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Die Schwestern

Jakob Wassermann: Die Schwestern - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorJakob Wassermann
firstpub1906
year1929
publisherDer Strom Verlag
addressWien
titleDie Schwestern
created20050425
sendergerd.bouillon
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Clarissa Mirabel

In der kleinen Stadt Rhodez, die im Westen der Sevennen liegt und vom Flusse Aveyron bespült wird, wohnte der Advokat Fualdes, ein unbedeutender Mann, weder gut noch böse. Trotz seinem vorgerückten Alter hatte er sich erst unlängst von den Geschäften zurückgezogen, und seine Vermögensumstände waren so zerrüttet, daß er im Anfang des Jahres achtzehnhundertsiebzehn seine Domäne La Morne veräußern mußte. Mit dem Erlös wollte er sich an einem stillen Fleck des Landes zur Ruhe setzen und von seiner Rente leben. Eines Abends, es war der neunzehnte März, erhielt er vom Käufer des Gutes, dem Präsidenten Seguret, den Rest der Kaufgelder in Papieren und Wechseln ausbezahlt und nachdem er die Dokumente in seinem Schreibtisch verschlossen hatte, verließ er das Haus und sagte der Wirtschafterin, er müsse noch einmal nach La Morne hinüber, um mit dem Pächter einige notwendige Abmachungen zu treffen.

Er kam weder nach La Morne, noch kehrte er in seine Wohnung zurück. Am andern Morgen sah die Frau eines Schneiders aus dem Dorfe Aveyron seine Leiche in einer untiefen Stelle des Flusses liegen, rannte nach Rhodez und holte Leute herbei.

Die felsige Böschung der Ufer war an jener Stelle senkrecht und über zwölf Meter hoch. Von dem schmalen Fußpfad, der aus Rhodez gegen die Weinberge führte, war ein großes Stück losgebröckelt; kein Zweifel, daß der unglückliche Mann dadurch in die Tiefe gestürzt war. Es hatte am Tage zuvor heftig geregnet, und das Erdreich oben war, nach dem Zeugnis einiger Winzer, schon längst locker gewesen. Auffallend erschien eine tief einschneidende Rißwunde am Hals des Toten; da aber aus dem Gestein des Abhangs überall scharfe schiefrige Platten hervorragten, erklärte sich eine solche Verletzung von selbst. Bei der Untersuchung der steilen Wand wurden keine Blutspuren an Stein und Erde gefunden; der Regen hatte alles abgewaschen.

Die Kunde des Ereignisses verbreitete sich rasch, und den ganzen Tag über standen fortwährend zwei bis dreihundert Rhodezer, Männer, Weiber und Kinder, an beiden Ufern und starrten mit einem Ausdruck der Lüsternheit und des selbstgeschaffenen Gruselns in die Tiefe der Schlucht. Es wurde erwogen, ob nicht etwa ein Irrlicht den alten Mann verführt habe. Eine Frau wollte mit einem Hirten gesprochen und dieser Hirt wollte einen Hilferuf vernommen haben; allerdings war das schon gegen Mitternacht gewesen und Fualdes hatte um acht Uhr das Haus verlassen. Ein dicker Töpfer bestritt, daß die Finsternis so dicht gewesen sei wie alle glaubten; er selbst sei um neun Uhr von La Valette her über die Felder gegangen und da habe der Mond geschienen. Ihn wies der Zollaufseher unwillig zurecht und bedeutete ihm, daß gerade gestern Neumond gewesen sei, man brauche ja nur den Kalender aufzuschlagen. Jener zuckte die Achseln, als wolle er sagen, in solchen Zeitläuften sei sogar dem Kalender nicht zu trauen.

Um die Dämmerungsstunde wanderten die Leute heimwärts, paarweise und in Gruppen, bald plaudernd, bald schweigend, bald streitend, bald geheimnistuerisch flüsternd. So wie argwöhnisch gemachte Hunde immer um dieselbe Stelle im Kreis herumrennen, schnappte ihre hungrige Begier nach neuer Erregung. Sie spähten mit aufmerksamen Augen vor sich hin, sie vernahmen mit wacheren Ohren jedes gesprochene Wort. Manche blickten einander mißtrauisch von der Seite an; wer Geld liegen hatte, versperrte seine Tür und überzählte es. Abends in den Weinkneipen wurde von den ungeheuern Reichtümer erzählt, die der geizige Fualdes im Lauf der Jahre aufgestapelt; das Gut La Morne habe er nur deswegen verkauft, weil er Scheu getragen, den Pächter Grammont, der sein Neffe war, mit den Rechtsmitteln zur Bezahlung der seit zwei Jahren fälligen Pachtsumme zu zwingen.

Das geredete Wort blieb lauernd auf der Lippe stehen und riß ein noch halbgedachtes mit. Unter den Bürgern galt es als eine ausgemachte Sache, daß Fualdes, der liberale Protestant, der ehemalige Beamte des Kaiserreichs, mit Drohungen gegen sein Leben verfolgt worden sei. Die verdüsterten Gedanken spannen emsig an dem Gespinst der Furcht. Die noch an einen Unfall glaubten, verschwiegen ihre Gründe, sie mußten sich hüten, daß nicht Verdacht auf sie falle. Schon wurde eine Reihe von Verbündeten bezeichnet, der feindlichen, drohenden, übermütig gewordenen Partei der Legitimisten entstammend. Der dunkle Haß deutete auf die Jesuiten und ihre Millionen als Urheber der ungewissen Tat. Wie oft hatte die Gerechtigkeit gezaudert, wenn die Macht der Mächtigen den Verbrecher beschirmte!

Die Frühlingssonne des nächsten Tages leuchtete in gespannte, aufgewühlte, suchende, zu langsamer Wildheit sich entflammende Gesichter. Die Royalisten fingen an, um Hab und Gut besorgt zu werden; um sich zu schützen, auch angesteckt vom allgemeinen Schauder, den das Unbekannte ausströmte, gaben sie zu, daß ein Frevel geschehen sei. Aber wie? und wo? und durch wen?

Ein Schuster hat gewöhnlich ein besseres Gedächtnis und einen geschäftigeren Geist als andere Leute. Der Schuster Escarboeuf pflegte bisweilen in der Versperstunde seine Nachbarn und Getreuen um sich zu versammeln. Er erinnerte sich genau dessen, was der Doktor beim Leichenbefund gesagt hatte; er war daneben gestanden und hatte es Silbe für Silbe gehört. »Das sieht ja beinahe aus, als ob der Mann geschlachtet worden wäre«; dies waren die verwunderten Worte des Doktors gewesen, während er die Verletzung am Hals untersucht hatte. »Geschlachtet? was sprichst du da, Mann?« fiel einer ein. »Ja, geschlachtet!« rief der Schuster triumphierend. – »Aber es soll doch Sand an der Wunde geklebt haben«, bemerkte ein junger Mensch schüchtern. – »Ach was, Sand, Sand!« eiferte der Schuster, »was beweist denn Sand!« – »Nein, Sand beweist gar nichts«, gaben alle zu. Und schon am Mittag hieß es in allen Häusern des Viertels: Fualdes ist geschlachtet worden, sie haben ihn abgeschlachtet. Das Wort gab den entzündeten Gehirnen ein Bild, den raunenden Zungen einen Hinweis.

Nun hatte ein unheimlicher Zufall es gefügt, daß der Nachtwächter an dem verhängnisvollen Abend vor dem Bancalschen Haus, das durch die finstre Quergasse de l'Ambrague vom Haus des Advokaten Fualdes getrennt lag, einen Stock mit Elfenbeingriff und vergoldetem Ring gefunden und in der Wachtstube abgegeben hatte. Fualdes' Wirtschafterin, ein altes taubes Weib, bezeichnete den Stock mit Sicherheit als Eigentum ihres Herrn; ihre Behauptung schien unwidersprechlich. Viel später stellte es sich heraus, daß der Stock einem durchreisenden Kaufmann gehörte, der mit einigen Dirnen die Nacht verlumpt hatte; aber jetzt richtete sich die Aufmerksamkeit auf einmal und mit vorbereiteter Glut auf das übelberufene Bancalsche Haus, ein verfallenes, dumpfes Gebäude mit feuchten schmutzigen Winkeln. Früher hatte es ein Schlächter besessen, und auf dem Hof wurden noch Schweine gehalten. Es war ein Gelegenheitshaus und wurde allnächtlich von Soldaten, Schmugglern und verdächtigen Mädchen besucht; auch dichtverschleierte Damen und vornehme Herren huschten bisweilen dort ein und aus. Im Erdgeschoß wohnten außer dem Ehepaar Bancal der ehemalige Soldat Colard mit seiner Geliebten, die Dirne Bedos und der bucklige Missonier, oben hauste ein alter Spanier namens Saavedra mit seiner Frau, ein politischer Flüchtling, der in Frankreich Schutz gesucht.

 

Am Nachmittag des einundzwanzigsten März stand der Soldat Colard am Eck der Rue de l'Ambrague und blies auf der Flöte eine eintönige Melodie, die er von den Schafhirten der Pyrenäen gelernt hatte. Da kam der Krämer Galtier des Weges, blieb stehen, stellte sich als ob er zuhöre, unterbrach aber schließlich den Musikanten und sagte streng: »Was treibst du dich herum und gibst dich unwissend, Colard? Weißt du denn nicht, daß in euerm Haus der Mord geschehen sein soll?«

Colard schob den struppigen Schnurrbart von den Lippen und erwiderte, er und Missonier seien an dem Abend in der Weinwirtschaft bei Rose Feral gewesen, neben dem Bancalschen Haus. »Hätt' ich Lärm gehört,« sagte er prahlerisch, »so wär ich gekommen und hätte gerettet, denn ich habe zwei Gewehre, Herr.«

»Wer war denn sonst noch bei Rose Feral?« forschte der Krämer. Colard dachte nach und nannte Bach und Bousquier, zwei berüchtigte Schmuggler. »Die Strolche, sie mögen sich hüten,« sagte der Krämer, »und du, Colard, komm' mit, der arme Fualdes wird begraben, da ist es nicht in der Ordnung, Flöte zu blasen.«

Kaum waren sie auf die Hauptstraße gelangt, wo sich eine zahlreiche Menschenmenge angesammelt hatte» so gesellte sich plötzlich Bousquier zu ihnen, der ein seltsames Betragen zeigte, bald lachte, bald den Kopf schüttelte, bald blöde vor sich hinglotzte. Colard sah ihn scheu von der Seite an, und der Krämer, der an nichts andres dachte als an den Mord und in alledem die Kapriolen des bösen Gewissens zu sehen vermeinte, beobachtete den Mann scharf. Auch die Umstehenden wurden aufmerksam und jedem leuchtete es sogleich ein, daß, wenn irgendwer von dem in Bancals Haus geschehenen Verbrechen wissen könne, dies Bousquier sei. Der aufgeregte Galtier fragte ihn geradezu und mit lauter Stimme. Bousquier war angetrunken, der ungewohnte Menschentumult berauschte ihn noch mehr, er schien verlegen, empfand sich aber zugleich als wichtige Person. Erst tat er so, als wollte er nur ungern herausrücken, dann erzählte er mit feierlicher Umständlichkeit, daß er in der Mordnacht von einem Tabakhändler in blauem Rock gerufen worden sei; dreimal habe der Unbekannte nach ihm geschickt, dann sei er gekommen, habe einen schweren Ballen tragen müssen und sei mit einem Goldstück bezahlt worden.

Schon während des Redens rann der Schrecken über das Gesicht des schwatzhaften Menschen; er wurde sich der Bedeutung seiner Worte langsam bewußt. Die Zuhörer hatten einen dichten Kreis um ihn gebildet, und eine schmetterndschrille Stimme erschallte aus dem Haufen: »Sicherlich hat die Leiche in dem Ballen gesteckt!«

Bousquier schaute beklommen drein. Er mußte immer wieder von neuem anfangen, und die gespannt auf ihn gehefteten Blicke zwangen ihn zur Erfindung neuer kleiner Einzelheiten, wie daß der Tabakshändler plötzlich auf unerklärliche Weise verschwunden sei und daß er eine schwarze Maske vor dem Gesicht gehabt habe. »Wohin hast du denn die Leiche tragen müssen?« fragte Galtier mit aufeinandergepreßten Zähnen. Bousquier schwieg entsetzt, dann, durch die vielen drohenden Augen eingeschüchtert, erwiderte er leise: »Gegen den Fluß hinaus.«

Zwei Stunden später war er verhaftet und hinter Schloß und Riegel gesetzt. Noch am selben Abend wurde er vor den Untersuchungsrichter, Monsieur Jausion, geführt, und wie nun der Unselige gewahrte, daß es Ernst wurde, daß sein Geschwätz zum Zeugnis werden sollte, daß jedes seiner Worte aufgeschrieben ward und daß er dafür einstehen müsse mit der Freiheit, ja vielleicht mit dem Leben, da packte ihn die Angst. Er leugnete die Geschichte mit dem Tabakshändler und dem schweren Ballen, und als der Richter zornig wurde, verstummte er ganz. In die Kerkerzelle zurückgebracht, verfiel er in dumpfes Brüten. »Nur frisch darauf los, Bousquier,« redete ihm der Wärter zu, »man darf die Herren nicht langweilen; wenn du störrisch bist, wirst du böse Nächte zu überstehen haben.«

Bousquier schüttelte den Kopf. Der Wärter holte einen dicken Folianten herbei, und da er selbst des Lesens unkundig war, rief er einen andern Gefangenen, und dieser mußte die Gesetzesstelle vorlesen, wonach derjenige, der einem Verbrechen gezwungenermaßen beigewohnt und es freiwillig bekenne, mit einem Jahr Gefängnis davonkomme. Der Wärter hielt die Laterne neben das ledergelbe Gesicht des Vorlesers und nickte Bousquier ermunternd zu. Bousquier leierte ein Vaterunser vor sich hin. In großer Unruhe und nach einem Ausweg aus der Bedrängnis irrend, sagte er endlich, es sei alles so gewesen, wie er zuerst erzählt, aber der Tabakshändler habe ihm nicht ein Goldstück gegeben, sondern nur ein paar Silbermünzen. Er wiederholte das Geständnis vor dem Richter, der ungeachtet der späten Stunde gerufen wurde.

Am nächsten Morgen wußte ganz Rhodez, Bousquier habe gestanden, daß Fualdes im Bancalschen Haus abgeschlachtet und daß die Leiche in der Nacht zum Fluß getragen worden sei. Auf einmal öffneten sich Lippen, denen bisher die Furcht ein Siegel auferlegt hatte. Jemand, dessen Name nicht zu erfahren war, wollte vor dem Haus des Kaufmanns Constans schleichende Schatten gesehen haben; auch hatte er beobachtet, daß sie wenige Schritte weiter Halt gemacht und zur Beratung zusammengetreten waren, worauf er selbst, das Gräßliche ahnend, entfloh. Es wurde vergeblich nach diesem Zeugen geforscht, dessen Stimme hinter andern Stimmen so schnell verklang und der doch, wie mit unsichtbarer Hand, die erste Skizze zu dem Bild des nächtlichen Todeszuges entworfen hatte. Jede Phantasie malte im stillen daran weiter; man sah die Leiche selbst auf der Tragbahre; die Bahre ward mit einer Deutlichkeit beschrieben, als stellte sie das Merkmal der geheimnisvollen Tat vor; ein Tischler zeichnete sie sogar mit großen Kreidestrichen auf die Mauer des Rathauses. Eine an Schlaflosigkeit leidende Dame gab an, sie sei in jener Nacht am Fenster gesessen und habe trotz der Dunkelheit Bancal sowie den Soldaten Colard erkannt, welche die Bahre an den zwei vorderen Stangen trugen. Ferner habe sie den Arbeitsmann Missonier, der den Zug beschloß, fluchen gehört. Vor dem Richter vernommen, geriet sie in ein widerspruchsvolles Wesen, was mit ihrer begreiflichen Erregung entschuldigt wurde. Die Worte waren einmal da; welches Gewicht sie tragen mußten, lag in der Gewalt und Sonderbarkeit der Umstände; das Leichtgesprochene wog im Ohr des zufälligen Hörers schon schwer wie eigene Schuld, so daß er sich der Last zu entledigen trachtete und es weitergab, als brenne es ihm die Zunge wund, falls er im geringsten zögerte. Vielleicht war es diese Schlaflose, vielleicht der namenlose Mund der Fama selbst, welche das Gemälde der Mordkarawane um die Gestalt eines großen, breitschultrigen Mannes bereicherte, der mit einer Doppelflinte versehen war und dem Zug als Anführer vorausschritt. Nun hatte das graue Gewebe einen Mittelpunkt und erhielt eine Art Beleuchtung und Belebung durch die wahrscheinliche und ergründbare Ruchlosigkeit eines einzelnen. Noch zwölf Stunden, und jedes Kind wußte um die genaue Anordnung des nächtlichen Zuges: erst der große starke Mann mit der Doppelflinte, dann Bancal und Colard und Bach und Bousquier, die Bahre tragend, dann der bucklige Missonier als Aufpasser und Nachhut. Bei den letzten Häusern der Stadt wurde der Weg zum Flusse schmal und abschüssig; es war nicht Raum genug für zwei Leute nebeneinander, Bousquier und Colard mußten den Leichnam allein tragen, und Bousquier war es, nicht Missonier, der bei diesem Anlaß fluchte, so laut fluchte, daß der Lizentiat Coulon davon aus dem Schlaf erwachte und nach seinem Diener rief. An der steilen Stelle vor den Weinbergen wurde der Körper des Toten losgewickelt, ins Wasser geworfen und als dies geschehen war, legte der große starke Mann den Teilnehmern mit vorgehaltenem Gewehr ewiges Stillschweigen auf.

