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Die Schwestern Rondoli

Guy de Maupassant: Die Schwestern Rondoli - Kapitel 16
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleDie Schwestern Rondoli
seriesGesammelte Werke
volume2
publisherEgon Fleischel & Co.
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
year1911
firstpub1911
senderwww.gaga.net
created20051214
projectid28a807f6
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Châli

Der Admiral de la Vallée saß in seinem Stuhl, als ob er schliefe. Nun sprach er und seine Stimme klang wie die einer alten Frau:

– Ich habe einmal eine kleine, sehr wunderliche Liebesgeschichte erlebt. Wollen Sie sie hören?

Und er erzählte von seinem tiefen, breiten Lehnstuhl aus, ohne sich zu bewegen, ein stehendes Lächeln auf den Lippen, ein Voltairelächeln, das ihm den Ruf eines großen Zweiflers eingetragen.

I

Ich war damals dreißig Jahre alt und war Leutnant zur See. Da wurde ich behufs astronomischer Beobachtungen nach Central-Indien befehligt. Die englische Regierung unterstützte mich in jeder Weise und bald trat ich mit einigen Begleitern meine Reise in dieses fremde Wunderland an.

Wenn ich Ihnen diese Reise erzählen wollte, würde ich tagelang zu reden haben. Ich durchzog wahre Zauberländer und ward von übermenschlich schönen Herrschern empfangen, die eine Hofhaltung führten von fabelhafter Pracht. Zwei Monate lang war mir zu Sinn, als befände ich mich immerfort im Traum und durchstreifte auf Zauberelefanten ein Feen-Königreich. Mitten in fantastischen Wäldern stießen wir auf wundervolle Ruinen, fanden in traumhaft schönen Städten Denkmäler, feingearbeitet wie aus Edelstein, leicht wie feine Spitzen und dabei doch wie Berge so groß. Es waren heilige, mächtige Monumente von solcher Formenschönheit, daß man sich in sie hätte verlieben können wie in eine Frau. Kurz, um Victor Hugo's Wort zu brauchen: »ich schritt im wachen Traum.«

Endlich kam ich an's Ziel meiner Reise, in die Stadt Ganhara. Einst eine der blühendsten Indiens, war sie heute sehr zerfallen und von einem reichen, heftigen, großmütigen und grausamen Fürsten beherrscht, dem Rajah Maddan. Er war der richtige orientalische Despot, zartfühlend und barbarisch, leutselig und blutdürstig zugleich, dabei von weiblicher Anmut und doch von unerbittlicher Wildheit.

Die Stadt liegt tief im Thal an einem kleinen See, in dessen Fluten ganze Reihen von Pagoden ihre Mauern spiegeln.

Von weitem gleicht die Stadt einem weißen Fleck, der immer größer wird, je näher man kommt. Allmählich entdeckt man Kuppeln, Türmchen, Minarets, kurz alle die schlanken Spitzen schöner indischer Denkmäler.

Etwa eine Stunde Weges vor dem Thore kam mir ein prachtvoll aufgezäumter Elefant mit einer Ehreneskorte entgegen, die mir der Herrscher schickte. Und in feierlichem Zuge ward ich zum Palaste geführt.

Ich wollte mich erst festlich kleiden, aber die königliche Ungeduld litt es nicht. Erst wollte man wissen, weß Geistes Kind ich sei, um danach beurteilen zu können, welchen Unterhaltungsstoff ich böte. Das Andere würde sich schon finden.

Ich wurde inmitten bronzefarbener Soldaten, die glitzernde Uniformen trugen, in einen großen, gallerienumgebenen Saal geführt. Dort standen eine Menge Menschen in prächtigen Kleidern, besäet mit Edelsteinen.

Auf einer Bank – die unsern Gartenbänken ohne Lehne ähnlich sah, jedoch mit einem prachtvollen Teppich überdeckt war, gewahrte ich eine leuchtende Gestalt sitzen, etwas Sonnengleiches. Es war der Rajah, in gelbem Gewand, in unbeweglicher Haltung. Er trug an sich Diamanten im Werte von zehn oder fünfzehn Millionen, und auf seiner Stirn glänzte in einsamer Pracht der wunderbare »Stern von Delhi«, der immer im Besitz der berühmten Dynastie der Parihara von Mundore gewesen ist, deren Abkömmling mein Gastgeber war.

