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Gutenberg > Jean Baptiste Molière >

Die Schule der Ehemänner

Jean Baptiste Molière: Die Schule der Ehemänner - Kapitel 3
Quellenangabe
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typecomedy
authorMolière
titleDie Schule der Ehemänner
publisherJ.G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
booktitleMolieres Meisterwerke
printrun6-8. vermehrte Auflage
year1921
translatorLudwig Fulda
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zweiter Akt

Erster Auftritt

Isabella. Sganarell

Sganarell. Was du berichtet, spart mir alles weitre:
Ich weiß jetzt, wo er wohnt, und wer er ist.

Isabella (für sich). O sei mir gnädig, Gott, damit die List
Unschuldiger Liebe heut nicht scheitre!

Sganarell. Sagtest du nicht, sein Name sei Valer?

Isabella. Ja.

Sganarell. Geh ins Haus und sei nur ohne Bangen:
Dies dreiste Herrchen werd' ich gleich mir langen.

Isabella (im Abgehen für sich).
Das Werk ist für ein Mädchen fast zu schwer;
Doch seine Härte wird Verzeihung mir
Bei allen Edeldenkenden gewinnen. (Ab)

Zweiter Auftritt

Sganarell (allein)

Sganarell. Wohlan! Dort muß es sein.
(Er klopft an die Tür von Valers Haus)
He! Niemand hier?
Wenn ich ... He! Holla! Hört man nicht da drinnen? –
Aus diesem Tatbestand wird freilich klar,
Warum der Mensch vorhin so höflich war.
Bald aber soll das Luftschloß ihm entschweben ...

Dritter Auftritt

Sganarell. Valer. Ergast

Sganarell (zu Ergast, der rasch heraustritt und mit ihm zusammenstößt).
Daß dich der Henker! Ist der Esel dumm!
Pflanzt sich mir vor die Nase wie ein Trumm!

Valer. Ich bin untröstlich ...

Sganarell. Ah, Sie sucht' ich eben.

Valer. Sie mich?

Sganarell. Ich Sie! Sie heißen doch Valer?

Valer. Ja.

Sganarell. Mit Verlaub, Sie sprechen möcht' ich gern.

Valer. Womit kann dem verehrten Herrn ich dienen?

Sganarell. Mit nichts; im Gegenteil, ich will mich Ihnen
Dienstbar erweisen; deshalb kam ich her.

Valer. Mir?

Sganarell. Ihnen. Das erstaunt Sie?

Valer. Ja, sofern
Ich ganz entzückt bin; denn es ist zu viel
Der Ehre ...

Sganarell. Lassen wir die Ehre aus dem Spiel!

Valer. Beliebt es, einzutreten?

Sganarell. Danke, nein.

Valer. Ich bitte drum!

Sganarell. Ich geh' nicht von der Stelle.

Valer. Nicht dulden kann ich, daß vor meiner Schwelle ...

Sganarell. Hier bin ich und hier bleib' ich.

Valer. Mag's denn sein.
(Zu Ergast) Der Herr will's einmal so; deshalb im Sprung
Hol einen Stuhl!

Sganarell. Ich kann auch stehend sprechen.

Valer. Unmöglich!

Sganarell Schauderhafte Nötigung!

Valer. An Form und Anstand wär' es ein Verbrechen.

Sganarell. Es ist ein schlimmres noch, wenn man die Leute
Zu Wort nicht kommen läßt, die reden wollen.

Valer. Ich füge mich.

Sganarell Sehr wohlgetan.

(Sie machen umständliche Komplimente, sich zu bedecken)

Was sollen
Die neuen Zeremonien? Werd' ich heute
Noch angehört?

Valer. Wie gern!

Sganarell Dann zum Beginn
Frag' ich: Ist Ihnen kund, daß ich seit Jahren
Der Vormund eines hübschen Kindes bin,
Das Isabella heißt und bei mir wohnt?

Valer. Ich weiß.

Sganarell Dann brauchen Sie's von mir nicht zu erfahren.
Doch wußten Sie denn auch, daß nicht verschont
Von ihrem Reiz ich sie vom Mündel künftig
Zu meinem Weibe will erheben?

Valer. Nein.

