Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Guy de Maupassant >

Die Schwestern Rondoli

Guy de Maupassant: Die Schwestern Rondoli - Kapitel 7
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleDie Schwestern Rondoli
seriesGesammelte Werke
volume2
publisherEgon Fleischel & Co.
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
year1911
firstpub1911
senderwww.gaga.net
created20051214
projectid28a807f6
Schließen

Navigation:

Das Fäßchen

Meister Chicot, der Gastwirt von Épreville, ließ sein Wägelchen vor dem Hof der Mutter Magloire halten. Er war ein großer Kerl von vierzig Jahren, rund und rot, und galt für boshaft.

Er band sein Pferd an den Zaun und trat in den Hof. Seine Äcker stießen an die der Mutter Magloire. Gern hätte er ihre Felder dazu gehabt. Mindestens ein Dutzend Mal hatte er schon versucht, sie der Alten abzukaufen, aber die wollte nichts davon wissen.

– Da bin ich geboren, da sterbe ich! sagte sie.

Als er eintrat, schälte sie gerade Kartoffeln vor ihrer Thür. Sie war zweiundsiebzig Jahre alt, vertrocknet, runzelig, krumm, aber unermüdlicher als die jüngste. Chicot klopfte ihr freundschaftlich auf die Schulter und setzte sich neben sie auf eine Fußbank:

– Na Mutter, wie geht's Sie's denn? Immer zufrieden?

– Nicht zu klagen! Und Sie?

– E kleenes Reißen hier und da, sonst mag's gehen.

– Na das freut mich.

Und sie schwieg. Chicot sah ihrer Arbeit zu. Ihre krummen, gichtischen Finger, die hart waren wie Krebsscheren, holten zangenartig die grauen Kugeln aus einem Korbe und drehten sie schnell hin und her, indem unter der Schneide eines alten Messers, das sie in der anderen Hand hielt, lange Schalenstreifen hervorquollen. Sobald die Kartoffel ganz gelb geworden, warf sie sie in einen Wassereimer. Drei kecke Hühner wagten sich nacheinander bis in die Falten ihres Kleides, um die Abfälle aufzupicken. Dann rissen sie aus, so schnell als möglich, die Beute im Schnabel.

Chicot genierte sich und zögerte ängstlich, als hätte er etwas zu sagen, das er nicht herausbrachte. Endlich faßte er einen Entschluß:

– Sagen Se mal Mutter.

– Was wollen Se denn?

– 's ist nur wegen des Hofes ... daß Se 'n mir verkoofen mechten!

– Nee, da giebt's nischt. Davon wollen wir gar nich erscht reden ...

– Nu ich hab' nämlich eene Meeglichkeet gefunden, wie wir am Ende doch einig werden kennten.

– Nu?

– Das is nämlich so. Sie verkoofen mir 'n und behalten ihn trotzdem ... Verstehen Se? Kennen Se das begreifen?

Die Alte ließ die Kartoffel sinken, die sie gerade hielt, und blickte den Gastwirt unter ihren welken Augenlidern scharf an.

Er begann von neuem:

– Ich wer' mal deutlicher reden. Ich gebe Sie monatlich einhundertfufzig Franken. Hören Se gut drauf, jeden Monat komme ich mit meinem Wagen und lege Sie hier dreißig Stück Fünffranken auf 'n Tisch. Und sonst bleibt allens beim alten, alles. Sie bleiben derheeme und kimmern sich nich soviel um mich und sind mer nischt nich schuldig. Nu paßt Sie das?

Er blickte sie triumphierend, guter Laune an.

Die Alte maß ihn mit mißtrauischem Blicke. Sie witterte eine Falle, und sagte:

– Das is für mich. Aber Sie, den Hof kriegen Se deshalb nich!

Er antwortete:

– Regen Se sich nur nich auf! So lange der liebe Gott Sie's Leben schenkt, bleiben Se wohnen. Sie bleiben bei Sie. Nur stellen Se mir ee kleenes Papierchen beim Rechtsanwalt aus, daß ich nach Sie den Hof kriege. Keene Kinder haben Se nich, nur Neffen, die Ihnen ooch nich weiter an's Herz gewachsen sein. Sein Sie einverstanden? Sie behalten Ihren Besitz, so lange Se leben und ich gebe Sie jeden Monat dreißig Stück Fünffranken. Das is alles Ihr Verdienst.

Die Alte war ganz erstaunt. Die Sache beunruhigte sie, aber lockte zugleich. Sie sprach:

– Ich will nich grade nee sagen. Nur muß ich's beschlafen. Kommen Se nächste Woche mal wieder, daß ich sage, was ich so etwa bei mir denke.

