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Die Schwestern Rondoli

Guy de Maupassant: Die Schwestern Rondoli - Kapitel 14
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleDie Schwestern Rondoli
seriesGesammelte Werke
volume2
publisherEgon Fleischel & Co.
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
year1911
firstpub1911
senderwww.gaga.net
created20051214
projectid28a807f6
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Die Begegnung

Es kam rein durch Zufall. Baron d'Étraille war an jenem Gesellschaftsabend bei der Prinzessin müde vom langen Herumstehen. Da alle Thüren offen standen, so trat er in das menschenleere, halbdunkle Schlafzimmer am Ende der Flucht erleuchteter Zimmer. Er meinte, seine Frau würde das Fest doch nicht gern vor Tagesanbruch verlassen wollen, und suchte nun irgend einen Stuhl um ein wenig einzunicken. Von der Schwelle aus erblickte er das große himmelblaue Bett mit den eingewebten goldenen Blumen, das mitten in dem weiten Raume stand wie ein Katafalk, darauf man die Liebe beigesetzt. Denn die Prinzessin war nicht mehr jung. Aus dem Baldachin des Himmelbettes leuchtete eine große helle Fläche, wie ein See, den man durch ein hohes Fenster sieht. Es war der diesige Spiegel, der verschwiegen von dunklen Zuggardinen umrahmt war, die man manchmal schloß, die man einstmals oft geöffnet hatte. Und der Spiegel schien die Lagerstatt, seine Mitschuldige, zu betrachten. Es war, als ob er Erinnerungen festhielte, wie alte Schlösser, in denen es umgeht, als gewahrte man noch auf seiner glatten, leeren Fläche einen reizenden Frauenleib mit sehnsüchtig geöffneten Armen.

Der Baron war lächelnd, leise bewegt, an der Schwelle dieses Zimmers der Liebe stehen geblieben. Aber plötzlich erschien etwas im Spiegel, als ob beschworene Geister vor ihm aufgestanden. Ein Herr und eine Dame, die auf einem niedrigen Sopha im Dunkel gesessen, hatten sich erhoben. Das spiegelnde Glas warf ihre Bilder zurück, wie sie nebeneinander standen und sich den Abschiedskuß gaben.

Der Baron erkannte seine Frau und den Marquis von Cervigné. Er machte kehrt und ging mit größter Selbstbeherrschung ruhig hinaus. Dann wartete er, bis das Fest zu Ende war und brachte seine Frau nach Haus. An Schlaf dachte er nicht mehr.

Sobald er mit ihr allein war, sagte er:

– Ich habe Dich vorhin im Schlafzimmer der Prinzessin gesehen. Mehr brauche ich ja nicht zu sagen. Vorwürfe, oder gar Gewalt, oder die Blamage, das ist mir alles gleich fatal. Das wollen wir vermeiden. Wir werden uns also ohne Aufsehen zu erregen, trennen. Die geschäftlichen Fragen zwischen uns werde ich ordnen lassen. Du kannst als getrennt lebende Frau, wenn Du mein Haus verlassen hast, leben wie Du willst, aber eines sage ich Dir im voraus: ich muß Dich bitten, allen Skandal zu vermeiden, da Du meinen Namen weiter trägst. Sollte dies nicht geschehen, so würde ich mich genötigt sehen einzuschreiten.

Sie wollte etwas erwidern, aber er ließ sie gar nicht zu Worte kommen, machte ihr eine Verbeugung und ging. Eigentlich war er mehr erstaunt und traurig als gerade sehr unglücklich. Er hatte sie während der ersten Jahre ihrer Ehe sehr lieb gehabt. Die erste Glut hatte sich allmählich gelegt und nun war er ab und zu auf Seitenwegen, bald beim Theater, bald in der Gesellschaft. Daneben behielt er eine gewisse Zuneigung für seine Frau.

Sie war sehr jung, kaum vierundzwanzig Jahr, klein, sehr blond und mager – sehr mager. Sie war die richtige Pariser Puppe, zart, verwöhnt, elegant, kokett, ziemlich geistreich. Im ganzen mehr nett als gerade schön. Er sagte seinem Bruder einmal unter vier Augen:

– Meine Frau ist reizend, anziehend, nur ... man hat nichts in der Hand. Wie so 'n Glas Sekt in dem eigentlich nur Schaum ist. Wenn man's geleert hat, hat's zwar ganz gut geschmeckt, aber es war zu wenig drin!

