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Gutenberg > Ernst Wichert >

Die Schwestern

Ernst Wichert: Die Schwestern - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLitauische Geschichten
authorErnst Wichert
year1935
publisherDeutsche Hausbücherei
addressHamburg
titleDie Schwestern
pages79-160
created20031109
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Sommer ging vorüber. Ihre Stimmung wurde immer düsterer. Hätte sie nur Janis um den Hals fallen und ihm sagen können, was sie quälte. Aber lieber hätte sie sich die Zunge abgebissen. Nein! sie verschuldete nichts; er selbst mußte endlich ein Einsehen haben, daß er ihr bitteres Unrecht tat. Sie beobachtete ihn mit lauernden Blicken. Und ihre Eifersucht sah scharf. Wie kam's, daß er sich jetzt mit Ewe so viel beschäftigte?

Wie kam's?

Es war richtig, er bewies dem Kinde eine ganz ungewöhnliche Zärtlichkeit. Wo er es traf, zog er es an sich heran, nahm es auf den Arm, streichelte und küßte es, oder jagte sich mit ihm herum und trieb sonst allerhand Kurzweil mit ihm. Mare schüttelte mehr als einmal verwundert den Kopf. Was war denn vorgegangen? Er hatte die Kleine früher in fast kränkender Weise vernachlässigt. Was mochte sich an ihr verändert haben? Ah! das war das goldige Haar der Mutter – das waren ihre munteren blauen Augen! Janis kämmte ihr gern mit den Fingern die Löckchen von der Stirn, und wenn er ihren Kopf zwischen beide Hände nahm, ihn aufrichtete und sie so eigen ansah . . . Was hatte er dabei für Gedanken?

Es waren nicht nur die Haare und die Augen. Wie hatte es Mare nur entgehen können, daß Ewe ihrer verstorbenen Mutter in allem so merkwürdig ähnelte? Sie dachte an deren Kinderzeit zurück und war erstaunt über die Entdeckung, daß Katre genau ebenso ausgesehen hatte. Das fingen nun auch die Nachbarn unaufgefordert zu bestätigen an, als sie das vierjährige Mädchen öfters zu Gesicht bekamen. Ganz die Katre, wie sie so klein war. Es ist zum Lachen!

Mare war's nicht zum Lachen. Sie überzeugte sich, daß die Leute recht hatten. Nur zu sehr! Das war die Katre, wie sie als Kind gewesen war, und das mußte mit den Jahren die Katre werden, die Janis ihr vorgezogen hatte. Was nützte es ihr nun, daß sie das Bild vernichtet hatte? Lebendig stand Katre ihm täglich vor Augen – er streichelte ihr Haar, er küßte ihren Mund, er hielt ihre Hände. Wie konnte er je vergessen, was er verloren hatte?

Seitdem empfand Mare einen Widerwillen gegen das Kind. Nicht nur ließ sie in ihrer Sorge und Pflege nach, sie schalt und schlug es auch wegen des geringsten Versehens. Mitunter riß sie es dem Vater fort und sagte: »Du verwöhnst das unartige Ding, und ich habe mit ihm hinterher meine liebe Not! Immer hast du eine Spielerei vor. Geh' an deine Arbeit! Der Knecht kann nicht alles allein tun.« Es schien sie zu befriedigen, wenn ihr Janis dann einen grimmigen Blick zuwarf und doch keinen Widerspruch wagte. Einmal, als Ewe einen irdenen Topf hatte fallen lassen und dafür nach seiner Meinung unbarmherzig gezüchtigt wurde, nahm er Mare den Stock aus der Hand und hob ihn gegen sie selbst auf. Die Augen brannten ihr in den Höhlen. »Schlage doch zu«, rief sie, »ich hab's ja auch um ihre Mutter verdient. Soll ich sie verwahrlosen lassen? Sie hat nicht nur das Gesicht von ihr geerbt.«

Er schwieg und ging hinaus.

Hätte Mare nur selbst ein Kind gehabt! Sie betete jeden Sonntag in der Kirche auf den Knien am Altar, Gott möchte ihr eines schenken, aber er erhörte sie nicht. Deshalb meinte sie ihrem Mann mit der Zeit ganz verhaßt werden zu müssen. Katre hatte Janis ein Kind hinterlassen, und dieses Vermächtnis mußte ihm mit jedem Tage teurer werden, der seine Hoffnung auf weiteren Kindersegen schmälerte. Nun erst wußte Mare, warum sie Katre im Grabe beneidete. Sie hätte ihrem Mann einen Sohn schenken können – das wäre ein Ausgleich gewesen! Nun war diese Aussicht im Schwinden.

Sich zum Verderben hatte sie Ewe großgezogen!

Über das, was Matuttis sah und hörte und mehr noch aus allerhand kleinen Merkzeichen herauswitterte, sprach er nicht. Aber er wendete auch Auge und Ohr nicht ab, wenn es etwas zu beobachten gab, sondern hob erst recht den Kopf und gab durch sein schlaues Grinsen zu verstehen, daß er seine Meinung habe. Mit dem Wirt stand er nicht auf bestem Fuße. So lange die Frau ihren Mann gut behandelte, hielt er sich freilich zurück und ließ es wenigstens nicht zu lautem Streit kommen. Seit dieser aber an ihr den Rückhalt verlor, zeigte er sich oft trotzig und übelgelaunt, führte seine Aufträge lässig aus oder gab ihm auch durch eine nichtachtende Äußerung zu erkennen, wie wenig er von ihm halte. Janis ärgerte sich darüber. »Wenn es dir in meinem Dienst nicht gefällt, kannst du dir jederzeit einen andern suchen«, sagte er einmal.

»Da hat doch die Frau auch noch ein Wort mitzureden«, antwortete Matuttis höhnisch.

Mare war dabei.