Er war ein junger Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren, der Negerblut in den Adern zu haben schien, obgleich er der reinsten Rasse der Hindu angehörte. Er hatte große starre Augen, vorspringende Backenknochen, wulstige Lippen, gelockten Bart, niedrige Stirn und spitze, glänzende Zähne, die er oft in mechanischem Lächeln zeigte.

Er stand auf und gab mir nach englischer Sitte die Hand. Dann hieß er mich niedersetzen an seiner Seite auf der Bank, die so hoch war, daß die Füße kaum den Boden berührten. Bequem war das gerade nicht.

Und sofort schlug er mir für den folgenden Tag eine Tigerjagd vor. Jagd und Fechterkämpfe waren seine Hauptbeschäftigung und er verstand kaum, daß man sich auch für andere Dinge interessieren könnte. Offenbar meinte er, ich sei von so weit her nur zu seiner Zerstreuung gekommen und zur Teilnahme an seinen Vergnügungen. –

Da ich seiner bedurfte, so suchte ich seinen Neigungen zu schmeicheln. Und er war so befriedigt von mir, daß er mir sofort einen Fechterkampf zeigen wollte. Ich mußte ihm zu einer Art von Arena folgen, die im Innern des Palastes lag.

Auf seinen Befehl erschienen zwei nackte, braune Männer mit stählernen Krallen an den Händen. Sofort stürzten sie sich aufeinander, um sich mit der scharfen Waffe lange Wunden beizubringen, aus denen das Blut troff.

Eine Weile kämpften sie so. Ihre Körper waren bald nur noch eine Wunde, aber die Kämpfer zerfleischten sich weiter mit diesen rechenartigen, scharfen Messern. Einer hatte eine gespaltene Wange, des Anderen Ohr hing in drei Fetzen herab.

Der Fürst sah mit wilder Leidenschaft zu. Er zitterte vor Wonne, stieß ein Freudengeheul aus und folgte unwillkürlich mit seinen Bewegungen allen Bewegungen der Kämpfer, indem er immerfort rief: »Feste! Los doch!«

Der eine Fechter fiel besinnungslos zu Boden. Er mußte aus der Arena getragen werden, die rot war vom Blut, und dem Rajah entfuhr ein Laut des Bedauerns, daß es schon aus wäre.

Dann wandte er sich zu mir, um meine Ansicht zu hören. Ich war empört, aber ich fand es prachtvoll. Und sofort befahl er, mich zum Couch-Mahal (Palast der Lust) zu führen, wo ich wohnen sollte.

Durch die Wundergärten ging es zu meiner Residenz. Die ganze eine Front dieses Palastes, eines wahren Kleinodes, das am Ende des königlichen Parkes lag, ward von den Fluten des heiligen Sees von Vihara bespült. Das Gebäude war viereckig. Nach allen Seiten hin lagen drei Reihen von Gallerien übereinander, deren Säulengänge wunderbare Arbeit zeigten. An jeder Ecke erhoben sich Türmchen, leicht, hoch, niedrig, allein oder paarweise, von ungleicher Stärke und verschiedenem Aussehn. Alle waren sie mit wunderlichen Dächern gekrönt, als trügen sie kokette Frisuren.

In der Mitte des Palastes erhob sich eine mächtige Kuppel, auf der ein reizendes, schlankes, durchbrochenes Glockentürmchen stand, dessen länglich-runde Spitze gleich einem marmorweißen Busen zum Himmel ragte.

Und das ganze Gebäude war von oben bis unten mit Skulpturen bedeckt: feine Arabesken, die den Blick berauschten, lange starre Züge von zartgeformten Figuren, deren steinerne Leiber indische Sitte und Art darstellten.

In die Zimmer fiel das Licht durch gezackte Bogenfenster, die nach den Gärten zu lagen. Der Fußboden zeigte liebliche Blumensträuße eingelegt aus Onyx, Achat und Lapis Lazuli.

Kaum war ich mit umziehen fertig, als auch schon ein Würdenträger erschien, Haribadada mit Namen, dem der Verkehr zwischen dem Fürsten und mir anvertraut worden. Er meldete mir den Besuch seines Herrschers.

