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Die Schwestern Rondoli

Guy de Maupassant: Die Schwestern Rondoli - Kapitel 5
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleDie Schwestern Rondoli
seriesGesammelte Werke
volume2
publisherEgon Fleischel & Co.
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
year1911
firstpub1911
senderwww.gaga.net
created20051214
projectid28a807f6
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Selbstmorde

Kein Tag vergeht, ohne daß man in irgend einer Zeitung folgendes unter »Lokales« findet:

»In der Nacht von Mittwoch zu Donnerstag wurden die Bewohner des Hauses .... Straße Nummer 40 durch zwei aufeinanderfolgende Schüsse geweckt. Der Lärm kam aus einer Wohnung, die Herr X. inne hat. Man öffnete die Thür und fand den Mieter in seinem Blute schwimmend, den Revolver noch in der Hand, mit dem er sich getötet.

Herr X. war siebenundfünfzig Jahre alt, lebte in guten Verhältnissen und besaß alles um glücklich zu sein. Man hat keinen Anhalt für die Ursache dieses unseligen Entschlusses.«

Welche unsäglichen Schmerzen, welche Herzenswunden, welche tiefverborgene Verzweiflung trieb diese doch in glücklichen Verhältnissen lebenden Menschen zum Selbstmorde? Man sucht, man denkt sich unwillkürlich ein Liebesdrama aus, man vermutet Vermögensverluste und da man etwas Gewisses nie findet, so wird über diese Toten das Wort geschrieben »ein Rätsel«.

Uns ist ein Brief in die Hände gefallen, den man auf dem Schreibtisch eines dieser »Selbstmörder ohne Veranlassung« fand, ein Brief, der in der letzten Nacht angesichts der geladenen Pistole geschrieben ist. Wir meinen, er ist interessant. Er enthält keine jener großen Katastrophen, die man immer hinter diesen Thaten der Verzweiflung sucht. Aber er zeigt die allmähliche Einwirkung der kleinen Leiden des Lebens, die unselige Zerrüttung eines einsamen Daseins, dessen Illusionen verschwunden sind, er deckt die Gründe eines solchen tragischen Endes auf, Gründe, die nur Nervöse und Feinfühlige begreifen werden.

Hier ist der Brief:

»Es ist Mitternacht. Sobald ich diese Zeilen beendet habe, werde ich mich töten. Warum? Ich will versuchen es zu sagen, nicht für die, die sie lesen werden, sondern für mich selbst, um meinen sinkenden Mut zu heben, um mich ganz von der mir nun unangenehmen Notwendigkeit des Entschlusses durchdringen zu lassen, der doch nur aufgeschoben nicht aufgehoben werden könnte.

Einfache, gläubige Eltern haben mich erzogen. Und ich glaubte wie sie.

Mein Traum dauerte lange, erst jetzt fielen die letzten Schleier davon ab.

Schon seit einigen Jahren geht etwas Eigenes in mir vor. Alle Ereignisse des Lebens, die in meinen Augen einst in hellen Farben strahlten, scheinen zu verblassen. Was die Dinge bedeuten, habe ich in rauher Wirklichkeit erkannt. Der wahre Hintergrund der Liebe hat mir selbst die poetischen Zärtlichkeiten verekelt.

Wir sind der ewige Spielball reizender und alberner Täuschungen, die sich immer wiederholen.

Da, als ich schon älter wurde und mich abgefunden hatte mit dem fürchterlichen Elend des Daseins, mit der Nutzlosigkeit aller unserer Bemühungen, der Nichtigkeit aller unserer Erwartungen, da kam mir neue Erkenntnis über den Unwert aller Dinge. Heute abend kam's, heute nach Tisch.

Früher war ich lustig, alles machte mir Spaß: die Frauen die vorübergehen, die Straße, meine Behausung. Ich kümmerte mich sogar um den Schnitt meiner Anzüge. Aber die ewige Wiederholung des immer Gleichen erfüllte endlich meine Seele mit Langerweile und Überdruß, wie es einem gehen würde, wenn man jeden Abend im Theater das gleiche Stück sehen sollte.

Seit dreißig Jahren stehe ich jeden Tag um dieselbe Zeit auf und esse seit dreißig Jahren zur selben Stunde, im selben Restaurant dieselben Speisen, die mir wechselnde Kellner bringen.