Gegen sie änderte sich das Benehmen des Knechtes in anderer Weise. Er näherte sich ihr wieder zutraulicher und sprach mit ihr in freierem Ton, als ob er sich jetzt schon etwas erlauben dürfe. Manchmal sah er sie mit so verliebten Augen an, daß sie unwillkürlich rot wurde. Eines Tages, als sie beim Haferausmessen in der Klete allein waren, äußerte er dreist: »Du tust mir leid, Frau.«

»Weshalb?« fragte sie, überrascht aufblickend.

»Hm! – mit so einem Mann ist schlecht wirtschaften«, meinte er.

Sie schwieg.

»Du hast es freilich vorauswissen können«, fuhr er fort. »Aber was einer nicht sehen will, das sieht er nicht, und wenn man ihn mit der Nase darauf stößt. Du hättest ihn wieder aufs Schiff gehen lassen sollen. Damals wär' er mit einer Kleinigkeit abzufinden gewesen, und für die Ewe hättest du aus gutem Herzen gesorgt, auch wenn du mit einem andern vor den Altar getreten wärst.«

»Das wohl«, murmelte sie.

»Du weißt, auf wen du rechnen konntest«, grinste er.

»Davon sprich nun gar nicht«, entgegnete sie scharf abweisend. »Was geschehen ist, ist geschehen und hat so geschehen sollen. Es wär' auch alles gut, wenn . . .«

»Wenn?«

Sie wischte sich eine Träne von der Wange fort und preßte die schmalen Lippen zusammen.

»Es ist also nicht alles gut«, bemerkte er, »das wollt' ich nur hören.«

Mare schüttelte schwermütig den Kopf. Sie dachte an Janis und was zwischen ihnen stand. »Meine Meinung ist aber noch dieselbe«, sagte Matuttis, lud den Sack auf und ging nach dem Stall. Die Frau schloß seufzend die Tür der Klete zu.

In den nächsten Tagen ging sie im Hause herum wie ein böser Geist, obgleich niemand ihr etwas zuleide getan hatte. Ganz gegen ihre Gewohnheit war sie unstet bei der Arbeit, versäumte die Zeit, ließ das Essen anbrennen. Sie sah recht übel aus und hatte blaue Ränder um die Augen, die bald starr auf einen Punkt blickten, bald wieder unruhig in alle Winkel spähten. Abends las sie viel in ihrer litauischen Bibel und seufzte dabei oft recht aus tiefstem Herzen. Sie legte das heilige Buch auch unter ihr Kopfkissen, aber am Morgen schien sie nicht gestärkt zu erwachen. Es mußte in ihrem Gedankengetriebe etwas in Unordnung geraten sein, das kein Beten und Arbeiten wieder in Ordnung zu bringen vermochte.

Eines Morgens, als Matuttis nach dem Kartoffelacker gegangen war, bemerkte er unterwegs, daß er seinen Tabak vergessen hatte. Er kehrte um. Als er in seine Kammer trat, die ein Verschlag innerhalb des Stalles bildete und durch ein hochangebrachtes kleines Fenster erhellt wurde, fand er zu seiner größten Überraschung die Skwirblene darin. »Mare«, rief er, »du –?«

Sie erschrak sichtlich und verbarg etwas unter der breiten Schürze. »Ja, ich . . .«, sagte sie.

»Du hier?«

»Warum nicht?«

»In meiner Kammer –«

»Du warst ja aufs Feld gegangen.«

»Was tust du hier?«

»Ich suche etwas –«

»Ich habe dir nichts fortgenommen.«

»Nein, das ist wahr.«

»Also?«

»Es konnte doch durch Zufall . . .«

»Hast du's gefunden?«

»Nein – du kamst gleich nach mir herein. Ich habe von deinen Sachen nichts angefaßt.«

Matuttis sah flüchtig umher. Sie schien recht zu haben, doch wiegte er bedenklich den Kopf und hüstelte leise. Er stand in der Tür, trat nun einen kleinen Schritt vor und zog sie hinter sich zu. Die Frau wollte an ihm vorbei. Er breitete aber die Arme aus und zischelte: »So lasse ich dich nicht hinaus – du mußt Zoll zahlen.«

»Laß mich gehen«, befahl sie. »Was willst du von mir?«

»Einen Kuß zum mindesten.«

Sie suchte ihn fortzuschieben. »Ich rufe Janis.«

Matuttis lachte. »Der wird sich wundern, dich in meiner Kammer zu finden. Aber er hört dich auch nicht. Ich sah ihn vor mir aufs Feld gehen.«

»Du darfst keinem Menschen sagen, daß du mich hier getroffen hast.«

»Das will ich auch nicht. Aber . . .« Er umfaßte sie und zog sie an sich. Sie sträubte sich und wendete das Gesicht ab. Es entstand ein Ringen, bei dem sie nicht alle Kraft zum Widerstande einsetzen konnte, da sie die rechte Hand unter der Schürze versteckt hielt. Endlich stieß sie ihn doch mit der Schulter zurück und trat aus der Tür. »Du bist ein Unverschämter«, sagte sie und eilte fort.

Matuttis blieb noch eine Weile in der Kammer. Er war sehr aufgeregt, atmete pustend und suchte mit den Augen herum, ob Mare vielleicht etwas für ihn zurückgelassen hätte, was er finden sollte, ohne zu wissen, von wem es käme. Was wollte sie in seiner Kammer? Verschiedene Gegenstände hob er auf und stellte sie wieder hin. Zuletzt griff er auch mit der Hand auf das hohe Fensterbrett. Es stand da ein Pappschächtelchen. Er nahm es herab und blickte hinein. Es war leer. »Ah so –«, murmelte er. Sein ganzes Gesicht grinste und die Augen schielten über einen nahen Punkt hin. »Wohl bekomm's;« –