Aufgeregt und tausend Gedanken im Kopf, lief er in seinem Zimmer auf und ab. Manchmal überkam ihn die Wut, und die Lust, dem Marquis ein Paar Rippen einzuschlagen oder ihn öffentlich im Klub zu ohrfeigen. Dann sah er ein, daß das Unsinn war, daß er nicht seinen Gegner, sondern höchstens sich selbst lächerlich machen würde, und daß seine Wut mehr von gekränkter Eitelkeit komme als von gebrochenem Herzen. Er ging zu Bett, fand aber keinen Schlaf.

Einige Tage darauf hieß es in Paris, daß sich Baron und Baronin d'Étraille in Frieden getrennt, weil sie sich gegenseitig nicht vertragen könnten. Niemand schöpfte einen Verdacht, niemand war erstaunt, und es gab kein Gerede. Aber der Baron wollte etwaigen peinlichen Begegnungen ausweichen und ging deshalb ein Jahr auf Reisen, dann brachte er den folgenden Sommer im Seebade zu, den Herbst auf der Jagd und kehrte erst im Winter nach Paris zurück. Seine Frau traf er kein einziges Mal.

Er wußte, daß man ihr nichts nachsagte. Sie schien also wenigstens Schein und Anstand zu wahren. Mehr verlangte er nicht.

Er langweilte sich, reiste wieder, dann richtete er sein Schloß Villebosc neu ein. Das kostete abermals zwei Jahre. Dann lud er seine Freunde dorthin ein, was ihn von neuem wenigstens fünfviertel Jahr in Anspruch nahm. Dann langweilte ihn auch das und er bezog wieder in Paris sein »Hotel« in der Rue de Lille, gerade sechs Jahre nach der Trennung.

Nun war er fünfundvierzig Jahre alt, hatte schon eine Menge weißer Haare, war ein bißchen dick geworden und jene Melancholie der Leute war über ihn gekommen, die einst schön, gefeiert gewesen sind, eine Rolle gespielt haben und nun täglich mehr verlieren.

Als er schon wieder einen Monat in Paris war, erkältete er sich einmal beim Heimwege aus dem Klub und begann zu hüsteln. Sein Arzt riet ihm, den Rest des Winters in Nizza zuzubringen.

Eines Montags abends reiste er mit dem Schnellzuge ab.

Da er die Zeit verpaßt hatte, kam er knapp noch mit dem Zuge mit, riß ein Coupé auf und fand noch eben Platz. Auf dem Rücksitze saß schon jemand, dermaßen in Pelze und Mäntel vermummt, daß er nicht einmal erraten konnte, ob es ein Herr oder eine Dame wäre. Man konnte nichts unterscheiden, als ein großes Kleiderbündel. Als der Baron merkte, daß sich sein Gegenüber nicht rührte, machte er es sich nun auch seinerseits bequem, setzte die Reisemütze auf, wickelte sich in seine Decken, streckte sich aus und schlief.

Gegen Morgen wachte er auf und schaute sofort nach seinem Reisegefährten. Dieser hatte sich die ganze Nacht nicht von der Stelle gerührt und schien noch immer fest zu schlafen.

Baron d'Étraille benutzte diesen Umstand, um etwas Toilette zu machen. Er bürstete Haar und Bart, daß er wieder menschlich aussähe, denn die Nachtruhe pflegt einen sehr zu verändern, besonders wenn man nicht mehr ganz jung ist.

Wenn man jung ist erwacht man frisch, mit strahlenden Augen, wenn man älter wird ist das Erwachen anders. Dann ist das Auge matt, der Mund dick, die Wangen sind rot und geschwollen. Und dann geben einem die unordentlichen Haare und der ungepflegte Bart ein müdes, altes Aussehen.

Der Baron hatte sein Reisenecessaire hervorgezogen und brachte sein Äußeres mit der Bürste in Ordnung. Dann wartete er.

Der Zug pfiff und hielt. Der Nachbar bewegte sich. Wahrscheinlich war er aufgewacht. Der Zug fuhr weiter. Ein schräger Sonnenstrahl fiel herein, gerade auf den Schläfer, der sich wieder bewegte und mit dem Kopfe hin und her fuhr, wie ein Küken, das die Eierschalen abwirft: Dann zeigte er ruhig sein Gesicht.