Durch diese Handlung trat der Unbekannte mit der Doppelflinte völlig aus dem Nebel des Sagenhaften und des bloßen malerischen Dabeiseins; aus seiner drohenden Gebärde quoll Licht über das Vergangene. Was nach dem Mord geschehen war, hatte nun Umriß und Bewegung. Aber hatte kein Auge den armen Fualdes auf seinem letzten Gang begleitet, hatte niemand gesehen, wie er ahnungslos sein Haus verlassen und, vielleicht munter vor sich hinpfeifend, durch die finstre Rue de l'Ambrague gegangen war, in welcher die Mordgehilfen sicherlich auf der Lauer standen? Doch. Derselbe Lizentiat, den Bousquiers Fluch aus dem Schlummer geschreckt, hatte den Greis um acht Uhr abends in das Gäßchen einbiegen sehen und kurz darauf war ihm jemand mit Eile gefolgt, ob ein Mann oder eine Frau, dessen konnte sich Herr Coulon nicht entsinnen. Ferner meldete sich ein Schlossergeselle, der vor dem Haus des Bürgermeisters Leute gewahrt hatte, die einander Zeichen gaben. Das Haus des Bürgermeisters lag zwar in dem entgegengesetzten Teil der Stadt, das aber kam bei einer so weit versponnenen Verschwörung wenig in Betracht, hatte man doch das Zeugnis eines Kutschers, der um elf Uhr in der Rue des Hebdomadiers zwei Leute unbeweglich stehen sah. Jetzt erinnerten sich viele Bewohner dieser Straße, daß sie beständig flüstern, räuspern und rufen gehört hatten, natürlich ohne in ihrer damals arglosen Stimmung sonderlich darauf zu achten. Es war eine ausgemachte Sache, daß an allen Ecken Wächter postiert waren, ja man hatte sogar eine weibliche Schildwache im Torweg des Zunfthauses bemerkt. Der Schneider Brost behauptete, das Flüstern oder Seufzen deutlicher als alle anderen gehört zu haben; er hatte dann das Fenster geöffnet und sah fünf oder sechs Leute ins Bancalsche Haus gehen, darunter auch den großen starken Mann. Geraume Weile später hatte sein Nachbar beobachtet, wie man einen Menschen über das Pflaster schleppte; er hatte geglaubt, es sei eine Dirne, die man betrunken gemacht, und hatte weiter keinen Sinn dahinter gesucht. Viel bedeutungsvoller als so verworrene Gerüchte schien es, daß noch zwischen neun und zehn Uhr ein Leiermann auf der Rue des Hebdomadiers seine Orgel gedreht hatte. Die Absicht war klar: das Todesgeschrei des Opfers sollte übertönt werden. Es stellte sich bald heraus, daß es zwei Leiermänner gewesen sein mußten, von denen einer, ein Krüppel, am Prellstein vor der Rue de l'Ambrague gehockt war. Freilich war an jenem Tage Jahrmarkt in Rhodez gewesen und die Anwesenheit von Leiermännern hätte deshalb nichts Rätselhaftes gehabt, wenn die späte Stunde sie nicht dem Argwohn preisgegeben hätte. Einige nannten sogar die Mitternacht als Zeit ihres Spiels. Es wurde nach den Musikanten gefahndet und die Dörfer der Nachbarschaft wurden nach ihnen abgesucht, doch sie waren ebenso spurlos verschwunden wie der verdächtige Tabakhändler.

An demselben Vormittag, an dem das Bancalsche Haus durchsucht wurde und ein Polizist im Hof ein weißes Tuch mit dunklen Flecken fand, wurden das Bancalsche Ehepaar, der Soldat Colard, Bach und der Arbeitsmann Missonier festgenommen und mit Ketten beschwert ins Gefängnis gebracht. Stumpf hinstierend saßen die fünf Menschen auf dem Leiterwagen, der sie durch die Straßen fuhr, und den die Volksmenge schwatzend, fluchend und fäusteballend umgab. Im Nu hatte sich die Nachricht von dem gefundenen Tuch verbreitet; daß die Flecken darauf Blutflecken waren, unterstand keinem Zweifel; daß es dazu gedient hatte, Fualdes zu knebeln, war selbstverständlich.

Indes hatte Bousquier, in seiner armseligen Lage allen Halt verlierend, von Verhör zu Verhör gejagt, durch Drohungen geängstigt, durch Hunger gefoltert, durch Freiheitshoffnungen und trügerische Versprechungen verführt, täglich mehr und mehr gestanden. Ihn trieb der Wärter, ihn trieb der Richter, denn dieser handelte unter der Ungeduld und Wut des Volkes und unter dem Gefabel der Zeitungen wie unter einer Peitsche. Bousquier schien verstockt; der Vorhalt seiner früheren Erzählungen, die nun seine Gläubiger waren und ihm immer höhere Wucherzinsen der Lüge erpreßten, genügte schon, ihn kirre zu machen. Er schien müde, er schien unfähig, dem, was er wahrgenommen, Worte zu verleihen, was er gehört, zu beschreiben, – Monsieur Jausion unterstützte ihn durch Fragen, in denen die geforderte Antwort enthalten war.

So gab er zu, daß er ins Bancalsche Haus gekommen sei und daß die Eheleute Bancal, der Tabakshändler, der Soldat Colard, der Schmuggler Bach, zwei junge Frauenzimmer und eine verschleierte Dame im Zimmer gewesen seien. Je mehr Personen er nannte, einen je versöhnlicheren Ausdruck zeigte das Gesicht des Richters, und wie vor den Rachen eines hungrigen Tieres warf er gleichmütig Brocken um Brocken hin. Er mochte sich wohl aus andern Nächten der bunten Gesellschaft in Bancals Stube entsinnen, und so erschien ihm die Person der verschleierten Dame als eine Zutat, die seinen Kredit steigern konnte. Aber Monsieur Jausion fand, daß eine wichtige Figur fehle, und er fragte mit Strenge, ob Bousquier nicht jemand vergessen habe. Bousquier erschrak und überlegte. »Besinne dich gut, Bousquier,« drängte der Richter, »was du verschweigst, kann zum Strick für deinen Hals werden. Also sprich: war nicht auch ein großer starker Mann zugegen?« Bousquier sah ein, daß diese neue Person dazu gehöre. Schattengestalt auf Schattengestalt, zuchtlos und abenteuerlich, tauchte in seinem zerrütteten Kopf empor, und er mußte die Puppen spielen lassen, um seine Peiniger zu befriedigen. Auf die Frage, wie der große starke Mann ausgesehen und wie er gekleidet gewesen, antwortete er: »wie ein Herr.«

Und nun hieß es erzählen, den Schauplatz beleben. Auf dem großen Tisch in Bancals Zimmer lag nicht etwa der Ballen Tabak, um dessentwillen er gerufen worden, sondern eine Leiche. Er wollte fliehen, da eilte ihm der große starke Mann nach und bedrohte ihn mit der Pistole.

Der Richter schüttelte vorwurfsvoll den Kopf. »Mit der Pistole?« fragte er. »Denke nach, Bousquier, war es nicht vielleicht ein Gewehr? war es nicht eine Doppelflinte?« Gut denn, dachte Bousquier wütend, wenn man auf eine Flinte versessen ist, kann es auch eine Flinte gewesen sein; er nickte, als fühle er sich beschämt, und fuhr fort, daß er, solchermaßen am Leben bedroht, in Bancals Stube bleiben und den Helfershelfer machen mußte. Der Tote wurde in ein leinenes Tuch gewickelt, mit Stricken umwunden und auf die Tragbahre gelegt. Diese Tragbahre war mit Hilfe des Gefängniswärters in Bousquiers Phantasie bis zur Vollkommenheit vorbereitet. Doch als er nun den Leichenzug beschreiben sollte, verlor der gemarterte Mensch die Besinnung, und wie er am späten Abend noch einmal zum Verhör geführt wurde – selten versagte die Nacht und das Kerzenlicht im öden Saal seine gespenstigen Wirkungen – da leugnete er wider Erwarten alles ab, weinte, schrie, betete und benahm sich völlig sinnlos. Um ihn zu ermutigen und zu beruhigen, griff Monsieur Jausion zu einem ebenso einfachen als kühnen Mittel; er sagte nämlich, Bach und Colard hätten heute gleichfalls ein Geständnis abgelegt, und es sei erfreulich, daß ihre Angaben mit denen Bousquiers übereinstimmten; wenn er sich nun vernünftig benehme, so sollte er bald das Gefängnis verlassen dürfen.

Bousquier stutzte. Je länger er überlegte, einen je tieferen Eindruck machte ihm das Vernommene. Sein Gesicht wurde bleich und am ganzen Leibe wurde ihm kalt. Es war wie wenn ein wüster Traum plötzlich unleugbares Wachen wird oder wie wenn jemand, der in halber Trunkenheit die erlogene Geschichte eines Unglücks erzählt und mit jeder neuen Einzelheit gewaltiger ins Lügen verwoben wird, plötzlich erfährt, daß sich alles in Wirklichkeit so zugetragen. Eine wunderliche Schwermut nahm von ihm Besitz, ihm graute vor dem Alleinsein in seiner Zelle und er spürte Angst vor dem Schlaf.

In fieberhafter Gier hatte ganz Rhodez den Angaben Bousquiers gelauscht. Endlich erhielt die Gestalt des Unbekannten mit der Doppelflinte Nähe und Greifbarkeit. Daß er ausgesehen wie ein Herr, stachelte die Wut des Volkes, und die legitimistische Partei, die sich zumeist aus den Reichen und Vornehmen zusammensetzte, begann zu zittern. Wahrscheinlich wurde in ihrer Mitte zum ersten Mal der Name genannt, der erst vorsichtig, dann ungescheut, dann anklagend von Mund zu Mund lief und über dem die Wetterwolke, die sich aus einem Nebelstreif gebildet hatte, blitzezuckend stille stand. Es war bekannt, daß Bastide Grammont, der Pächter von La Morne, trotz seiner Verwandtschaft mit dem Advokaten Fualdes in Feindseligkeit oder doch in der drückenden Abhängigkeit eines Schuldners zu dem Alten lebte. Jedermann wußte oder glaubte doch zu wissen, daß es oft stürmische Auftritte zwischen Oheim und Neffen gegeben hatte. War das nicht genug? Dazu das herrische Temperament und herbe Wesen Bastides, der rasche Verkauf von La Morne und eine wohlgegliederte Kette kleiner Verdachtsmerkmale, wer durfte noch zweifeln?

Der unermüdliche Schmied, der da irgendwo in den Lüften oder unter der Erde am Werk war, sorgte dafür, daß der Ring des Verderbens sich schloß und warb mit tückischer Laune seine Gesellen auf allen Gassen, bei hoch und niedrig. Am Vormittag des neunzehnten März waren Fualdes und Grammont auf der Promenade von Rhodez auf- und abgegangen. Eine Trödlerin hatte gehört, wie der Junge zum Alten sagte: »Also heute abend um acht Uhr.« Ein Maurer, der an einem Neubau Sand schaufelte, hatte vernommen, wie Monsieur Fualdes ausrief: »So hältst du mir Wort?« Worauf Bastide Grammont erwiderte: »Beruhigen Sie sich, heute abend werde ich Ihnen die Rechnung machen.« Der Musiklehrer Lacombe erinnerte sich deutlich, wie Bastide dem Alten mit zornfinsterem Gesicht zugerufen: »Sie treiben mich zum Äußersten.« Das zufällige Geschwätz eines Schwätzers gewann im geschäftigen Hörensagen dieselbe Wichtigkeit, wie die ehrlich bewiesene Wahrnehmung, und was etwa vorher oder nachher geredet worden, vermischte und verknüpfte sich zu frecher Willkür. So wollte Professor Vignet, eines der Häupter der Royalisten, gegen sieben Uhr abends, kurz vor dem Mord, in einen Obstladen gekommen sein und dort einen Kollegen getroffen haben. Er erzählte, daß er Bastide Grammont gesehen habe, der in ziemlicher Eile an ihm vorübergegangen war. Er behauptete, ausgerufen zu haben: »Finden Sie nicht, daß Grammont ein unheimliches Gesicht hat?« Worauf der andere bejahte und erwiderte, man müsse sich vor dem Manne hüten. Es meldeten sich Zeugen, die dieses Gespräch bestätigten. Es meldeten sich Zeugen, die Bastide vor dem Bancalschen Hause gesehen haben wollten; er habe mehrmals einen scharfen Pfiff ausgestoßen und sich dann in den Schatten geduckt.

Seit fünf Jahren hauste Bastide Grammont auf La Morne. Er war vielleicht der einzige Mann im ganzen Bezirk, der sich niemals um Politik bekümmerte und allem Parteitreiben fernblieb, und diese stolze Unabhängigkeit gab ihn dem Übelwollen, ja dem Haß seiner Mitbürger preis. Als einmal in Rhodez eine Kundgebung für die Bourbonen stattfinden sollte und die Straßen von einer aufgeregten Menge erfüllt waren, ritt er auf seinem Apfelschimmel gravitätischkühl durch die erhitzten Gruppen und lächelte den beleidigten wilden Blicken, die ihn trafen, mit Geringschätzung entgegen.

Man erzählte, daß er seine Jugend und ein beträchtliches Vermögen in Paris vergeudet habe und daß er von dort menschensatt in die Heimat zurückgekehrt sei. Seine Gepflogenheiten deuteten auf einen das Absonderliche liebenden Geist. In früheren Jahren war ein gelehrter Pater der benachbarten Benediktinerabtei oftmals bei ihm zu Gast gewesen; es hatte geschienen, als ob der stille Mann und Menschenkenner an dem ungebundenen Wesen und der heidnisch-brünstigen Naturvergötterung des Einsiedlers Bastide seine heimliche Freude habe; aber als Bastide eine Näherin aus Alby, die hübsche Charlotte Arlabosse, gewaltsam entführt hatte und in wilder Ehe mit ihr lebte, mußte der Benediktiner, dem Befehl seiner Oberen gehorchend, den Verkehr abbrechen.

Von da an verzichtete Bastide überhaupt auf jeden vertraulichen Umgang. Er hatte keinen Freund, wünschte keinen Freund. Hochmütig schloß er sich ab; der Anblick eines neuen Gesichts machte seine Züge fremd und kalt; den Leuten aus der Gesellschaft begegnete er mit verletzender Gleichgültigkeit. Vielleicht war es nur die Furcht vor Enttäuschung, wenn er sich auch dem herzlichsten Werben schroff versagte, denn es lag bisweilen in der Tiefe seines Auges die Sehnsucht selbstungewisser Liebe. Hart werden, weil unerfüllte Ansprüche die Seele beschweren und verdunkeln, einsam bleiben, weil überhebender Stolz sich scheut, das erglühte Herz frei darzubringen und ohne Gerechtigkeit sein, aus Scham und mißverstehendem Trotz, das war vielleicht sein Los und sicher seine Schuld.

Tagelang trieb er sich mit seinen Hunden in den Tälern der Sevennen herum. Er sammelte Steine, Pilze, Blumen, fing Vögel und Schlangen, jagte, sang und fischte. Ging ihm etwas in die Quere und war sein Blut in Wallung, so nahm er das feurigste Pferd aus dem Stall und ritt etwa über die gefährlichen Felsenpfade nach Rieux. Im Winter, in kalter Morgenstunde, sah man ihn im Wasser des Flusses baden, in schwülen Sommernächten lag er nackt und fiebernd unter freiem Himmel. Er behauptete dann, er sähe die Sterne tanzen und fühle die Erde zittern. Um die Zeit der Weinlese war er, ohne je zu trinken, wie im Rausch; er veranstaltete Feste mit Musik und Fackelzügen und machte den Schutzpatron aller Liebesverhältnisse unter dem Winzervolk. Bei langdauerndem schlechten Wetter wurde er blaß, schlaff und überempfindlich, verlor Schlaf und Appetit und geriet in plötzliche Wutanfälle, die der Schrecken seiner Leute waren; bei einer solchen Gelegenheit fällte er einmal mit der Axt ein halb Dutzend der herrlichsten Bäume im Garten, die er, wie alle wußten, so leidenschaftlich liebte, als ob sie seine Brüder wären.

Daß bei seiner ungeordneten Verwaltung der Ertrag des Gutes von Jahr zu Jahr geringer wurde, war keinem erstaunlich als ihm allein. Er geriet in Schulden, aber davon zu sprechen oder daran zu denken, bereitete ihm den größten Widerwillen und was er dagegen unternahm, war eine regelmäßige Beteiligung an verschiedenen Lotterien, deren Ziehungstermine er stets mit kindlicher Ungeduld erwartete.

 

Als das Gericht, der unüberhörbaren Meinung und Anklage des Volkes gehorchend, die Verhaftung Bastides anordnete, wußte dieser schon, was gegen ihn im Werke war. Er saß, mit einer Holzschnitzerei beschäftigt, unter einer mächtigen Platane, als die Huissiers auf dem Hof erschienen. Charlotte Arlabosse stürzte zu ihm und packte seinen Arm, doch er machte sich los und sagte: »Laß sie nur gewähren, die Eiterbeule ist schon lange reif.« Mit ironischer Grandezza trat er den Bewaffneten entgegen und rief: »Euer Diener, meine Herren.«

Die Bewohner von La Morne wurden einem strengen Verhör unterworfen. Nach Bastides eigener Angabe war er am Nachmittag des neunzehnten März nach Rhodez geritten; um sieben Uhr abends sei er schon bei seiner Schwester im Dorfe Gros gewesen, dort habe er übernachtet, sei am Morgen nach La Morne zurückgekehrt, dann auf die Nachricht vom Tode des Oheims wieder nach Rhodez geritten und habe sich ungefähr eine halbe Stunde lang in Fualdes Haus aufgehalten. Seine Schwester bestätigte, daß er die Nacht in ihrem Hause verweilt habe, und fügte hinzu, er sei im Gespräch besonders heiter und liebenswürdig gewesen. Auch die Magd, die ihm aufgewartet und das Bett bereitet hatte, sagte aus, daß er sich um zehn Uhr schlafen gelegt habe.