Und der gelbgekleidete Rajah erschien. Er drückte mir wieder die Hand und erzählte mir tausend Dinge, wobei er immerfort meine Ansicht wissen wollte, die ich ihm nur mit Mühe auseinandersetzen konnte. Dann wollte er mir die Ruinen des alten Palastes zeigen, am anderen Ende der Gärten.

Die Ruinen waren ausgedehnt wie ein steinerner Wald, den ein ganzes Volk von Affen bewohnte. Als wir uns nahten, kletterten die Männchen an der Mauer hinan und schnitten dazu fürchterliche Gesichter. Die Weibchen liefen davon, die Jungen im Arm. Der König lachte wie toll und kniff mich in die Schulter, um mir sein Vergnügen zu bezeugen. Dann setzte er sich mitten unter die Trümmer, während rund um uns herum auf allen Vorsprüngen und Mauern eine Menge Affen saßen, mit weißem Backenbart, die uns die Zunge herausstreckten und uns mit der Faust drohten.

Als der gelbe Herrscher sich genug unterhalten hatte, stand er auf und schritt würdevoll dahin, ich immer an seiner Seite. Er schien sich zu freuen, daß er mir solche Dinge gleich am ersten Tage meiner Ankunft hatte zeigen können und erinnerte mich noch einmal daran, daß morgen mir zu Ehren eine Tigerjagd stattfinden würde.

Ich machte nicht nur diese Jagd mit, sondern zwei, drei, zehn, zwanzig hintereinander. Allen Tieren des Landes stellten wir nach: Panther, Bär, Elefant, Antilope, Flußpferd, Krokodil, kurz allem, was da fleucht und kreucht. Ich war dieses fortwährenden Blutvergießens bald überdrüssig geworden. Es war ja immer wieder dasselbe.

Endlich ließ des Fürsten Jagdwut etwas nach und er gönnte mir auf meine Bitte etwas Muße zur Arbeit. Jetzt begnügte er sich damit, mich mit Geschenken zu überschütten. Er schickte mir Edelsteine, kostbare Stoffe und abgerichtete Tiere, die mir Haribadada scheinbar mit großer Ehrfurcht übermittelte, als ob ich die Sonne selbst gewesen wäre – obgleich er mich im stillen verachtete. Täglich brachte mir ein ganzer Zug Diener in bedeckten Schüsseln etwas von jeder Speise des königlichen Menüs. Jeden Tag mußte ich erscheinen und mit größtem Vergnügen irgend eine Festlichkeit mitmachen, die mir zu Ehren ersonnen: Bajaderentänze, Gauklerkünste, Truppenrevuen, kurz alles, was nur ein gastfreier Rajah erfinden kann um sein wunderbares Land in all seinem Reiz und all seinem Glanze zu zeigen.

Sobald man mich ein wenig allein ließ, arbeitete ich oder sah den Affen zu, deren Gesellschaft mir bedeutend mehr Spaß machte als die des Königs.

Aber als ich eines Abends von einem Spaziergange heimkehrte, fand ich vor dem Thore meines Palastes Haribadada, der mir mit feierlicher Miene in rätselhaften Worten mitteilte, daß ein Geschenk des Herrschers mich in meinen Räumen erwarte. Dabei sagte er, sein Herr ließe um Entschuldigung bitten, nicht eher an etwas gedacht zu haben, das mir gewiß gefehlt hätte.

Nach dieser dunklen Rede verbeugte sich der Abgesandte und ging.

Ich trat ein und gewahrte an der Wand sechs kleine Mädchen, der Größe nach nebeneinander aufgestellt, die unbeweglich dastanden. Die älteste mochte etwa acht Jahr zählen, die jüngste sechs. Im ersten Augenblick begriff ich nicht, wozu man mir dieses Pensionat geschickt. Dann erriet ich aber die zarte Aufmerksamkeit des Fürsten. Er sandte mir einen Harem. Er hatte ganz junge Mädchen ausgesucht, weil dort der Grundsatz gilt, daß die unreifen Früchte am besten schmecken.

Und ich blieb ganz betreten, verwirrt und beschämt vor diesen Würmern stehen, die mich mit ihren ernsten Augen anblickten, als wüßten sie schon, was ich von ihnen verlangen würde.