Ich versuchte zu reisen. Die Verlassenheit, die man in der Fremde empfindet, hat mir Furcht eingejagt. Ich fühlte mich so vereinsamt auf der Erde, daß ich schleunigst nach Haus zurückgekehrt bin.

Aber da hatte ich wieder den ewig gleichen Anblick meiner Möbel, die seit dreißig Jahren auf dem gleichen Fleck stehen, ich sah, wie meine Stühle abgenützt, die einst neu gewesen, ich sog den Geruch meiner Wohnung ein – denn jedes Heim nimmt mit der Zeit einen gewissen Geruch an. Und all das machte mir das Gewohnte zum Ekel und träufelte mir schwarze Melancholie, so leben zu müssen, in's Herz.

Alles wiederholt sich jammervoll fortwährend. Die Art wie ich, wenn ich nach Hause komme, aufschließe, der Platz wo ich immer die Streichhölzer finde, der erste Blick in mein Zimmer beim Aufflammen des Phosphors, all das reizt mich, mich aus dem Fenster zu stürzen, um diese eintönigen Dinge, denen wir nie entgehen, ein für alle Mal zu beenden.

Täglich packt mich beim Rasieren eine grenzenlose Lust mir die Kehle durchzuschneiden, und mein Gesicht, das immer das alte bleibt, hat mir oft schon, wenn ich es eingeseift im kleinen Spiegel sah, vor Traurigkeit die Thränen in die Augen getrieben.

Ich mag die Menschen, die ich einst gern getroffen, nicht mehr sehen, so genau kenne ich sie, so genau weiß ich was sie sagen werden, was ich antworte, so genau kenne ich ihren immer gleichen Gedankengang. Das Gehirn ist wie ein Cirkus, in dem ewig ein armer Gaul an die Longe gebunden, im Kreise läuft. Wie wir uns auch wehren, abarbeiten, mühen mögen, der Kreis ist eng begrenzt und kein Seitensprung möglich, kein Blick in's Unbekannte. Es heißt immer sich drehen in der Tretmühle derselben Gedanken, Freuden, Scherze, Gewohnheiten, Erwartungen und desselben Ekels.

Heute abend war der Nebel gräßlich. Er hüllte die Boulevards so tief ein, daß die trüben Gasflammen gleich schwelenden Talglichtern brannten. Ich fühlte mich noch bedrückter als sonst. Wahrscheinlich verdaute ich schlecht. Denn eine gute Verdauung bedeutet alles im Leben. Sie giebt dem Künstler die Gedanken, Liebeswünsche den jungen Leuten, dem Denker macht sie den Kopf klar, allen aber flößt sie Lebenslust ein und erlaubt viel zu essen – immer noch das Glücklichste, das es giebt. Ein kranker Magen erweckt Zweifelsucht, Unglauben, macht dunkle Ahnungen und Todesgedanken. Das habe ich oft bemerkt. Vielleicht würde ich mich nicht töten, wenn ich heute abend gut verdaut hätte.

Als ich im Lehnstuhle saß, in den ich mich seit dreißig Jahren täglich setze, und um mich blickte, fühlte ich mich von so fürchterlicher Angst gepackt, daß ich meinte nahe am Irrsinn zu sein.

Ich suchte, mir selbst zu entfliehen, aber vor jeder Art von Beschäftigung empfand ich ein noch größeres Entsetzen als vor dem Nichtsthun. Da kam ich auf die Idee, meine Papiere zu ordnen.

Längst schon wollte ich einmal in meinen Fächern Ordnung schaffen, denn seit dreißig Jahren werfe ich kunterbunt in das gleiche Möbel all meine Briefe und Rechnungen und die Unordnung, die da herrscht, hat mir schon oft Unannehmlichkeiten verursacht. Aber schon bei dem Gedanken, aufzuräumen, überfällt mich eine derartige physische wie moralische Müdigkeit, daß ich nie den Mut fand, mich an diese gräuliche Arbeit zu machen.

Ich setzte mich also vor meinen Schreibtisch und öffnete ihn, um eine Anzahl alter Papiere zum Verbrennen herauszusuchen. Zuerst erschreckte mich dieser Haufe vergilbter Blätter, dann griff ich einige heraus.

