreußen mitgebrachtes Familienerbstück. Mit seinem über Holzkohlen gemüthlich surrenden Inhalt verdünnte Frau Sebald je nach Wunsch des Empfängers die paar Löffel voll dunkelbrauner Quintessenz feinsten Karawanenthees, die sie aus der silbernen Theekanne in die niedrigen, aber umfangreichen Tassen geschenkt, worauf diese jedem Gast mit der Zuckerschale und dem Rahmtöpfchen von Cäcilie anmuthsvoll hingereicht wurden.

Arnulf hätte gern weniger geredet und mehr zugehört, namentlich lieber seinerseits Cäcilie beobachtet in ihrem Verhalten zum Bruder, anstatt selbst von ihr fast ausschließlich beobachtet zu werden und ihre großen, hellen Augen unverwandt auf sich gerichtet zu sehen, während er von seiner Thätigkeit und seinen Erlebnissen jenseits des Ozeans berichtete. Doch jede seiner Antworten weckte zwei neue Fragen der Mutter und zumal Mannheimers und Mottwitzens. Dem Arzt gereichte es zu stolzer Genugthuung, daß seine Empfehlung Graumann's zum Erwerb jener Seilerbahn geführt, deren Verkauf Arnulf's Mittel verzehnfacht und es ihm erst ermöglicht hatte, sich an Bergwerksunternehmungen auch mit Kapital zu betheiligen. Von jenem Grundgeschäft, vom ferneren Gedeihen seines Empfohlenen, von den Minen in Kalifornien und Nevada die allerumständlichsten Schilderungen herauszulocken, war er unermüdlich.

Mottwitz vollends, als er vernahm, daß in den als Segelfracht zu erwartenden Kisten mit Conchylien, Erzproben und anderen Naturalien auch ein Dutzend Spiritusfläschchen mit etlichen hundert Spezies kalifornischer und mexikanischer Käfer für ihn eintreffen würden, vergaß in seinem dankbaren Sammlerenthusiasmus gänzlich die Unverständlichkeit und Gleichgültigkeit seines Lieblingsthemas für die Anderen. Er war bald im besten Zuge, mit entomologischen Fachfragen ohne Ende den Heimgekehrten für sich allein und seine Neugier auf die gemeldeten Kleinodien in Beschlag zu nehmen. Schon kämpfte mit Arnulf's Bereitwilligkeit, dem alten Freunde und verehrten Lehrer gefällig zu sein, einige Ungeduld, als er sah, daß auch Cäciliens bisher so heiter schönes Antlitz ein Schatten von Verdruß überwölkte.

Da überhob ihn Ulrich eines Winkes zum Fallenlassen dieses Themas, indem er den Domsekretär beiseite zog und ihm das zweite Konsistorialschreiben zu lesen gab. Das Gesicht des greisen Käfernimrods, bisher strahlend wie das eines Kindes, wann es eben die Thür zum Zimmer mit dem kerzengeschmückten Weihnachtsbaum aufgehen fieht, war plötzlich tief ernst geworden. Auch auf Ulrich's Stirn erschien eine Falte der Sorge.

Sogleich nur auf ihn mit forschendem Blick waren Cäciliens Augen gerichtet. Ebenso schnell flogen jetzt die Augen Arnulf's hin und her zwischen des Bruders und ihrem Gesicht.