Es war eine junge, blonde, frische Frau. Sehr hübsch und rund. Sie richtete sich auf.

Der Baron sah sie ganz erstaunt an. Er traute seinen Augen nicht, denn er hätte schwören mögen, daß es – seine Frau war. Aber fabelhaft verändert – und zwar zu ihrem Vorteil, stärker geworden, oh stärker geworden so viel wie er – nur stand es ihr besser als ihm.

Sie blickte ihn ruhig an, schien ihn nicht zu erkennen und schälte sich ruhig aus ihren Vermummungen aus.

Sie hatte die Gelassenheit einer Frau, die ihrer sicher ist, und schien sich gar nicht geniert zu fühlen beim Erwachen, im Vertrauen auf ihre Schönheit und Frische.

Der Baron verlor wahrhaftig den Kopf.

War das seine Frau? Oder eine andere, die ihr ähnlich sah wie eine Schwester. Sechs Jahre lang hatte er sie nicht gesehen! Er konnte sich täuschen!

Sie gähnte. An der Art und Weise, wie sie es that, meinte er sie bestimmt zu erkennen. Aber da wandte sie sich wieder gegen ihn und ließ einen ruhigen, gleichgültigen Blick über ihn hinweggleiten, zum Fenster hinaus.

Er war ganz paff und fixierte sie fortwährend von der Seite.

Aber es war wahrhaftig seine Frau! Wie konnte er auch nur einen Augenblick im Zweifel sein. Die Nase gab's nicht zwei Mal! An tausend Dinge mußte er wieder denken, an zärtliche Stunden, kleine Einzelheiten ihres Körpers, ein Schönheitsfleckchen auf der Hüfte, ein anderes gegenüber auf dem Rücken. Wie oft hatte er sie geküßt. Alte Leidenschaft kam über ihn, als er an ihren Duft wieder dachte, an ihr Lächeln, wenn sie ihn umarmt, an den süßen Klang ihrer Stimme, an all ihr reizendes, kleines Gethue.

Aber wie sie verändert war und schöner geworden! Sie war es, und war es doch nicht! Er fand sie reifer, fertiger, mehr Weib geworden, verlockender und begehrenswerter denn je.

Also diese fremde Dame, diese Unbekannte, die er zufällig in der Eisenbahn traf, gehörte ihm nach dem Gesetz. Er brauchte nur: »ich will« zu sagen.

Einst hatte er an ihrer Seite geruht, von ihren Armen umschlungen. Nun fand er sie so verändert, daß er sie kaum wiedererkannte. Es war eine andere und doch war sie's. Es war eine andere, die, seit er sie verlassen, sich erst entwickelt und geformt. Und sie war es, die er besessen. Er fand ihr Sich-geben wieder, nur etwas verändert, die Züge charaktervoller geworden, ihr Lächeln weniger affektiert und ihre Bewegungen bestimmter. Es waren zwei Frauen in einer: neues, mit altem einst geliebten, gemischt. Ein Eignes, Verwirrendes, Erregendes lag darin, eine Art Mysterium der Liebe. Seine Frau war's in einem neuen Leibe, den seine Lippen noch nicht berührt.

Und er dachte daran, wie allerdings in sechs Jahren alles in uns neu wird. Nur die Umrisse bleiben und auch sie verwischen sich bisweilen.

Blut, Haar, Haut, alles erneut sich, alles bildet sich um. Und wenn man sich lange Zeit hindurch nicht gesehen hat, findet man ein anderes ganz anderes Wesen wieder, wenn's auch dasselbe geblieben und den gleichen Namen behalten.

Und auch das Herz, die Gedanken wandeln sich um, sodaß wir im Laufe von vierzig Jahren, durch langsame, stete Veränderung vier oder fünf ganz neue, verschiedene Wesen werden können.

Er dachte nach, bewegt in tiefster Seele. Plötzlich erinnerte er sich wieder jenes Abends als er sie im Zimmer der Prinzessin überrascht. Er ward nicht zornig. Die Frau vor ihm war ja das magere lebhafte Püppchen von damals nicht mehr.

Was sollte er thun? Wie mit ihr reden? Was sagen? Ob sie ihn wohl erkannt hatte? Wieder hielt der Zug. Der Baron erhob sich, grüßte und sprach:

– Bertha ... brauchst Du etwas? Kann ich Dir etwas holen?

