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Die schwarze Flasche - 1

Eduard Graf Keyserling: Die schwarze Flasche - 1 - Kapitel 2
Quellenangabe
typedrama
booktitleDie schwarze Flasche
authorEduard von Keyserling
year1990
publisherFriedenauer Presse
addressBerlin
isbn3-921592-61-5
titleDie schwarze Flasche ? 1
pages1-27
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1902
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Milli
schmiegt sich an Max

Ganz nah – ganz nah – bei dir.

Max

Ja – so wollen wir uns in die Ewigkeit hinüberträumen.

Milli

Müde bin ich und schwindelig. Alles ist mir egal. Jetzt kannst Du sprechen – so – Dein Zeug – das hübsch klingt – und wobei ich weinen muß – und schläfrig werde.

Max

Müde – ja müde sind wir – goldene Müdigkeit –; Arm in Arm einschlafen – und dann kommt der Tod und deckt uns mit seinem dunkelvioletten Mantel.

Milli

Sammet?

Max

Ja – weich und kühl.

Milli

Du – sag: wie wird's sein?

Max

Was denn?

Milli

Nu – das – mit der Flasche. Brennt's – und is bitter und wie – wie –? wird's sein –?

Max

Wie ein Fortgleiten auf einem dunklen Fluß wird es sein –, ein unendliches Wiegen –, ein sanftes sich Auflösen – Verklingen – wie ein Ton...

Milli

Ja – ja. Sprich noch – ...

Max

Befreit von allem, wir selbst nur eine Nuance im All...

Es wird an die Mitteltüre geklopft.

Milli

Hörst Du?

Max
sehr zornig

Wer ist da wieder?

Es klopft wieder. Max geht zur Türe, öffnet sie.

Max

Hat man denn nie Ruhe!

Der Kellner erscheint mit einer Schüssel.

Kellner
feierlich

Hier sind die Cremeschnitte.

Milli

Die Cremeschnitte!

Max
schreit

Wer hat denn die verlangt?

Kellner

Es war eine Meinungsverschiedenheit zwischen den Herrschaften, aber ich sagte mir...

Max

Das ist mir gleich, was Sie sich sagten.

Kellner

Es tut mir also leid...

Max

Gut. Gehn Sie – Nimmt ihm die Schüssel aus der Hand und stellt sie auf den Tisch.

Kellner

Es war nicht böser Wille.

Max

Gehn Sie nur – ... sag ich.

Milli

Machen Sie sich nichts draus.

Kellner ab

Max
setzt sich zu Milli

Dummer Mensch.

Milli

Er war so traurig – er tut mir leid.

Max
umfaßt Milli

Jetzt wollen wir nur an unsere Liebe denken – uns voll trinken an ihr. leidenschaftlich Milli süße kleine Milli.

Milli

Schade is doch, sie so steh'n zu lassen.

Max

Wen?

Milli

Nu – die Schnitte –

Max

Was geh'n die uns an! Milli sei nicht so! Komm auf meine Höhe – denk' an mich. Cremeschnitten! ja – könntest Du jetzt essen?

Milli

Ich – ich weiß nicht. Versuchen kann man ja. Sie geht zum Tisch – setzt sich und beginnt zu essen. Max wendet sich mit finsterem Gesichte ab und seufzt tief.

Milli

Max – Er antwortet nicht. Schlecht sind sie nich'. Du, magst Du keine? keine Antwort Das sind doch die letzten. Ach ja, was soll man machen? – Du – Max.

Max

Nun.

Milli

Was tust Du jetzt?

Max

Ich fühle.

Milli

Bist Du böse – wegen der Schnitte?

Max

Ich bin schon von alldem weit fort. –

Milli

Nich' zu weit ohne mich.

Max

Du! Denkst Du an mich! Was liegt Dir daran, daß mir alle Nerven zittern – daß ich – Du verstehst mich nicht.

Milli
stürzt zu ihm

Nein, so sollst Du nicht reden! Die dummen Schnitte. Wir waren schon so im Zuge; und nu muß's von vorne anfangen. Sei nicht böse, Max – ich lieb' nur dich...

Max

Ja – Herz –, könnte ich Dir mein Fühlen geben – dieses Segelspannen meiner Seele.

Milli

Ja – Maxchen.

Sie sitzen umschlungen. Pause.

Max
leise und leidenschaftlich

Unsere Liebe – die – die – bleibt – bis zum letzten...

Milli

Ja – die is gut. Pause. – Du.

Max

Nun mein Herz.

Milli

Und anders geht's nich! Muß es mit der Schwarzen da sein? Sie zeigt auf die Flasche.

Max

Das ist der Weg... aber still Herz.

Milli

Weißt Du, ich fürchte mich so furchtbar vor der Schwarzen da.

Max

Das mußt Du nicht. Verdirb uns nicht die letzte Liebesstunde.