Endlich hatte er die ersehnte Muße zum Beobachten. Was er sah, stimmte zu der Ahnung, die schon auf dem Wege vom Observatorinm zur Mutter in ihm aufgedämmert. Daß dieser Brief, ihm noch unbekannten Inhalts, seinen Bruder verstimme, das hatte nun auch Cäcilie sogleich bemerkt. Ihr Kopf, eben noch der einer Hebe, die den leidlosen Göttern gebevergnügt Nektar kredenzt, war schnell verwandelt in den einer sorgenvollen Antigone und spiegelte deutlichst den erkennbaren Gemüthszustand Ulrich's. Ihre schwarzen Sichelbrauen rückten wie drohend zusammen, als früge sie: »Wer wagt es, dich anzufechten?«

«Was habt ihr Zwei?« frug Frau Sobald. »Erfreulich scheint es nicht zu sein.«

»Ich glaub' es zu errathen,« rief Mannheimer. »Das in höheren Regionen geweckte Echo der Osterpredigt ist hergeklungen.«

»So ist es,« bestätigte Ulrich. »Gern hätt' ich diesen Mißton unserem Freudenabend fern gehalten. Aber ein folgenreicher Entschluß ist unaufschieblich geworden. Bevor ich den fasse, wünsch' ich eure Meinungen zu hören. So sei denn hiemit ein Familienrath eröffnet, in welchem, wie meine beiden alten Freunde, auch Sie, Fräulein Cäcilie; trotz Ihrer Eigenschaft als noch ungetaufte Christin, Sitz und Stimme haben sollen.«

Er berichtete, was er von Mottwitz über die Intrigue Schlaube's und Spitzer's erfahren und was das Konsistorium fordere. Von einer Verleugnung seiner Osterpredigt könne nicht die Rede sein, da dieselbe zwar diebisch, aber, mit Ausnahme einer Stelle, in allem Wesentlichen richtig gedruckt sei. Er werde daher dem Ruf zum Kolloquium folgen müssen. So sei denn die Frage nur, wie er dort aufzutreten habe.

»Ich bin anderer Meinung!« rief Mannheimer. »Aus der Haut fahren können Sie nicht; müssen eben Ulrich Sebald bleiben. In Demuth mit einem pater peccavi zu Kreuze zu kriechen nach dieser Osterpredigt, wäre moralischer Selbstmord. Was immer Sie thäten ohne solchen, das Endergebniß bliebe dasselbe, und zwar das von mir längst gewünschte: daß Sie endlich hinaus müssen aus der mittelalterlichen Leib- und Seelenquetsche, welche Sie sich bisher wie ein Schneckengehäuse angewachsen gewähnt haben. Nicht also, wie Sie dem Konsistorium gegenüber aufzutreten hätten, wenn Sie hingingen, ist hier die Frage, sondern lediglich, ob Sie hingehen sollen. Ich antworte mit Nein. Vollenden Sie den Riß, der doch nicht mehr zu flicken noch zu überkleistern ist. Halten Sie nächsten Sonntag eine zur Einleitung passende Predigt, etwa über den Text vom verschlissenen Kleide, das man nicht ausbessern darf mit neuen Lappen, wenn der Schade nicht ärger werden soll denn zuvor, und vom jungen Most, der den altermürben Schlauch nur zersprengen würde, um vergeudet auszufließen. Dann berichten Sie den Diebstahl der Osterpredigt und was das Konsistorium verlange. Bekennen Sie, Ihren in der Predigt ausgesprochenen Ueberzeugungen treu bleiben und die geforderte Verleugnung weigern zu müssen. Zum Schluß bekunden Sie in warmen Worten die Zuversicht, daß ein ansehnlicher Theil der Gemeinde den Exodus mitmachen, Ihnen in die Freiheit folgen und helfen werde, ein lichteres Heiligthum zu begründen. Wir verbreiten, was zu erwarten stehe. Ihre Anhänger werden die Sebalduskirche bis zum hintersten Winkel füllen. So erwerben Sie auf einen Schlag eine zahlreiche Anhängerschaft zur Stiftung einer neuen Gemeinde und nehmen Ihren Abgang mit einer That, die folgenreich werden kann, wie der Anschlag der Thesen Luther's an der Wittenberger Kirchenthür.«

