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Die Schwestern Rondoli

Guy de Maupassant: Die Schwestern Rondoli - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleDie Schwestern Rondoli
seriesGesammelte Werke
volume2
publisherEgon Fleischel & Co.
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
year1911
firstpub1911
senderwww.gaga.net
created20051214
projectid28a807f6
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Die Wirtin

Damals, sagte Georg Kervelen, wohnte ich als Chambregarnist, Rue des Saints-Pères.

Als meine Eltern bestimmten, daß ich in Paris Jura studieren sollte, wurde lange hin und her geredet, um alles festzustellen. Zuerst sollte ich 2500 Franken häusliche Zulage erhalten. Aber meine arme Mutter sagte ängstlich zu meinem Vater:

– Wenn er all sein Geld verjubelt und nicht genug für's Essen ausgiebt, so könnte er krank werden. Die jungen Leute bringen alles fertig.

Da ward beschlossen, eine Pension für mich zu suchen, die bescheiden aber anständig wäre, und daß von meiner Familie aus direkt monatlich der Pensionspreis gezahlt werden sollte.

Ich hatte Quimper nie verlassen. Ich hatte alle Wünsche, die man in diesem Alter hegt und war entschlossen, mir nichts abgehen zu lassen.

Durch Nachbarn, die man um Rat gefragt, ward meinen Eltern eine Landsmännin empfohlen, Frau Kergaran, die Pensionäre aufnahm. Mein Vater setzte sich also schriftlich mit dieser würdigen Dame in Verbindung und ich traf eines Abends bei ihr mitsamt meinem Koffer ein.

Frau Kergaran war gegen vierzig Jahre alt. Sie war stark, sehr stark, besaß eine Wachtmeisterstimme und entschied alle Fragen klar und ohne Widerreden. Ihre Wohnung war ganz schmal. Sie hatte nämlich ein ganzes Haus inne, das in jeder Etage nur einen Raum zur Straße hinaus besaß und so einer Leiter aus Fenstern glich.

Die Wirtin wohnte mit ihrem Mädchen im ersten Stock. Im zweiten wurde gekocht und gegessen, Im dritten und vierten wohnten vier Pensionäre aus der Bretagne. Ich hatte die beiden Zimmer im fünften inne. Eine kleine, dunkle, korkzieherartige Treppe führte zu diesen beiden Mansarden. Frau Kergaran rannte den ganzen Tag diese Spirale geschäftig auf und ab in ihrem Schubfachhause, wie ein Kapitän auf seinem Schiff. Zehn Mal hintereinander trat sie in jede Wohnung, überwachte alles mit unglaublichem Redeschwall, sah nach, ob die Betten gut gemacht, ob die Kleider gut gebürstet wären, ob die Bedienung nichts zu wünschen übrig ließ. Kurzum, sie sorgte für ihre Pensionäre wie eine Mutter und mehr als das.

Ich hatte die Bekanntschaft meiner vier Landsleute bald gemacht. Zwei studierten Medizin, zwei andere Jura. Aber alle standen unter dem strengen Regiment der Wirtin. Sie hatten angst vor ihr, wie der Landstreicher vor dem Feldhüter.

Ich aber empfand sofort ein Unabhängigkeitsbedürfnis, denn ich bin zur Opposition veranlagt. Augenblicklich erklärte ich, daß ich nach Haus kommen würde, wenn es mir paßte, denn Frau Kergaran hatte als äußerste Zeit Mitternacht festgesetzt. Als ich das forderte, blickte sie mich einige Sekunden mit ihren hellen Augen an und sagte:

– Das ist unmöglich. Ich kann nicht zugeben, daß Anna die ganze Nacht geweckt wird. Nach meiner Schluß- Stunde haben Sie draußen nichts mehr zu suchen.

Ich antwortete bestimmt:

– Frau Kergaran, Sie sind gesetzmäßig verpflichtet, mir jederzeit zu öffnen. Wenn Sie sich weigern, werde ich das durch die Polizei feststellen lassen und werde auf Ihre Kosten im Hotel übernachten. Dazu bin ich berechtigt. Sie müssen mir also entweder öffnen oder mir kündigen. Hausschlüssel oder Abschied. Wählen Sie.