Diesen Zeugen wurde nicht geglaubt, ja sie wurden bald darauf als verdächtig in Haft genommen. Von den Leuten auf La Morne schwatzte der eine dies, der andere das. Um nur irgend etwas zu sagen und nicht als Dummköpfe oder Mitschuldige dazustehen, verwickelten sie sich in Reden von bedeutungsvoller Dunkelheit, und so äußerte ein Diener, daß die graue Stute des Herrn, wenn sie zu sprechen vermöchte, von sauren Ritten in jener Nacht erzählen könnte. Die Mägde faselten oder vergossen Tränen, Charlotte Arlabosse entfloh sogar, wurde in den Weingärten ergriffen und ins Stadtgefängnis gebracht.

Bousquier und seinen Gefährten blieben diese Ereignisse keineswegs verborgen, ja es wurden ihnen geringfügige Umstände mit wichtiger Betonung mitgeteilt, um sie sicher zu machen und ihrem Gedächtnis nachzuhelfen. Hauptsächlich auf den Schmuggler Bach hatte es nun der Untersuchungsrichter abgesehen, den man zuerst wie auch das Ehepaar Bancal zu keiner Angabe hatte bewegen können. Er hatte Richter und Wärter mit heftigen Wutausbrüchen erschreckt und war zur Strafe und Bändigung in Ketten gelegt worden. Ohne es eigentlich zu wissen, litt dieser Mensch an ungeheurer Sehnsucht nach seiner Freiheit, denn er war das Muster eines schweifenden Vagabunden und Strolches. In einer Nacht, als er versucht hatte, sich durch Zusammenpressen der Kehle zu töten, machte ihn Monsieur Jausion mit den Geständnissen seines Kameraden Bousquier bekannt und ermahnte ihn, auch seinerseits der fruchtlosen Verstocktheit zu entsagen. Da verwandelte sich plötzlich das Benehmen des Menschen; er schien heiter, wurde mitteilsam und sagte boshaft grinsend: »Nun gut, wenn Bousquier viel weiß, so weiß ich noch mehr«. Und in der Tat, er wußte mehr. Er war ein Stotterer und nutzte dieses Übel aus, um Zeit zur Überlegung zu gewinnen, wenn die Einbildungskraft erlahmen wollte, und so oft er sich ins Gebiet des Märchenhaften verirrte, führte ihn der scharfsinnige Monsieur Jausion sanft auf die Straße der Wirklichkeit zurück.

Er erzählte also: Als er mit Bousquier ins Zimmer trat, saß der Advokat Fualdes auf einem Stuhl beim Tisch und mußte Wechsel unterschreiben. Der große starke Mann, Bastide Grammont nämlich, – kein Zweifel, es war Grammont; Bach vertraute darin den Mitteilungen des Richters und der beredsamen Fama – steckte die unterschriebenen Papiere in seine Brieftasche. Währenddessen kochte Frau Bancal einen Imbiß, Hühner mit Gemüse und Kalbfleisch mit Reis; eine wichtige Schattierung, durch welche die Kaltblütigkeit der Mörder bezeichnet wurde. Kurz vor acht Uhr kamen zwei Tamboure herein, aber das Gesicht des Wirts oder des fremden Herrn mißfiel ihnen, sie glaubten zu stören und gingen wieder, worauf das Haustor versperrt wurde. Doch wurde dann noch mehrmals gepocht; das verabredete Zeichen waren drei kurze Schläge mit der Faust und nach und nach kamen der Soldat Colard mit seiner Geliebten, der bucklige Missonier, eine vornehme verschleierte Dame mit grünen Federn auf dem Hut und ein Tabakshändler im blauen Rock. Der Hut mit grünen Federn war ein besonderer Beweis von Bachs Erfindungsgabe und stach malerisch glaubhaft ab von dem blauröckigen Tabaksmann.

Um halb neun Uhr brachte Frau Bancal ihre Tochter Magdalene in die Dachkammer zum Schlafen, und nun erklärte Bastide Grammont dem alten Mann, daß er sterben müsse. Das beschwörende Flehen des Opfers hatte keinen andern Erfolg, als daß ihn der starke Bastide ergriff und trotz seines heftigen Sträubens auf den Tisch legte, von welchem Bancal rasch zwei Brote wegnahm, die irgend jemand mitgebracht hatte. Fualdes schrie jämmerlich, man möge ihm einen Augenblick Zeit lassen, damit er sich mit dem Himmel versöhnen könne, doch Bastide Grammont entgegnete barsch: »Versöhne dich mit dem Teufel!«

Hier unterbrach Monsieur Jausion die Erzählung und fragte mit treuherziger Neugier, ob nicht vielleicht in diesem Moment eine Drehorgel vor dem Haus zu spielen angefangen hätte. Bach bestätigte es eifrig und fuhr in seinem Bericht fort, der nun ihm selber Spannung und Grauen verursachte: Colard und Bancal hielten dem Alten die Beine, während der Tabakshändler und Colards Geliebte Arme und Kopf packten. Ein Herr mit einem Stelzfuß und einem dreispitzähnlichen Hut hielt die Kerze hoch. Das Auftauchen dieser neuen Figur hatte etwas Unheimliches und wenn sie nichts darstellen sollte als einen die Schauer der Mordnacht vervollständigenden Schnörkel, so erfüllte sie ihren Zweck trefflich. Der kerzenhaltende Stelzfuß glich einem verruchten Schatten aus der Unterwelt, und es war nicht vonnöten, das schmale Kinn, das feixende Maul, das geisterhafte Auge besonders zu schildern.

Mit einem breiten Messer versetzte Bastide Grammont dem Alten einen Stich; durch eine übermenschliche Anstrengung gelang es Fualdes, sich loszureißen, er sprang auf, schon zu Tod verwundet, mit heiserem Gurgeln durch das Zimmer; Bastide Grammont ihm nach, umklammerte ihn, warf ihn abermals auf den Tisch, der Tisch wankte, ein Bein brach; nun trug man den Sterbenden auf zwei rasch zusammengerückte Bänke und Bastide Grammont stieß das Messer tief in seinen Hals. Mit dem letzten Seufzer des Greises kamen Bancal und seine Frau und fingen das herunterfließende Blut in einem irdenen Tiegel auf; was über die Dielen rann, scheuerten die Weiber ab. In den Taschen des Ermordeten fand sich ein Fünffrankenstück und mehrere Soustücke. Bastide Grammont warf das Geld in die Schürze der Bancal und sagte: »Nehmt! wir töten ihn nicht um dieses Geldes willen«. Es wurde auch ein Schlüssel gefunden, den steckte Bastide zu sich. Frau Bancal hatte Lust zu dem feinen Hemde des Toten und bemerkte lüstern, es sähe wie ein Chorhemde aus, doch lenkte man sie von ihrer Begierde ab, indem man ihr einen Amethystring von Fualdes Finger schenkte. Dieser Ring wurde am andern Tag von einem unbekannten Herrn gegen eine Entschädigung von zehn Franken wiedergeholt.

Als Bachs Erzählung mit ihrer ganzen Umständlichkeit und ihrer heuchlerischen Fülle seltsamer und einleuchtender Einzelheiten bekannt wurde, fehlte nicht viel und man hätte den phantasievollen Schurken wie einen Erlöser gefeiert. Die Entrüstung nährte den Glauben und Kritik erschien als Verrat. Das Publikum, die Zeugen, die Richter, die Behörden, alle glaubten an die Tat und alle begannen mitzudichten. Bach und Bousquier, die einander gegenübergestellt wurden, stritten sich und einer schimpfte den andern Lügner; der eine wollte vor, der andere nach dem Mord ins Bancalsche Haus gekommen sein, der eine behauptete, zugegriffen zu haben, der andere wollte bloß die in ein Bettuch und mit Stricken umschnürte Leiche aufgeladen haben. Der blödsinnige Missonier bezeichnete noch eine Reihe anderer Personen, die er im Bancalschen Hause gesehen hatte, zwei Notare aus Alby und einen Koch. In der Kneipe der Rose Feral, wo allerlei schlechte Individuen verkehrten und alte Kriegstaten und Diebstähle zur Sprache kamen, wurde am Mordabend die Plünderung eines Hauses besprochen, das einem Liberalen gehörte. Dieses Gerücht war darauf berechnet, den Schrecken der ruhigen Bürger zu vergrößern, und daß sich nachher alle Verschwörer, auch wohlhabende Leute, in Bancals Wohnung einfanden, mochte weiter nicht auffallen. Alles stimmte in dem verworrenen und höllischen Gewebe, in den Kleidern des toten Fualdes war kein Geld, an seinen Fingern kein Ring gefunden worden; Grammont hatte noch am siebzehnten März den Gerichtsvollzieher im Hause gehabt und dieser Umstand, rechtzeitig emporgetrieben aus dem Lügensumpf, gab Sicherheit. Bastide war unrettbar verstrickt. Die Gefangenen untereinander gerieten in Bedrängnis durch die fühlbare Unruhe des Volkes; jeder erschien dem andern als schuldig, jeder gab, was man nur wissen wollte, vom andern zu, um sich selber zu entlasten; sie kannten ihr Schicksal nicht, sie verloren den Sinn für die Bedeutung der Worte, sie spürten nicht mehr sich selbst, ihren Leib, ihre Seele, sie fanden sich umspannt von einer unsichtbaren Klammer und jeder suchte sich auf eigene Rechnung zu lösen, ohne zu wissen, was er denn eigentlich getan oder unterlassen habe. Täglich fanden neue Verhaftungen statt, kein durchreisender Fremdling war seiner Freiheit sicher und nach einigen Wochen war halb Frankreich von dem Rausch der Wut, des Racheverlangens und der Furcht ergriffen. Aus den Gestalten des lächerlich-grauenvollen Mordgetümmels tauchte bald diese, bald jene deutlicher und wesenhafter empor, und am wichtigsten erschien schließlich, weil immer von neuem genannt, die verschleierte Dame mit den grünen Federn auf dem Hut; ja sie wurde allmählich zum Mittelpunkt und zur treibenden Gewalt der blutigen Handlung, vielleicht nur, weil ihre Herkunft und Existenz ein Geheimnis blieb. Von vielen Stimmen wurde Charlotte Arlabosse verdächtigt, aber sie konnte ihre Unschuld durch kaum angreifbare Zeugnisse erhärten, auch erschien sie als zu harmlos und zu sehr als das Opfer von Bastides tyrannischer Grausamkeit, um dem dämonischen Bilde der mysteriösen Unbekannten zu entsprechen.

Während Bach und Bousquier in einem Wetteifer, durch den sie ihr eigenes Verderben beflügelten, mit immer neuen Erfindungen die Behörde zur Milde bestachen und durch Bezichtigungen, zu welchen sie das unterirdisch ihnen zusickernde Gerede ermunterte, den trüben Quellen frische Nahrung zuführten; während der Soldat Colard und das Ehepaar Bancal infolge der harten Gefangenschaft, der unnachsichtigen Behandlung der Wärter und der folternden Verhöre in Delirien des Wahnsinns gestürzt wurden, so daß sie Dinge berichteten, welche selbst der an ein Übermaß schon gewöhnte Monsieur Jausion als Traumgeburten bezeichnen mußte; während die übrigen Häftlinge, haltlos zwischen eigenen Erlebnissen und krankhaften Visionen steuernd, immer einer den andern verdächtigte und heute widerriefen, was sie gestern beschworen, bald um Gnade winselten, bald sich trotzig verschlossen; während die Bewohner der Stadt, der Dörfer, der ganzen Provinz mit einem Fanatismus, dessen Feuer von dunklen Hütern bewacht und gespeist wurde, die Beendigung des langwierigen Verfahrens und die Bestrafung der Missetäter forderten; während endlich das Gericht in der unbeherrschbar anwachsenden Flut der Beschuldigungen und Verleumdungen Weg und Richtung verlor und im Begriffe war, ein Werkzeug in den Händen des Pöbels zu werden; – währenddessen war es den uferlosen Kräften gelungen, das Gemüt eines Kindes zu vergiften, welches als Zeuge auftrat gegen Vater und Mutter und das betörte Volk glauben machte, Gott selbst habe durch ein Wunder die Zunge einer Unmündigen gelöst.

Schon am Anfang war die elfjährige Magdalena Bancal vom Untersuchungsrichter befragt worden; sie hatte nichts gewußt. Darnach kam das Kind ins Hospiz, und auf einmal meldeten sich Personen, die von andern und diese, die wieder von dritten und vierten Personen gehört hatten, das Mädchen habe gesehen, wie man den alten Mann auf den Tisch gelegt und wie man ihrer Mutter Geld gegeben habe. Freilich ermittelte der Gerichtsrat Pinaud, der einzige Mann, der in dem wüsten Wirrsal Klarheit und Urteil behielt, daß Magdalena von dem Ökonomen des Hospizes, sowie von andern Leuten Geschenke erhielt; aber da war es schon zu spät, um die Wurzel der Lüge zu entdecken und zu töten. Immer fester wurde dem Kind seine erste Aussage eingeredet und die Erzählung erweiterte sich, je mehr man ihm Aufmerksamkeit schenkte und seiner Eitelkeit schmeichelte, so daß es in Wahrheit alles erlebt zu haben glaubte und sich in der Teilnahme und dem Bedauern der Erwachsenen wohl fühlte. Ihre Mutter hatte sie auf den Dachboden geführt, so berichtete Magdalena, aber dann war sie aus Furcht vor Kälte heimlich wieder heruntergeschlichen und hatte sich im Bett des Alkovens versteckt. Durch ein Loch im Vorhang konnte sie alles gewahren und belauschen. Als der Alte erstochen werden sollte, lief die Dame mit den grünen Federn entsetzt in die Kammer und suchte durchs Fenster zu fliehen. Bastide Grammont zog sie hervor und wollte sie umbringen. Bancal und Colard baten um Schonung für sie und sie mußten einen furchtbaren Eid schwören, der sie zum Schweigen verband. Ein wenig später sah Grammont, dessen Argwohn nicht stille wurde, auch im Bett nach. Magdalena stellte sich schlafend. Er betastete sie zweimal und sagte dann zur Mutter, sie möge sehen, sich des Kindes zu entledigen, was Frau Bancal um vierhundert Franken zu tun versprach. Am andern Morgen wurde das Kind von der Mutter aufs Feld geschickt, wo der Vater gerade ein tiefes Loch gegraben hatte. Sie glaubte, der Vater werde sie hineinwerfen, aber er umarmte sie weinend und ermahnte sie zur Frömmigkeit.

Wäre man auch jedes andere Zeugnis zu bezweifeln bereit gewesen, der Bericht des Kindes galt als unwiderleglich, und niemand fragte darnach, wie er zustande gekommen, wie man das unwillende Geschöpf umworben, bestochen und durch Beifall und Zärtlichkeit oder gar durch Furcht trunken gemacht hatte. Man zog aus seinen Schreckträumen Nutzen, indem man es nachts aus dem Schlaf zerrte; jeder neue Einfall war willkommen, das Mädchen glaubte etwas Vortreffliches zu leisten und gab sich immer bereitwilliger an seine Rolle. Solcherart formte sie Dinge aus dem Nichts heraus, die geeignet waren, auf das Fieberbild der Mordnacht ein wunderliches Wirklichkeitslicht zu werfen, zum Beispiel, wie die Mutter am Morgen mit demselben Messer Brot geschnitten hatte, mit dem der alte Herr erstochen worden war, und wie Magdalena das Brot zurückgewiesen hatte, weil ihr davor geschaudert; oder wie das im Tiegel aufgefangene Blut einem der Schweine zu trinken gegeben und wie das Tier darnach wild geworden und schreiend durch den Hof gerast sei.

Bastide Grammont ließ mit kalter Gelassenheit Verhör um Verhör über sich ergehen. Seine trocken-hochmütige Würde, sein spöttisches Lächeln, sein stummes Achselzucken setzten Monsieur Jausion nicht selten in Verlegenheit. Doch kam es wohl vor, daß er, von Ungeduld hingerissen, dem Richter kurzweg das Wort entriß und kühn und beredt an dem gebrechlichen und dennoch unzerstörbaren Bau der Indizien rüttelte.