»Darin täuschen Sie sich,« entgegnete Ulrich. »Die Zeit der kirchlichen Thaten ist vorüber. An Bedeutsamkeit für die Gegenwart vielleicht nicht ganz unvergleichbar mit derjenigen der Hauptsätze Luther's für seine Zeit ist die Unsterblichkeitslehre meiner Osterpredigt. Gleichwohl wird man sich außerhalb unserer Stadt ebenso wenig um diese Predigt kümmern, als um das Gezeter einiger zünftigen Theologen und meine vermuthliche Absetzung. Selbst hier in Odenburg verdankt meine Kanzelrede das Aufsehen während einer Woche nicht ihrer Lehre, sondern ihrer diebischen Veröffentlichung und der würzenden Beigabe von Skandal zur Verunglimpfung meiner Person. Eine reformatorische That wie der Thesenanschlag vermochte die Geister gewaltig aufzurühren, weil damals die Seligkeit im Jenseits noch für das oberste der Güter galt. Um dem Papste das Schlüsselrecht Petri zu entreißen und sich den sperrgeldfreien Einlaß in's Himmelreich zu erobern, war man bereit, auf Erden das äußerste Elend auf sich zu nehmen, selbst der Gefahr des politischen Todes zu trotzen, dem dann der dreißigjährige Krieg die Nation auch nahe genng bringen sollte. Jetzt hat das deutsche Volk alle Hände voll mit dem Ausbau des neuen Reichs, und mehr als andere Volker mit dem Aufgebot aller Kräfte der erkannten Natur, um die Erde einzurichten zum Gesundheit, Lebenslust und Glück beherbergenden Hause der Menschheit. Während man schwelgt in der Hoffnung auf Sonnenschein bei Nacht, die Gasgesellschaften zittern vor Edison's Glühlampen, eine Dynamomaschine von Siemens die Dampflokomotive abzusetzen, wohl gar das lenkbare Luftschiff zu ersiegen verheißt, würde selbst ein Prophet, der das Religionsgenie Jesaja's, Jesu und des Apostels Paulus in einem Kopfe vereinigte, wenig offene Ohren finden für eine neue Bergpredigt. Die Wunderthäter der Epoche sind die Schüler des Chirurgen Lister, ihr Heilslieferant der so praktische als spekulative Wollenapostel Jäger mit seinen Webern und Schneidern. Das Seelsorgeramt verkommt zur müßigen Antiquität, während die Koch, Pasteur und Genossen baldige Erlösung weissagen von Cholera, Schwindsucht, Milzbrand und Hundswuth durch Austreibung der Milliarden kleiner Teufel, welche sie als Bakterien und Baccillen entdeckt haben. – So laut und überzeugend auch die Thatsache redet, daß nur die Christen heit in den Besitz dieser Herrschaft über die Natur und dieser Glücksmacht durch die Wissenschaft gelangt ist, nur Wenige gibt es, die sich nicht verschließen gegen die Einsicht, daß wir diesen Erwerb dem Christen thum verdanken, ja, daß sogar das von ihm verheißene Himmelreich nichts Anderes war, als eine Fatamorgana unseres Gemüths, eine unbewußt in's Jenseits hinaufgespiegelte Erfüllung ganz derselben Forderung, die zu erarbeiten jetzt unser Strebensziel geworden ist: der Forderung, auf diesem Planeten dem höchstmöglichen Maße glücklichen und schönen Menschenlebens den friedenumhegten Gedeihraum zu sichern. – Kleiner noch ist die Zahl Derer, welche begreifen, daß der dazu nothwendige Neubau der Gesellschaft, so klug und stark wir auch geworden sind, harmonisch und dauerfähig nimmer gelingen kann, so lange nicht eine Religion als Oberarchitektin den Bauriß und das Stilgesetz vorzeichnet. – So allein vollends, daß ich oft selbst befürchte, einem Irrlicht nachzujagen, stehe ich, wenn nicht mit der Hoffnung, das Christenthum werde geeignet bleiben zu dieser Bauführung, so doch mit meinen Ideen, wodurch und unter welchen Bedingungen es befähigt sei, sich auch der erwachsenen Menschheit anzupassen. Denn alle seine amtlichen Vertreter und Lehrer, selbst die gemäßigten, werfen mir vor, daß ich es damit umkehren wolle und ihm zumuthe, sein innerstes Wesen aufzugeben. Und ich meine allerdings eine Umkehr zu fordern, aber nur eine Umkehr von der Entartung gegen die Absichten des Stifters, des duldsamen Genossen der Zöllner und Fastenbrecher, des mild richtenden Frauenlieblings, Kinderfreundes und heitern Hochzeitsgastes von Cana; eine Rückverwandlung also aus einer Religion der Weltflucht und Entsagung in eine Religion der Weltfreude und dabei doch voll unvergänglicher Heilskraft, um den von ihr zur Herrschaft erzogenen Erdensohn Gottes sicher zu geleiten bis zur endlichen Thronbesteigung. – Nicht auf einen Schlag, mit einem effektvollen Abgang von der Kanzel kann ich mir die neue Gemeinde anwerben für mein diesseitiges Christenthum. Ihr, meine Lieben, seid der kleine Kern, um den sich eine solche sehr allmälig krystallisiren mag. Auch unser Wahlspruch muß lauten: daß nur die Früchte bewähren. Keine noch so bestrickende Predigt, nur der Erfolg, die Gedeihlichkeit des Lebens nach den Regeln unserer Ueberzeugungen, kann diese Gemeinde zum Wachsthum befähigen. Die Stifter solcher Gemeinden aber mußten fast immer verzichten, noch selbst die Entscheidung zu erleben, ob sie den Grundstein gelegt zu einem Heilsbau für Millionen, oder nur die Unzahl mißlungener Versuche um einen weiteren vermehrt mit einer bald verkümmernden Sekte. – Aber gesetzt auch, lieber Doktor, ich theilte Ihre Illusion und traute mir's zu, mit der Zunge des heiligen Geistes redend, durch meine Abschiedspredigt ein zweites Apostelpfingsten zu wirken –: Sie vergessen, daß mir mein Gewissen zwar verbietet, einen Glauben zu heucheln, den ich nicht theile, mich aber keineswegs, so lang ich noch im Amte bin, losspricht von der Schuldigkeit des Gehorsams gegen meine Vorgesetzten. Ihrer Vorladung Folge zu leisten darf ich mich nicht weigern.«