Sganarell. Dann wissen Sie das jetzt; drum wär's vernünftig,
Sie stellten weiteres Bemühen ein.

Valer. Wer? Ich?

Sganarell. Ja, Sie – trotz Ihren Winkelzügen.

Valer. Wer sagt denn, daß mein Herz in ihrem Bann?

Sganarell. Jemand, dem man wohl Glauben schenken kann.

Valer. Nun, wer?

Sganarell. Sie selbst.

Valer. Sie?

Sganarell. Sie, das wird genügen.
Als ehrbar Kind, von Jugend auf mir treu,
Bekannte sie mir alles ohne Scheu,
Ja, bat sogar mich, Ihnen auszurichten,
Daß sie schon längst als Kränkung es empfand,
Verfolgt zu werden, und daß sie mit nichten
Die Sprache Ihrer Augen mißverstand.
Sie wisse ganz genau, was Sie begehren;
Nur möchten Sie nicht ferner sich bemühn,
Weil ihr die Pflichten gegen mich verwehren,
Zu merken, daß noch andre für sie glühn.

Valer. Sie selber, sagen Sie, trug Ihnen auf ...

Sganarell. Dies Ihnen zu bestellen, frank und frei,
Und daß sie gleich, als sie der Dinge Lauf
Erkannt, darüber sie belehren wollte;
Nur fiel es ihr in ihrer Angst nicht bei,
Wem sie die Botschaft anvertrauen sollte.
Doch halb verzweifelt schon entschloß sie sich
Zuletzt, mir selber dieses Amt zu gönnen,
Damit Sie, wie gesagt, nicht zweifeln können,
Daß niemand um sie werben darf als ich;
Damit Sie dies Geäugel unterlassen
Und, falls Ihr Hirn es irgendwie vermag,
Fortan mit einer andern sich befassen.
Nun haben Sie's vernommen; guten Tag!

Valer (leise). Ergast, was hältst du von dem Abenteuer?

Sganarell (leise für sich).Das traf!

Ergast (leise zu Valer). Nach meiner Ansicht steht es gut:
Sogar verdoppeln darf sich jetzt Ihr Mut:
Denn alles scheint mir eine feine List.
Derlei trägt man nicht auf, wenn man das Feuer,
Das man entfacht, zu löschen willens ist.

Sganarell (für sich). Das hat gewirkt!

Valer ( leise zu Ergast). Du glaubst, dahinter stecke...

Ergast (leise). Ja ... Doch er lauscht; ich rate, daß wir gehn.

Vierter Auftritt

Sganarell (allein)

Sganarell. Er wurde rot und blaß von diesem Schrecke;
Die Botschaft hat er nicht vorausgesehn.
Jetzt ruf' ich Isabella; so bekundet
Erziehung ihre segensreiche Frucht:
Ihr sittsam Herz ist in so strenger Zucht,
Daß eines Mannes Blick sie schon verwundet.

Fünfter Auftritt

Sganarell. Isabella

Isabella (im Eintreten, für sich).
Ich fürchte, daß, weil er zu sehr mich liebt,
Mein Freund den zarten Wink nicht ganz verstanden:
Drum send' ich ihm aus meines Kerkers Banden
Noch einen zweiten, der ihm Klarheit gibt.

Sganarell. Das ist erledigt.

Isabella Nun?

Sganarell Zu deinem Heil
Hast du dich mir vertraut: der hat sein Teil!
Erst leugnen wollt' er seines Herzens Brand;
Jedoch dein Auftrag warf ihn so darnieder,
Daß er verwirrt und sprachlos vor mir stand,
Und schwören will ich drauf: der kommt nicht wieder.

Isabella. Ach, glauben Sie? Mich hält die Furcht befangen,
Daß er auf weitre Ränke sinnt.

Sganarell. Was gibt dir Anlaß, dies zu fürchten, Kind?

Isabella. Sie waren aus dem Zimmer kaum gegangen,
Da – just, als ich zum Fenster trat,
Um Luft zu schöpfen – um die Ecke naht
Ein junger Bursche, wünscht zuerst im Namen
Des Unverschämten keck mir guten Morgen
Und wirft ein Döschen durch den Fensterrahmen,
Drin dies versiegelte Billett verborgen.
Zurück ihm werfen wollt' ich beides gleich;
Er aber war verschwunden – und noch eben
Fühl' ich vor Zorn all meine Glieder beben.