»Falls es in meinem Plan und Interesse gelegen war, den Oheim ums Leben zu bringen, bedurfte es dann einer Verschwörung von so vielen Personen?« so fragte er etwa und die Verachtung machte seine Züge flammen. »Soll ich so dummschlau sein und mich mit Bordellwirten, Dirnen, Schmugglern, alten Weibern und abgestraften Verbrechern verbünden, Leuten, die zeitlebens meine Meister und Mahner geblieben wären, selbst wenn Stillschweigen zu ihren Tugenden gehörte? Läßt sich etwas Sinnloseres ausdenken, als einen Mann auf offener Straße zu ergreifen und ihn in ein ohnehin verdächtiges Haus zu schleppen? Wozu das alles? Gab es für mich keine bessere Gelegenheit? Konnte ich den Alten nicht auf das Gut locken, ihn im Wald erschießen und verscharren? Ich hätte ihn zum Unterschreiben von Wechseln gezwungen, – wo sind sie, die Wechsel? Sie müßten doch zum Vorschein kommen und mich bloßstellen. Sie sagen selbst, das Bancalsche Haus sei so verwahrlost, daß man von der Wohnung der Spanier durch die morschen Bretter in Bancals Stube blicken kann; warum hat dann Monsieur Saavedra nichts gehört? Aha, er hat geschlafen. Guter Schlaf das. Oder ist er auch im Komplott, wie meine Mutter, meine Schwester, meine Geliebte, meine treuen Diener? Und alles zugegeben, genügten nicht die Bancalschen Eheleute zur Hilfe, einen schwachen Greis zu töten und beiseite zu schaffen, mußte ich dazu ein halb Dutzend verdächtige Kerle aus den Kneipen holen? Warum hat mein Oheim nicht geschrieen? Er war geknebelt, schön; aber der Knebel ist auf dem Hofe gefunden worden. So hat er doch geschrieen, als der Knebel entfernt war, und ich habe die Leiermänner spielen lassen. Sehr geistreich, das mit den Leiermännern, aber solche Drehorgeln machen doch Lärm und locken Leute an die Fenster und auf die Straße. Und warum das Opfer schlachten, da so viele starke Männer es leicht hätten erwürgen können? Zeigen Sie mir den ärztlichen Befund, Monsieur, ob darin von einem Stich und nicht vielmehr von einem Riß die Rede ist. Und welches Geschwätz, das mit dem Leichenzug, welche verräterischen Anstalten in einem Land, wo jeder Grenzpfahl Augen hat! Man beschuldigt mich, am andern Morgen in meines Oheims Haus gestürmt zu sein und Papiere geraubt zu haben. Wo sind diese Papiere? Mein Oheim starb fast arm. Seine Forderung an mich ist an den Präsidenten Seguret übergegangen. Wozu also die Tat? Was will man von mir? Wer, der Augen hat, sieht meine Hände befleckt?«

Diese Sprache war herausfordernd. Sie erweckte den Unwillen des Gerichts und den gesteigerten Haß der Menge, die davon entstellte Kunde erhielt. Aus Angst vor dem Volk wagte kein Advokat die Verteidigung Bastide Grammonts zu übernehmen. Monsieur Pinaud, der allein den Mut hatte, auf die Unwahrscheinlichkeit und die abenteuerliche Herkunft der meisten Zeugenaussagen zu verweisen, hätte seinen Eifer für die Wahrheit fast mit dem Leben bezahlen müssen. Eines Nachts zog ein Pöbelhaufen, darunter auch Bauern, vor sein Haus, zertrümmerte die Fensterscheiben, demolierte das Tor und legte Feuer auf der Treppe an. Nur mit Mühe konnte sich der erschrockene Mann ins Freie retten, und er floh nach Toulouse.

Wohl erkannte Bastide Grammont, daß es für ihn zunächst keinen Widerstand gab; er entschloß sich, alle Tapferkeit in Geduld zu verwandeln und seine Lippen so zu verschließen, als ob sie die Türen wären, durch welche die Hoffnung entfliehen könnte. Er, der freieste der Menschen, mußte die strahlenden Tage des Frühlings, die duftigen Abende des Sommers in einem feuchten Loch zubringen, das den eigenen Atem ekel machte; er, zu dem die Tiere redeten, den die Blumen mit Augen anblickten, für den die Erde zu gewissen Zeiten etwas wie einen Glanz von Verliebtheit hatte, der zu gehen, zu schreiten, zu wandern, zu reiten wußte so wie Künstler entzückende Werke schaffen, er mußte, durch ein widersinniges Spiel unbegreiflicher Umstände bezwungen, den Vorgeschmack des Grabes kosten und entbehren, was ihm das innerste und eigenste des Lebens war. Häufig wurden die Nächte des Trotzes, wo der Blick überfloß und stumpf wurde im Gedanken der Schmach; häufiger die Tage nicht zu beherrschender Sehnsucht, wo jedes von der nassen Mauer bröckelnde Sandkorn an das wunderbare Wirken und Weben der Erde, der Wiese, des Waldes gemahnte. Von den Ereignissen, die sein Schicksal verdunkelt hatten, wandte er alles Nachdenken angewidert ab, und er hörte es kaum, als eines Morgens der Wärter erschien und ihm frohlockend mitteilte, daß die geheimnisvolle Unbekannte, welcher es bestimmt war, Haupt- und Kronzeugin zu werden, die Dame mit den grünen Federn endlich gefunden sei; sie habe sich selbst gemeldet und es sei die Tochter des Präsidenten Seguret, Madame Clarissa Mirabel.

Bastide Grammont blickte finster vor sich hin. Aber von Stund an umflatterte dieser Name sein Ohr wie der Flügelschlag des unabwendbaren Fatums.

 

So war es: Madame Mirabel hatte bekannt, daß sie während der Mordnacht im Bancalschen Haus gewesen sei. Doch geschah dies Geständnis im Drang eines sonderbaren Augenblicks, und es verfloß nicht so viel Zeit, wie das flinke Gerücht brauchte, um offenbar zu werden, da nahm sie alles wieder zurück. Aber das Wort war gefallen und zeugte Tat auf Tat.

Clarissa Mirabel war das einzige Kind des Präsidenten Seguret. Sie war auf dem Land erzogen worden, in dem alten Schloß Perrié, das ihr Vater beim Anbruch der Revolution gekauft hatte. Die politischen Stürme und die Unsicherheit der Zustände waren schuld, daß sie in ihrer Kindheit keines regelmäßigen Unterrichts genoß. Die tiefe Abgeschiedenheit, in der sie aufwuchs, begünstigte ihre Anlage zur Schwärmerei. Sie vergötterte ihre Eltern und in den bewegten Zeiten der Anarchie zeigte die erst vierzehnjährige Jungfrau an der Seite ihres Vaters einen solchen Opfermut und solche Hingabe, daß sie dadurch die Aufmerksamkeit des Oberst Mirabel erregte, der dann fünf Jahre später kam und um sie warb. Sie liebte ihn nicht, – kurz vorher hatte sie ein seltsam-romantisches Verhältnis mit einem Hirten der Gegend angeknüpft, – doch heiratete sie, weil ihr Vater es befahl. Die Ehe war nicht glücklich; nach drei Monaten trennte sie sich von ihrem Mann; der Oberst ging mit dem Heer nach Spanien. Als der Krieg zu Ende war, kam er zurück und ließ Clarissa sein Verlangen andeuten, daß sie bei ihm wohnen solle, doch weigerte sie sich, erklärte auch schriftlich ihre Weigerung, zornig darüber, daß er fremde Leute schickte, um mit ihr zu unterhandeln. Doch erfuhr sie, Mirabel sei verwundet, und dies änderte ihren Sinn. In der Nacht, auf verborgenen Wegen, unter umständlichen Förmlichkeiten wurde der Oberst ins Schloß getragen, und in einem abgelegenen Zimmer pflegte ihn Clarissa mit treuer Sorgfalt. Solange es geheim blieb, fesselte sie die neuartige Beziehung zu dem Mann als Liebhaber, doch die Mutter entdeckte alles und glaubte, der völligen Aussöhnung zwischen den Gatten stehe nichts im Wege. Clarissa wußte ihren Mann zu entfernen; in einem Gehölz beim Dorf hatte sie abendliche Zusammenkünfte mit ihm. Oberst Mirabel wurde aber des wunderlichen Treibens überdrüssig; er erhielt eine Anstellung in Lyon, starb aber kurz darauf an den Folgen seiner Ausschweifungen.

Jahre gingen hin; auch die Mutter starb und die Trauer Clarissas war so groß, daß sie tagelang nicht vom Grabe wich und nur durch den Einfluß des leichter getrösteten Vaters zu bewegen war, sich wieder in das einsam-leere Dasein zu fügen. Völlig sich selbst überlassen, ergab sie sich dem Genuß ungewählter Lektüre und ihre Wünsche richteten sich mit verborgener Glut auf große Erlebnisse. Sie brachte sich durch auffällige Neigungen und Gewohnheiten in das kleinstädtische Gerede; sie ließ Kinder und halbwüchsige Knaben und Mädchen ins Schloß kommen, deklamierte ihnen Verse und richtete sie zum Theaterspielen ab. Ihr zwangloser Charakter erweckte Feinde; sie sagte, was sie dachte, verletzte ohne böse Absicht, stiftete Verwirrung und Klatsch in aller Unschuld, übertrieb das Geringfügige und übersah das Große, gefiel sich zuweilen in Maskeraden, Verkleidungen und erdichteten Rollen und bezauberte doch wieder den Empfänglichen durch die Anmut ihrer Rede, die heitere Beweglichkeit ihres Geistes, das gewinnend Herzliche ihrer Manieren.

Sie war jetzt fünfunddreißig Jahre alt; aber nicht nur, weil sie außerordentlich schlank, klein und zart war, sah sie aus wie ein achtzehnjähriges Mädchen, sondern es war auch in ihrem Wesen eine tiefe und ungewöhnliche Jugend, und wenn ihr Auge voll und nachdenklich auf einem Gegenstand ruhte, hatte es die Klarheit und träumerische Süße des Kinderblicks. Sie war gleichsam ein Erzeugnis der Grenze: südliche Lebhaftigkeit und nordische Schwere waren zu ruheloser Mischung gediehen; sie grübelte gern und wie ein Tierlein spielend, vermochte sie in Männern aller Art ein mit Scheu gemengtes Begehren zu erregen.

Von der Flut der Gerüchte über den Tod des Advokaten Fualdes blieb sie zunächst unberührt, obwohl ihr Vater durch den Kauf der Domäne La Morne mittelbar an den Ereignissen beteiligt schien und täglich neue Nachrichten ins Schloß getragen wurden. Der Vorfall war ihr zu verwickelt und alles was damit zusammenhing, roch so sehr nach Schmutz. Erst als der Name Bastide Grammonts genannt wurde, horchte sie auf, verfolgte die Dinge und ließ sich den geglaubten Hergang vom Vater oder von den Dienerinnen berichten, wobei sie mehr Teilnahme als Verwunderung bezeigte.

Sie wußte nichts von Bastide Grammont. Des ungeachtet fiel sein Name, kaum daß sie ihn gehört, wie ein Gewicht in ihr lauschendes Innere. Sie fing an, sich nach ihm zu erkundigen, unternahm heimliche Ritte nach La Morne und brachte den einen oder andern seiner Leute über ihn zum Reden, ja einmal gelang es ihr sogar, mit Charlotte Arlabosse zu sprechen, die um jene Zeit schon wieder in Freiheit war. Was sie vernahm, erzeugte in ihr ein eigentümliches, schmerzhaftes Staunen; ihr war zumut, als hätte sie eine wichtige Begegnung versäumt.

Dazu kam, daß sie sich plötzlich erinnerte, ihn gesehen zu haben. Er mußte es gewesen sein, wenn sie die verworrenen Schilderungen seiner Person nur halbwegs recht verstand. Es war ein Jahr zuvor gewesen, an einem frühen Morgen im ersten Frühjahr. Von der allgemeinen Unruhe gepackt, durch die der erwachende Lenz das Blut aufwühlt und den Schlaf schneller als sonst beendigt, hatte sie das Schloß verlassen und war zu Fuß über die Weinbergwege in das bewaldete Tal von Rolx gewandert. Und während sie durch die sonnebeglänzten, feuchten Gebüsche schritt, über sich das Jubeln der Singvögel und das glühende Blau der Himmelskugel, unter sich die wie ein Leib atmende Erde, hatte sie einen Mann von mächtigem Gliederbau gewahrt, der aufrecht dastand, barhäuptig, die Nase in der Luft und mit einer überirdischen Begierde, mit aufgerissenen Augen genoß, was eben zu genießen war: die Düfte, die Sonne, die berauschende Feuchtigkeit, den Glanz des Äthers. Er schien dies alles zu riechen, er schnupperte wie ein Hund oder wie ein Hirsch und indes sein nach oben gekehrtes Gesicht eine entfesselte, lachende Befriedigung zeigte, zitterten die herabhängenden Arme wie in Krämpfen.

Damals hatte sich Clarissa gefürchtet; sie war entflohen, ohne daß jener sie bemerkte, ohne daß er das Rascheln der Zweige und den Schall ihrer Tritte vernahm. Jetzt gewann das Bild eine andere Bedeutung. Oft wenn sie allein war, gab sie sich der Ausmalung jener Stunde hin: wie sie dem Sonderling entgegentrat, ihm durch ein tiefberechnetes Spiel von Fragen Antwort um Antwort von den trotzigen Lippen raubte und wie er dann, unfähig sich länger zu verstellen, aus eigenem Trieb sein Herz aufschloß. Und eines Nachts kam er auf wildem Pferd, drang ins Schloß, nahm sie und ritt mit ihr davon, so schnell, daß es schien, als sei der Sturm sein Diener und als sei das Roß vom Sturm beflügelt. Wenn die Rede bei Tisch oder in Gesellschaft auf Bastide Grammont kam und seine von allen unbezweifelte Mordschuld, beschäftigte sich Clarissa niemals mit dem Entsetzlichen der Tat, die einen solchen Mann auf ewig von der Gemeinschaft der Guten trennen mußte, sondern, umhüllt von wollüstigem Dunst, empfand sie die Wirkung seiner Kraft, das Heroische einer Gebärde, die Wahrheit einer Existenz und die Gewißheit von der erreichbaren Nähe jener Gestalt, die aus ihren bangen Träumereien nicht mehr weichen wollte. Sie erschrak über sich selbst, sie staunte in die gefürchteten Abgründe der eigenen Brust hinab und oft war ihr, als läge sie, sie selbst im Kerker und als ginge er, Bastide, draußen auf und ab und sinne auf Mittel, die Türe zu sprengen, während sein beflügeltes Pferd triumphierend wieherte.

Nun war sie versponnen in all das Reden., Raunen und Fabulieren und der ganze Knäuel von Scheußlichkeiten, in welchem Plan und Willkür unlösbar verwühlt waren, rollte stetig anwachsend auch vor ihren Weg. Es ergriff sie immer sonderbarer, und sie glaubte in vergifteter Luft zu atmen; sie ging durch eine Straße in Rhodez und wähnte aller Augen Rechenschaft fordernd auf sich gerichtet, so daß sie ihren Schritt beschleunigte, bleich und verwirrt nach Hause eilte und mit stockenden Pulsen vor einem Spiegel stille stand.

Vor nicht langer Zeit war sie auf dem Gut einer Familie zu Gast gewesen, die ihrem Vater befreundet war. Eines Tages geriet der Herr des Hauses, ein Gelehrter, über den Verlust einer wertvollen Handschrift in Unruhe und Sorge. Die Dienstleute wurden aufgeboten, jeden Raum zu durchstöbern, doch eines Diebstahls wurde niemand verdächtigt. Clarissa geriet nach und nach in einen qualvollen Zustand; sie bildete sich ein, man beargwöhne sie; in jedem Wort spürte sie den Stachel, in jedem Blick eine Frage, mit Angst und Eifer nahm sie am Suchen teil, schon hatte sie Fiebergesichte von Kerker und Schande, wollte zum Vater eilen, ihre Unschuld beteuern, – da fand sich plötzlich die Handschrift unter alten Büchern, Clarissa atmete auf wie von Todesgefahr errettet und nie zuvor war sie so witzig, gesprächig und hinreißend liebenswürdig gewesen wie in den darauffolgenden Stunden.

Als in der Phantasie der Menge mit den übrigen bei der bestialischen Abschlachtung des armen Fualdes Beteiligten die Dame mit den grünen Federn zu immer deutlicherer Gestaltung erwuchs, wurde Clarissa von einer Bestürzung erfaßt, mit der sie anfangs nur spielte, wie um sich auf einem Ungefähr zu erproben oder auf einer Möglichkeit zu schaukeln, gleich einem Knaben, der mit angenehmem Gruseln die gefrorene Decke eines Flusses auf ihre Festigkeit prüft. Sie verschlang die Berichte der Zeitungen. Das zaghafte Tändeln ward zu einer plagenden Vorstellung, hauptsächlich durch den Umstand, daß sie einen Hut mit grünen Federn wirklich besaß. Daran konnte nichts Auffälliges gefunden werden. Die Mode erlaubte es, grüne, gelbe oder rote Federn zu tragen; trotzdem wurde der Besitz des Hutes für Clarissa zur Qual. Sie wagte nicht mehr, ihn zu berühren, ihr schien, als seien die Federn mit einem blutigen Schimmer umhüllt und schließlich versteckte sie ihn in einer Rumpelkammer unter dem Dach.

Sie beschäftigte sich mit Reiseplänen, wollte nach Paris, aber der Entschluß wurde täglich wieder wankend. Indessen kam der Juni. Eine wandernde Theatergesellschaft kündete in Rhodez Vorstellungen an, und ein Offizier namens Clemendot, der Clarissa seit langem mit Liebesanträgen verfolgte, von ihr aber seiner Gewöhnlichkeit und offenbaren Roheit halber stets kühl, ja bisweilen schimpflich zurückgewiesen worden war, brachte ihr ein Billet und lud sie ein, mit ihm gemeinschaftlich das Theater zu besuchen. Sie lehnte ab, doch in letzter Stunde hatte sie Lust hinzugehen und mußte es dulden, daß sich Kapitän Clemendot nach dem Aufgehen des Vorhangs auf den leeren Platz zu ihrer Rechten setzte.