Sie blickte ihn an von oben bis unten und antwortete ohne Staunen, ohne Verlegenheit, ohne Ärger, mit ruhiger Gleichgültigkeit:

– Nein – nichts – danke!

Er stieg aus und that auf dem Bahnsteig ein paar Schritte hin und her, als wollte er nach einem Sturz die steifen Glieder etwas in Bewegung bringen. Was sollte er jetzt anfangen? Das Coupé wechseln? Das hätte wie Flucht ausgesehen! Den Liebenswürdigen spielen? Das hätte den Verdacht erweckt, als wollte er um Verzeihung bitten. Als Herr und Gebieter gegen sie auftreten? Das wäre grob gewesen und nebenbei hatte er gar kein Recht mehr dazu!

Er stieg wieder ein und setzte sich auf seinen Platz.

Auch sie hatte, während er fort war, Toilette gemacht. Nun saß sie bewegungslos, strahlend da. Er wandte sich zu ihr:

– Liebe Bertha, ein eigentümlicher Zufall hat uns nach sechsjähriger Trennung, die ohne eigentlichen Krach herbeigeführt wurde ... also ... nach sechsjähriger Trennung wieder einmal zusammengeführt. Wollen wir uns nun wirklich immer weiter als unversöhnliche Feinde gegenüber stehen? Hier sind wir miteinander eingeschlossen! Dummer ... oder glücklicher ... weise ... Ich steige nicht aus. Ist's aber nicht viel vernünftiger, solange wir hier zusammenfahren ... freundschaftlich mit einander auszukommen?

Sie antwortete ruhig:

– Wie Du willst!

Da schwieg er. Er wußte nicht, was er weiter sagen sollte. Dann faßte er Mut, rückte näher, setzte sich auf den Mittelsitz und sagte liebenswürdig:

– Ich sehe, daß ich Dir den Hof machen muß. Gut. Übrigens thu ich's mit Vergnügen, denn Du siehst reizend aus. Du glaubst nicht, wie Du gewonnen hast in den sechs Jahren. Ich wüßte nicht eine Frau, die mir so gefallen hätte wie Du, als Du vorhin aus Deinen verschiedenen Vermummungen krochest. So 'ne Veränderung hätte ich, weiß Gott, nicht für möglich gehalten.

Sie antwortete ohne sich zu rühren und ohne ihn anzusehen:

– Das kann ich Dir leider nicht sagen, denn Du hast sehr verloren.

Er errötete und antwortete etwas verlegen, mit einem Lächeln als ergebe er sich in sein Schicksal:

– Das ist 'n bißchen hart!

Sie wandte sich zu ihm:

– Warum? Ich stelle nur ein Faktum fest. Du willst mir doch nicht Deine Liebe anbieten, nicht wahr? Also ist es ganz gleich, ob Du mir gefällst oder nicht. Aber ich sehe, daß Dir dieses Thema unangenehm ist. Reden wir also von was Anderem. Was hast Du denn getrieben, seit wir uns nicht gesehen haben?

Er hatte seine Haltung verloren und stotterte:

– Ich? Ich bin gereist, war auf der Jagd, bin gealtert wie Du siehst. Und Du?

Sie entgegnete mit heiterer Miene:

– Ich habe allen Skandal vermieden, wie Du es gewünscht hast.

Er wollte grob antworten, that es jedoch nicht, sondern nahm die Hand seiner Frau, küßte sie und sprach:

– Und ich danke Dir dafür.

Das setzte sie doch in Erstaunen. Er war wirklich Meister in der Selbstbeherrschung.

Da fing er wieder an:

– Da Du mir nun mal geantwortet hast, schlage ich Dir vor, nun ohne jede Bitterkeit mit mir zu reden.

Sie machte eine leichte, wegwerfende Bewegung:

– Bitterkeit? Ich bin nicht bitter! Du stehst mir ganz fern und mir liegt nur daran, unsere etwas schwierige Unterhaltung in Gang zu bringen.

Immer wieder blickte er sie an, sie bezauberte ihn trotz ihrer Schroffheit und ein unwiderstehliches Besitzer- und Herrengefühl beschlich ihn.

Sie fühlte wohl, daß sie ihn verletzt hatte, aber sie ließ nicht von dem Thema ab:

– Wie alt bist Du denn jetzt eigentlich? Ich hätte Dich für jünger gehalten, als Du aussiehst.