Während ich diese Bedingungen stellte, lachte ich ihr in's Gesicht. Erst war sie wie versteinert, dann wollte sie unterhandeln, aber ich blieb fest und sie gab nach. Wir kamen überein, daß ich einen Hausschlüssel bekommen sollte, jedoch unter der Bedingung, daß es keiner erführe.

Meine Bestimmtheit übte auf sie einen heilsamen Einfluß aus und sie behandelte mich fortan auffallend liebenswürdig. Sie hatte für mich Aufmerksamkeiten Rücksichten und sogar eine Art rauher Zärtlichkeit, die mir nicht mißfiel. Manchmal gab ich ihr, wenn ich guter Laune war, unversehens einen Kuß, nur um der kräftigen Ohrfeige willen, die ich sofort erhielt. Wenn es mir nämlich gelang, mich schnell genug zu bücken, so fuhr ihre Hand über mich fort mit der Geschwindigkeit einer Kugel, und ich floh, aus vollem Halse lachend, während sie schrie:

– So 'n Aas! Das werd' ich Ihnen anstreichen.

Wir waren gute Freunde geworden.


Da traf sich's, daß ich auf der Straße die Bekanntschaft einer kleinen Confektioneuse machte.

Sie kennen diese Pariser Liebeleien. Eines Tages, wenn man zur Universität muß, trifft man ein junges Ding, das im bloßen Kopf mit einer Freundin am Arm herumspaziert, ehe sie wieder zur Arbeit geht. Ein Blick wird gewechselt und man fühlt in sich jenes Prickeln, das einem manche Frauen bringen. Dieses plötzliche körperliche Sichhingezogenfühlen, das eine Begegnung verursacht, dieser leichte, leise Reiz, der ausgelöst wird wenn uns ein Wesen streift, das geschaffen ist um zu gefallen und geliebt zu werden – das ist etwas Köstliches im Leben! Ob es wenig oder viel geliebt wird – was macht's. Jenem Wesen ist es gegeben, unser heimliches Liebesbedürfnis zu wecken. Sowie man nur das Gesicht sieht, diesen Mund, dieses Haar, dies Lächeln, fühlt man sich von ihrem Reize umstrickt, empfindet man ein wohliges Glücksgefühl und eine noch unklare Hinneigung zu diesem Weibe erwachen. Es ist als ob etwas zu ihr zöge, ein Trieb zu ihr. Man meint sie langst zu kennen, sie schon gesehen zu haben, zu wissen was sie denkt.

Andern Tages durchstreift man dieselbe Straße, zur gleichen Zeit. Man trifft sie wieder. Dann kommt man den nächsten Tag und den folgenden. Man spricht sich. Und die Liebelei geht ihren regelmäßigen Lauf wie eine Krankheit.

Kurz, nach drei Wochen war ich mit Emma so weit, daß sie mein werden sollte. Das wäre schon früher geschehen, wenn ich gewußt hätte wohin gehen. Meine Freundin lebte bei ihren Angehörigen und weigerte sich mit ganz eigener Beharrlichkeit mit mir ein Hotelzimmer zu betreten. Ich zerbrach mir den Kopf einen Ausweg zu finden und entschloß mich, sie eines Abends gegen elf Uhr unter dem Vorwand, daß wir eine Tasse Thee trinken wollten, mit zu mir herauszunehmen. Frau Kergaran ging immer abends um zehn zu Bett. Ich konnte also vermittelst meines Hausschlüssels ohne Lärm und ohne daß es bemerkt ward, hereinkommen. Nach ein oder zwei Stunden würden wir dann auf dieselbe Art und Weise wieder hinuntergehen.

Emma nahm, nachdem sie sich ein wenig hatte bitten lassen, meine Einladung an. Den ganzen Tag hindurch war mir unangenehm zu Sinn. Ich hatte keine Ruhe. Ich fürchtete Schwierigkeiten möchten eintreten, eine Katastrophe, irgend ein fürchterlicher Skandal. Der Abend kam. Ich ging fort. In einem Restaurant trank ich zwei Tassen Kaffee und um mir Mut zu machen vier bis fünf Schnäpse. Dann bummelte ich auf dem Boulevard Saint-Michel herum. Ich hörte es zehn schlagen und halbelf. Langsam begab ich mich zu der Stelle, wo ich sie treffen sollte. Sie erwartete mich schon. Zärtlich nahm sie meinen Arm und wir gingen ganz sachte in der Richtung meiner Wohnnng davon. Je näher ich kam, desto mehr wuchs meine Angst. Ich dachte: »Wenn Frau Kergaran nur zu Bett ist!«

Zwei oder drei Mal sagte ich zu Emma:

– Vor allem auf der Treppe keinen Lärm! Sie fing an zu lachen:

– Sie haben Wohl angst, daß man's hört?