Die Truppe führte ein Melodram auf, dessen Handlung das Unglück und den schaudervollen Mord eines schuldlosen Jünglings mit Behagen in die Breite zerrte. Am Schluß des ersten Aktes trat eine als Mann verkleidete Dame auf die Bühne; sie trug einen spitzen, runden Hut und eine Maske vor dem Gesicht. Eine hastige, im Flüsterton gehaltene, von der düsteren Lampe eines Verbrecherquartiers beschienene Liebesszene mit dem Haupt der Mörderbande besiegelte das Schicksal des unglücklichen Opfers, das betend auf den Knieen lag. Im Zuschauerraum herrschte gieriges Schweigen, alle Augen brannten. Clarissa glaubte die hundert Herzen wie ebensoviele Hämmer schlagen zu hören, ihr wurde heiß und kalt, es entschwand jedes Gefühl sicherer Gegenwart und als in der darauffolgenden Pause Kapitän Clemendot in seiner halb demütigen, halb schamlosen Weise zudringlich wurde, überflog ein Schauder ihren Körper und der Weindunst seines Mundes brachte sie einer Ohnmacht nahe. Plötzlich warf sie den Kopf zurück, bohrte den Blick auf sein verschwommenes Trinkergesicht und fragte mit leiser, scharfer, eilender Stimme: »Was würden Sie sagen, Kapitän, wenn ich es wäre, ich, die im Bancalschen Hause dabei gewesen ist?«

Kapitän Clemendot erblaßte. Sein Mund öffnete sich langsam, seine Backen zitterten, seine Augen bekamen einen furchtsamen Glanz, und als Clarissa in ein weiches, spöttisches, aber nicht ganz natürliches Gelächter ausbrach, erhob er sich mit verlegenem Gruß und ging. Er war ein einfältiger Mensch, ungebildet wie ein Trommler und stand wie jeder andere in Rhodez wehrlosen Geistes unter dem Einfluß der blutrünstigen Gerüchte. Als die Vorstellung zu Ende war, näherte er sich Clarissa, die in apathischer Haltung zum Ausgang schritt, wo ihr Wagen wartete, und fragte, ob sie sich einen Scherz mit ihm habe machen wollen, und sie, mit trockenen Lippen, etwas wie neugierigen Haß im Gesicht, antwortete abermals lachend: »Nein, nein, Kapitän«. Darnach wurden ihre Züge wieder ernst, fast traurig und sie senkte die Stirn.

Clemendot ging verstört nach Hause, durchaus in der Meinung, er habe ein wichtiges Geständnis empfangen. Er fand sich verpflichtet zu reden und vertraute sich am andern Morgen einem Kameraden an. Dieser zog einen zweiten Freund ins Geheimnis, es wurde Rat gehalten und schon am Mittag wurde der Richter verständigt. Monsieur Jausion ließ den Kapitän und Madame Mirabel zu sich entbieten. Nach langem und merkwürdigem Überlegen erklärte Clarissa alles für einen Spaß und der Richter mußte sie zunächst entlassen.

Aber nicht Spaß wollten die Herren, sondern Ernst. Der Präfekt, von dem Vorgefallenen unterrichtet, erschien am Abend beim Präsidenten Seguret und hatte eine kurze Unterredung mit dem würdigen Mann, der, in tiefster Brust erschüttert, vernehmen mußte, welche Schmach seine Tochter über ihn und sich heraufbeschwor und so den Frieden seines Alters bedrohte. Clarissa wurde herbeigeholt; wie entgeistert stand sie vor den beiden Greisen und der in jeder Bewegung und Miene des Vaters sich bekundende Kummer rührte sie schmerzlich an ihrer Seele. Sie berief sich auf den unbesonnenen Augenblick, auf eine tolle Laune und Verwirrung des Gemüts; umsonst, der Präfekt legte seinen Unglauben offen dar. Herr von Seguret, der trotz einer zum heiteren geneigten Lebensführung überaus mißtrauischen Gemütes war, auch des festen und klaren Urteils über Menschen ermangelte, konnte nicht umhin, das bedrückte Wesen der Tochter als einen Beweis von Schuld aufzufassen und er erklärte ihr mit schneidender Strenge, daß er nur um den Preis der Wahrheit sie nicht von seinem Herzen stoßen wolle. Clarissa verstummte; die Worte drangen gleich würgenden Teufeln auf sie ein. Der Präsident verlor Schlaf und Ruhe und wanderte mit zerwühlten Sinnen die ganze Nacht über im Schloß herum. Seine Überlegungen bestanden darin, Clarissas Natur nach der Seite jener furchtbaren Möglichkeit hin zu erforschen, und bald genug sah er ihren undurchdringlichen Charakter mit den Flecken und Brandmalen eines romantischen Lasters bedeckt. Auch er war völlig im Bann der fanatisierten Meinung von aller Welt, seine Erfahrung hielt dem Pesthauch des verleumderischen Wesens nicht stand; die Furcht, am Ungeheuren teil zu haben, war stärker als die Stimme des Herzens; der Argwohn wurde Gewißheit und das Leugnen zur Lüge. Wenn er Clarissas Vergangenheit bedachte, ihre unbändige Lust, die vorgeschriebenen Wege zu verlassen, – eine Eigenschaft, die ihm jetzt als die Pforte zum Verbrechen erschien – dann war keine Annahme verwegen genug, und ihr Bild verwob sich von selbst in das düstere Gewebe.

Auch Clarissa schlief nicht. Im Dämmergrauen des Tages überraschte sie den Vater bei seinem verstörten Schreiten durch die Räume und schluchzend warf sie sich ihm zu Füßen. Er machte keine Anstalten sie zu trösten oder zu erheben; ihre verzweifelte Frage, was sie denn dort im Bancalschen Hause hätte suchen sollen, da ihr, als einer Witwe, keine Freiheitsfessel den Schritt verkürze und sie der Heimlichkeiten entraten dürfe, beantwortete der Präsident mit einem vielsagenden Achselzucken, und so fest war schon die schwarze Überzeugung genistet, so fern jede Milde, daß er auf ihre edle Forderung um ein gerechtes Erwägen nichts als die Worte hinwarf: »Sprich die Wahrheit.«

Die Kunde war nicht lahm. Verwandte und Freunde des Präsidenten kamen: bestürzt, erregt, lüstern, schadenfroh. Die undurchsichtig fremde, gleitend unnahbare Clarissa in den Kot geworfen zu sehen, war ein Anblick, den zu genießen alle begierig waren. Einige ältere Damen wagten ein heuchlerisch sanftes Zureden und Clarissas verachtendes Schweigen und ihr wehvolles Auge schienen Geständnisse zu geben. Der Präfekt kam neuerdings und in seiner Begleitung befanden sich zwei Beamte. Für die Regierung und die Behörde stand alles auf dem Spiel; der Racheruf, der um ihre Sicherheit besorgten Bürger, der Hohn und Groll der Bonapartisten wurden täglich ungestümer, die Zeitungen forderten die Verurteilung der Schuldigen, eine Empörung des Landvolks war im Zuge. Eine an der Tat selbst unbeteiligte Zeugin wie Madame Mirabel konnte alles schnell wenden und beenden, man redete ihr zu, versprach, was den im Bancalschen Haus geleisteten Eid anlangte, schriftlichen Dispens aus Rom und ein Jesuitenpater, den der Bürgermeister ins Schloß führte, mußte dies ausdrücklich bestätigen. Als alles vergeblich war und Clarissa dem frevlerischen Eindringen eine steinerne Ruhe entgegenzusetzen begann, drohte man ihr mit dem Gefängnis, drohte, ihre Schmach und Lasterhaftigkeit zu einer öffentlichen Sache von ganz Frankreich zu machen und bei diesen Worten des Präfekten warf sich ihr Vater vor ihr auf die Kniee, so wie sie am Morgen vor ihm getan und beschwor sie zu sprechen. Das war zu viel; mit einem Aufschrei stürzte sie ohnmächtig zu Boden.

Clarissa glaubte sich zu erinnern, daß sie den Abend des neunzehnten März bei der Familie Pal in Rhodez verbracht habe; sie glaubte sich zu erinnern, daß Frau Pal selbst am andern Tag zu ihr gesagt hatte: wir waren so lustig gestern und vielleicht ist um dieselbe Zeit der arme Fualdes ermordet worden. Als sie sich darauf berief, stellten die Pals alles mit Bestimmtheit in Abrede, sie leugneten den Besuch Clarissas, ja, in ihrer unbestimmten feigen Angst erklärten sie sogar, mit Madame Mirabel seit Jahren verfeindet zu sein.

Menschlichem Erbarmen waren die von Furcht und Wahn verblendeten Geister nicht mehr zugänglich. Hätte auch die Vernunft eines Einzelnen zu widerstreben versucht, es wäre nutzlos gewesen; die riesige Lawine konnte nicht gehemmt werden. Es wurde ein teuflischer Plan erdacht, und der Präfekt Graf d'Estournel war es, der ihn so vervollkommnete, daß er den besten Erfolg versprach. Gegen ein Uhr nachts rollte ein Wagen in den Schloßhof; Clarissa mußte darin Platz nehmen, der Präsident, der Richter, der Präfekt fuhren mit. Der Wagen hielt vor dem Bancalschen Haus. Herr von Seguret führte seine Tochter in das ebenerdige Zimmer zur Linken, einen höhlenartigen Raum, dumpf wie das schlechte Gewissen. Auf dem Ofensims brannte ein ärmliches Lämpchen, in dessen Schein lehnten zwei Huissiers und ein Schreiber mit starren Gesichtern an der Wand. Die Fenster waren mit Lappen verhängt, auf dem Alkoven äugte tiefe Finsternis, im ganzen Haus war es lautlos still.

»Kennen Sie diesen Ort, Madame?« fragte der Präfekt mit feierlicher Langsamkeit. Alle blickten Clarissa an. Um die gräßliche Spannung über ihrer Brust zu mildern, lauschte sie auf den Regen, der draußen an die Mauer klatschte; all ihre Sinne schienen sich hiezu im Ohr versammelt zu haben. Ihr Leib wurde schlaff, ihre Zunge war nur zu einem Nein oder Ja gewillt, und da jenes neue Qual und Marter, dieses aber vielleicht Ruhe versprach, so hauchte sie ein Ja: ein kleines Wörtchen, aus Schrecken und Erschöpfung geboren und kaum, lebendig, von einer geheimnisvollen Kraft beflügelt. Ihr Geist, verwirrt und von Sehnsucht durchflammt, machte ein Spukgebilde, das von tausend gärenden Gehirnen erschaffen war, zum Erlebnis. Das halbbewußt Vernommene, halbzerstreut Gelesene wurde brennendes Geschehen. Wunderbar verstrickt schien ihr Dasein mit dem jenes Mannes in Busch und Baum, der sich brünstig zum Himmel gereckt und mit dem Ausdruck eines durstigen Tieres die Luft durchschnuppert hatte. Jetzt stand sie auf der Brücke, die zu seinem Reich führte; sie sah sich zu seinen Füßen sitzen, von seiner ausgestreckten Hand fielen Blutstropfen auf ihren demütigen Scheitel. Grauen und liebliche Hoffnung faßten ihr Herz, jedes von einer andern Seite und dazwischen loderte wie eine Fackel, jauchzte wie ein Schlachtschrei der Name Bastide Grammont, ein Spiel für ihre Träume.

Erleichtertes Aufatmen flog nach dieser ersten Silbe eines bedeutungsvollen Geständnisses über die Gesichter der Männer. Der Präsident Seguret bedeckte die Augen mit der Hand. Im Innern beschloß er, der Liebe zu dem mißratenen Kind zu entsagen. Clarissa spürte es; alle Vorzüge, die sie an die bisherige Existenz geknüpft, waren gebrochen.

Sie sei also am Abend des neunzehnten März hier in diesem Raum gewesen? wurde gefragt. Sie nickte. Wie sie denn hierher gelangt sei? fragte Monsieur Jausion weiter, und er gab seiner Miene und seiner Stimme etwas Vorsichtiges und Delikates, um die noch zaghaften Geister der Erinnerung nicht bei der Arbeit zu stören. Clarissa schwieg. Ob sie durch die Rue des Hebdomadiers gegangen sei? fragte der Präfekt. Clarissa nickte. »Sprich! sprich!« donnerte plötzlich Herr von Seguret und selbst die beiden Huissiers schraken zusammen.

»Es begegneten mir mehrere Personen«, flüsterte Clarissa so leise, daß alle unwillkürlich den Kopf vorstreckten. »Ich fürchtete mich vor ihnen und aus Furcht lief ich ins erste offene Haus.«

Monsieur Jausion gab dem Schreiber einen Wink. »In dieses Haus also?« fragte er liebevoll, indes der Schreiber auf der Bank beim Ofen Platz nahm und in verkauerter Stellung schrieb.

Clarissa fuhr mit demselben klagenden Flüstern fort: »Ich öffnete die Tür dieses Zimmers. Jemand ergriff mich beim Arm und führte mich in den Alkoven. Er gebot mir stille zu sein. Es war Bastide Grammont.«

Endlich der Name! Aber wie anders war es, ihn auszusprechen als ihn bloß zu denken! Clarissa machte eine Pause, während sie die Augen schloß und die Hände ineinanderkrampfte. »Nachdem er mich eine Weile allein gelassen«, begann sie wieder, wie im Schlafe redend, »kam er zurück, hieß mich ihm folgen und brachte mich ins Freie. Da blieb er stehen und fragte, ob ich ihn kenne. Ich sagte erst nein, dann ja. Darauf fragte er, ob ich etwas gesehen hätte und ich sagte nein. Gehen Sie fort! befahl er, und ich ging. Doch war ich noch nicht bis zum Hauptplatz gekommen, als er wieder neben mir war und meine Hand in seine nahm. Ich gehöre nicht zu den Mördern, sagte er beteuernd, ich traf Sie und wollte nichts als Sie retten. Schwören Sie zu schweigen, schwören Sie beim Leben Ihres Vaters. Ich habe geschworen, darauf ließ er von mir. Und das ist alles.«

Monsieur Jausion lächelte skeptisch. »Sie wollen, Madame, von der Straße aus hier herein geflüchtet sein«, bemerkte er, »es ist aber durch einwandfreie Zeugen festgestellt, daß das Tor von acht Uhr ab verschlossen war. Wie erklären Sie das?«

Clarissa schwieg.

»Und wie ist es ferner zu erklären, daß Sie nichts gesehen haben, während Sie durch das hellerleuchtete Zimmer gingen? nichts gesehen, niemand gesehen und kein einziger hingegen, der nicht Sie gesehen hätte?«

Clarissa blieb stumm, sogar ihr Atem schien zu stocken. Der Präfekt machte Monsieur Jausion ein abwehrendes Zeichen; vorerst war genug erreicht, genug, daß Bastide Grammont von Clarissa erkannt worden war. Der Beschluß, den jede Schuld ableugnenden Verbrecher durch eine überraschende Konfrontation mit der Zeugin zum Geständnis zu zwingen, ergab sich jetzt von selbst.

Die Herren brachten Clarissa zum Wagen, da sie vor Schwäche kaum fähig war zu gehen. Zu Hause geriet sie in einen seltsamen Zustand. Erst lag sie lethargisch in einem Sessel, plötzlich sprang sie auf und schrie: »Schafft mir die Mörder fort!« Die Tür wurde geöffnet und ein erschrockenes Dienergesicht zeigte sich in der Spalte. Das ganze Gesinde stand wartend auf dem Flur, die meisten waren gewillt, den Dienst beim Präsidenten zu verlassen. Clarissa sah sich jedes Schutzes der Liebe beraubt und ausgestoßen aus dem Kreis, wo man das Herkommen achtet und gebundene Form als die geringste der Pflichten anerkannt ist. Sie war jedem Auge preisgegeben, der frechste Blick durfte ihr Innerstes betasten, sie war ein öffentlicher Gegenstand geworden, und nichts an ihr war mehr ihr eigen, sie fand sich selbst nicht mehr, nichts mehr in sich selbst, um dabei zu ruhen, sie war gebrandmarkt von außen und von innen, Speise der allgemeinen Lüsternheit, wehrlos herumgeschleudert auf den schmutzigen Fluten des Geredes, Mittelpunkt eines entsetzlichen Ereignisses, von dem ihre Gedanken nicht mehr loskommen konnten. Wehmut, Trauer, Angst, Verachtung, das waren keine Gefühle mehr für sie, dazu war ihr Blut zu sehr gejagt; Selbstungewißheit beherrschte sie, Zweifel an ihrer Wahrnehmung, Zweifel am Sichtbaren überhaupt und bisweilen stach sie sich mit einer Nadel in den Finger, nur um die Wirkung zu erfahren und den Schmerz zu empfinden, der als ein Zeugnis ihres Wachseins gelten und ihr Herz vor Verwesung bewahren konnte. Dabei die Qual, die sie von den Zudringlichen litt: Die Aufforderung zur Wahrheit, das Höhnen und Murren von unten, der Befehl von oben, die Rachsucht und Unvergeßlichkeit des einmal gesprochenen Worts; schließlich sah sie die ganze Welt erfüllt von roten, unablässig geschwätzigen Zungen, auf sie gerichteten, schlangenhaft bewegten, blutigen Zungen; jeder Gegenstand, den sie berührte, wurde zur schlüpfrigen Zunge. Die Menschengesichter verdämmerten bis auf eines, ein heldenhaft leidendes, eines das trotz Schuld und Verdammnis hoch über den andern thronte, ja ausgezeichnet schien durch seine Schuld wie durch einen Trotz. Und als der Tag kam, wo man ihr mitteilte, daß sie Bastide Grammont gegenübertreten solle, um ihn zu bezichtigen Aug in Auge, da klopfte ihr Puls zum ersten Mal wieder in freudigen Schlägen und sie kleidete sich wie zu einem Fest.

Die Begegnung sollte im Amtszimmer des Richters stattfinden. Außer Monsieur Jausion und seinen Schreibern war noch der Rat Pinaud anwesend, der wieder zurückgekehrt war. Monsieur Jausion warf ihm über die Brillengläser hinweg einen boshaften Blick zu, als Clarissa Mirabel spitzengeschmückt hereinrauschte, sich lächelnd vor den Herren verneigte und dann ihren Blick mit breiter Gelassenheit durch den ungastlichen Raum schweifen ließ. Aus einem Bilderrahmen in der Mitte der Wand schaute das fette und verdrießliche Gesicht des Königs auf sie herab, so verdrießlich, als sei ihm jeder einzelne seiner Untertanen ganz besonders zuwider. Sie vergaß, daß nur ein Bild vor ihr hing und sah mit einem kokettschmollenden Spiel ihrer Lippen hinauf.

