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Die Schwestern Rondoli

Guy de Maupassant: Die Schwestern Rondoli - Kapitel 9
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleDie Schwestern Rondoli
seriesGesammelte Werke
volume2
publisherEgon Fleischel & Co.
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
year1911
firstpub1911
senderwww.gaga.net
created20051214
projectid28a807f6
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Der Riegel

Die vier Gläser vor den Tafelnden blieben nun halbvoll, meist ein Zeichen, daß die Teilnehmer es ganz sind. Man begann zu schwatzen ohne recht auf die Antworten zu hören, denn jeder beschäftigte sich bloß mit seinen eigenen Angelegenheiten. Die Stimmen wurden lauter und lauter, die Bewegungen lebhafter, die Augen glänzten.

Es war ein Junggesellendiner. Die alten eingefleischten Ehelosen hatten vor etwa zwanzig Jahren diese regelmäßigen Zusammenkünfte begründet, die sie »Die Hagestolzen« tauften. Damals waren es vierzehn gewesen, alle entschlossen, niemals eine Frau zu nehmen. Nur noch vier waren übrig geblieben. Drei waren gestorben, die sieben anderen hatten sich verheiratet.

Diese vier hielten allein die Fahne aufrecht, und befolgten so genau sie nur konnten alle Regeln, wie sie bei der Gründung dieser sonderbaren Vereinigung festgesetzt worden. Sie hatten einander durch Handschlag versprochen, soviel Frauen als nur möglich vom sogenannten »geraden Wege« abzubringen. In erster Linie waren darunter die Frauen ihrer Freunde, in allererster Linie die der intimsten Freunde verstanden worden. Daher sorgte jeder, der die Gesellschaft verließ um eine Familie zu gründen, dafür, vollkommen und ein für alle Mal mit allen seinen ehemaligen Genossen zu brechen.

Unter anderem mußten sie bei jeder ihrer Dinersitzungen mit allen Einzelheiten, Namen und so weiter die genauesten Aufschlüsse über ihr letztes Abenteuer geben. Daher kam die unter ihnen übliche Redensart: »Lügen wie ein Hagestolz.«

Sie hatten sich eine völlige Verachtung des weiblichen Geschlechts zum Grundsatz gemacht und behandelten die Frauen als »Lusttiere«. Schopenhauer war ihr Gott. Den führten sie immerfort an. Dazu forderten sie die Wiedereinrichtung des Harem und hatten auf das Tischtuch, das bei den Diners der Hagestolzen aufgelegt ward, das alte Wort sticken lassen: » Mulier perpetuus infans» und darunter den Vers von Alfred de Vigny:

»Ein krankes Kind das Weib ist und unrein zwölf Mal!«

So kam es, daß sie vor lauter Weiberverachtung eigentlich nur für die Frauen lebten, an sie dachten und nach ihnen all ihre Bemühungen und Wünsche richteten. Von den ehemaligen Mitgliedern, die sich verheiratet hatten, wurden sie »alte Schürzenjäger« genannt, ausgelacht aber gefürchtet.

Wenn der Sekt in den Gläsern schäumte, sollten die Geschichten der Hagestolzen beginnen.

An diesem Tage waren die alten Herren unerschöpflich. Je älter sie wurden, von desto erstaunlicheren Erfolgen wußten sie zu berichten. Jeder der vier hatte im letzten Monat täglich mindestens eine Frau verführt! Und was für Frauen! Die jüngsten, vornehmsten, reichsten, schönsten natürlich!

Als sie mit ihren Geschichten fertig waren, stand der erste Erzähler, der die Abenteuer aller Anderen hatte mit anhören müssen, auf und sagte:

– So nun sind wir wohl mit unseren Münchhauseniaden fertig. Und nun will ich Ihnen noch ein Abenteuer erzählen, aber nicht mein letztes, sondern mein erstes. Meinen ersten Fall (denn ein Fall ist es), in die Arme einer Frau. O ich will Ihnen nicht mein ... wie soll ich's nennen ... meinen ersten Anfang beschreiben – o nein. Daran ist nichts Interessantes. Gewöhnlich eine unreinliche Geschichte, aus der man ein wenig beschmutzt hervorgeht mit einer schönen Illusion weniger, mit großem Ekel, und einem Schuß Traurigkeit. Die nackte Wirklichkeit in der Liebe stößt uns ab das erste Mal. Man hat sie sich ganz anders geträumt, zarter, feiner. Ein Gefühl von moralischem und physischem Katzenjammer bleibt, als hätte man die Hand zufällig in Pech gesteckt und bekäme kein Wasser, um sich zu waschen. Man hat schön reiben – es bleibt.