»Um so weniger,« warf Mottwitz ein, »als diese Weigerung den Zionswächtern unverhoffte Freude bereiten würde. Zur Ausführung längst geplanten Unrechts bekämen sie dann gutes Recht. Den Ketzer für Ungehorsam absetzend, ersparten sie sich die Schande, mit der Verurtheilung seiner Lehre der Vernunft und Wissenschaft in's Gesicht zu schlagen und in der Achtung der Gebildeten noch etliche Grade tiefer unter Null zu sinken. Völlig frei von der Furcht vor dieser Schande sind auch die schwärzesten der Orthodoxen längst nicht mehr. Sie selbst besorgen langsam, doch unfehlbar ihre endliche Ausrottung, indem sie der heutigen Gesellschaft mit jedem Akt die Unerträglichkeit ihres verderblichen Treibens immer unzweifelhafter darthun. Davon haben sie eine dunkle Ahnung. Ihr Hochmuth leugnet's, aber ein Angstgefühl sagt ihnen, daß jede Verdammung ihr eigenes Schuldregister vollständiger und nächstens spruchreif machen muß für die Exekution. Gedenken Sie der Worte, die Giordano Bruno der infamen Bande seiner Inquisitoren zurief. Die hatten ihm die Verurtheilung zum Scheiterhaufen verkündet, und zwar mit einer Schlußformel, deren satanischer Hohn dieser unauslöschlichen Schandthat der römischen Kirche die Krone aufsetzt und noch heut unser Blut kochen macht vor Zorn über die Folterknechtswollust und unsägliche Niedertracht solchen Henkerwitzes: ›um ihm die mildeste, nicht mit Blutvergießen verbundene Strafe angedeihen zu lassen.‹ ut quam clementissime et citra sanguinis effusionem puniretur. ›Ihr,‹ sagte Bruno, ›indem ihr euer Urtheil fället, habt wohl größere Angst als ich, indem ich es empfange.‹ Majori forsitan cum timore sententiam in me fertis, quam ego accipiam. – In solcher Angst lassen Sie die Herren im Colloquium Ihnen gegenüber sitzen und Ihnen, wann Sie scheiden, nachschauen mit dem beschämenden Gefühl, die Gerichteten zu sein, wo sie zu richten glaubten.«