Ach, der Du am Leben hängst, möchtest Du nie an solchen Friedhof alter Briefe rühren. Und wenn Du es zufällig thust, greife mit vollen Händen in die Briefe, schließe die Augen um kein Wort zu sehen, daß Dich nicht eine längst vergessene Handschrift durch einen Blick auf den Ozean der Erinnerungen hinausschleudert. Wirf diese Briefe in's Feuer und wenn sie zu Asche geworden sind, zerreibe sie noch zu Staub .... oder Du bist verloren – verloren wie ich es seit einer Stunde bin.

Die ersten Briefe, die ich wiederfand interessierten mich weiter nicht. Sie waren übrigens jüngeren Datums, von noch Lebenden, von Leuten, die ich öfters treffe und die mich nicht weiter aufregen. Aber plötzlich gab mir ein Briefumschlag einen Stoß. Mit großer kräftiger Hand stand dort mein Name, und jäh wurden mir die Augen naß. Es war von meinem besten Freund, mit dem ich groß geworden und alle Hoffnungen geteilt. Und er stand so klar vor mir mit seinem gutmütigen Kinderlächeln, die Hand gegen mich ausgestreckt, daß mir ein Schauer über den Rücken lief. Ja, ja die Toten stehen wieder auf, denn ich habe ihn gesehen! Unser Gedächtnis ist eine vollkommnere Welt als die Schöpfung: sie macht was nicht mehr ist, wieder lebendig.

Mit zitternder Hand und umflortem Blick habe ich alles, was er mir gesagt von neuem gelesen, und ich fühlte in meinem armen schluchzenden Herzen so bittres Leid, daß ich zu stöhnen begann, wie einer dem man die Glieder zerbricht. Da habe ich mein ganzes Leben zurückverfolgt, wie man einen Fluß hinaufschreitet. Menschen erkannte ich wieder, die ich längst vergessen, deren Namen mir entfallen. Nur ihr Bild war in mir lebendig. Aus den Briefen meiner Mutter stiegen mir alte Dienstboten wieder im Gedächtnis auf, unser Haus und unbedeutende Kleinigkeiten, wie sie den Kindergeist beschäftigen.

Ja ich sah plötzlich alle alten Kleider meiner Mutter wieder, wie sie sie im Laufe der Zeit getragen bei wechselnder Mode. Vor allen erschien sie mir in einem Kleide von geblümter Seide, und ein Wort kam mir in den Sinn, das sie damals gesprochen: »Robert, liebes Kind, wenn Du Dich nicht gerade hälst, wirst Du Dein ganzes Leben lang bucklig sein!«

Da öffnete ich ein anderes Fach und fand Erinnerungen der Liebe wieder: einen Ballschuh, ein zerrissenes Taschentuch, selbst ein Strumpfband, Haare und vertrocknete Blumen. Da senkten vergangene Liebesdramen, deren Heldinnen noch am Leben sind, doch deren Haar erblichen, bittere Schwermut auf mich herab, daß alles nun vorbei ist. Ach diese jungen Stirnen, von blondem Gelock umspielt, dieser süße Händedruck, der Blick, wildzueinander schlagende Herzen, dieses Lächeln das einen Kuß verspricht, und diese Küsse, die da verheißen .... die Liebe! Und der erste Kuß ... ohne Ende ... mit geschlossenen Augen ... wo alles Denken erlischt im unendlichen Glück ...

Ich nahm diese alten Unterpfänder vergangener Zärtlichkeit in beide Hände, küßte sie, küßte sie und in meiner von der Erinnerung verwüsteten Seele sah ich alle wieder zur Stunde, da sie mein geworden und ich litt grausamer als alle Qualen der Hölle!

Ein letzter Brief lag noch vor mir. Er war von mir selbst, vor fünfzig Jahren von meinem Schreiblehrer diktiert. Er lautet:

Meine liebe, kleine Mama!

Ich bin heute sieben Jahre alt. Da wird man schon groß und darum danke ich Dir, daß Du meine Mama geworden bist. Ich liebe Dich so sehr.

Dein kleiner Sohn
Robert.

Ich war zu Ende. An der Quelle angelangt und blickte nun plötzlich vorwärts auf den Abend meines Lebens. Ich sah das Alter, furchtbar und einsam, ich sah Krankheit kommen und Schwäche und alles aus, alles aus, alles aus. Und ich – ganz allein.

Dort auf dem Tisch liegt mein Revolver .... Ich lade ihn .... Lest nie eure alten Briefe wieder.«

So töten sich Viele, in deren Leben man vergeblich nach einem großen Leide sucht.

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