Milli

Naja – das Fortsein und Hinsein, gut, gut – ich sag' ja nichts. Es geht nicht anders – aber die schwarze Flasche sie schüttelt sich vor Grauen Ne – die nich'.

Max

Sie ist ja unsere Freundin. Wie sie uns anschaut – sie wartet – als wollte sie sagen: ich bin die Stille – ich bin die Freiheit...

Milli

Ja – meiner Seel' – sie schaut uns an. Die ganze Zeit war mir schon so. Sie wartet. Was hat sie zu warten!

Max

Nicht Milli! Schone mich – schone unsere Liebe! Wir wollen doch zeigen, daß wir es verstehen, unsere Liebe edel ausklingen zu lassen.

Milli

Zeigen? Wem denn? Wer sieht uns denn?

Max

O sie sehen es.

Milli

Sie? Wer? sie schauert

Max

Tausend großer, sanfter Geisteraugen schauen in dieser Stunde auf uns aus der Unendlichkeit. Sie warten, sie verstehen. Fühlst Du das nicht?

Milli

Die warten auch? Gott ist das grauslich. Zuerst die Flasche, nu' diese großen Augen. Du – ich – ich – glaube, die Flasche wird immer größer. Ich hab' nicht gewußt, daß 'ne Flasche so fürchterlich sein kann.

Hinter der verschlossenen Türe rechts hört man eine Frauenstimme:
»Liebster – küsse mich fest auf die Lippen.«

Milli

Was – was ist das?

Eine Männerstimme hinter der Türe:
»Sei ruhig – ich bin ja bei Dir.«

Max

Vielleicht zwei, die denselben Weg gehen – wie wir, Reisekameraden.

Milli

Glaubst Du? Aber am Ende – erschießen Sie sich?

Max

Jeder hat seine Art – denke nicht daran – komm zu mir. Du bist das Schöne. –

Milli

Ja, – wenn ich nur nicht mich so fürchten müßte. Die Flasche ist ja wie so'n schwarzes Tier, das einem raufspringen will; und dann noch die Augen, die warten – und – – horcht was – was? – schießen die schon nebenan? Sie hält sich die Ohren zu.

Max

Nein doch! Milli, von unserer ganzen schönen Höhe, stürzt Du uns herunter.

Milli

Wenn's nebenan knallt, dann sterb' ich vor Angst. leise Du – Max, wenn wir so leise – leise rausschlüpfen könnten?

Max

Wenn Du wüßtest, wie Du mir weh tust! Mein Herz wurde gerade heiß – nach Dir. Die Welt versank –, wir begannen in den Liebesrausch zu versinken, um zu sterben – und nu'!

Milli

Gleich viel. Hier bleib' ich nicht. Zu Tode graut man sich hier. Faß mich nicht an. Hier fürchte ich mich auch vor Dir. Ich weiß schon, was Du sagen willst. Bleib' Du, wenn Du willst, bei Deiner alten Flasche – ich geh.

Max

Milli, sei wieder mein tapferes Mädchen. – Was ist uns noch die Welt? – Schatten!

Milli

Wo sind Schatten? Sprich doch nicht so laut. Sst – sag nichts, sonst laufe ich fort – wo anders können wir lieben – und – sterben hebt seinen Hut und Mantel, hängt ihn ihm um, er läßt es ergeben geschehen. Wir brauchen ja nicht noch einmal zu Abend zu essen. Sie setzt ihren Hut eilig auf – Aber hier – ne – – mein Lieber –. Sie zieht ihn zur Türe, er folgt schmollend. Hi – hi – nu können sie allein bleiben – die alte Flasche – und die Augen.

Die Tür öffnet sich, der Kellner erscheint, schließt leise die Türe.
Max und Milli prallen erschrocken zurück.

Milli

Mein Gott! Nun noch der schreckliche Mann!

Kellner
den Finger an den Lippen

Sst! – bitte.

Max

Was – was wollen Sie?

Kellner

Verzeihen Sie, ich komme, weil ich Sie verstehe.

Max und Milli

Was?

Kellner

Bitte, ich weiß, was Sie vorhaben.

Milli

Nichts haben wir vor.

Kellner

O! Ich weiß. Bitte – ich kenne das.

Milli

– Der – der is noch fürchterlicher als die Flasche –

Max

Also –, was – was – wünschen Sie?

Kellner

Ich wollte bitten –, ich wollte mit.

Max

Mit? Was heißt das?

Kellner

Mit, den dunkelen Weg...

Milli

Gott – Gott! Aber wir gehen gar keinen dunkelen Weg. Lassen Sie uns heraus.

Kellner
lächelt

Ich weiß das besser. Werden Sie nicht ungeduldig, meine jungen Herrschaften. Hören Sie mich an, wenn ich bitten darf – ich will nicht stören.

Milli

Aber Sie stören.

Kellner

Nein, das tu ich nie.

Max

Also was? Schnell bitte. Wir haben keine Zeit.