Kurz nach diesem Vorfall fing die kleine Ewe zu kränkeln an. Ihre Haut wurde schlaff und farblos, aus den Lippen wich alles Blut, die Beinchen versagten ihr den Dienst und das Köpfchen hing matt herab. Sie greinte viel, schleppte sich von einem Stuhle zum andern, wies das Essen zurück und wollte endlich nicht mehr aus dem Bett aufstehen. Auch hatte sie ein häufiges Aufstoßen und in der Nacht gar Erbrechen. Mare zeigte sich sehr besorgt um sie, nahm sie auf den Schoß, streichelte ihr Haar und drückte das Köpfchen an ihre Brust. Sie gab ihr Schmeichelnamen, die das Kind schon lange nicht gehört hatte. Keine zärtliche Mutter konnte ihren kranken Liebling treuer und mitleidiger pflegen. Die Augen standen ihr immer voll Wasser. »Ach, du armes, armes Würmchen«, jammerte sie, »wie schwer mußt du leiden? Hätte dich der liebe Gott nicht zu sich nehmen können, als du damals so elend und verlassen warst? Dann wär' all diese Not nicht gekommen.«

Janis, der viel dabei stand und sie mit sichtlicher Bewegung beobachtete, sagte: »Du bist gut mit dem Kinde, Mare, das will ich dir nicht vergessen.«

Sie heuchelte nicht. Aufrichtiges Mitleid erfaßte sie, wenn die Kleine sich vor Schmerzen in den Eingeweiden krümmte und flehend die blauen Augen zu ihr aufschlug. Sie sah nicht mehr ihrer Schwester Ebenbild, das sie mit so schweren Befürchtungen erfüllt hatte. Bald verzerrten sich auch die Füße, krampfhafte Zuckungen stellten sich ein. Es war, als ob das goldige Haar in der Kopfhaut keinen festen Boden mehr hätte; kämmte Mare es mit den Fingern, so blieb es an ihnen hängen. Die Nachbarn wurden herbeigerufen, schüttelten die Köpfe und gaben mancherlei gute Ratschläge, die auch befolgt wurden. Daß nach dem Arzt geschickt werden müsse, schien keinem einzufallen, diesmal auch Mare nicht. Auf dem Lande besinnt man sich lange, bis man zu diesem letzten Mittel greift. »Wenn der liebe Gott helfen will, kann er's auch so.«

Der liebe Gott wollte nicht helfen. Mare wachte die ganze Nacht am Bett, wärmte eiserne Stürzen und legte sie dem kranken Kinde auf den Leib oder flößte ihm Tee ein, den es doch mit Widerwillen hinunterschluckte. Nach einem sehr heftigen Krampfanfall kam Ewe nicht mehr zu sich. Gegen Morgen hatte ihre Qual ein Ende.

Nun fuhr Janis nach dem Marktflecken, den Todesfall zu melden, und vom Tischler einen Sarg zu holen. Mare fuhr mit, sie suchte den hübschesten und teuersten aus mit blanken Beschlägen ringsum. Sie ging auch in den Laden und kaufte weißen Musselin zu einem langen Kleidchen, und das breiteste Seidenband, das sie finden konnte, dazu künstliche Blumen, wie sie die deutschen Frauen auf den Hüten trugen. »Ich kann mir's denken, wie dir's zu Herzen geht«, sagte die Frau des Krügers, die zugleich den Kramladen hatte, »es weiß ja jedermann, daß du das Kind lieber gehabt hast, als die eigene Mutter. Gott wird dir's vergelten, was du an ihm getan.«

Zu Hause putzte Mare dann die kleine Leiche aus, daß sie wie ein schlafender Engel aussah. Um den Leib schlang sie zweimal das Seidenband und knüpfte es zu einer großen Schleife zusammen. Die Blumen steckte sie hinein. Dabei weinte sie unaufhörlich und murmelte Gebete. Als der Sargdeckel aufgelegt wurde, jammerte sie laut: »Ach – ach – ach! wir werden sie nicht wiedersehen.«

Janis fuhr den Sarg auf den Kirchhof, der auf einem sandigen Hügel angelegt war, und senkte ihn mit Hilfe des Totengräbers neben Katres Grab ein. Er kehrte dann sogleich nach Hause zurück, während Lukatis die Nachbarn, die am Begräbnis geholfen hatten, nach dem Krug führte und mit Branntwein bewirtete. Es war ein kalter, stürmischer Herbsttag, und die innerliche Erwärmung tat allen wohl, am wohlsten ihm selbst.

Matuttis war nicht dabei, er saß auf der Ofenbank und rauchte seine Pfeife. Als Mare an ihm vorbei nach dem Flur ging, zupfte er sie an dem Rock und sagte. »Ich habe mich geirrt.«

Sie blieb erschreckt stehen und starrte ihn verwundert an. »Worin?«

»Hm – ich meinte, es wär' einem andern zugedacht gewesen.«

»Was?«

»Man braucht's ja nicht gleich auszuschreien. Aber vergiß nicht, daß ich darum weiß.«

Sie warf stolz den Kopf zurück. »Ich verstehe dich nicht.«

Matuttis blinzelte ihr mit lüsternen Augen nach.

*

Es hatte wirklich den Anschein, als würde das Verhältnis unter den Eheleuten freundlicher, nachdem das letzte sichtbare Andenken an Katre nicht mehr störend einwirkte. Es war, als ob Janis jetzt erst recht begriffe, was er an seiner Frau habe, oder jetzt erst für Dankbarkeit empfänglich würde. Mare war auch in ihrem Wesen merklich verändert, als ob sie nun zur Einsicht gekommen wäre, wie sie ihrem Manne gefallen könne. Sie schonte ihre Hände und strich die Falten aus der Stirn, zog gern ihre besten Kleider an und konnte ganz anmutig lächeln, wenn er ihr etwas Schmeichelhaftes sagte. In der Wirtschaft war sie tätiger als je, aber sie behielt doch allemal für ihn Zeit, wenn er sie für sich allein zu haben wünschte. Sie weigerte sich im Winter nicht einmal, mit ihm zu Lustbarkeiten nach den umliegenden großen Dörfern zu fahren, und putzte sich dazu vor dem Spiegel wie ein rechtes Weltkind. Sie tanzte die Nächte durch und begleitete sogar ihren Mann nach dem Sonntagsgottesdienst in den Krug. Selbst singen konnte man sie hören, so rauh auch ihre Stimme klang. Erst jetzt schien das Leben für sie zu beginnen.