Sganarell. Seht mir den abgefeimten Schurkenstreich!

Isabella. Doch Brief und Dose dem verliebten Bengel
Sofort zurückzusenden scheint mir Pflicht;
Nur fehlt ein Bote mir; ich wage nicht,
Sie selbst damit ...

Sganarell. Im Gegenteil, mein Engel!
Nicht schöner konnte sich bekunden
Dein treuer Sinn. Die Sendung ist mir lieb;
Von Herzen bin ich dir dafür verbunden.

Isabella (gibt ihm die Dose).
So nehmen Sie!

Sganarell. Laß sehn, was er dir schrieb.

Isabella. O, brechen Sie den Brief nicht auf!

Sganarell. Weswegen?

Isabella. Schöpft er dann nicht Verdacht, daß ich's gewesen?
Ein ehrbar Mädchen sträubt sich doch dagegen,
Die Briefchen, die ein' Mann ihr schickt, zu lesen!
Die Neugier, die darin sich widerspiegelt,
Läßt schließen, daß der Inhalt ihr gefällt.
Drum wünsch' ich ihm den Brief zurückgestellt
So wie er ist, verschlossen und versiegelt,
Damit ihm endlich die Erkenntnis tagt,
Daß ihn mein Herz aufs gründlichste verachtet:
Damit er nicht vergeblich weiter schmachtet
Und solche Torheit nicht noch einmal wagt.

Sganarell. Wahrhaftig, was du sagst, hat Sinn und Fug!
Du bist nicht reizend nur, du bist auch klug.
Was ich dich lehrte, wurzelt fest und tief,
Und würdig scheinst du mir, mein Weib zu heißen.

Iabella. Doch wenn Sie gerne wüßten, was der Brief
Enthält – Sie brauchen ihn nur aufzureißen.

Sganarell. Nein, Gott bewahr'! Dein Grund ist wohlbedacht,
Und augenblicks entsprech' ich deiner Bitte;
Hin und zurück bedarf es wen'ger Schritte. –
Aufatmen wirst du, wenn es abgemacht!

Sechster Auftritt

Sganarell (allein)

Sganarell. Mein Herz schwimmt in Entzücken! Welch ein Grad
Von Tugend! Dieses Kind ist Goldes wert:
Ein Muster wird sie sein an meinem Herd!
Hält einen Liebesblick schon für Verrat,
Ein zart Billett für Kränkung ihrer Ehre,
Läßt durch mich selbst dem Fant es wiederbringen!
Nur wissen möcht' ich, ob in solchen Dingen
Des Bruders Mündel auch so redlich wäre!
Die Weiber sind, was man aus ihnen macht. –
Holla! (Er klopft an Valers Haustür)

Siebenter Auftritt

Sganarell. Ergast

Ergast. Was gibt's?

Sganarell. Geh, deinem Herrn zu sagen,
Er soll nicht ferner seine Finger plagen
Mit Briefchen, die er schickt in goldnen Dosen:
Das Fräulein sei gewaltig aufgebracht.
Schau her, das Siegel ist noch unverletzt,
Damit er merkt: hier blühn ihm nicht die Rosen,
Auf die er seine Hoffnung setzt.

Achter Auftritt

Ergast. Valer

Valer. Was hat der Unhold dir gegeben? Sprich!

Ergast. Dies Briefchen und die Dose; beide hat,
So sagt er, Isabella heut von Ihnen
Erhalten; ihre Wut sei fürchterlich;
Drum uneröffnet sende sie das Blatt
Zurück. Schnell lesen Sie! Das wird zum Aufschluß dienen.

