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Die schwarze Galeere

Wilhelm Raabe: Die schwarze Galeere - Kapitel 19
Quellenangabe
typenarrative
titleDie schwarze Galeere
authorWilhelm Raabe
isbn3-86070-459-1
copyright1995 abc.de Internet-Dienste (für HTML-Text)
senderhille@abc.de
noteMetainformationen des Korrekturexemplars
firstpub1865
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Fieberträume

Zum dritten Male seit der Nacht, in welcher die Besatzung vom Fort Liefkenhoek den Kanonendonner der schwarzen Galeere und der Immacolata Concezione und das Auffliegen des letztern guten Schiffes vernahm, senkte sich der Abend hernieder, windstill und ungewöhnlich warm. Wetterkundige behaupteten, es werde mit nächstem viel Schnee geben, und sie mochten recht haben. Nachdem die Sonne am frühen Morgen hell am ziemlich klaren Himmel aufgestiegen war, hatte sie sich gegen Mittag hinter schwerem, grauem Gewölk verkrochen. Dieses Gewölk hatte sich mehr und mehr zusammengezogen, und mit dem Abend senkte es sich immer tiefer herab auf die Stadt Antwerpen, auf Land, Fluß und Meer.

Wieder befinden wir uns auf dem genuesischen Schiffe Andrea Doria in der Kajüte des Kapitäns.

Die hängende Lampe wirft ihr rötliches Licht durch das Gemach, über die Waffen, die Karten an den Wänden, über den Boden, auf welchem die blutigen Tücher umherliegen, über das Lager, auf welchem Antonio Valani im Wundfieber stöhnt und phantasiert, über die am Fußende der Kissen kniende Myga van Bergen, über den Leutnant Leone della Rota, welcher neben dem Lager des sterbenden Freundes steht und wilde, seltsame Blicke von dem Verwundeten zu der entführten Jungfrau wandern läßt.

Um Mittag hat Leone della Rota von dem Admiral Spinola und dem Gouverneur von Antwerpen mit Gleichmut die Bemerkung hingenommen, daß des Meergeusen Entkommen ein Teufelsstreich und er – Leone – schuld daran sei. Mit etwas weniger Gleichmut hat er vernommen, daß ihm – in Ermangelung eines Bessern – der Oberbefehl über die Galeone Andrea Doria für die Expedition des nächsten Morgens anvertraut sein solle.

Nach der an Bord befindlichen Dirne hatte sich weder der Gouverneur noch der Admiral erkundigt.

Unter viel Arbeit am Bord und am Lande war dem Leutnant der Tag hingegangen, nur wenige Augenblicke hatte er dem sterbenden Freunde widmen können. Aber am Bord und am Lande überall verfolgte den jungen Genuesen das Bild des schönen flamländischen Mädchens, das er auf seinem Schiffe gefangen hielt, das ohne Schutz und Schirm seiner Willkür hingegeben war, wenn der Freund tot war. Anfangs suchte er zwar alle Gedanken solcher Art zu verscheuchen, aber immer wieder von neuem drängten sie sich ihm auf; auf keine Weise konnte er ihnen entgehen, und bald gab er es vollständig auf, dagegen anzukämpfen. In ihrer Verzweiflung erschien ihm das holde Kind nur noch um so reizender; unter seinen Matrosen und Schiffssoldaten, im Vorsaal des Admirals, in den Gassen der Stadt war sie in seiner Seele, wie sie mit gesungenen Händen in der Kajüte am Bord des Andrea Doria kniete. Die wildeste Leidenschaft schlug in hellen Flammen auf, und mit den tollsten Sophismen suchte er sein widerstrebendes Gewissen niederzudrücken.

Was nützte es auch dem Antonio, wenn er, Leone, das Mädchen zurücksandte an Land?

Nun rief sich Leone della Rota die Augenblicke zurück, in welchen er den zierlichen Leib des Mädchens in seinen Armen gehalten hatte, in welchen er das ohnmächtige Kind durch den Rauch, durch die Gassen getragen hatte. Der Wind trieb ihm damals die blonden Locken der Jungfrau in das Gesicht – – –

»Nein, nein, nein, Antonio Valani, dein Recht an die schöne Beute endet mit deinem Leben! Kriegsrecht, Antonio Valani, streiche die Flagge und sinke – mir das Glück jetzt, das dir bestimmt war, und morgen, – morgen mir das Unterliegen und einem andern der Sieg! Kriegsrecht, Kriegsglück, – armer Antonio!«

Mit solchen Gedanken war in der Abenddämmerung der Leutnant in die Kajüte getreten, und nun stand er, wie wir geschildert haben, zwischen dem Sterbenden und der zitternden Myga im Schimmer der trüben Schiffslampe.

Man hat den verwundeten Kapitän ans Land schaffen wollen; aber mit aller Gewalt einer erlöschenden Existenz hat sich Antonio Valani dagegen gewehrt; auf seinem Schiffe will er sterben, nicht im Hospital. In seinem Fieberwahnsinn hat er nicht vergessen, daß Leone das flamländische Mädchen, das er liebt, an Bord des Andrea Doria geführt hat. Je näher der Tod kommt, desto fester klammert er sich an diese Liebe, desto heftiger tritt sie hervor. Im Leben hätte er sie fest in sich verschlossen, ohne das Dazwischentreten seines wilden Gesellen Leone della Rota. Im Sterben, im Fieberwahnsinn wirft sein Geist alle einengenden Fesseln ab; nichts von dem, was er früher gefühlt und verborgen hat, verbirgt Antonio Valani mehr.

Arme Myga! Wie sie da kniet, zu den Füßen des Lagers des todwunden Genuesen mit aufgelösten Haaren, geisterbleich, mit wundgerungenen Händen! Keine Rettung, keine!

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