Jurgis Matuttis bemühte sich immer vergeblicher um ihre Gunst. Lange wollte er sich nicht überzeugen, daß das Einverständnis unter den Eheleuten ein aufrichtiges bei beiden Teilen sei. Er tröstete sich, Mare wolle ihren Mann nur in Sicherheit wiegen. Als er aber zudringlicher wurde, wies sie ihn so streng zurück, daß er bedenklich werden mußte, ob er auf geradem Wege zum Ziele kommen könne. Er versuchte, sie einzuschüchtern, aber sie wendete ihm verächtlich den Rücken zu. Nun wurde er unvorsichtig. Janis mußte endlich merken, daß er seiner Frau nachstelle. Es kam zu Zank und Streit, endlich zu einer Prügelei. Jurgis flog aus der Stalltür. »Da du nun einmal draußen bist«, sagte der Wirt, »so magst du auch draußen bleiben. Suche dir einen andern Dienst.«

»Es soll dir noch leid tun«, drohte der Knecht, den die Matrosenfäuste übel zugerichtet hatten. –

Nach einiger Zeit verbreitete sich das wunderliche Gerücht, die kleine Ewe Skwirblies habe Gift bekommen und sei daran gestorben. Niemand wollte ihm Glauben schenken, aber jeder trug es weiter. Wer sollte denn dem Kinde Gift gegeben haben? Die Stiefmutter? Das war von einer Stiefmutter wohl denkbar. Aber auch von dieser? Unmöglich. Mare hatte das Kind geliebt wie ihr eigenes. Es mußte sich da einer, der nichts Besseres zu tun hatte, eine Schauergeschichte zusammengereimt haben.

Jawohl – das Kind war frisch und gesund gewesen, »blühend wie eine Rosenknospe«, und ganz plötzlich erkrankt und überraschend schnell gestorben. Wer von den Nachbarn hat es denn in seiner Krankheit gesehen? Ach – der und der. Nun? Ja, das Kind sah jämmerlich aus – und vom Magen her kam's, daran konnte kein Zweifel sein. Die Kleine mußte etwas gegessen haben – wie denn Kinder so unverständig sind. Aber die Mare . . . Kein Gedanke!

Das Gerücht wollte sich aber nicht den Mund verbieten lassen. Es drang auch in das Gerichtshaus ein. »Ermanuk«, d. i. Hermannchen, wie die Litauer den alten Sekretär und Dolmetscher nannten, erfuhr davon. Nun wußte es auch bald der Herr Kreisrichter. »Sicher wieder ein dummes Gerede«, meinte er, »die Altsitzer und Stiefkinder sterben hier alle an Gift.« Dann wurde aber eines Tages ein Brief abgegeben, der eine Denunziation in litauischer Sprache enthielt. Es fehlte die Unterschrift, aber es war der Knecht Jurgis Matuttis als Zeuge benannt. Was er wissen sollte, schien so schwer belastend, daß seine Vernehmung beschlossen werden mußte. Er wurde vorgeladen.

Matuttis erzählte von dem Besuch der Wirtsfrau in seiner Stallkammer. »Wie hat das nun aber Zusammenhang mit dem Todesfall?« fragte der Richter.

»Ich sage nur, was ich weiß, Herr«, antwortete der Litauer.

»Und was weißt du?«

»Als die Frau fortgegangen war, sah ich nach, ob etwas fehlte.«

»Und fehlte etwas?«

»Ja, es war nicht mehr da.«

»Was?«

»Ein Papier, das in einer kleinen Pappschachtel auf dem Fensterbrett gelegen hatte.«

»Was war das für ein Papier?«

»Es war ein gelbliches Papier, auf dem etwas geschrieben stand.«

»Was stand darauf geschrieben?«

»Das kann ich nicht wissen, Herr.«

»Kannst du nicht Geschriebenes lesen?«

»Ja, aber dies hatten die Juden geschrieben.«

»Welche Juden?«

»Ich weiß nicht. Aber es war die Schrift, wie die russischen Juden zu schreiben pflegen.«

»Und was befand sich in dem Papier?«

»Arsenik.«

»Arsenik?«

»Ja – ich gab den Pferden davon. Es schadet ihnen nicht und sie bekommen ein glattes Fell.«

»Wie warst du dazu gelangt?«

»Ein russischer Jude hat mir's vor langer Zeit verkauft. Es war nicht mehr viel in dem Papier geblieben.«

»Und die Skwirblene wußte davon?«

Matuttis verzog den Mund. »Was wird sie nicht davon gewußt haben?«

»Das ist doch noch nicht so sicher. Hast du es ihr gesagt?«

»Nein, aber es ist davon gesprochen worden.«

»Und das Papier mit seinem Inhalt befand sich vor dem Besuch der Frau in dem Pappschächtelchen?«

»Wer soll es fortgenommen haben?«

»Das kann ich dir nicht sagen. Hast du aber kurz vorher nachgesehen?«

»Nein, das nicht.«

»Wie willst du da behaupten, daß die Skwirblene das Papier mitgenommen habe?«

»Es fehlte doch.«

»Das ist kein Grund.«

»Aber ich habe das Papier tags darauf wiedergefunden.«

»Ah! Und wo?«

»Hinter dem Bett in der großen Stube. Ich sah da etwas Helles liegen und hob es auf. Es war das Papier.«

»Und das Arsenik –?«

»War nicht mehr darin.« Er griff mit den Fingern in seine Westentasche. »Dies ist das Papier.«

Damit war nun allerdings eine Kette hergestellt, deren Glieder ineinandergriffen. Eine Voruntersuchung schien unvermeidlich zu werden. »Tun wir denn sogleich das einzige«, äußerte der Richter zum alten Sekretär, »was wenigstens die Gewißheit geben kann, daß das Kind überhaupt an Gift gestorben ist; graben wir die Leiche aus!«