Aber wie schnell gewöhnt man sich daran!

Nun, was ich erzählen will, ist, wie ich meine erste Frau gewann – aus der Gesellschaft. Verzeihung, ich meine die erste Frau aus der Gesellschaft, die mich gewann. Denn zuerst lassen wir uns fangen, später – ist es dasselbe.

Sie war eine Freundin meiner Mutter – übrigens eine reizende Frau. Wenn diese Art Wesen keusch sind – so sind sie es gewöhnlich aus Dummheit, und wenn sie verliebt sind, sind sie rasend. Uns klagt man an, daß wir sie verdürben! Jawohl! Bei denen fängt der Hase an, aber nicht der Jäger. Ich weiß wohl, daß es so scheint, als ob sie nie schuld wären, aber sie sind es doch. Sie thun mit uns, ohne daß es so den Anschein hat, was sie wollen. Dann klagen sie uns an, wir hätten sie verdorben, entehrt, erniedrigt und was weiß ich alles?

Die, von der ich spreche, hatte offenbar eine fürchterliche Lust sich von mir erniedrigen zu lassen. Sie war vielleicht fünfunddreißig Jahre alt. Ich zählte kaum zweiundzwanzig. Ich dachte ebensowenig daran sie zu verführen, als ich etwa die Absicht gehabt hätte, in ein Trappisten-Kloster einzutreten. Kurz, eines Tages, als ich ihr einen Besuch machte, sah ich erstaunt, wie sie ein Morgenkleid trug, das offen stand gleich einer Kirchenthür, wenn es zur Messe läutet. Sie nahm meine Hand und drückte sie, wissen Sie – drückte sie, wie sie nur in solchen Augenblicken gedrückt werden kann, und sprach zu mir, in halber Ohnmacht mit tiefem Seufzer:

– Ach liebes Kind, sehen Sie mich nicht so an!

Ich ward röter als eine Tomate und natürlich noch verlegener als sonst. Ich wollte gern fortgehen, aber sie hielt meine Hand fest, legte sie auf ihren wohlgenährten Busen und sprach zu mir:

– Da fühlen Sie, wie mein Herz schlägt!

Es schlug allerdings. Ich fing an zu begreifen, aber ich wußte nicht, wie ich mich verhalten sollte. – Seitdem habe ich mich freilich geändert. –

Ich blieb so stehen, mit der einen Hand auf dem dicken Polster über ihrem Herzen, in der anderen Hand den Hut. Dabei blickte ich sie an, mit verlegenem, einfältigen, furchtsamen Lächeln. Da richtete sie sich plötzlich auf und sagte in gereiztem Tone:

– Nanu, was thun Sie da, junger Mann? Sie sind unanständig und dreist!

Schnell zog ich meine Hand zurück, mein Lächeln verschwand, ich stammelte eine Entschuldigung, stand auf und rannte bestürzt und kopflos davon.

Aber sie hatte es mir angethan. Ich träumte von ihr. Ich fand sie reizend. Ich bildete mir ein, daß ich sie liebte und immer geliebt hätte und nahm mir vor, unternehmend, sogar verwegen zu sein.

Als ich sie wiedersah, lächelte sie mir heimlich zu. Ach wie mich dies Lächeln erregte. Sie drückte mir lange, bedeutungsvoll die Hand.

Von diesem Tage ab machte ich ihr, wie es schien, den Hof. Wenigstens versicherte sie mir seitdem, ich hätte sie verführt, in Fesseln geschlagen, entehrt, mit erlesenem Machiavellismus, mit vollendeter Geschicklichkeit, mit der Beharrlichkeit eines Mathematikers und mit Indianerränken.

Aber eins beunruhigte mich außerordentlich. Wo sollte ich meinen Sieg genießen? Ich wohnte zu Haus mnd meine Familie verstand in dieser Beziehung keinen Spaß. Ich war aber nicht unverschämt genug, am hellen, lichten Tage mit einer Dame in's Hotel zu gehen.

Auch wußte ich niemand, den ich hätte um Rat fragen können.

Doch meine Freundin sagte mir schäkernd, jeder junge Mann müsse in der Stadt sein Zimmer haben. – Wir wohnten in Paris. – Das war ein Fingerzeig. Ich nahm ein Zimmer. Dorthin kam sie.