Der Richter gab ein Zeichen, eine Seitentüre wurde geöffnet und zwischen zwei Justizsoldaten, mit aneinandergefesselten Händen trat Bastide Grammont herein. Clarissa stieß einen leisen Schrei aus und ihr Gesicht wurde fahl.

Um Bastide hauchte Kerkerluft. Das verwildert hängende Haar, der lang gewachsene Bart, der starre, etwas geblendete Blick, die leichte, an Lastenträger gemahnende Gebücktheit der Hünengestalt, die heimlich zuckende Wut auf frisch gefurchter Stirn, all das verleugnete nicht Grund und Herkunft. Ja, er schien die Mauern unsichtbar um sich herum zu tragen, die seine Brust mit Dunkelheit und Pein füllten und von Monat zu Monat mit hoffnungsloserm Glanz die Gemälde der Freiheit zeigten, bis sie sich schließlich weigerten, einen blühenden Baum, einen strotzenden Acker vorzulügen; dann glichen sie dem öden Grau eines herbstlichen Abends, wo die Luft schon nach dem Winter roch, der Leichenwagen öfter als sonst am Gartentor vorbei nach dem kleinen Kirchhof rasselte und der aufgehende Halbmond wie ein blutendes, geteiltes Riesenherz flammend über den feuchten Azur schwamm.

Und dennoch dieses stolze Auge, in dem der Entschluß funkelte, sich selbst getreu zu bleiben? Dennoch dieser seltsam knisternde Spott in den Mienen, der dem vorsichtigen und dabei majestätischen Ducken der gefangenen Tigerkatze vergleichbar war? Diese unendliche Verachtung, mit der er auf die schreibbereiten Hände der Schreiber blickte, die innerliche Freiheit und große Losgebundenheit, trotz der Handfessel und der beiden Soldaten?

Das war es, was Clarissa den Schrei entlockte und die törichte Munterkeit aus ihrem Gesicht jagte. Nicht etwa, weil sie den Waldmann und Erddämon von damals gebunden und gebrochen erblicken mußte, sondern weil sie wie unter Blitzesleuchten erkannte, daß diese Hand kein Mordmesser geführt haben konnte, daß eine solche Tat den Kreis seines Wesens nicht berührte, wenn er auch vielleicht dazu fähig gewesen wäre, und daß dies alles nun umsonst war, ein unverständlicher Rausch und Wahnsinn, das undurchsichtige Grauen selbst, ein Schauspiel von Heuchelei und Krankheit. Es packte sie ein Schwindel, als ob sie von einem hohen Turme herunterstürzte. Sie schämte sich ihres prunkvollen Gewandes, des herausfordernden Aufputzes und in leidenschaftlicher Wallung riß sie die kostbaren Spitzen von den Ärmeln und warf sie mit einer Grimasse des schmerzlichsten Ekels zu Boden.

Monsieur Jausion durfte das anders deuten. Wieder lächelte er Herrn Pinaud zu, aber diesmal triumphierend, als wollte er sagen: das Exempel stimmt. »Kennen Sie diese Dame, Bastide Grammont?« wandte er sich an den Gefangenen. Bastide wandte den Kopf zur Seite und ein Blick voll nachlässiger und bitterer Geringschätzung ging Clarissa durch Mark und Bein. »Ich kenne sie nicht«, entgegnete er finster, »ich habe sie niemals gesehen.«

Und neuerdings lächelte Monsieur Jausion, wie um einen vorübergehenden Irrtum zu berichtigen und säuselte: »Das ist nicht gut möglich; Madame Mirabel, damals in Männerkleidung und mit einem Hut mit grünen Federn, war in der Bancalschen Wohnung und ist von Ihnen selbst auf die Straße geführt worden, wo Sie ihr den Eid abnahmen. Ich bitte, sich dessen zu entsinnen.«

Bastides Gesicht zog sich zusammen wie vor der lästigen Zudringlichkeit einer Fliege und er wiederholte energisch und laut: »Ich kenne die Dame nicht. Ich habe sie niemals gesehen.« Und das Aufeinanderpressen seiner Lippen verriet den unerschütterlichen Vorsatz, von nun ab zu schweigen.

Monsieur Jausion schob seine Perücke zurecht und sah bekümmert aus. »Was haben Sie darauf zu entgegnen, Madame?« wandte er sich an Clarissa, die verloren starrte.

»Er kann es nicht wissen, daß ich ihn gesehen habe«, flüsterte sie, doch hatte dabei ihre Stimme etwas so Durchdringendes wie das Zirpen einer Zikade.

Jetzt wandte sich Bastide abermals zu ihr und in dem etwas schrägen Blick seines müd glänzenden Auges mischten sich Neugierde und Hohn, doch nicht mehr von beiden, als etwa einer sonderbaren Spielart von Pilz oder Spinne zukommt. In seinem Innern wog er gleichsam diese zarte Kindergestalt, wunderte sich flüchtig über das Bebende jeder Gebärde, das fliegende Auge, das ratlose Zucken der Lippen, wunderte sich über die am Boden liegenden Spitzen und glaubte zu träumen, als er gewahrte, daß eine flehende Bewegung ihrer Hände ihm galt.

Der Richter sprang auf und rief mit entstelltem Gesicht Clarissa zu: »Scherzen Sie nicht mit uns, Madame, es könnte Ihnen teuer zu stehen kommen. Sprechen Sie endlich! Ein abgezwungener Eid gilt nicht! Der Frieden Ihrer Mitbürger, die Ruhe des Landes steht auf dem Spiel. Lösen Sie sich aus der Bezauberung des Elenden! Ihr infames Lächeln, Grammont, wird Ihnen angerechnet werden am Tage des Gerichtes.«

Der Rat Pinaud trat vor und murmelte Bastide ein paar Worte ins Ohr, der dann die Arme erhob und die geballten aneinandergeketteten Fäuste mit einer Miene fressenden Ingrimms vor die Augen drückte. Clarissa wankte zum Tisch des Richters vor und indem sich ihre Wangen mit Leichenblässe überzogen, schrie sie: »Es ist alles Lüge! Lüge! Lüge!«

Monsieur Jausion musterte sie von oben bis unten, dann sagte er kalt: »So versetze ich Sie in den Anklagezustand, Madame, und erkläre Sie für verhaftet.«

Ein Schimmer düstrer Genugtuung überlief Clarissas Züge. Rasch, mit der blitzartigen Drehung einer Tänzerin kehrte sie sich zu Bastide Grammont, sah ihn an wie man nach einem schwülen Tag in den Gewitterhimmel schaut und nannte schmerzhaft aufatmend mit leiser Stimme seinen Namen. Er aber trat einen Schritt zurück wie bei unreiner Berührung, und niemals zuvor hatte Clarissa solchen Blick und Ausdruck der Verachtung gespürt. Ihre Kniee bebten, es ward ihr übel im Gaumen, die Wimpern füllten sich mit Tränen. Erst als sich die Türe des Gefängnisses hinter ihr geschlossen hatte, wich der kraftlose Zustand des Gepeitschtseins. Scham und Reue überwältigte sie, kaum fand sie einigen Trost in dem Geheimnisvollen ihrer Lage. Von keinem Gesetz überwacht, schien sie aus dem Gleise gehoben, wo sonst Ursache und Folge, schwerfällig aneinandergekoppelt, den langsamen Gang des Geschehens kriechen.

Ihrem Stande entsprechend, hatte sie den besten Raum des Gefängnisses erhalten. In den ersten Stunden lag sie auf dem Strohbette und wand sich in Krämpfen. Als der Wärter auf ihre dringende Bitte Licht brachte, da sie in der Finsternis wahnsinnig zu werden fürchtete, fiel der Kerzenschein auf das Bild des Gekreuzigten mit der Dornenkrone, das an der graugetünchten Wand hing. Sie schrie auf, ihre überreizten Sinne fanden eine Ähnlichkeit in den Zügen des Heilands mit jenen Bastide Grammonts. Dasselbe qualvolle Rund hatten seine Lippen gezeigt, als er die Fäuste an die Augen gepreßt.

Noch einmal lehnte sie sich auf gegen die maßlose Unbill. Mit der Welt zu leben war ihr eigentliches Element, ihr ganzes Wesen war auf ein liebenswürdiges Einverständnis mit den Menschen gestimmt. Sie verlangte Tinte und Papier und schrieb einen Brief an den Präfekten.

»Gerechtigkeit, Herr Graf!« schrieb sie. »Noch ist es Zeit das Äußerste zu verhindern. Erinnern Sie sich der Mühe, die Sie gehabt haben, das von mir zu erpressen, was die Wahrheit sein soll, erinnern Sie sich der Drohungen, durch die ich nachgiebig geworden bin. Ich bin ein Opfer der Umstände. Was immer ich gestanden habe, ist Lüge. Kein Mann von Vernunft kann an meinen Aussagen das Gepräge der Wahrscheinlichkeit entdecken. In einem Mutwillen der Verzweiflung hab' ich falsches Zeugnis abgelegt. Sagen Sie meinem Vater, daß seine Grausamkeit ihm sicherer die Tochter raubt als mein scheinbares Vergehen. Schon weiß ich nicht mehr, was ich glauben darf, die Vergangenheit entschwindet meinem Gedächtnis, meine Sicherheit beginnt zu wanken. Wenn es zuviel ist, Gerechtigkeit zu fordern, dann bitte ich um Mitleid, Herr Graf. Mein Schicksal will mich prüfen, aber mein Herz ist rein wie der Tag.«

Es war erfolglos. Es war zu spät für Worte, selbst wenn der Mund eines Propheten sie hinausgedonnert hätte. Am andern Morgen wurden viele der Zeugen und Eingekerkerten Clarissa vorgeführt. So kamen Bach, die Bancals, der Soldat Colard, Rose Feral, Missonier und die kleine Magdalena Bancal. Bousquier war krank. Der Anblick der vernichteten, schlotternden, in ein Phantom verlorenen, von hundertfältigen Martern eingeschüchterten, rachsüchtig zu allem bereiten Geschöpfe beunruhigte Clarissa bis ins Mark und gab ihr zugleich ein Gefühl unauslöschlicher Besudelung. Ist sie es? wurde jeder von den Unglücklichen gefragt und mit verwegener Gleichgültigkeit antworteten sie: sie ist es. Bloß Missonier stand da und lachte wie ein Idiot.

Clarissa war erstaunt. Solche Bestimmtheit und Selbstverständlichkeit der Antwort hatte sie nicht erwartet. Mit innerlichem Schluchzen hielt sie das Unleugbare des gegenwärtigen Zustands von sich ab und suchte in ihrem Gedächtnis schaudernd einen Weg zu jenem Vergangenen, auf den er sich gründete und den man von ihr bekräftigt wissen wollte. Ihr erschütterter Geist kroch zurück in früher gelebte Jahre, bis in die Jugend, bis in die Kindheit, um den doppelgängerischen Feind zu entdecken; was unheimlich und fremd gewesen, ward allmählich Kern und Schwerpunkt ihres Daseins und die Mordnacht in Bancals Haus wurde wie die ganze übrige Welt zu einer Vision von Blut und Wunden.

Aber durch die düstern Phantasien führte der Weg zu Bastide Grammont; ein Blumenpfad zwischen brennenden Häusern. Es dünkte ihr schön, ihn schuldig zu willen. Vielleicht hatte er seine Lippen auf die ihren gedrückt, ehe seine Hand nach dem Mordmesser gegriffen. Sie vermählte die eigene, finsterempfundene Schuld mit seiner größeren. Was ihn von der Menschheit abschnitt, knüpfte ihn an sie. Seine Gründe zu der Tat? Sie fragte nicht darnach. Sicherlich hatte die Tat damals Wurzel geschlagen, als sie ihn zuerst gesehen, als er den ganzen Wald, den ganzen Frühling in sich hineingeschluckt hatte. Gleichviel, ob er die Hände in Sonnenlicht oder in Blut tauchte, beides gehörte zu seinem Bild, zu ihrer dunklen Leidenschaft und Fualdes war der böse Dämon und das verderbliche Prinzip. Ach, dachte sie in ihrem sonderbaren Grübeln, hätte ich es gewußt, so hätte ich selbst es vollbracht und hätte eine Heldin sein können wie Charlotte Corday. Doch warum leugnete, warum schwieg Bastide? warum jener Blick zermalmender Verachtung, den sie nicht vergessen konnte und der noch immer auf ihrer Haut wie ein Schandmal brannte? War er zu stolz, sich einem Spruch zu beugen, der seine Tat nicht besser erachtete als die jedes Straßenräubers? Kein Zweifel, er erkannte seine Richter nicht an. So konnte sie ihn also zu sich niederziehen, ihn abhängig machen vom Hauch ihres Mundes, das freie wilde Tier bändigen, und sie vergaß, was auf dem Spiele stand, vergaß das eherne Entweder-Oder, vor welches hier die Geschicke gestellt waren, und gab sich hin wie ein Kind, das nichts vom Tode weiß.

Für den sechzehnten Oktober war die Verhandlung vor den Assisen anberaumt. Am Mittag des zehnten begehrte Clarissa Monsieur Jausion zu sprechen. Vor den Richter geführt, sagte sie, sie wisse um alles, sie wolle auch alles bekennen. Mit erregt zitternder Stimme rief Monsieur Jausion seine Schreiber.

»Ich kam in die Stube und sah das Messer blitzen«, gestand Clarissa. »Ich flüchtete in den Alkoven, Bastide Grammont eilte mir nach, umarmte mich und küßte mich. Er vertraute mir an, Fualdes müsse sterben, denn der alte Satan habe ihm sein Glück zerstört und das Leben unwert gemacht. Bastide war wie trunken von Begeisterung, und als ich Einwände machte, schloß er mir abermals mit Küssen den Mund, ja er küßte mich so, daß ich keinen Widerstand leisten konnte. Dann ließ er mich einen Schwur tun, dann ging er und ich hörte stöhnen, ich hörte ein schreckliches Geschrei, die kleine Magdalena Bancal, die im Bette lag, richtete sich plötzlich auf und weinte, da verlor ich das Bewußtsein und als ich wieder zu mir kam, war ich auf der Straße.«

Diese Erzählung brachte sie in einem mechanisch-abgemessenen Ton vor; ihre Stimme klang gläsern und fast verstellt, ihre Augen waren umflort und halbverschlossen, ihre kleinen Hände hingen schwer neben den Hüften und als sie schwieg, lächelte sie süßlich vor sich hin.

»Sie haben also schon vordem mit Bastide Grammont verkehrt?« fragte der Richter.

»Ja. Wir trafen uns im Wald. In der Nähe von La Morne ist ein alter Brunnen im Feld; auch dort trafen wir uns häufig; besonders des Nachts und bei Mondschein. Einmal nahm mich Bastide auf sein Pferd und wir ritten in rasender Geschwindigkeit bis an die Schlucht von Guignol. Ich fragte: wovor fliehen Sie, Bastide? denn mir war kalt vor Schrecken, und er flüsterte: vor mir und vor der Welt. Doch sonst war er stets sanft. Nie kannte ich einen bessern Mann.«

Immer silbriger klang ihre Stimme und schließlich sprach sie wie eine Verzückte oder wie eine Schlafende. Die Aussage ward ihr vorgelesen, sie unterschrieb ruhig und ohne zu zaudern, darauf erklärte ihr Monsieur Jausion, daß sie frei sei.

Im Schloß empfing sie feindselige Ruhe. Die wenigen Dienstboten, die geblieben waren, zischelten frech hinter ihr her. Niemand sorgte für ihre Bequemlichkeit, den Krug Wasser mußte sie selbst aus der Küche holen. Indes, als Herr von Seguret nach Hause kam, wußte er wie die ganze Stadt um Clarissas Geständnisse. Der Umstand ihrer verliebten Beziehungen zu Bastide erleuchtete nun mit jähem Schein das Vorhergegangene und wob eine Glorie um ihr früheres Schweigen. Doch Herr von Seguret schloß sich nur um so fester zu und als er vorüberkam, da Clarissa auf der Schwelle ihres Zimmers stand, wandte er das Gesicht ab und machte eine Gebärde des Abscheus.

Am Abend hatte der Präsident einige Freunde bei sich zu Gast. Während des Mahls öffnete sich die Türe und Clarissa erschien. Herr von Seguret sprang vom Stuhl empor, Zorn raubte ihm die Sprache. »Wag' es nicht«, stammelte er heiser und mit ausgestrecktem Arm, »wag' es nicht.«

Des ungeachtet schritt Clarissa bis an den Rand des Tisches. In ihrem Gesicht war ein strahlender, bezaubernder Ausdruck. Mit vollem Auge blickte sie auf den Vater, so daß dieser den Blick wie geblendet sinken ließ. »Schmähe nicht, Vater«, sagte sie sanft und in einem bestrickenden Ton anmutigen Werbens.

Mit alltäglicher Frage wandte sie sich an einen der Herren. Der Angeredete zauderte, schien bestürzt, verwundert, vermochte aber nicht zu widerstehen. Ihre von Gefängnisluft gebleichten Züge hatten etwas traumhaft Geistiges angenommen; das gewöhnlichste Wort aus ihren Lippen war von besonderem Reiz umglänzt.