»Die liegt seit fünf Monaten unter der Erde.«

»Und wären's fünf Jahre! Arsenik ist ein Gift, dessen Spur die Zeit nicht tilgt. Findet sich nichts davon im Sarge, so wär's unrecht, die arme Frau weiter zu behelligen.«

Die gerichtlichen Sachverständigen, der Kreisphysikus und der Apotheker wurden nach Lukatellen bestellt. Der Richter und sein Protokollführer begaben sich zu Wagen ebenfalls, ein paar Stunden früher, dahin, um zunächst auch die Nachbarn als Zeugen zu vernehmen. Es war ein Tag zu Anfang des April, der Himmel voll Wolken, das Wetter kühl; von Zeit zu Zeit ging ein Regenschauer nieder, dann schien wieder minutenlang die Sonne. Auf den Wegen lag nicht mehr der Schnee, aber große Pfützen mußten durchfahren werden, und die Räder sanken mitunter so tief ein, daß die Pferde sie nur mit größter Anstrengung herausziehen konnten. Das Geheimnis war gut bewahrt. Als die Kommission im Dorf anlangte, ahnte dort niemand, was im Werke sei.

Der Richter legte Gewicht darauf, die Wirtsfrau zu überraschen. Sobald er in die Stube getreten war, ging er auf sie zu und sagte: »Im Herbst ist deine Stieftochter gestorben, die Ewe.«

Mare sah ihn etwas überrascht mit großen Augen an. »Ja, Herr«, antwortete sie. »Kommt ihr deshalb?«

»Woran ist das Kind gestorben?«

»Das kann ich nicht wissen, Herr.«

»Ist ein Arzt zugezogen worden?«

»Nein, Herr – es ging zu schnell.«

»Es ist sehr schnell gegangen, wie ich höre. Weißt du, was man behauptet? Das Kind soll Gift bekommen haben.«

Er sah sie dabei scharf an. Ihre Stirn zuckte aber nur kaum merklich, und einen Augenblick schien's als ob ihre Wimpern flimmerten. Jedenfalls fand sie sogleich ihre Ruhe wieder. »Von wem?« fragte sie, echt litauisch alle Zwischenglieder überspringend. »Pah! von wem?«

Das verwirrte den Richter. »Hältst du es denn für möglich, daß das Kind an Gift gestorben ist?«

»Das kann ich doch nicht wissen, Herr«, sagte sie. »Möglich ist alles.«

»Aber man beschuldigt dich selbst, es dem Kinde beigebracht zu haben.«

»Wer?«

»Das ist für jetzt gleichgültig. Hast du es getan?«

Sie senkte den Kopf und lächelte. »Ach, ich –?«

Der Richter drang nicht weiter in sie. Janis kam aus dem Stall und schlug Lärm. Was die Herren wollten? Sie brächten ohne allen Grund sein Haus in Unehre. Wie man seiner Frau so etwas nachsagen könne! Sie habe das Kind liebgehabt.

Auch Lukatis trat ein, stark angetrunken. »Ich hab' schon im Krug solche Reden gehört«, rief er. »Das muß ein Spitzbube sich ausgesonnen haben. Es kann kein anderer gewesen sein als der Matuttis.«

»Weshalb der Matuttis?« erkundigte sich der Richter.

»Weil Janis ihn aus dem Dienst fortgejagt hat. Er nimmt dafür Rache.«

»Ja«, bestätigte der Wirt, »er hat der Mare nachgestellt, meiner Frau. Dafür hab' ich ihn durchgeprügelt.«

»Es wird sich ja finden«, meinte der Richter, der nicht verkannte, daß der Hauptzeuge schon verdächtig zu werden anfange. Er gab die Absicht kund, Zeugen zu vernehmen. Lukatis erbot sich sogleich, die Nachbarn zusammenzurufen, und lief auch fort. Nach einer Viertelstunde war schon vor dem Hause und im Flure das ganze Dorf versammelt.

Alle Personen, die das Kind in der Krankheit gesehen hatten, wurden verhört. Als die Sachverständigen eingetroffen waren, begab man sich zur Ausgrabung der Leiche nach dem Kirchhof. Das Grab wurde festgestellt. Es war noch nicht einmal ein ordentlicher Hügel darüber aufgeworfen. Lukatis und Skwirblies hatten Spaten mitgenommen und hoben den Sand aus. Männer, Frauen und Kinder standen im Kreise herum, alle mit neugieriger Scheu in die Grube blickend. Sie hatten es noch nicht erlebt, daß eine Leiche ausgegraben wurde. Sie achteten nicht darauf, daß jetzt eben der Regen in Strömen niederging und ein eisiger Wind über den Hügel hinfegte. Endlich stießen die Spaten auf den Deckel. Die Männer nahmen die Hüte und Mützen ab und beteten. Der kleine Sarg wurde herausgehoben. Er war noch unversehrt.

Der Richter ließ ihn auf einen Wagen setzen und nach dem Hause fahren. Dort wurde er geöffnet. Mare stand dabei. Die hellen Tränen liefen ihr über die Wangen, aber sonst gab sie kein Zeichen der Schwäche. Der Anblick war ein trauriger; auch die andern Frauen weinten und jammerten. Ein entsetzlicher Geruch drang aus der Holzkiste und erfüllte den Raum. Was darin lag, war kaum noch eine menschliche Gestalt zu nennen. Der Kopf mit den langen Haaren war von dem Kissen hinabgesunken, das Gesicht nicht mehr kenntlich. Das lange weiße Gewand, schon so zerrottet, daß es sich nur stückweise abheben ließ, bedeckte eine weiche, modrige Masse. Aber das Seidenband, jetzt ganz weiß abgeblichen, legte sich mit der großen Schleife über den tief eingesunkenen Leib, und die künstlichen Blumen, wenn auch jetzt ebenfalls fast farblos, steckten darunter.