– Nein, aber ich möchte meinen Nachbar nicht wecken. Der ist nämlich schwer krank.

Da bogen wir in die Rue des Saints-Pères. Ich komme näher etwa in einer Stimmung, als müßte ich zum Zahnarzt gehen. Alle Fenster dunkel. Offenbar schläft alles. Ich atme auf. Vorsichtig, wie ein Dieb öffne ich die Thür. Ich lasse meine Begleiterin herein, dann schließe ich wieder zu und steige die Treppe mit angehaltenem Atem auf den Fußspitzen hinauf, einen Fünfminutenbrenner angezündet in der Hand, damit das junge Mädchen nicht stolpere.

Wie wir am Zimmer der Wirtin vorüberkommen, fühle ich, daß mein Herz schneller schlägt. Endlich sind wir im zweiten, im dritten, im fünften Stock, dann in meinem Zimmer! Hurrah! Aber ich wagte nur mit gedämpfter Stimme zu reden und zog die Stiefel aus, um keinen Lärm zu machen. Wir tranken den Thee, den ich auf dem Spirituskocher bereitet, auf der Ecke meiner Kommode. Dann wurde ich dringend ... dringend .. und zog allmählich wie im Spiel meiner Freundin ein Kleidungsstück nach dem anderen aus. Sie gab nach mit einigem Widerstande, indem sie rot ward, verlegen und den entscheidenden Augenblick hinauszuschieben suchte.

Nun hatte sie wahrhaftig nichts mehr an, als einen kurzen weißen Unterrock. Da ging plötzlich die Thür auf und Frau Kergaran, ein Licht in der Hand, trat ein, genau im selben Anzuge wie Emma.

Ich hatte einen Satz zur Seite gemacht und blieb bestürzt stehen, indem ich die beiden Frauen ansah, die sich anstarrten. Was würde geschehen?

Die Wirtin sagte in hochfahrendem Ton, den ich an ihr nicht kannte:

– Ich dulde keine Dirnen in meinem Hause, Herr Kervelen.

Ich stotterte:

– Aber Frau Kergaran, das Fräulein ist nur meine Freundin. Sie kam zu einer Tasse Thee.

Die dicke Dame antwortete:

– Man setzt sich nicht im Hemde hin, um eine Tasse zu trinken. Sie werden diese Person sofort entfernen.

Emma fing ganz erschrocken an zu weinen und verbarg ihr Gesicht in ihrem Rocke. Ich verlor den Kopf und wußte weder was ich machen, noch was ich sagen sollte. Die Wirtin sagte mit unwiderstehlichem Nachdruck:

– Helfen Sie dem Fräulein sich anziehen und bringen Sie sie sofort hinunter.

Ich konnte nichts Anderes thun, als das, wie ein geplatzier Luftballon zu Boden gesunkene, Kleid aufzuheben. Dann warf ich es dem Mädchen über den Kopf und gab mir alle erdenkliche Mühe es zuzuhaken und in Ordnung zu bringen. Sie half mir zu Tode erschrocken und weinte während sie sich möglichst beeilte und allerhand Irrtümer beging, da sie in der Eile weder Bänder noch Knopflöcher fand. Frau Kergaran blieb unbeweglich dabei stehen, das Licht in der Hand und leuchtete uns mit der ernsten Miene eines Richters.

Emma zog sich in rasender Eile an, knüpfte, steckte, schnürte, band wie unsinnig, im zwingenden Bedürfnis zu fliehen. Sie knöpfte nicht einmal ihre Stiefel zu, sondern stürzte an der Wirtin vorbei und rannte die Treppe hinab. Ich folgte in Pantoffeln, selbst halb entkleidet und rief immerfort:

– Fräulein, hören Sie doch ...

Ich fühlte wohl, daß ich ihr etwas sagen mußte, aber ich fand nichts. Gerade vor der Hausthür holte ich sie wieder ein. Ich wollte sie beim Arm nehmen, doch sie stieß mich heftig zurück, indem sie mit leiser, bebender Stimme stammelte:

– Lassen Sie mich ... lassen Sie mich ... rühren Sie mich nicht an.