Ich wußte mit ihnen nichts zu reden und hatte eigentlich Lust, sie wieder fortzuschicken. Aber einem Herrscher giebt man ein Geschenk nicht zurück. Das wäre eine tötliche Beleidigung gewesen. Ich mußte diese ganze Herde Kinder also bei mir behalten und unterbringen.

Sie blieben stehen, starrten mich immerfort an, als warteten sie auf meinen Befehl und suchten in meinen Blicken zu lesen. Ach das verdammte Geschenk. Es störte mich zu sehr! Endlich kam ich mir selbst albern vor und fragte die größte:

– Wie heißt Du?

– Châli!

Das Mädchen war ein kleines Wunder mit seinen länglichen, ernsten Zügen und seinem gelblichen Teint wie eine Elfenbeinfigur.

Da sagte ich, um zu sehen was sie antworten würde, vielleicht setzte ich sie damit in Verlegenheit:

– Wozu bist Du hier?

Sie antwortete mit weicher, wohllautender Stimme:

– Ich bin hier, um alles zu thun, was Du befiehlst, mein Gebieter!

Das Mädel war eingeweiht. Und ich stellte der jüngsten die gleiche Frage, die sofort mit etwas hellerem Tone beantwortet wurde:

– Ich bin hier, um zu thun, was Du wünschst, mein Gebieter!

Sie sah aus wie eine kleine Maus – ganz reizend. Ich nahm sie in den Arm und küßte sie. Die anderen machten Miene zu gehen. Sie dachten gewiß, ich hätte meine Wahl getroffen. Aber ich befahl ihnen zu bleiben, setzte mich auf indische Art und ließ sie gleichfalls um mich herum im Kreise Platz nehmen. Dann begann ich, ihnen ein Märchen zu erzählen, denn ich war ihrer Sprache so ziemlich mächtig.

Sie hörten aufmerksam zu, schraken zusammen, zitterten bei einzelnen Stellen und gestikulierten hin und her. Die armen Kleinen dachten kaum mehr an den Grund, der sie hergeführt. Als mein Märchen zu Ende war, rief ich meinen vertrauten Diener Latchmân und ließ Zuckersachen und Kuchen bringen. Davon aßen sie zum Krankwerden. Mich amüsierte die ganze Geschichte und ich begann mit meinen Frauen zu spielen. Vor allem eins machte großen Effekt: wenn ich mich breitbeinig hinstellte und meine sechs Würmer wie unter einem Brückenbogen hindurchliefen. Die jüngste fing an und die größte stieß sich immer, weil sie sich nicht genug bückte. Dann lachten sie zum Taubwerden und die Kinderstimmen weckten in meinem Prunkpalaste ein kindlich heiteres Echo.

Dann sorgte ich dafür, das Schlafzimmer für meine unschuldigen Frauen herzurichten. Ich ließ sie unter der Obhut von vier Dienerinnen, die mir der Rajah zur Bedienung meiner Sultaninnen geschickt.

Acht Tage lang unterhielt ich mich köstlich damit, meinen Püppchen Lehrer zu sein. Wir spielten Verstecken, Katze und Maus und sie wußten sich vor Wonne nicht zu lassen, denn ich zeigte ihnen täglich ein neues ungekanntes Spiel. Jetzt sah meine Wohnung wie eine Schulstube aus und meine kleinen Freundinnen eilten in ihren wundervollen Seidenkleidern aus gold- und silbergestickten Stoffen wie kleine menschliche Tierchen durch die langen Gallerien und stillen Säle, in die gedämpft das Licht durch die Fensterbogen fiel.

Da ward eines Abends, ich weiß nicht wie es kam, die größte, die Châli hieß und einer Elfenbeinfigur glich – wirklich meine Frau. Es war ein süßes, kleines Wesen, mild, schüchtern und heiter, die bald glühend an mir hing. Und auch ich empfand seltsame Neigung zu ihr, untermischt mit leiser Scham, mit einer Art Angst vor europäischem Gesetz, mit Zurückhaltung, Zweifeln und doch mit leidenschaftlich-sinnlicher Zärtlichkeit. Ich liebte sie wie ein Vater und liebkoste sie wie ein Mann ...

Verzeihung meine Damen, aber ...