An eine Sektion der Leiche war nicht zu denken. Der Kreisphysikus ließ sich einen irdenen Topf geben und tat die noch vorhandenen Körperreste zugleich mit Fetzen Musselin, dem Bande und den künstlichen Blumen hinein. Der Topf wurde hierauf geschlossen und versiegelt. Der Kreisphysikus wollte ihn nach der Stadt mitnehmen und den Inhalt von einem Chemiker untersuchen lassen. Heute, meinte er, könne nichts weiter geschehen.

Die Kommission entfernte sich sodann, es den Dorfleuten überlassend, den Sarg unter dem Absingen geistlicher Lieder wieder einzugraben.

Vierzehn Tage vergingen. Dann erschien der Gendarm in Lukatellen, trat bei Skwirblies ein, zeigte einen schriftlichen Befehl vor und sagte: »Du mußt mich begleiten, Frau. Ich habe dich zu verhaften und im Gefängnis abzuliefern. Versorge dich aber gut mit Kleidern und Wäsche – es kann da eine Weile dauern.«

Die Männer erhoben ein Geschrei darüber. Mare war aber ganz still und eine Weile wie versteinert. Ihr Gesicht war kreidebleich und die dunklen Augen rollten unruhig. Sie zitterte jedoch nicht und packte dann auch mit aller Sorgfalt eine Lade mit Sachen. Einen guten Rock und eine blaue Tuchjacke zog sie über und neue Schnürstiefel auf die Füße. Um den Kopf band sie ein Tuch von schwarzer Wolle, die langen Zipfel hinten verknotend. Sie sah aus wie eine sehr ordentliche und saubere Frau, die zur Kirche oder auf Besuch fährt. Janis hatte das Fuhrwerk angespannt und die Peitsche in die Hand genommen. Er wollte seine Frau selbst nach der Stadt bringen. Der Gendarm hatte nichts dagegen einzuwenden.

Die Nachbarn waren zusammengelaufen. Mare stand, bis alles zur Abfahrt bereit war, auf dem Hof, mit der Schulter gegen die Wand des Hauses gelehnt. Einer nach dem andern trat an sie heran, drückte ihr schweigend die Hand und küßte sie. Vielleicht hätten sie das auch getan, wenn sie von ihrer Schuld überzeugt gewesen wären –, sie war ja noch nicht verurteilt. Aber von ihren Gesichtern ließ sich doch ablesen, daß sie ihr vertrauten und dieser Tat nicht fähig hielten. Sie war dem Kinde so gut gewesen!

Der Herr Staatsanwalt hatte keine so günstige Meinung. Durch den Chemiker waren aus der untersuchten Masse vier Gramm Arsenik herausfiltriert und gekocht worden, und der Kreisphysikus erklärte dieses Maß für ausreichend, die tödliche Vergiftung eines so jungen Kindes herbeizuführen. Die Anklage wurde deshalb erhoben.

Janis fuhr zum Rechtsanwalt Schulz, der als der beste Verteidiger vor den Schwurgerichten galt. Er steckte alles Geld ein, das Mare erspart hatte, und lud auch noch das entbehrliche Getreide zum Verkauf auf, um ihm eine stattliche Summe auf den Tisch zählen zu können. Es verstand sich für ihn von selbst, daß der Mann sich der Belohnung entsprechend Mühe geben werde. Er erreichte jedenfalls soviel, daß der Anwalt die Akten sehr genau studierte.

Am bestimmten Tage war der Saal des Schwurgerichts dicht gefüllt. Aus Lukatellen und der Umgegend waren viele Personen als Zeugen eingetroffen, andere als Zuschauer. Als Mare auf der Anklagebank erschien, lief ein Gemurmel des Bedauerns um; der Präsident ließ die Glocke ertönen. Mare sah finster vor sich hin und beantwortete die an sie gerichteten Fragen immer nur mürrisch mit wenigen Worden. Die Tat bestritt sie, aber nur widerwillig, mit einer ausweichenden Redewendung; man konnte den Eindruck gewinnen, daß sie sich durch eine so ungeheuerliche Beschuldigung gekränkt fühle. In der Kammer des Knechtes gewesen zu sein, gab sie zu. Sie habe nachsehen wollen, ob sein Bett in Ordnung sei, sagte sie. »Ich konnte doch nicht wissen«, fügte sie hinzu, »daß er sobald vom Felde zurückkommen würde.«

Matuttis war der Hauptzeuge der Anklage. Er nahm alles, was er aussagte, mit freier Stirn auf seinen Eid. Die Aufgabe des Verteidigers war's, ihn in die Enge zu treiben und als einen ganz unglaubwürdigen Menschen darzustellen. Dafür fehlte es nicht an Anhalt. Er mußte zugeben, daß er gehofft habe, Mare werde ihn zum Mann nehmen und ihm das Grundstück zubringen, daß er der Frau Anträge gemacht habe, mit Janis in Streit geraten und von ihm des Dienstes ganz plötzlich entlassen worden sei. »Aber ich sage die Wahrheit«, rief er. Es stand dahin, ob die Geschworenen ihm glaubten.

Dann wurden Zeugen vernommen, die das Kind in der Krankheit und bis kurz vor dem Tode beobachtet hatten. Die von ihnen bekundeten Erscheinungen stimmten nach dem Gutachten der Sachverständigen mit dem Befunde überein. Nun aber führte der Verteidiger eine andere Reihe von Zeugen vor, die mit wärmsten Lobeserhebungen bestätigten, wie mütterlich Mare von der Geburt des Kindes an für dasselbe gesorgt, wie sie allein ihm gerade das Leben erhalten habe. Wie sollte sie dem unschuldigen Würmchen Gift eingegeben haben!

Mare schluchzte laut in ihre Hände hinein.

Die Stimmung schien ihr nicht ungünstig. Nun stand aber doch fest, daß im Leibe des toten Kindes Arsenik aufgefunden worden. Wie sollte das Gift dorthin gekommen sein? Sprach auch nur eine entfernte Vermutung für einen andern Täter? Es war ferner festgestellt, daß die kleine Ewe selbst zu der Pappschachtel auf dem Fensterbrett nicht hatte gelangen können. Arsenik sollte sonst nicht im Hause gewesen sein. Die Gesichter der Geschworenen wurden wieder lang.