Sie floh auf die Straße und warf die Thür hinter sich zu.

Ich drehte mich um. Frau Kergaran war oben am ersten Stock stehen geblieben und ich stieg langsam die Stufen hinan, auf alles gefaßt und zu allem bereit.

Das Zimmer der Wirtin stand offen. Sie ließ mich eintreten, indem sie in strengem Tone sprach:

– Ich habe mit Ihnen zu reden, Herr Kervelen.

Mit gesenktem Kopfe ging ich voraus. Sie setzte ihr Licht auf den Kamin, dann kreuzte sie die Arme über ihren mächtigen Busen, den eine seine weiße Nachtjacke nur ungenügend verhüllte:

– So Herr Kervelen, Sie sehen also mein Haus für ein öffentliches Haus an?

Stolz war ich nicht. Ich murmelte:

– Durchaus nicht, Frau Kergaran. Hören Sie mal. Sie müssen nicht so böse werden, Sie kennen doch nun mal junge Leute.

Sie antwortete:

– Ich dulde solche Kreaturen bei mir nicht, verstehen Sie. Ich werde mein Haus rein halten. Ich will, daß der Ruf meines Hauses nicht leidet, verstehen Sie? Ich ...

Wenigstens zwanzig Minuten lang ging das so weiter. Sie häufte Grund auf Grund, weshalb sie empört sein müsse, sie erdrückte mich mit der Ehrbarkeit ihres Hauses und überschüttete mich mit beißenden Vorwürfen.

Ich aber (wir Männer sind sonderbare Käuze) sah sie an statt ihr zuzuhören. Kein Wort hörte ich mehr, kein Wort. Das Frauenzimmer hatte einen wundervollen Busen. Fest, weiß und fett, vielleicht ein bißchen zu stark, aber so, daß es einen überlaufen konnte. Nie hätte ich geahnt, daß es unter dem Wollkleide der Wirtin solche Sachen gäbe. So halbangezogen sah sie zehn Jahre jünger aus. Und da war mir ganz eigen zu Sinn, ganz eigen ... wie soll ich sagen ... ganz bewegt war ich. Ich fand mich – angesichts ihrer – Plötzlich in meine vor einer Viertelstunde in meinem Zimmer unterbrochene Rolle zurück.

Und hinter ihr im Alkoven erblickte ich ihr Bett. Es war aufgedeckt, zerlegen, und die Höhlung in der Matratze deutete die Last an, die dort geruht. Und ich dachte, da drin müßte es mollig und warm sein, wärmer als in einem anderen Bett. Warum wärmer? Was weiß ich, jedenfalls wegen des mächtigen Körpers, der dort gelegen.

Giebt es etwas Aufregenderes und Netteres als ein eben verlassenes Bett? Das reizte mich von weitem, daß mir's über den Rücken lief.

Immer sprach sie weiter, nun leise, wie eine strenge, aber wohlwollende Freundin, die gern vergeben will.

Ich stammelte:

– Ach Frau Kergaran ... seien Sie gut ... seien Sie gut...

Und als sie schwieg, um meine Antwort zu erwarten, nahm ich sie in beide Arme und schmatzte sie ab, wie ein Verhungerter, wie einer der lange schon darauf gewartet hat.

Sie wehrte sich, wandte den Kopf ab, ohne allzu böse zu werden, indem sie ihre gewöhnliche Redensart wiederholte:

– So 'n Aas ... nein, so 'n Aas, so 'n Aas ...

Sie konnte nicht weiter reden, denn ich hatte sie in die Höhe gehoben und schleppte sie fort, indem ich sie an mich preßte. Man hat höllische Kräfte in gewissen Augenblicken.

Ich kam an den Rand des Bettes und wir fielen darauf, ohne daß ich sie los ließ ...

In ihrem Bett war's in der That sehr mollig und warm.

Eine Stunde darauf ging das Licht aus und die Wirtin stand auf um ein anderes anzuzünden. Als sie wiederkam, sich neben mich zu betten, als sie ihr rundes, dickes Bein hineinschob, sagte sie schmeichelnd, befriedigt, und dankbar vielleicht:

– So 'n Aas! So 'n Aas!

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