Und Meister Chicot ging davon, zufrieden wie ein König, der ein Reich erobert hat.

Mutter Magloire sann nach. Die nächste Nacht konnte sie nicht schlafen und vier Tage lang ging ihr die Geschichte im Kopf herum, daß ihr ganz fiebrig zu Mute ward. Sie ahnte was Böses bei dem Handel, aber der Gedanke an die dreißig Fünffranken, die ihr jeden Monat in der Schürze klimpern sollten, als wären sie rein vom Himmel gefallen, ohne daß sie einen Finger rührte, quälte sie unausgesetzt.

Da ging sie zum Rechtsanwalt und erzählte ihm die Geschichte. Er riet ihr, Chicot's Vorschlag anzunehmen, jedoch unter der Bedingung, daß sie statt dreißig Stück fünfzig Stück Fünffranken erhielte, denn der Hof war 60.000 Franken unter Brüdern wert.

Die Alte zitterte bei der Aussicht jeden Monat fünfzig Fünffranken zu bekommen. Aber sie traute dem Frieden doch nicht recht und fürchtete tausend unvorhergesehene Dinge, irgend eine versteckte List. Und den ganzen Tag hindurch stellte sie hundert Fragen und konnte sich nicht entschließen, wieder fortzugehen. Endlich ließ sie die betreffende Urkunde aufsetzen und kehrte in ihr Dorf zurück, in einem Zustand, als hätte sie vier Maß jungen Apfelwein getrunken.

Als Chicot erschien, um die Antwort zu holen, ließ sie sich zuerst lange bitten, und erklärte, sie hätte keine Lust. Dabei hatte sie jedoch immerfort angst, er möchte ihr die fünfzig Fünffranken nicht zugestehen. Als er nun aber in sie drang, enthüllte sie endlich ihre Bedingungen.

Er fiel beinahe vom Stuhle vor Schreck und sagte nein.

Da stellte sie Betrachtungen über ihre wahrscheinliche Lebensdauer an, um ihn zu überreden:

– Mehr wie fünf Jahre mach ich's uf keenen Fall. Nu bin ich dreiundsiebzig und ooch schon bißchen klapperig. Neulich abend hab' ich gedacht, ich müßte uf de Reise gehen. 's war mir so, als ob mei Leib ganz alle würde und se haben mich zu Bett bringen müssen.

Aber Chicot ließ sich nichts aufschwatzen:

– Ach was, Se wissen schon wo Se bleiben! Se stehen fest wie unser Kirchturm. Eenhundertundzehn Jahre werden Se mindestens alt. Se begraben mich noch.

Der ganze Tag ging hin mit Hin- und Herreden. Aber da die Alte nicht nachgab, entschloß sich der Gastwirt endlich, fünfzig Fünffranken zu geben.

Am nächsten Tage wurde der Vertrag unterzeichnet. Und Mutter Magloire verlangte zehn Fünffranken Draufgeld.


Drei Jahre vergingen. Der guten Frau ging es ausgezeichnet. Sie schien nicht einen Tag älter geworden zu sein und Chicot war wütend. Ihm schien es, als bezahlte er diese Rente seit einem halben Jahrhundert, als sei er betrogen worden und ruiniert. Von Zeit zu Zeit machte er der alten Bäuerin einen Besuch, wie man wohl im Juli die Felder inspiziert, zu sehen, ob das Korn reif ist zur Mahd. Sie empfing ihn mit boshafter Miene, als freute sie sich, wie gut sie ihn hereingelegt hätte. Und er bestieg schnell wieder sein Wägelchen, während er vor sich hinbrummte:

– Wirste denn nich bald greepieren, olles Gerippe?

Er wußte sich nicht zu helfen. Jedes Mal wenn er sie sah, hätte er sie erwürgen mögen. Er haßte sie mit tückischer, wilder Wut, wie nur ein betrogener Bauer hassen kann.

Da suchte er Mittel zum Ziele zu kommen.

Endlich erschien er eines Tages wieder bei ihr und rieb sich schmunzelnd die Hände, wie damals, als er ihr das erste Mal den Handel vorgeschlagen.

Und nachdem er einige Zeit drum rum geschwatzt, sagte er so beiläufig:

– Mutter, heeren Se mal, wenn Sie so mal nach Épreville kommen, warum kehren Se da nie bei mir ein? De Leite reden schon drüber. Es heißt, mir sein verzankt miteinander, und das thut mir leid. Daß Sie's nur wissen, bei mir haben Se allens frei. Auf 'n scheenes Essen kommt mir's nich an. Wenn Se Lust haben, kommen Se nur ganz ruhig. Mir macht's Freude.