Valer (liest). »Dieser Brief wird Sie ohne Zweifel sehr überraschen,
und man würde es gewiß als ein unziemliches
Wagnis betrachten, sowohl daß ich ihn schreibe, als daß
ich ihn auf solche Art Ihnen übermittle; aber in meiner
Lage bindet man sich an keine Form. Mein gerechter
Abscheu vor einer Heirat, die mir in sechs Tagen bevorsteht,
treibt mich zum Äußersten, und in meinem festen
Entschluß, mich ihr um jeden Preis zu entziehn, hielt ich
es für besser, mich Ihnen zu überantworten, als der Verzweiflung.
Dennoch sollen Sie nicht glauben, daß Sie
dies alles nur meinem feindlichen Geschick verdanken;
meine harte Gefangenschaft hat die Gefühle, die ich für
Sie hege, nicht hervorgerufen, sondern nur ihren Ausdruck
beschleunigt und mich die Schranken vergessen lassen,
in welche die Wohlanständigkeit uns Mädchen verweist.
Es hängt allein von Ihnen ab, ob ich Ihnen bald angehören
soll, und ich warte nur darauf, daß Sie mir
Ihre Absichten mitteilen, um Ihnen Nachricht zu geben,
was ich zu tun bereit bin. Vor allem bedenken Sie,
daß die Zeit drängt und daß zwei Herzen, die sich lieben,
nur eines halben Wortes bedürfen, um sich zu verstehen.«

Ergast. Nun? Sind Sie nicht von diesem Streich erbaut?
So jung noch, und schon so durchtrieben!
Wer hätt' ihr solchen Scharfsinn zugetraut?

Valer. Und dieses Götterkind sollt' ich nicht lieben?
Dies Zeugnis von Verstand und Leidenschaft
Läßt zärtlicher mein Herz noch für sie schlagen;
Verdoppelt fühl' ich ihres Zaubers Kraft ...

Ergast. Der Gimpel naht; was wollen wir ihm sagen?

Neunter Auftritt

Vorige. Sganarell

Sganarell (ohne die beiden zu bemerken).
O, tausendfach sei dies Edikt gesegnet,
Das all dem Kleiderluxus streng begegnet!
Es läßt die Ehemänner sanfter schlafen
Und zügelt ihrer Weiber freche Gier.
Für dies Gesetz, mein König, dank' ich dir!
Nur sollt' es zu der armen Gatten Schutz
Auch die Koketterie bestrafen
Grad' so wie all den goldgestickten Putz.
Gleich kauft' ich mir, vor Freude wie besessen,
Die Zeitung ein, und Isabella soll
Mir zur Zerstreuung nach dem Abendessen
Es laut verlesen; das wird wundervoll!

(Er sieht Valer)

Nun, mein Herr Blondkopf, ist es schon vorbei
Mit Dosen und mit zärtlichen Billettchen?
Sie rechneten gewiß auf ein Kokettchen,
Das nach Hofierung lechzt und Liebelei?
Sie sehn, wie hoch man Ihr Geschenk verehrt!
Ihr Pulver ward verschossen für die Katze.
Ein Greuel sind Sie ihr, und zum Ersatze
Sucht wohl der Herr was andres und macht kehrt!

Valer. Jawohl, ein Mann von solchem Wert wie Sie
Steht unsereinem allzusehr im Lichte,
Und Torheit war es von mir armem Wichte,
Mit Ihnen mich im Liebeskampf zu messen.

Sganarell. Ja, Torheit war's.

Valer. Gewiß! Auch hätt' ich nie
In meiner Neigung mich so weit vergessen,
Hätt' ich geahnt, daß meiner Wenigkeit
Entgegensteht solch drohender Rivale.

Sganarell. Ich glaub's.

Valer. Ein Irrtum, den ich ohne Neid
Mit einem förmlichen Verzicht bezahle.

Sganarell. Sehr wohlgetan.

Valer. So will es das Geschick.
Wer Ihrer seltnen Gaben Glanz betrachtet,
Der hat kein Recht, zu sehn mit schelem Blick,
Wie glühend Isabella für Sie schmachtet.

Sganarell. Versteht sich.

Valer. Ja; drum räum' ich gern das Feld,
Und nur um eine Gunst noch möcht' ich bitten,
Als abgeblitzter Liebesheld,
Der heut durch Sie den herbsten Schmerz erlitten.
Ihr zu versichern möcht' ich Sie beschwören,
Daß, wenn ich seit drei Monden immerdar
Für sie geglüht, mein Wunsch der reinste war
Und keinen Grund ihr gab, sich zu empören.

Sganarell. Gut!