Das Gespräch wurde allgemein; die Gäste besiegten, ja vergaßen ihr heimliches Staunen. Clarissas Witz und schalkhafte Laune übten eine hinreißende Wirkung. Dabei lag ein sinnlich prickelnder Hauch um sie, was Männern nicht entgeht, ihre Gebärden hatten etwas Schmeichlerisches, ihre Augen schimmerten in schwärmerischem Feuer. Beunruhigt, widerwillig lauschend, konnte sich Herr von Seguret doch dem Zauber, der seine Gäste gefangen nahm, nicht ganz entziehen. Eine Macht, die stärker war als sein Vorsatz, zwang ihn zur Milde, er nahm schüchtern Anteil an der Unterhaltung, trotzdem seine Brust wie von Bergeslast bedrückt war. Es wurde von Politik, von Büchern, von Kunst, von der Jagd, vom Krieg gesprochen, von allem und von nichts, ein glitzerndes Hin und Her geschliffener Sätze und funkelnder Beobachtung, von Lächeln und Beifall, Spott und Ernst. Es war manchmal wie in einer meisterhaft geführten Schauspielszene oder als ob ein leichter Champagnerrausch die Geister beflügelt hätte; jeder gab das Beste und suchte sich selber zuvorzukommen, und Clarissa hielt und spannte das Ganze wie eine Fee, die auf einem Wolkenwagen einen Zug von Tauben lenkt.

Kurz nach Mitternacht erhob sie sich, ein kurzes, sattes, wildes Lächeln blitzte über ihr Gesicht, sie verbeugte sich beinahe geziert und verließ den Raum, die Männer in einem wunderlichen, jähen Schweigen zurücklassend. Als Herr von Seguret seine Gäste hinausbegleitete, war er verstört, und jene entfernten sich still wie Diebe aus dem Schloß.

Der Präsident wandelte eine Weile in der Vorhalle auf und ab und seine Gedanken liefen nebeneinander her wie ein flüchtendes Rudel Wild. Da ihn das Widerklingen seiner Schritte unangenehm berührte, trat er in den Garten hinaus und auf den verschlungenen Wegen spazierend, atmete er erleichtert die frische Nachtluft ein. Als er die Taxusalle verließ, fiel ein Lichtschein über den Weg; Herr von Seguret stellte sich auf die Mauerbrüstung einer kleinen Fontäne und konnte so in Clarissas Zimmer sehen, dessen Fenster offen standen. Mit Mühe enthielt er sich eines erstaunten Ausrufes, als er Clarissa im losen Nachtgewand mit hingenommenem Ausdruck und leidenschaftlicher Bewegung tanzen sah. Die Augen waren ganz geschlossen, gleichsam versperrt, die Brauen kokett-angstvoll in die Stirn hinauf verzogen, die Schultern wiegten sich in einem Bad unhörbarer Töne, deren Tempo jetzt gehetzt, jetzt übermäßig langsam schien. Plötzlich griff sie nach einem Gegenstand und hielt ihn sich vor, – es war ein Spiegel; hineinblickend, schauerte sie zusammen und ließ ihn fallen, so daß der Lauscher die Scherben klirren hörte, dann trat sie ans Fenster, riß das Kleid über der Brust auf, legte die Hände auf die bloße Brust und sah gerade nach der Richtung, wo Herr von Seguret stand. Dieser duckte sich, als hätte man eine Flinte auf ihn gerichtet, doch Clarissa sah ihn nicht, sie starrte eine Weile in die ziehenden Wolken und machte dann das Fenster zu. Der Präsident stand noch geraume Weile da und wurde seiner Gedanken nicht Herr. Wen betrügt sie? dachte er mit Kummer, sich selbst, oder die Menschen oder Gott?

Seit langem zum ersten Mal hatte Clarissa wieder ruhigen Schlaf. Doch als sie sich in das weiße Bett legte, schienen die Kissen eine Purpurfarbe anzunehmen und sie fiel in den Schlummer wie in eine Schlucht. Sie träumte von Landschaften, von unheimlichen alten Häusern und von einem Himmel, der wie geronnenes Blut aussah. Sie selbst ging im Silberschein wie eine Braut und ohne daß sie eine Berührung spürte oder eine Gestalt sah, hatte sie doch auf den Lippen das Gefühl starker Küsse und in ihrem Schoß regte es sich, als ob Leben darin entstehe.

Dieselbe wunderliche Lust und Wallung verließ sie auch während der folgenden Tage nicht. Ein silberner Schleier lag zwischen ihr und der Welt. Aus Furcht ihn zu zerreißen, sprach sie leise und ging langsam; hinter ihm hatte die Sonne nicht mehr Leuchtkraft als sonst der Mond. Als sie am Vorabend des Verhandlungstages von einem Gang über die Felder zurückkehrte, sah sie am Eingangstor des Schlosses zwei Frauen stehen. Die eine eilte ihr entgegen, warf sich auf die Kniee und packte ihre Hände. Es war Charlotte Arlabosse. »Was haben Sie getan«, flüsterte das schöne Mädchen keuchend, »er ist unschuldig, bei Christi Leiden, er ist unschuldig! Erbarmen, Madame, und wenn auch nicht mit mir, so wenigstens mit seiner alten Mutter!«

Die Röte der Abendsonne lag auf den flehentlich verzerrten Zügen. Hinter Charlotte stand eine sehr beleibte Dame mit großen Warzen auf den Händen; doch der Kopf war hager und das Gesicht regungslos wie das einer Toten. Sie glich einem kraftstrotzenden Baum, dessen Krone verdorrt ist.

Clarissa machte eine abwehrende Bewegung, doch blieb ihre Miene freundlich und gelassen. Eine Sekunde lang glaubte sie in der Knieenden sich selbst zu sehen, die Doppelgängerin zu sehen und grausamer Triumph erfüllte ihr Herz. »Keine Sorge, mein Kind«, sagte sie leise und lächelnd, »was Bastide betrifft, so ist alles schon entschieden.« Damit öffnete sie das Tor und schritt ins Haus. Charlotte erhob sich und sah starr durch das Gitter.

An diesem Abend ging Clarissa bald zur Ruhe, erwachte aber schon um vier Uhr morgens und begann sich anzukleiden. Sie wählte ein schwarzes Sammetkleid und befestigte als einzigen Schmuck einen Diamantstern am Saum unter dem entblößten Hals. Ihr Herz klopfte in verdoppelten Schlägen, je näher die Stunde kam. Um acht Uhr fuhr der Wagen vor; es war eine lange Fahrt bis Alby, wo das Assisengericht tagte. Herr von Seguret war schon am frühen Morgen fortgeritten, niemand wußte wohin.

Kaum daß die Mauern der alten Stadt sichtbar geworden, zeigte sich schon so viel Volk auf den Wegen, daß die Pferde im Schritt gehen mußten. Die Leute umlagerten die Kutsche und schauten gespannt in die offenen Fenster; Frauen hoben ihre Kinder in die Höhe, damit auch sie die berühmte Madame Mirabel sehen konnten. Sie verbarg sich nicht der allgemeinen Neugier, mit einem hochzeitlichen Lächeln saß sie da, die feinen schwarzen Brauen waren weit in die Stirne hinauf verzogen.

 

Punkt zehn Uhr erschien Präsident Enjalran, der Leiter des Prozesses, im menschenüberfüllten Saal, und nach Verlesung der weitläufigen Anklageschrift wurde Bastide Grammont zum Verhör aufgerufen.

Fest wie aus Bronze stand er vor dem Tisch der Richter. Seine Antworten waren kühl, knapp und klar. Von Anfang bis zu Ende durchschaute er jetzt das unsinnige Märchen, gewoben aus Dummheit und Schlechtigkeit. Durch beißenden Spott gab er die namenlose Verachtung gegen all das zu erkennen, wessen man ihn bezichtigte, und setzte damit den Verteidiger, den das Gericht ihm in letzter Stunde bestimmt hatte und mit dem zu unterhandeln er sich hartnäckig geweigert hatte, in nicht geringe Bedrängnis.

Bisweilen wandte er den Blick gegen die kirchenartig hohen Fenster, und als er einen Vogel gewahrte, der sich auf das Sims gesetzt hatte und den gelben Schnabel in die Brustfedern grub, verlor er einen Augenblick die Fassung und sein Mund öffnete sich schmerzvoll.

Seine Vernehmung dauerte nur kurze Zeit. Sie war eine Formsache, denn sein Schicksal war besiegelt. Mit Bach, Colard und den übrigen Mitschuldigen hatte Herr von Enjalran leichtes Spiel; ihre Aussagen waren gleichsam schon versteinert. Bousquier war im Gefängnis gestorben. Von den andern suchte jeder für sich selbst ein Restchen Unschuld zu ergattern, sie machten den Eindruck von zerbrochenen und völlig willenlosen Menschen. Aufsehen erregte der alte Bancal, der während des Verhörs in einen Weinkrampf fiel und sich dann, seine Unschuld beteuernd, wie ein Rasender gebärdete. Der bucklige Missonier grinste, wenn von seiner Anwesenheit beim Mord die Rede war; er war vertiert durch die lange Gefangenschaft und das viele Verhörtwerden. Die kleine Magdalena Bancal benahm sich komödiantisch und grüßte mit Handküssen ihre Bekannten und Gönner, die unter den Zuhörern saßen. Rose Feral wurde beim Anblick der blutigen Lumpen, die auf dem Tisch des Richters lagen, totenbleich und vermochte nichts zu reden. Frau Bancal erinnerte sich, daß Monsieur Fualdes von sechs Männern in ihr Haus geschleppt worden war, daß er einige Schriften habe unterzeichnen müssen, der Länge und Quere nach, wie sie sagte. Am Tage darauf habe sie einen dieser Wechsel, auf Stempelpapier, gefunden, habe ihn aber, weil er mit Blut befleckt gewesen, verbrannt. Mehr wollte sie durchaus nicht bekennen, setzte allen Fragen ein stumpfsinniges Schweigen entgegen und äußerte schließlich, was sie noch wisse, wolle sie nur ihrem Beichtvater anvertrauen.

Die Zeugen bekundeten das Unglaublichste mit Seelenruhe. Ihr Gedächtnis war so stark, daß sie sich der geringfügigsten Dinge, die man von einem zum andern Tag vergißt, auf Stunde und Minute entsannen. In Nacht und Nebel hatten sie Menschen gesehen und erkannt, ihre Gesichtszüge, ihre Gebärden, die Farbe ihrer Kleider. Sie hatten Reden, Flüstern, Seufzen durch dicke Mauern hindurch gehört. Ein Bettler namens Laville, der in Missoniers Stall zu schlafen pflegte, hatte nicht nur die Orgelspieler und Lärm und Schreien vernommen, sondern er hatte auch gehört, daß vier Leute mit einer Last gingen, etwa wie Männer, welche ein Faß schleppen. Bastide Grammont lachte oft bei Aussagen, die er für unverschämte Lügen erklärte. Als die Bancal anfing zu gestehen, sagte er, da es so spät vor sich gegangen, habe er erwartet, daß das alte Weib noch mit mehr Umständen niederkommen werde. Einer anderen Zeugin hielt er bebend vor, wie des Himmels Hand schwer auf ihr laste und gemahnte sie an den fürchterlichen Tod ihres Kindes. Er glich einem Fechter, der gegen den Nebel ficht; niemand stand ihm eigentlich Rede, er war allein, die Widersprüche, die er nachzuweisen glaubte, blieben eben Widersprüche. Zuerst schien er zuversichtlich, bewahrte seine Haltung, blickte den Zeugen fest ins Gesicht, dann war es, als schwinde ihm der Sinn für die Bedeutung der Worte, nicht nur seiner eigenen, sondern aller Worte der Welt, oder als verliere er den Boden unter den Füßen und falle unaufhaltsam von Raum zu Raum ins grauenvoll End- und Grenzenlose hinab. Er begriff nicht mehr; er fragte sich entsetzt, ob dies noch Leben sei, noch Leben heißen dürfe, der herrliche Bau der Natur schien ihm verwüstet wie eine vom Sturm geborstene Mauer, der redende Mund all dieser Leute dünkte ihn nichts andres als ein in widerlichen Krämpfen auf- und zuklappender Schlund, sein Geist öffnete sich der Finsternis, Scham durchflammte ihn, er schämte sich im Gefühl des namenlosen Gottes und er schämte sich, daß sein Körper so gestaltet war wie der dieser Geschöpfe rings um ihn. Er hatte die Welt geliebt, er hatte einst die Menschen geliebt, jetzt schämte er sich dessen. Ihn schmerzte, daß er jemals Hoffnungen gehegt, daß er sein Herz mit Versprechungen hingehalten, daß Himmel und Sonne ihm einen frohen Blick, Scherzworte ihm ein Lächeln hatten entlocken können, er wünschte wie der Stein am Weg sein Inneres nie verraten zu haben, um nicht Schicksalszeuge sein zu müssen vor dem eigenen gebrandmarkten, gepeitschten und unerhört erniedrigten Selbst. Schon das Denken erschien ihm Schmach, um wie viel mehr erst das, was er hätte sagen können; es war nichts, war weniger als der Atem. Worauf sich stützen? worauf harren? Sie glauben nicht, nicht einmal den Hohn, nicht einmal das Schweigen. Und Bastide schloß sich zu und blickte dem Tod ins aufdämmernde Antlitz.

Es war schon gegen Abend, als endlich die Kronzeugin, Madame Mirabel, in den Saal gerufen wurde, und die ganze schon ermüdete Versammlung zuckte auf wie ein einziger Körper. Sie kam, und trotz der schwülen Luft, die den Raum erfüllte, schien sie zu frösteln. Als sie den Eid ablegte, zitterte sie sichtbar. Herr von Enjalran forderte sie auf, der Wahrheit gemäß zu berichten. Mit fremder, gleichmäßig matter Stimme, doch ziemlich hastig redend, gab sie dieselbe Aussage ab wie vor dem Untersuchungsrichter. Im Saal herrschte eine beängstigende Stille und infolgedessen wurde ihre Stimme immer leiser. Sie wußte jetzt eine Menge Einzelheiten, hatte das lange Messer auf dem Tisch liegen sehen, hatte gesehen, wie Bancal und Colard eine hölzerne Wanne hereintrugen und daß der Advokat Fualdes währenddessen neben der Lampe saß und mit tiefgebeugten Schultern schrieb. Sie hatte auch den geheimnisvollen Fremdling mit dem Stelzfuß gesehen und hatte beobachtet, daß Bach und Bousquier ein großes weißes Laken entfalteten. Auf die Frage, weshalb sie in Männerkleidern gekommen sei, gab sie keine Antwort. Und als sie dann flüsternd, mit zusammengekrampften Fingern, den Kopf geduckt, den mageren Rumpf etwas vorgebeugt, wie unter den Krallen eines Tieres sich kaum merkbar windend und doch mit jenem selig-süßen Lächeln, das ihrem Gesicht einen Ausdruck stiller Raserei gab, erzählte, wie Bastide sie im dunklen Nebenraum umarmt und geküßt habe, da sprang dieser plötzlich auf, schlug verzweifelnd die Hände zusammen und eilte ein paar Schritte vorwärts, bis er neben Clarissa stand. Alle hörten, wie schwer sein Atem ging.

Der Vorsitzende verwies ihm sein Benehmen, das er als unzart bezeichnete, Bastide aber rief mit starker, schmetternder Stimme aus: »Vor Gott, der mich hört und richten wird, erkläre ich, daß dies alles grauenhafte Lügen sind. Ich habe niemals dies Weib mit einem Finger berührt, noch mit Augen gesehen.«

Clarissa wurde weiß wie Kalk. Ihr war als höre sie jetzt erst das Klirren des zerbrochenen Spiegels, den sie nach dem Tanz zu Boden geworfen. Als der Generalprokurator sie aufforderte, fortzufahren, schwieg sie; ihre Augen verdrehten sich und der ganze Leib schauderte konvulsivisch.