Die anderen spielten in dem Palaste weiter wie junge Kätzchen. Châli aber verließ mich nur, wenn ich zum Rajah mußte. Köstliche Stunden verlebten wir miteinander in den Ruinen, wo wir uns mit den Affen angefreundet hatten. Sie legte sich auf meinen Schoß und dachte in ihrem kleinen Sphinxköpfchen an tausend Dinge, oder an nichts, immer in jenen schönen Stellungen, gleich heiligen Bildwerken, wie sie diesen edlen träumerischen Völkerschaften eigen sind.

Ich hatte auf großer Bronzeschüssel Kuchen und Früchte aufgebaut. Allmählich wurden die Affen zutraulich und näherten sich uns, von den scheuen Jungen gefolgt. Dann setzten sie sich im Kreise um uns herum. Sie wagten sich nicht näher und warteten, daß ich die Leckerbissen verteilen sollte.

Dann kam fast immer ein besonders kühnes Männchen bis zu uns und streckte uns wie ein Bettler die Hand entgegen. Ich gab ihm etwas, das er dem Weibchen brachte. Und alle anderen fingen an zu schreien, vor Wut und Eifersucht, so daß ich dem gräßlichen Spektakel erst dadurch ein Ende machen konnte, daß ich jedem sein Teil hinwarf.

Da ich mich in diesen Ruinen sehr wohl befand, wollte ich meine Instrumente dorthin bringen um zu arbeiten. Aber sobald die Affen die Metallteile der Meßinstrumente sahen, flohen sie unter gräßlichem Geschrei nach allen Seiten. Sie hielten die Dinge wahrscheinlich für Mordwerkzeuge.

Oft verbrachte ich die Abende mit Châli auf einer der außen herumlaufenden Gallerien, die über dem See von Vihara lagen. Ohne ein Wort zu sprechen betrachtete sie die glänzende Mondscheibe, die über den Himmel glitt und ihren silbernen Strahlenmantel auf's Wasser warf. Und drüben am anderen Ufer sahen wir Pagoden Reihe an Reihe wie winzige Pilze, aus den Fluten geschossen. Dann nahm ich das ernste Angesicht meiner kleinen Geliebten in den Arm, und küßte lange und langsam ihre glatte Stirn, ihre großen Rätselaugen, ihre stummen Lippen, die sich öffneten unter meinen Küssen. Und ein wundersames Gefühl beschlich mich, gewaltig, poetisch, das Gefühl, daß ich in diesem kleinen Mädchen ein ganzes Volk umfaßte, dieses rätselhafte Volk, dem wohl alle anderen entsprossen sind.

Währenddessen überschüttete mich der Rajah mit Geschenken. Eines Tages schickte er mir etwas ganz Unerwartetes, das Châlis leidenschaftliche Bewunderung erregte. Es war eine jener einfachen, gewöhnlichen Pappschachteln, die man bei uns außen mit allerlei Muscheln beklebt. In Frankreich hätte das Ding höchstens zwei Franken gekostet. Aber hier schien der Preis unschätzbar zu sein. Wahrscheinlich war es das erste, das bis in dieses Königreich gedrungen.

Ich stellte es auf ein Möbel und ließ es dort, indem ich über die Wichtigkeit lachen mußte, die hier diesem häßlichen Bazarstück zugeschrieben ward.

Aber Châli konnte es nicht genug betrachten und bewundern. Ab und zu fragte sie mich: »Erlaubst Du, daß ich's anfasse?« Und wenn ich es erlaubt hatte, hob sie den Deckel ab, setzte ihn mit äußerster Vorsicht wieder auf, streichelte mit ihren zarten Fingern leise die kleinen Muschelchen und diese Berührung schon allein schien sie überselig zu machen.

Doch meine Arbeiten waren erledigt und ich mußte fort. Lange brauchte ich zum Entschluß, weil mich die Neigung für meine kleine Freundin festhielt. Endlich mußte ich mich in mein Schicksal fügen.

Der Rajah war außer sich. Er veranstaltete neue Jagden und neue Fechterkämpfe. Aber nachdem so vierzehn Tage verstrichen, erklärte ich, daß ich nicht länger bleiben könne und er ließ mich frei.

Châlis Abschied war herzzerreißend. Sie weinte an meiner Brust in heißem Schmerz. Ich wußte nicht, wie ich sie trösten sollte, denn alle meine Küsse waren umsonst. Plötzlich fiel mir etwas ein. Ich stand auf, holte die Schachtel mit den Muscheln und gab sie ihr:

– Das ist für Dich. Dein Eigentum!