Valer. Daß mir's als der Hoffnung höchstes Ziel
Gegolten, sie zur Gattin zu erlesen,
Wär' nicht das Los, das Ihnen günstig fiel,
Ein unbezwinglich Hindernis gewesen.

Sganarell. Sehr wohl!

Valer. Daß, was auch kommen mag, ihr Bild
Auf ewig wird in meiner Seele wohnen,
Daß ungeachtet aller Dornenkronen
Mein letzter Seufzer dieser Liebe gilt,
Und daß ich nur dem bessern Werber weiche,
Weil an Verdiensten ich ihn nicht erreiche.

Sganarell. Sehr brav gesprochen; schleunigst geh' ich hin
Und meld' es ihr; sie wird darob nicht grollen,
Und wenn Sie meinem Rate folgen wollen,
So schlagen Sie's recht bald sich aus dem Sinn.
Grüß Gott!

Ergast. (im Abgehen zu Valer). Welch ein Hanswurst!

Zehnter Auftritt

Sganarell (allein)

Sganarell. Der arme Wurm
Tut fast mir leid – so hoffnungslos vernarrt!
Warum auch lief er auf die Festung Sturm,
Die schon zuvor durch mich erobert ward!

(Er pocht an die Tür seines Hauses)

Elfter Auftritt

Sganarell. Isabella

Sganarell. Kind, er war ganz bestürzt, als unerbrochen
Ich ihm zurückgab seine Liebeszeilen;
Das Feld zu räumen hat er mir versprochen
Und sanft mich angefleht, dir mitzuteilen,
Daß er in seinem glühendsten Bestreben
Dir zur Empörung niemals Grund gegeben,
Daß er's für seiner Hoffnung höchstes Ziel
Gehalten, dich zur Gattin zu erlesen,
Wär' nicht das Los, das mir zu Gunsten fiel,
Ein unbezwinglich Hindernis gewesen,
Daß, was auch immer kommen mag, dein Bild
Auf ewig wird in seiner Seele wohnen,
Daß ungeachtet aller Dornenkronen
Sein letzter Seufzer dieser Liebe gilt,
Und daß er nur dem bessern Werber weicht,
Weil sein Verdienst das meine nicht erreicht.
So sprach er wörtlich, und er tut mir leid;
Denn ohne Makel find' ich sein Betragen!

Isabella. (für sich). Er log mir nicht! In seinem Blicke lagen
Verbürgte Zeichen seiner Lauterkeit.

Sganarell. Was sagst du?

Isabella. Mich verdrießt Ihr Mitgefühl
Mit jemand, den ich tödlich lernte hassen;
Trotz Ihren Schwüren scheint Ihr Herz mir kühl,
Da Sie so ruhig mich verfolgen lassen.

Sganarell. Daß du mich liebst, war ihm doch unbekannt,
Und seine Absicht, dich zur Frau zu küren
In Ehrbarkeit ...

Isabella. Wird's Ehrbarkeit genannt,
Wenn man ein junges Mädchen will entführen,
Sie zwingen will durch einen schlauen Plan,
Sich unerwünschter Fessel zu ergeben?
Glaubt er, nur einen Tag noch könnt' ich leben,
Nachdem er solche Schmach mir angetan?

Sganarell. Was?

Isabella. Ja doch, ja: der Schurke denkt daran,
Mich mit Gewalt von Ihnen fortzuschleppen.
Zwar weiß ich nicht, auf welchen Hintertreppen
Von Ihrem Vorsatz Nachricht er gewann,
Noch diese Woche mich zu ehelichen:
Hab' ich doch selbst es gestern erst vernommen;
Er aber hofft, noch eh' die Frist verstrichen,
Dem Fest, das uns vereint, zuvorzukommen.

Sganarell. Ei, seht mir doch den Taugenichts!

Isabella. O, bitte!
Ehrbar und ohne Makel liebt sein Herz ...

Sganarell. Nein, das ist außer allem Scherz.