»Ich kenne Deine Osterpredigt noch nicht,« nahm Arnulf das Wort, »weiß aber genau, was sie enthalten muß, wenn sie von der Unsterblichkeit handelt. Auch brauch' ich es nicht erst zu sagen, daß ich unserem alten Freunde Mottwitz beistimme. Nur Eines füge ich hinzu: geh' sorgenfrei zum Colloquium. Nicht ohne Voraussicht des jetzt Geschehenden hab' ich in Amerika gearbeitet, und mit genügendem Erfolg auch für Dich. Nicht das enge Ahnenhaus und die Sebalduskirche kann ich Dir erhalten, würd' es vielleicht nicht einmal wollen, wenn ich es könnte. Wohnen aber sollst Du, und ich denke wachsen an Freiheit und Schaffenskraft, in weiteren und schöneren Räumen, auch künftig wieder predigen in freilich engerer, aber desto lichterer Kirche.«

»Und was sagst Du, Mutter?« frug Ulrich, nachdem er dem Bruder stumm die Hand gedrückt.

»Nichts, mein Sohn. Ich kenne Dich. Deinen Vätern und Dir selbst untreu werden kannst Du nicht. Du wirst handeln, wie Du fühlst, zu müssen.«

»Und Sie, Fräulein Cäcilie?«

»Ich bin egoistisch. Ich verlange, daß Sie im Colloquinm an mich denken. Bilden Sie sich ein, ich sei zugegen und höre jede Frage, jede Antwort. Seien Sie bedacht, mir zu gefallen. Wenn ich Sie nach Ihrer Heimkehr noch ebenso hoch schätzen kann als bisher, oder gar noch ein Strichelchen höher, was denn freilich seine Schwierigkeit haben wird: dann werd' ich in Arnulf's Kirche die Orgel stiften, auch am Tage der Einweihung selbst spielen, und die erste Taufe in ihr sollen Sie vollziehen an Cäcilie Mendez.«

Arnulf näherte seinen Mund ihrem Ohr und flüsterte, nur für sie hörbar, in etwas neckischem Frageton:

»Mendez?«

Cäcilie sah betroffen zu ihm auf und flüsterte ebeu so leise:

»Ja, so heiß' ich. War Ihnen das unbekannt?«

»Durchaus nicht. Aber ich denke, der Bau der Kirche wird einige Zeit in Anspruch nehmen, ihr erster Täufling deßhalb schwerlich Cäcilie Mendez heißen.«

»Sondern?«

»Schon Cäcilie Sebald.«

Ihr Gesicht war im Nu wie mit Blut übergossen, doch ebenso schnell wieder marmorbleich. Mit einem possirlichen Gemisch von Schmollen und Freude in ihren Zügen gab sie Arnulf einen Schlag auf die Hand. Kaum aber sah sie Aller Augen neugierig fragend auf sich und ihre Heimlichkeit mit dem Stuhlnachbarn gerichtet, so sprang sie auf, nahm den Arm des dreisten Herzenbeschleichers und rief, ihre Verlegenheit rasch unterdrückend:

»Die Sitzung des hohen Konziliums ist aufgehoben. Zu Tische!«

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