Da spielte nun Rechtsanwalt Schulz einen Trumpf aus, den er bis jetzt versteckt gehalten hatte. »Wir haben heute viel von dem seidenen Bande sprechen hören, mit dem die kleine Leiche gegürtet wurde. Es war dem Kinde um den Leib gelegt. Das Band ist denn auch, wie das Protokoll beweist, mit den Körperresten zugleich in den Topf eingesiegelt und von den Herren Sachverständigen später nach sehr sorgfältiger Reinigung dem Gericht übergeben worden. Es liegt dort auf dem Gerichtstisch.«

Der Präsident bestätigte dies und überreichte es ihm. Der Anwalt faßte es an einem Ende und ließ es ausflattern. »Sie sehen«, fuhr er fort, »es hat die ganz ansehnliche Länge von gewiß zwei Metern und mehr als Handbreite. Es scheint von weißer Farbe gewesen zu sein.«

»Nein, grün«, riefen wohl zehn Stimmen zugleich aus dem Zeugenraum.

»Grün also. Ganz richtig. Und ich bin auch in der günstigen Lage, beweisen zu können, daß das Band wirklich von schöner, glänzend grüner Farbe war. Die Krügerfrau, von der es gekauft worden, ist zur Stelle. Ich gebe ihre Vernehmung anheim.«

»Und was soll daraus hergeleitet werden?« fragte der Staatsanwalt.

»Ich behaupte«, fuhr der Verteidiger fort, »daß das Grün, welches als Färbemittel dient, stark arsenikhaltig ist. Jedermann ist bekannt, daß von Zeit zu Zeit immer wieder Warnungen ergehen, die Zimmer grün tapezieren zu lassen, grüne Ballkleider zu tragen, Kindern grüngestrichene Spielsachen in die Hand zu geben. Es steht fest, daß in unserem Fall die grüne Farbe vollständig ausgelaugt ist, sich mit den modernden Körperteilen, die das Band umgab, vereinigt hat. Vier Gramm Arsenik sind in den Leichenresten vorgefunden worden. Ich berufe mich auf das Gutachten des Herrn Sachverständigen, daß in einem grünen Bande von dieser Länge und Breite nach bekannten Erfahrungen sehr wohl vier Gramm Arsenik enthalten sein können.«

Die Sachverständigen gaben diese Möglichkeit zu. Im Zuschauerraum entstand eine Bewegung, als ob die Menge von einem schweren Druck aufatmete. Die Sache hatte eine für alle höchst überraschende Wendung genommen.

Der Staatsanwalt gab sie schon verloren und faßte eigentlich nur kurz zusammen, was von belastendem Beweismaterial übriggeblieben war. Obgleich er die Möglichkeit nicht bestreiten könne, daß der aufgefundene Giftstoff von der Farbe des Bandes herrühre, bleibe er doch überzeugt, daß die Angeklagte die Täterin sei.

Rechtsanwalt Schulz hielt eine seiner glänzendsten Reden, deren sich mancher noch heut' erinnern wird, ebenso überzeugt, daß die arme Frau zu unrecht beschuldigt sei. Er schilderte mit wärmsten Worten die Opferwilligkeit Mares für ihrer Schwester Kind. Was sollte plötzlich ihren Sinn gewandt haben? Es sei nicht Aufgabe der Geschworenen, psychologische Rätsel zu lösen. Die Möglichkeit, daß das Band die unschuldige Ursache des so verdächtig scheinenden Leichenbefundes sei, bedeute hier die Gewißheit, daß eine Verurteilung wegen Mordes nicht ausgesprochen werden dürfe.

Schon nach kurzer Zeit kehrten die Geschworenen aus ihrem Beratungszimmer zurück. Der Obmann verkündigte unter lautloser Stille der Menge ein »Nichtschuldig«.

Der Gerichtshof sprach die Angeklagte frei und entließ sie sofort aus der Haft.

Mare hatte den ganzen Vorgang mit mehr und mehr gespannter Verwunderung verfolgt. Sie sprach kein Wort und legte mitunter den Finger auf die Lippen, sie gegen die Zähne drückend. Auch jetzt, als Janis zusprang, die Tür der hölzernen Einfassung um die Anklagebank aufriß, sie stürmisch umarmte und hinauszog, als dann die Nachbarn alle zu ihr herantraten und mit lauten Äußerungen der Freude über diesen Ausfall des Prozesses sie küßten und streichelten, war sie wie erstarrt und gänzlich geistesabwesend. Sie weinte nicht, sie lachte nicht, sie antwortete auf keine Fragen, sie drückte Janis nicht einmal die Hand. Während man sie durch die auf der Treppe angesammelten Zuschauer hinaus auf die Straße führte und auf den Wagen setzte, schien sie gar nicht zu wissen, was mit ihr vorging.

Diese dumpfe Stimmung hielt auch zu Hause an. Sie übernahm sofort wieder die gewohnte Arbeit und verrichtete sie mit peinlicher Sorgfalt. Aber sie sprach nur das Notdürftigste, alle ihre Bewegungen waren die einer Schlafwandlerin, ihr Gesicht blieb starr, und die Augen schienen wie erloschen. Janis begegnete ihr aufs freundlichste und liebevollste, bei seiner Berührung zuckte sie jedoch schmerzlich zusammen und all seine guten Worte, wie sie einmal Katre gehört hatte, konnten ihr kein Lächeln abgewinnen.

Eines Nachts, als sie wieder nicht schlafen konnte und lange, aus beklommener Brust seufzend, aufrecht gesessen hatte, weckte sie ihren Mann. »Es ist nun gewiß«, sagte sie, »daß Gott mich straft.«

Er erschrak. »Was redest du da, Mare?«

»Ich kann's nicht länger für mich behalten«, versicherte sie. »Gott strafte mich mit dem, was ich mir als das größte Glück ersehnt hatte und worauf ich kleinmütig alle Hoffnung verlor – – er will mir ein Kind schenken.«

»Mare –!« rief er in freudigster Überraschung und schloß sie in seine Arme.