Das ließ sich Mutter Magloire nicht zwei Mal sagen. Am übernächsten Tage mußte sie ihr Knecht Coelestin zu Markte fahren, und da spannte sie, ohne sich zu zieren, bei Chicot aus und verlangte das versprochene Mittagessen.

Der Gastwirt strahlte. Er behandelte sie wie eine Fürstin, ließ Huhn, hausschlachtene Wurst, Hammelkeule und Speck mit Kohl auftragen. Aber sie aß fast nichts, da sie von Jugend auf mäßig gewesen und Zeit ihres Lebens mit ein wenig Suppe und Butterbrot vorlieb genommen hatte.

Chicot war verzweifelt und nötigte was er konnte, aber sie trank auch nichts. Nicht einmal Kaffee.

Er fragte:

– Aber ee kleenes Gläschen Schnaps werden Se doch genehmigen?

– Ah, das ist was Anderes. Da will ich nicht so sein.

Und er rief mit Stentorstimme durch's ganze Lokal:

– Rosalie, bring mal den feinen, den ganz feinen ...

Und das Mädchen erschien mit einer länglichen Flasche, auf die als Schmuck ein papiernes Weinblatt geklebt war.

Er goß zwei kleine Gläser voll:

– Kosten Se mal, Muttern, das is ganz feiner!

Und die gute Frau fing bedächtig an zu trinken. Sie nahm Schluck um Schluck, um den Genuß zu verlängern. Als sie fertig war, spritzte sie mit einem Schwung den letzten Tropfen aus dem Glase zu Boden und erklärte:

– Das is richt'g, der is fein.

Kaum war sie fertig, als ihr Chicot auch schon ein zweites Glas einschenkte. Sie wollte ablehnen, doch es war zu spät und sie kostete lange wie beim ersten.

Da wollte er sie zu einem dritten nötigen, aber sie mochte nicht. Er drängte:

– Ach wissen Se, das is die reene Milch! Ich trinke Stücker zehne, zwölfe, wie nischt. Das läuft runter wie Zuckerwasser und man spürt nischt, weder im Magen noch im Koppe! Das verfliegt sozusagen auf der Zunge. Was Gesünderes giebt's nich!

Da sie rechte Lust hatte, gab sie nach, trank jedoch nur die Hälfte.

Da rief Chicot in einer Anwandlung von Großmut:

– Muttern, heeren Se mal, da er Sie so gut schmeckt, werd' ich mal nobel sein und Sie ee kleenes Fäßchen voll spendieren, und wenn's weiter nischt wäre, als daß die Leite nich sagen können, mir sein verzankt.

Die Alte sagte nicht nein und ging ein wenig schwer im Kopfe, davon.

Andern Tages kam der Gastwirt zu Mutter Magloire in den Hof und zog aus seinem Wagen ein kleines, eisenreifenumsponnenes Fäßchen hervor. Dann ließ er sie den Inhalt kosten, damit sie auch sähe, daß es dieselbe feine Sorte sei. Und als sie noch jeder drei Glas getrunken hatten, erklärte er beim Fortgehen:

– Und dann, daß Se's nur wissen, sollt' es alle sein: 's giebt ooch mehr. Schenieren Se sich nich. Da guck' ich gar nich hin. Je schneller 's aus is, desto mehr freue ich mich!

Und er bestieg sein Wägelchen.

Vier Tage darauf kam er wieder. Die Alte saß vor der Thüre und schnitt Brot klein für die Suppe. Er trat heran, sagte guten Tag und näherte sich ihr möglichst beim Sprechen, damit er ihren Atem röche. Er erkannte den Alkoholgeruch. Da verklärte sich sein Gesicht und er sagte:

– Ee Glas derf'ch wohl kosten?

Und sie stießen ein oder zwei Mal an.

Aber bald hieß es in der Gegend, daß Mutter Magloire sich dem stillen Suff ergeben hätte. Bald las man sie in der Kirche auf, bald auf dem Hofe, bald in der Nachbarschaft an Wegesrand, und man mußte sie stets wie 'ne Leiche nach Hause schaffen.

Chicot besuchte sie nicht mehr und wenn man mit ihm von der Alten sprach, sagte er mit trauriger Miene:

– Das ist das reine Unglück, in der ihrem Alter so was anzufangen. Aber wissen Se, wenn eener alt is, da is mit ihm nischt mehr zu machen. Das wird noch en böses Ende nehmen.

Und das nahm es allerdings. Sie starb den nächsten Winter gegen Weihnachten, als sie einmal betrunken im Schnee liegen geblieben war.

Und Meister Chicot erbte ihren Hof und sprach:

– Nee, so een dummes Luder, wenn sie nich gesoffen hätte, zehn Jahr' hätt' se sicher noch gelebt!

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.