»Sprechen Sie doch!« rief ihr Bastide Grammont zu, und die Empörung erstickte fast seine Stimme, »sprechen Sie! Ihr Schweigen ist noch verderblicher für mich als alle Lügen.«

Da schlug Clarissa die Augen zu ihm auf und fragte wunderlich bewegt: »Kennen Sie mich wirklich nicht, Bastide?«

»Nein! nein! nein!« brach dieser aus und nach oben blickend, stöhnte er qualvoll: »Sie ist eine Närrin.«

Innerhalb einer Sekunde wurde Clarissa glühendrot und wieder totenbleich. Und indem sie sich abermals zu Bastide wandte, sagte sie mit furchtbarem Ton des Vorwurfs: »O Mörder!«

Das Publikum applaudierte. Endlich war das Wort der Wahrheit gesprochen. Doch Clarissa wankte, ein Gerichtsdiener sprang herbei und fing sie in seinen Armen auf, mehrere Damen verließen ihre Plätze und bemühten sich um sie, und es dauerte eine halbe Stunde, bis sie wieder zu Bewußtsein kam; sie bot aber einen so veränderten Anblick, als sei sie plötzlich um zwanzig Jahre gealtert. Herr von Enjalran suchte das Verhör fortzusetzen, doch sie antwortete nur in halben Worten: sie wisse nicht; es sei möglich; sie wolle nicht widersprechen. Bastide Grammont hatte sich wieder auf der Anklagebank niedergelassen; auf seinem Antlitz malte sich unermeßliche Trauer und Bestürzung. Sein Verteidiger bat Clarissa, da sie doch nun einmal gesprochen, so solle sie weiterreden. »Ich beschwöre Sie, Madame, seien Sie deutlich«, sagte er, »von Ihnen hängt es ab, einen Unschuldigen zu retten oder ihn aufs Blutgerüst zu bringen.« Clarissa schwieg, als höre sie nicht; in ihrem Herzen wogte, wie Morgennebel über dem Wasser, ein tröstliches und bestrickendes Bild. Nun wandte sich der Rat Pinaud mit strenger Mahnung an sie; sie möge nicht glauben, daß sie ihre Aussagen nach Gutdünken machen und verschweigen könne, was sie wolle; aber darauf nahm der Prokurator für sie das Wort und sagte, man wisse, warum sie schweige, sie habe ja selbst versichert, daß sie eine Überzeugung habe, deren Gründe sie nicht darlegen könne, man möge zufrieden sein, daß man aus ihrem Munde das Wichtigste gehört habe, ja er erklärte sogar jedes weitere Drängen sei unschicklich. Er war noch nicht zu Ende mit seiner Rede, als ihn Clarissa unterbrach; sie erhob den rechten Arm und sagte feierlich beteuernd: »Ich habe keinen Eid geschworen.«

Bastide Grammont schaute empor. Er entriß sich seiner Betäubung, stand schwerfällig auf und begann mit ruhiger, doch um so mehr ergreifender Stimme: »Die Mauern der Kerker sprechen nicht. Einst aber werden sie dennoch reden und sie werden die angezettelten Heimlichkeiten mit Namen nennen, die man angewendet hat, um all diese Elenden zu zwingen, aus der Lüge die schimpfliche Schutzwehr ihres Lebens zu machen. Fualdes war nicht mein Feind, er war nur mein Gläubiger. Wenn Habsucht einen sonst anständigen und mäßigen Mann irregeleitet, wenn sie meinen Arm bewaffnet hätte, so hätte ich ihn doch nimmer gegen einen wehrlosen Greis erhoben. Wollt ihr ein Opfer haben, so nehmt mich; ich bin bereit, aber vermengt mein Schicksal nicht mit dem dieser Brut. Meine Familie, die stets auf dem Land lebte und die Sitte und Einfachheit des Landlebens übte, ist entehrt. Meine Mutter weint und erliegt. Urteilt, ob ich, in dieses Meer von Unglück gestürzt, noch Liebe zum Leben haben kann. Ich liebte einst die Freiheit, ich liebte die Tiere, das Wasser, den Himmel, die Luft und die Früchte der Bäume; jetzt aber bin ich geschändet und läge noch eine Zukunft vor mir, sie wäre klebrig von Schande und die Zeit schmeckte mir übel. Ist es ein Gericht, vor das man mich gestellt hat? Nein, es ist eine Treibjagd, der Richter ist zum Jäger geworden und richtet den Schuldlosen her zu einem Braten für den Pöbel. Ich verlange keine Gerechtigkeit mehr; es ist zu spät, mir Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, zu spät, und wenn man mir die Krone Frankreichs anböte. Ich gebe mich euch zur Vernichtung dar, euer Gewissen soll mit dieser Bürde beladen sein, ein Schuldiger macht tausend und eure Kindeskinder werden noch dafür die lebendige Erde mit Schmach überfluten.«

Lähmende Stille folgte diesen Worten. Plötzlich aber brach ein unbeschreiblicher Tumult aus. Zuhörer und Geschworene erhoben sich, ballten die Fauste gegen Bastide Grammont, schrieen und heulten durcheinander und Herrn von Enjalrans donnernde Mahnung verhallte ungehört. Und ebenso plötzlich entstand wieder eine Totenstille. Ein matter, langgezogener Schrei, der sich im Getöse erhoben hatte und nun klagend weitertönte, machte die Gesichter versteinern. Aller Augen richteten sich auf Clarissa. Sie fühlte die Blicke auf sich herabstürzen wie Balken eines zusammenbrechenden Gebäudes.

Ihr Herz war von ungeheurem Sühnewunsch wie verbrannt. . . .

Die Rede des öffentlichen Anklägers sammelte noch einmal die Waffen des Hasses, welche die Fama gegen ihre Opfer geschmiedet; mit abgefeimter Kunst verstand er die Mordnacht in solchen Farben zu malen, daß das Grauen wie zum ersten Mal lebendig wurde. Der Verteidiger Bastides dagegen genügte sich an hochtrabenden Phrasen; ihm wurde warm, die Hörer ließ er kalt. Während er sprach, entstand ein Schieben und Drängen im Hintergrund; einige Damen kreischten, ein mittelgroßer schwarzer Hund lief durch eine Öffnung der Schranken, schaute sich mit glitzernden Augen um und kauerte sich vor den Füßen Bastides kurz aufbellend nieder. Dieser legte in tiefer Bewegung die Hand auf den Hals des Tieres und wehrte den Huissier gebieterisch ab, der es entfernen wollte.

Als der Gerichtshof sich zur Beratung zurückzog, wagte niemand laut zu sprechen. Irgendein Frauenzimmer schluchzte und man verwies sie zur Ruhe; es war die Dirne Benoit, Colards Geliebte. Sie hatte den armseligen Menschen bei den Schultern umschlungen und das in Tränen gebadete Gesicht drückte kein andres Verlangen aus, als sein Schicksal zu teilen. Ein Verwandter Bastides trat zu diesem, um mit ihm zu sprechen; Bastides schüttelte den Kopf und sah den Mann nicht einmal an. Etwas Schlaftrunkenes war in seinen Zügen, jedenfalls hatten Worte kein Gewicht mehr in seinen Ohren. Doch geschah es, daß seine Augen sich noch einmal erhoben und, nachdem sie unermessene Fernen durchlaufen hatten, denen Clarissas begegneten. Da schien ihm das fremde Weib nicht mehr so fremd. Er hörte wieder den Ton ihrer Stimme, als sie ihn Mörder genannt hatte; war es nicht vielmehr ein Hilferuf als eine Beschuldigung gewesen? und dieser flehentliche Blick, als hätten unsichtbare Fäuste sie am Hals gewürgt? und diese zarteste Gestalt, so seltsam alterslos, zitternd wie ein junger Birkenbaum im Herbst?

Zwei einsame Schiffbrüchige werden durch den unterirdischen Meeresstrom in ein und dieselbe Bahn getrieben, jeder von einer andern Welt, diesseits und jenseits des Meeres, nicht imstande das Brett zu verlassen, woran ihr Dasein hängt, nicht einmal imstande sich die Hand zu reichen, bloß hingetrieben vom allmählich erschöpften Wind zu unbekannten Tiefen. Es liegt etwas Geisterhaftes in dem Erbarmen des einen für den andern. Doch Bastides schmerzliches und finsteres Erstaunen gärte wieder in den Rausch und Traum der Müdigkeit hinüber und die aufmerksamen Augen seines Hundes erschienen ihm wie zwei rötliche Sterne zwischen schwarzen Baumkronen. Er vernahm das Todesurteil, als der Gerichtshof zurückkehrte; er war aufgestanden und lauschte den Worten des Präsidenten; es klang, als ob Regenwasser auf mürbe Blätter plätscherte. Er hörte sich selbst etwas sagen, aber was es war, wußte er kaum. Viele Gesichter sah er in ungenügender Beleuchtung gegen sich gewandt, sie machten ihm den Eindruck wurmstichiger und verwesender Äpfel.

 

Das Verdikt gegen die übrigen Angeklagten sollte erst am folgenden Tag verkündigt werden. Die Menschenmenge im Saal, in den Gängen und auf der Straße verlief sich langsam. Als Clarissa durch den Korridor schritt, wich alles scheu zur Seite.

Sie hatte in Erfahrung gebracht, daß Bastide nicht nach Rhodez zurückgeführt würde, sondern im Gefängnis von Alby bleibe. Darauf schickte sie den Wagen fort, der auf sie wartete, und begab sich in ein nahegelegenes Gasthaus, wo sie ein Zimmer forderte und einen Brief an ihren Vater schrieb, ein paar fieberdurchwühlte Sätze: »Ich weiß nicht mehr was Wahrheit ist und was Lüge; Bastide ist unschuldig, und ich habe ihn vernichtet, während mein Wille zu ihm stand; Ja und Nein sind in meiner Brust wie zwei gestorbene Flammen; würde ich dorthin zurückkehren, woher ich kam, ich würde einen beständigen Tod erleiden, darum und weil so die Menschen leben wie sie leben, gehe ich dorthin wohin ich muß.« Es war schon Mitternacht vorüber, trotzdem begehrte sie den Wirt zu sprechen. Sie bat ihn, den Brief am nächsten Morgen durch einen sicheren Boten nach Schloß Perrié zu senden, dann ersuchte sie den verdutzten Mann, ihr ein Körbchen frischer Früchte zu verkaufen. Der Wirt bedauerte höflich, er habe nichts mehr in der Kammer. Leidenschaftlich drängend, bot sie den zehn- und zwanzigfachen Preis und warf ein Goldstück auf den Tisch. »Es ist für einen Sterbenden«, sagte sie, »alles hängt davon ab.« Der Mann betrachtete ängstlich das bleich-leuchtende Antlitz der vornehmen Dame und überlegte, erklärte endlich seinen Nachbar aufwecken zu wollen und hieß Clarissa warten. Als sie allein war, kniete sie vor dem Bett nieder, wühlte die Stirn in die Kissen und weinte. Nach einer halben Stunde kam der Wirt zurück und brachte einen Korb voll Birnen, Trauben, Granatäpfel und Pfirsichen. Kopfschüttelnd sah er der Davoneilenden nach und hielt den verschlossenen Brief, den er besorgen sollte, neugierig gegen das Licht.

Die Straßen waren öde und von verdämmertem Mondschein erfüllt. Die kleinen Fenster kleiner Häuser blinzelten verschlafen; unter einem Torweg stand der Nachtwächter mit der Hellebarde und murmelte wie ein Betrunkener. Vor dem niedrigen Gefängnisbau war ein freier Platz; Clarissa setzte sich auf eine Steinbank und da nebenan ein Brunnen rann und sie Durst hatte, trank sie sich satt. Die sanftgeschwellten Ränder der unfernen Hügel flossen kaum merklich in den Himmel über und hinter einer Talsenkung lohte Feuerschein, auch glaubte sie bei gespanntem Horchen Glockenläuten zu hören. So schlief doch nicht die ganze Welt und sie durfte das bange Herz noch einmal an Menschendinge binden. Nach einer Weile erhob sie sich, schritt zu dem Gebäude, stellte den Fruchtkorb auf die Erde und pochte mit dem Türklopfer ans Tor. Es dauerte lange, bis der Pförtner erschien und unwirsch nach ihrem Begehr fragte. »Ich muß Bastide Grammont sprechen«, erklärte sie. Der Mensch machte ein Gesicht, als habe ihn eine Wahnsinnige überfallen, knurrte drohend und wollte das Tor wieder zuschlagen. Clarissa packte mit der einen Hand seinen Arm, mit der andern riß sie die Diamantagraffe von der Brust. »Da, da, da!« stammelte sie. Der Alte hob seine Laterne ein wenig und besah sich das blitzende Schmuckstück von allen Seiten. Clarissa mißverstand seine schmunzelnd-furchtsame Freude, dachte, es sei ihm nicht genug und gab ihm noch ihre Börse. »Was ist in dem Korb?« erkundigte er sich in devotem Mißtrauen. Sie zeigte ihm, was darinnen war. Da gab er sich zufrieden, dachte, es sei wohl die Maitresse des Verurteilten, und nachdem er die Tür zugeschlossen, ging er voran. Sie schritten ein paar Stufen hinab, dann durch einen schmalen Gang. »Wie lange wollen Sie drinnen bleiben?« forschte der Wärter, als sie vor einer eisernen Türe standen. Clarissa schöpfte tief Atem und erwiderte flüsternd, sie werde dreimal gegen die Türe klopfen. Der Alte nickte, sagte, er wolle oben auf der Treppe warten, sperrte vorsichtig auf, reichte der Frau seine Laterne und schloß hinter ihr zu.

Drinnen hielt sich Clarissa an der Mauer fest und schloß die Augen, um zu warten, bis sich ihre rasenden Pulse beruhigt hatten. Es schien ein mäßig großer, nicht ganz unwohnlicher Raum. Bastide lag auf einem Strohsack an der gegenüberliegenden Wand; er schlief in seinen Kleidern. Welche Stille! dachte Clarissa schaudernd und schlich nun auf den Fußspitzen bis zum Lager des Schlafenden. Welche Stille auch in diesem Antlitz, welch ein schöner Schlummer, dachte sie, und ihre Lippen öffneten sich in lautlosem Schmerz. Sie stellte die Laterne so auf den Boden, daß der Schein sein Gesicht traf, dann kniete sie hin und lauschte den festen Atemzügen. Bastides Mund war ernst geschlossen, die Lider vibrierten nicht, ein Zeichen von Traumlosigkeit; der lange Bart umkränzte Wangen und Kinn wie braunes Buschwerk, der ganze Kopf war etwas hintüber gesunken und die Haare glänzten feucht. Allmählich strömte der Frieden seines Antlitzes auch auf Clarissa über, alle Worte, alle Zeichen, die sie mit hereingetragen, schwanden hin, sie beschloß, nichts weiter zu tun, als ihr Geschenk an sein Lager zu stellen und sich zu entfernen. Sie leerte also den Korb und erschrak jedesmal und wartete, wenn nur ein Sandkorn unter ihren Füßen knackte. Als sie nun alle Früchte ausgelegt und jede einzelne wie ein lebendiges Geschöpf in ihrer Hand zärtlich befühlt hatte, ward ihr immer ruhiger und leichter zu Sinn, sie spürte sich dem Tode schon so wunderbar hingegeben, daß sie den Gedanken, diesen Raum verlassen zu müssen, fast mit Schrecken abwies und sich mit gefaßter Sicherheit anschickte zu tun, was sie tief erfüllte. Es entstand das Verlangen in ihr, den schlafenden Bastide zu küssen und sie beugte sich auch über ihn, doch eine gebieterische Ehrfurcht hielt sie ab, mehr noch als die Angst, er könne erwachen. Ihr Körper krampfte sich zusammen, sie umarmte ihn im Geiste und schien losgelöst von der Erde wie eine Perle, die aus einem Ring gefallen ist. Darauf erhob sie sich leise, ging auf den Fußspitzen auf die andere Seite des Raums, legte sich hin, nahm ein kleines Federmesser aus der Tasche und schnitt sich an beiden Handgelenken mit tiefen Schnitten die Adern auf. Innerhalb einer Viertelstunde seufzte sie noch zweimal und die Hand des Todes suchte vergeblich das trunkensüße Lächeln von ihren erblaßten Lippen zu wischen.

Bastide schlief noch eine Weile in seiner abgründigen Tiefe hin, Glieder und Geist von einem Allvergessen gefesselt und betäubt. Dann begann er zu träumen. Er befand sich in einem großen, abgeschlossenen Raum, in dessen Mitte eine kostbar gedeckte Tafel stand. Es saßen viele Menschen da; sie zechten und unterhielten sich fröhlich. Auf einmal starrten alle nach der Mitte der Tafel, wo ein Gefäß aus undurchsichtigem blauem Glase stand, das vorher nicht dagewesen war. Was ist in dem Glase? was mag es bedeuten? wer hat es gebracht? fragten dunkle Stimmen. Darauf trat ein grauenhaftes Schweigen ein; die vielen Augen starrten bald auf das blaue Gefäß, bald in düsterm Argwohn gegeneinander. Plötzlich erhoben sich die vorher so heitern Zecher und einer beschuldigte den andern, die verdeckte Schale auf den Tisch gestellt zu haben. Es entstand ein heftiges Geschrei, manche zogen ihre Dolche, andere schwangen Stühle und währenddessen wuchs aus dem Gefäß heraus ein magerer nackter Mädchenleib wie weißer Rauch. Das Gesicht war Bastide bekannt, es war das der Lügnerin Clarissa; mit schlangenhaft flimmernden Augen sah sie ihn an, immer nur ihn. Alle Männer folgten dem Blick und stürzten über ihn her. Du mußt sterben! du mußt sterben! schallte es aus heiseren Kehlen, aber indes sie noch schrien, verhallten schon ihre Stimmen, die nebelhaften Arme der Lügnerin streckten sich aus, zerteilten eine Wand und man konnte in einen blühenden Garten sehen, in dessen Mitte ein Schafott stand, behangen mit Zweigen voll reifer Früchte. Bastide war zum Knaben geworden; langsam schritt er hinaus, die Hände Clarissas schwebten über ihm und pflückten die Früchte ab und seine Todesfurcht wurde besänftigt von dem berauschenden Geruch dieser Früchte, der wie eine Wolke den ganzen Saal, ja den ganzen Weltraum erfüllte.

Da erwachte er. Sein erster schlafbefangener Blick fiel auf das flackernde Licht der Laterne, der zweite auf eine riesige Birne, die gelb wie ein kleiner Mond neben seinem Bette lag. In dumpfbeglücktem Erstaunen griff er darnach, aber indem er sie zum Mund führte, gewahrte er, daß Blut daran klebte. Er schrak empor, noch wähnte er zu träumen. Vor den Fenstern wogte schon das Grau der Morgendämmerung. Nun gewahrte er die übrigen Früchte, eine Pracht und Fülle, als wäre das Paradies geplündert worden. Doch klebte auch in ihnen Blut. . . . Ein kleiner zweigeteilter Blutbach rieselte von der Mauerecke herüber.

Und Bastide sah . . .

Er wollte aufstehen, allein der unvollendete Schlaf lähmte noch seinen Körper.

Bitterer und wilder Kummer umklammerte ihm die Brust. Ihn gelüstete nicht mehr nach dem Tag, der sich draußen so müd erhob; der Schläge seines eigenen Herzens satt und voll Gewißheit dessen was geschehen war und geschehen mußte, sehnte er das endliche Ende herbei, begehrte keine besondere Kunde mehr von dem vollbrachten Schicksal drüben an der andern Wand des Kerkers, das, von dunklen Gewalten befehligt, sich auf seinen Weg gedrängt hatte, keine Kunde mehr von den Menschen und dem was sie bauten oder zerstörten. Ein Greuel war ihm der Mensch.

Und dennoch, als sein Blick wieder auf die herrlichen Früchte fiel, da jammerte ihn die Kreatur; er wollte der Bringerin wenigstens die Augen zudrücken. Aber jetzt drehte der argwöhnisch gewordene Wächter draußen den Schlüssel im Schloß.

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