Sie machte sich mit einer ängstlichen Gebärde los. »Nein, nein! Küsse mich nicht. Auch die Ewe war dein Kind . . .«

»Denke nicht an sie, du gibst mir Ersatz.«

Mare schüttelte sich fiebernd. »Sie sah ihrer verstorbenen Mutter so ähnlich . . . Wenn du sie sahst, sahst du immer die Katre – solange sie lebte, konntest du die Katre nicht vergessen, und ich war doch deine Frau.«

»Sie ist tot, und du hast mich seitdem ganz allein –«

»Ich – und ich war glücklich, bis . . .«

Sie schüttelte sich wieder. »Meinst du nicht, Janis, daß Gott mir's an meinem Kinde vergelten wird, was ich an der Schwester Kind getan habe?«

»Gewiß«, entgegnete er, »so viel Gutes du der Ewe erwiesen hast –«

Sie schrie auf. »Das! Aber . . . das andere auch.«

»Welches andere?«

»Wenn sie mich vor Gott verklagt –«

»Weshalb denn?«

»Wegen des Giftes –«

»Wie kann sie das? Du bist ja freigesprochen.«

»Ja freigesprochen . . . Aber vor Gott –«

»Was quälst du dich doch mit solchen Gedanken, Mare?«

»Sie kommen von selbst. Das Kind erbarmt mich nur. Wenn es verkrüppelt zur Welt käme, oder blind und taub – dann lieber noch tot. Ich weiß, es fällt alles auf das Kind. Es steht in der Bibel: Bis ins dritte und vierte Glied. Mit mir, meint' ich, wird es sein Ende haben, und jetzt . . . O Gott, Gott, Gott – heiliger Gott!«

Janis wurde es unheimlich. »Was jammerst du denn?« fragte er.

»Es muß mir von der Seele«, zischelte sie, seine Hände fassend und krampfhaft drückend. »Ich ersticke daran. Und wenn es heraus ist – nicht wahr, Janis? dann kann es das Kind nicht mehr anrühren. Es ist so furchtbar, daß ich dir's sagen muß – dir! Denn deinetwegen ist's geschehen, und du hast mich lieb seitdem unwissentlich, und jetzt wirst du mich fortstoßen. Aber ich muß –«

Plötzlich ging ihm eine schreckhafte Ahnung auf. »Schweige«, befahl er.

Sie rang die Hände. »Nein, ich muß dir's sagen. Vielleicht hilft dann Gott dem Kinde. Ich bin freigesprochen, Janis, aber – ich hab's doch getan.«

Er sprang auf. »Mare – du hast . . .«

»Der Ewe das Gift gegeben – ja! Weil sie ein Gesicht hatte wie die Katre, und Haare und Augen . . . und weil ich meinte, daß Gott mein Gebet nicht erhören wolle . . .« Sie winselte kläglich.

»Du hast's getan«, seufzte Janis.

»Und wenn Gott verzeihen kann, du kannst es nicht.«

Er schwieg. –

Am nächsten Morgen brachte Mare ihre Betten nach der Kammer, in der sie als Mädchen geschlafen hatte. Kurze Zeit schien sie sich freier zu fühlen. Sie verrichtete ihre Geschäfte schweigsam, aber nicht mürrisch, ließ sich vor den Nachbarn sehen und nahm teil an ihren kleinen Erlebnissen. Gegen Janis zeigte sie ein fast demütiges Wesen; wenn sie mit ihm sprach, schlug sie immer die Augen nieder, und ihre Stimme klang ganz leise. So vergingen die Wochen und Monate. Dann fing sie an, das ganze Haus aufzuräumen und in Ordnung zu bringen wie zu einem Festtage. Alle Sachen bis unter das Dach wurden mit peinlicher Sorgfalt abgestäubt, aus allen Winkeln die Spinnweben entfernt, die Dielen blankgescheuert, die Fenster und Läden abgewaschen. Ihr Leinenzeug zählte sie immer wieder durch, die Kleider und Pelze besserte sie aus und legte sie glatt aufeinander. Ebenso reinigte sie die Klete und selbst den Stall. Nur die Kammer des Knechtes betrat sie nicht. War sie fertig damit, begann sie ihr Werk von neuem, solange sie sich auf den Füßen halten konnte. Janis bat sie, sich Ruhe zu gönnen, aber sie schüttelte immer den Kopf. »Wer tut's nach mir?« fragte sie einmal.

In der letzten Zeit beherrschte sie wieder eine tiefe Traurigkeit. Sie wollte nach der Kirche gefahren sein. Nicht am Sonntag, sondern wenn sie ganz allein darin wäre. »Es beten dann nicht so viele zugleich«, meinte sie, als Janis abredete, »vielleicht hört der liebe Gott mich besser.« Er gab nach.

Während sie noch am Altar kniete, wurde sie von den Zeichen überrascht, daß ihre Stunde gekommen sei. Sie mußte zur alten Kubillene gebracht werden. Dort gab sie einem Knäblein das Leben.

Sie ließ sich das Kind reichen, betrachtete alle die kleinen Gliedmaßen genau mit angstvollen Blicken, brach in ein schluchzendes Weinen aus und rief: »Gott sei gedankt! er ist gesund; mir wird verziehen werden!«

Das waren die letzten Worte, die sie bei Bewußtsein sprach. Sie legte sich zurück und schlief ein. Als sie wieder erwachte, schüttelte sie das Fieber. Ärztliche Hilfe wurde vergeblich in Anspruch genommen. Am vierten Tage war sie nicht mehr unter den Lebenden.

Janis hob den Zipfel des Tuches auf, das über das schlafende Kind gedeckt war. »Du solltest deiner Mutter Freude nicht werden«, murmelte er, »aber Gott wollte, daß sie ihre Schuld mit sich genommen hat.«

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