Kellner

O, Sie haben eine Ewigkeit Zeit.

Milli

Er tut uns was.

Kellner
immer die Türe vertretend

Man weiß allgemein nicht, daß wir Kellner, was das Herz betrifft, besonders exponiert sind, ja – das sind wir leider. Man hat junge Paare auf der Hochzeitsreise zu bedienen – oder Liebespaare. Man bringt das Frühstück auf das Zimmer, Negligée, Traulichkeit, die Hotelzimmertüren haben meist kleine Löcher, durch welche man hindurch sehen kann, – all – das – und wir müssen machen, als fühlten wir nichts, und wir sind doch Menschen, oft sehr gefühlvolle Menschen.

Max

Schön. Aber wir sind doch nicht hier, um einen Vortrag über Kellner zu hören.

Kellner

Ich weiß, wozu Sie hier sind.

Milli

Nun weiß er das schon wieder, der schreckliche Mensch.

Kellner

Mein Herz z. B. ist sehr anhänglich – schon fast mürbe. Auf No. 27 wohnte ein junges Paar. Sie war sehr nach meinem Geschmack – ja – leider –, sehr. Ich bediente sie, ich glaubte, sie habe auch mich bemerkt. Sie sah mich über die Speisekarte hinweg oft – so an. Na ja – ich schrieb mal was auf die Speisekarte; wie mir's so um's Herz war. Unfreundlichkeiten, Unhöflichkeiten waren die Folge. Aber seitdem ist das Leben mir zuwider. Ich will heraus, fort aus dem Leben; aber nicht allein. Sympathische Gesellschaft suche ich schon lange. Heute habe ich sie gefunden.

Milli

Wir!

Max

Mit einem Kellner!

Kellner

Ein Kellner ist kein schlechter Begleiter. Wir sind die Geprüften des Lebens. Wir servieren Diners, die wir nicht essen, bedienen schöne Frauen, die uns nicht gehören. Also, meine jungen Herrschaften bitte, bitte, – lassen Sie mich in der Partie hier der Dritte sein. Ich bin einsam. Ich habe lange schon auf solch günstige Gelegenheit gewartet.

Max

Hm –, Sie sind ein eigentümlicher Mensch.

Milli
leise

Du wirst doch nicht anfangen, Dich für dieses Gespenst zu interessieren!

Kellner

Ja, ich war zu anderem bestimmt. Ich habe gelernt –. Ich wollte Redakteur oder Rezensent oder so etwas werden, wobei man ein weiches Herz haben kann. Aber Kellner! das brach mich.

Milli

Aber vielleicht kommt die Dame von No. 27 wieder, und dann – –

Kellner

Nein, die kommt nicht mehr. Es gab Skandal mit der Rechnung. Man ist nicht immer in der Stimmung, eine Rechnung zu schreiben –; na – und dann – – – nein, die sehe ich nie, nie – wieder! Ich bin bereit, mich Ihnen anzuschließen.

Milli

Wir – wir wollten gar nicht – jetzt – nicht – und

Kellner
zeigt auf die Flasche

Und das?

Milli

Das? Das ist nichts. Fleckwasser.

Kellner

Ich kenne dieses Fleckwasser.

Milli

Ach lassen Sie uns. Warum wollen Sie denn überhaupt gerade mit uns? – – – Da nebenan sind auch zwei, die werden gleich schießen. Gehn Sie doch mit denen – den – den – Weg.

Kellner

Die auf No. 9? Ach nein! Die gehn einen ganz, ganz anderen Weg.

Max

Sie haben mich interessiert, aber Sie irren sich. Wir – wir können Ihnen nicht helfen. Wir – wir – wünschen keine Begleitung. Lassen Sie uns gehn.

Milli

Lassen Sie uns hinaus. Ich ruf sonst um Hilfe. Ich klingle dreimal dann kommt der Hausdiener.

Kellner
macht Platz, sanft und traurig

Bitte. Also alles umsonst; Essen, Wein; Sie haben nicht den Mut.

Max

Herr kümmern Sie sich um Ihre Sachen.

Milli

Seit wann hat denn der Kellner darauf zu sehen daß die Gäste sich umbringen? Komm – zieht Max schnell vorwärts gehn' wir schnell, sonst fangen die auf No. 9 an zu schießen. Gott fürchte ich mich! In der Türe zum Kellner Bleiben Sie nur bei der dummen Flasche. Sie gehören ja zusammen.

Max und Milli ab

Der Kellner
sieht ihnen kopfschüttelnd nach und sagt mit Grabesstimme

Sie werden nicht den Mut haben.

Dann nimmt er die Flasche, besieht sie, stellt sie wieder auf den Tisch. Bückt sich, nimmt ein auf den Boden gefallenes Geldstück auf –, steckt es in die Westentasche; steht dann und starrt in tiefes Sinnen verloren – die Flasche an. –

Vorhang

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