Zuerst lachte sie, dann verklärte sich ihr Antlitz von innerlicher Freude, als ob ihr ein Wunsch in Erfüllung gegangen, den sie für unmöglich gehalten. Und sie küßte mich wie rasend. Aber trotzdem vergoß sie heiße Thränen beim Abschied.

Wie ein Vater umarmte ich alle meine anderen kleinen Frauen, schenkte ihnen Kuchen und ging.

II

Zwei Jahre waren verflossen. Da führte mich mein Seemannsschicksal nach Bombay zurück. Durch unvorhergesehene Umstände wurde ich mit einer neuen Sendung betraut, die gerade mir zu Teil ward, weil ich Land und Leute kannte. Ich erledigte meine Geschäfte so schnell als möglich und da mir noch drei Monate freie Zeit übrig blieben, beschloß ich, meinem Freunde, dem Könige von Ganhara und meiner lieben kleinen Frau Châli, die sich wohl sehr verändert haben würde, einen Besuch abzustatten.

Der Rajah Maddan empfing mich mit unbändiger Freude. Er ließ vor mir drei Fechter fallen und während des ersten Tages behielt ich nicht eine Sekunde für mich. Abends endlich war ich frei. Ich rief Haribadada und stellte ihm eine Reihe gleichgültiger Fragen, um ihn hinter's Licht zu führen. Endlich fragte ich ihn:

– Und weißt Du, was aus der kleinen Châli geworden ist, die mir der Rajah geschenkt hatte?

Er nahm eine traurige Miene an, als sei ihm die Frage peinlich und antwortete verlegen:

– Wir wollen lieber nicht von ihr reden!

– Warum denn? Sie war eine reizende kleine Frau!

– Es ist schlecht abgelaufen mit ihr, Herr.

– Wieso? Châli? Was ist aus ihr geworden? Wo ist sie denn?

– Ich meine, sie hat ein böses Ende genommen.

– Böses Ende? Ist sie tot?

– Ja, Herr. Sie hatte eine üble Handlung begangen.

Ich war bewegt. Mein Herz schlug und ich fühlte, wie sich mir die Brust zusammenschnürte. Ich fragte wieder:

– Eine üble Handlung? Was hat sie denn gethan? Was ist mit ihr geschehen?

Er murmelte, immer verlegener werdend:

– Frage lieber nicht.

– Doch. Ich will's wissen!

– Sie hat gestohlen.

– Was, Châli? Wen hat sie denn bestohlen?

– Dich, Herr.

– Mich? Wieso denn?

– Sie hat Dich bestohlen am Tage der Abreise. Das Kästchen hat sie gestohlen, das der König Dir verehrt. Man hat's bei ihr gefunden.

– Welches Kästchen?

– Das Kästchen mit den Muscheln!

– Aber das hatte ich ihr geschenkt.

Der Indier blickte mich entsetzt an und gab zurück:

– Ja! Sie hat allerdings mit allen heiligen Eiden geschworen, daß Du ihr's geschenkt. Aber wir konnten nicht glauben, daß Du einer Sklavin ein Geschenk des Königs hättest geben können. Und der Rajah hat sie bestrafen lassen.

– Wieso bestrafen? Was hat man ihr gethan?

– Man hat sie in einen Sack gesteckt, Herr, und sie in den See geworfen. Von diesem Fenster aus, wo wir stehen, aus dem Zimmer, wo sie den Diebstahl begangen hat.

Der wildeste Schmerz durchzuckte mich, der mich je getroffen, und ich gab Haribadada ein Zeichen, sich zu entfernen. Er sollte mich nicht weinen sehen.

Und die Nacht blieb ich auf der Gallerie am See, auf der Gallerie, wo ich das arme Kind so oft auf den Knieen gehalten. Und ich dachte daran, daß das Skelett seines nun schon verfallenen kleinen Körpers dort unter mir in einem zugeknüpften Sack auf dem Grunde des schwarzen Wassers lag, des Wassers auf dem einst so oft unserer beider Blicke geruht.

Am anderen Tage reiste ich trotz der Bitten und des großen Kummers des Rajahs ab.

Und nun glaube ich, daß ich nie eine andere Frau geliebt habe als – Châli.

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