Er erbleichte:

– Ich bin fünfundvierzig.

Dann fügte er hinzu:

– Ich habe ja ganz vergessen nach der Prinzessin von Raynes zu fragen. Seht Ihr Euch noch immer?

Sie warf ihm einen haßerfüllten Blick zu:

– Ja, wir sehen uns noch immer! Es geht ihr ausgezeichnet – danke.

Und sie blieben sitzen, Seite an Seite, erregt und bewegt. Plötzlich erklärte er:

– Liebe Bertha. Ich habe soeben meine Ansicht geändert. Du bist meine Frau und ich möchte, daß Du nun in mein Haus zurückkehrtest. Ich finde, daß Du äußerlich wie innerlich sehr gewonnen hast und nehme Dich wieder bei mir auf. Ich bin noch immer Dein Mann und bestehe auf meinem Recht.

Sie war starr und blickte ihm forschend in die Augen, seine Gedanken zu erraten. Er sah unerforschlich, undurchdringlich und entschlossen aus. Sie antwortete:

– Es thut mir leid, aber ich bin versagt.

Er lächelte:

– Das ist sehr betrübend für Dich, aber das Gesetz ist auf meiner Seite und ich werde es in Anspruch nehmen.

Sie kamen in Marseille an. Der Zug pfiff und verlangsamte seinen Gang. Die Baronin stand auf, rollte ihre Decken zusammen und wandte sich gegen ihren Mann:

– Lieber Raimund, bitte mißbrauche dieses Wiedersehen nicht. Ich habe es in Szene gesetzt. Du hast mir geraten einen Skandal zu vermeiden, nun ich habe mich heute vorgesehen, damit mir von keiner Seite etwas nachgesagt werden kann – was auch geschehen möge. Du fährst nach Nizza, nicht wahr?

– Wohin Du fährst.

– O durchaus nicht. Hör mal zu und ich weiß, daß Du mich in Ruhe lassen wirst. Nachher wirst Du auf dem Bahnsteig Prinz und Prinzessin von Raynes und Graf und Gräfin Henriot finden. Sie erwarten mich. Ich wollte, daß man uns beide zusammen sehen sollte, Dich und mich, und daß man merken soll, daß wir die Nacht miteinander allein im Coupé gewesen sind! Du kannst ganz ruhig sein, den Damen wird das so eigentümlich vorkommen, daß sie's jedermann erzählen werden. Ich sagte Dir vorhin, daß ich ganz nach Deinem Wunsche alles vermieden habe, worüber man reden könnte. Mehr hast Du nicht verlangt. Nun, um Deinem Wunsche entgegenzukommen habe ich dieses Wiedersehen in Szene gesetzt. Du hast mir's zur Pflicht gemacht, Skandal zu vermeiden, und ich vermeide ihn, lieber Freund, denn ich fürchte ... ich fürchte ...

Sie wartete bis der Zug vollständig hielt, und als ihre Freunde an's Coupé traten und die Thür aufrissen, schloß sie:

– Ich fürchte ... ich bin in andern Umständen!

Die Prinzessin streckte ihr die Arme entgegen und die Baronin sprach zu ihr, indem sie auf ihren Mann deutete, der vor Staunen ganz dumm dreinschaute und die Wahrheit zu fassen suchte:

– Erkennen Sie denn Raimund nicht wieder? Er hat sich allerdings sehr verändert. Er ist so gut gewesen, mich zu begleiten, damit ich nicht allein fahren sollte. Wir machen manchmal so einen Ausflug miteinander als gute Freunde, die 's doch nicht fertig kriegen zusammen zu leben. Übrigens trennen wir uns hier. Er hat mich schon wieder satt.

Sie streckte ihm die Hand entgegen. Mechanisch ergriff er sie. Dann sprang sie aus dem Wagen mitten unter ihr Freunde, die sie erwarteten.

Der Baron schloß hastig die Thür. Er war zu bewegt, als daß er auch nur ein Wort hätte reden oder sich zu irgend etwas entschließen können. Er hörte die Stimme seiner Frau und ihr fröhliches Lachen in der Ferne verklingen.

Er hat sie nie wieder gesehen.

Hatte sie gelogen? Sprach sie die Wahrheit? Er weiß es noch nicht bis auf den heutigen Tag.

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