An einem Novembertage besuchte sie mich. Ich wollte die Sache gern verschieben, denn zu meinem Leidwesen brannte kein Feuer. Und das Feuer brannte nicht, weil der Kamin rauchte. Just den Tag zuvor hatte ich meinen Hauswirt, einen ehemaligen Kaufmann, deswegen gestellt, und er hatte versprochen, in den nächsten zwei Tagen selbst mit dem Ofensetzer zu kommen, um nachzusehen, was gemacht werden müßte.

Sobald meine Freundin eingetreten war, erklärte ich ihr:

– Der Ofen raucht! Ich habe kein Feuer!

Sie schien gar nicht weiter zuzuhören, sondern stammelte:

– Das thut nichts – ich habe es!

Wie ich nun ein erstauntes Gesicht machte, ward sie verlegen und sagte:

– Ich weiß gar nicht was ich rede .... ich bin närrisch ... ich habe ganz den Kopf verloren, um Himmels Willen, was thue ich da! Warum bin ich nur gekommen! Es ist ein Unglück! Ich schäme mich so ... ich schäme mich so ...

Und sie sank mir schluchzend in die Arme.

Ich hielt ihre Gewissensbisse für echt und versprach ihr, sie nicht anzurühren. Da umklammerte sie mich und rief:

– Aber siehst Du denn nicht, daß ich Dich liebe? Daß Du mich überwunden, mich ganz toll gemacht hast?

Da hielt ich es für richtig, zu beginnen. Aber sie zitterte, erhob sich, floh und machte Miene sich in einem Schranke zu verstecken, während sie rief:

– Ach sehen Sie mich nicht an ... ich schäme mich so ... Wenn, wenn es wenigstens dunkel wäre, daß Du mich nicht siehst! Weißt Du! Ach es ist so hell!

Ich lief an's Fenster, schloß die Läden, zog die Vorhänge zusammen und hing meinen Überzieher vor den Spalt, durch den noch ein Lichtschimmer fiel. Dann fühlte ich mit ausgestreckten Händen, um nicht über irgend einen Stuhl zu fallen und mit zitterndem Herzen suchte ich sie und fand sie auch.

Nun tasteten wir uns zusammen, Mund auf Mund gepreßt, durch's Zimmer zur anderen Ecke, wo sich mein Alkoven befand. Offenbar verfehlten wir den Weg, denn wir stießen zuerst an den Kamin, dann an die Kommode, bis wir das gesuchte entdeckten.

Da vergaß ich alles in rasender Leidenschaft. Es war eine Stunde übermenschlicher Lust. Dann überkam uns süße Müdigkeit und Arm in Arm schliefen wir ein.

Und ich träumte. Ich träumte, daß mich jemand rief, ich meinte einen Hülfeschrei zu hören. Da bekam ich einen heftigen Stoß. Ich schlug die Augen auf.

Ach ... mein Fenster stand groß offen. Die untergehende Sonne leuchtete rot, wundervoll vom fernen Horizonte herein und bestrahlte wie in einer Apotheose, das unordentliche Bett, auf dem eine erschrockene Frau lag, die da schrie, strampelte und mit Händen und Füßen nach der heruntergefallenen Decke angelte, oder sich mühte ein Stück des Vorhanges, kurz irgend etwas zu erwischen. Mitten im Zimmer standen ganz bestürzt mein Hauswirt im schwarzen Gehrock, den Portier zur Rechten, den Ofensetzer, schwarz wie ein Deubel, zur Linken. Und alle drei glotzten uns blödsinnig an.

Ich richtete mich wütend auf und rief in einem Tone, als ginge es ihnen an den Kragen:

– Gott verdamm' mich, was haben Sie bei mir zu suchen!

Der Ofensetzer, der einen Lachkrampf zu haben schien, ließ das Ofenblech, das er hielt, fallen. Der Portier schien toll geworden zu sein und der Hauswirt stammelte:

– Aber ... es war ... war ... wegen des Ofens ... Ofens ...

Ich brüllte:

– Scheren Sie sich zum Satan ... Donnerwetter noch mal ...

Da lüftete er in verlegener Artigkeit den Hut und sagte, während er sich zurückzog:

– Verzeihung ... bitte entschuldigen Sie ... wenn ich gewußt hätte, daß ich störte ... wäre ich nicht gekommen. Der Portier hatte versichert, Sie wären ausgegangen. Entschuldigen Sie ...

Und sie gingen.

Sehen Sie – seitdem mache ich nie mehr die Fenster zu, aber ich schiebe den – Riegel vor.

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