Isabella. Sie selbst sind schuld an diesem tollen Schritte;
Denn hätten Sie recht tüchtig ihn gescholten,
Dann hätt' er unsres Willens Kraft gemerkt:
Doch daß wir seinen Brief nicht lesen wollten,
Hat seinen schwarzen Anschlag nur verstärkt,
Und sicher bin ich, daß er heut noch glaubt,
Ich dächt' an ihn voll zärtlicher Empfindung
Und wär', aus Todesangst vor der Verbindung
Mit Ihnen, froh, wenn man vorher mich raubt.

Sganarell. Er ist verrückt!

Isabella. Er führt Sie hinters Licht
Und hält Sie hin, solang er irgend kann;
Drum trau'n Sie seinen glatten Worten nicht!
Fürwahr, ich bin recht übel dran;
Mein heiß Bemühn, die Ehre mir zu wahren
Und des Verführers Künsten zu entgehn,
Ist fruchtlos; denn voll Kummer muß ich sehn:
Es konnte diesen Schimpf mir nicht ersparen!

Sganarell. Nur unbesorgt!

Isabella. Ich sag' es Ihnen frei:
Wenn Sie dem Bubenstreich nicht ernst begegnen,
Nicht bald bewirken, daß vor des Verwegnen
Verfolgungen ich endlich sicher sei,
Dann mach' ich selbst ein Ende; lieber sterben,
Als daß ich solche Kränkung dulden will!

Sganarell. Reg dich nicht auf, mein Weibchen! Sei nur still!
Ich werd' ihm augenblicks den Spaß verderben.

Isabella. Dann sagen Sie dem Menschen, seinen Plänen
Säh' ich trotz seinem Leugnen auf den Grund;
Er möge nur – und trieb er's noch so bunt –
Mich nicht zu überraschen wähnen.
Er soll, statt sich mit Seufzern zu befassen,
Endlich verstehn, wie sich mein Herz entscheidet,
Und, falls er schweres Unheil gern vermeidet,
Sich's nicht zum zweiten Male sagen lassen.

Sganarell. Ich werd's bestellen.

Isabella. Doch in einem Ton,
Der ihm beweist, mein Sinn sei nicht zu beugen.

Sganarell. Mein Wort darauf, ich werd' ihn überzeugen!

Isabella. Voll Ungeduld wünsch' ich, Sie wären schon
Zurück; ach, bitte, gehen Sie recht schnelle!
Ich lebe nicht, wenn Sie mir ferne sind.

Sganarell. Mein Herzblatt, gleich bin wieder ich zur Stelle!

Zwölfter Auftritt

Sganarell (allein)

Sganarell. Gibt's wohl ein beßres, tugendhaftres Kind?
Wie glücklich ist man, wie beneidenswert,
Wenn man ein Weib gefunden hat wie dies!
Dergleichen schätzt man erst, wenn man erfährt
Von jenen schamlos erzkoketten Dingern,
Die nicht zufrieden sind, bis ganz Paris
Auf ihre Männer deutet mit den Fingern.

(Er klopft an Valers Tür)

Holla, mein unternehmender Herr Junker!

Dreizehnter Auftritt

Sganarell. Valer. Ergast

Valer. Was führt Sie her von neuem?

Sganarell. Ihr Geflunker.

Valer. Wie?

Sganarell. Mein Verlangen kennen Sie recht gut.
Ehrlich gesagt, ich hielt sie für gescheiter.
Sie foppten mich mit Ihrer Redeflut
Und bauen heimlich an dem Luftschloß weiter.
Wenn ich zuerst mich schonungsvoll benahm,
Zu schärfrer Tonart bin ich jetzt gezwungen.
Hat denn ein Mann wie Sie so wenig Scham,
Daß solch ein Anschlag seinem Hirn entsprungen?
Ein Mädchen durch Entführung um die Ehre
Und um ersehntes Eheglück zu prellen!

Valer. Von wem ward Ihnen diese Schauermäre?

Sganarell. Wie ahnungslos er tut! Von Isabellen!
Sie meldet Ihnen nun zum letztenmal,
Genügend wüßten Sie, wen ihres Herzens Wahl
Bevorzugt, und sie könnte nicht mehr leben,
Wär' ihr so bittre Schmach durch Sie bestimmt;
Es werd' ein fürchterliches Unglück geben,
Wenn nicht der Wirrwarr bald ein Ende nimmt.

Valer. Hat sie dies alles wirklich ausgesprochen,
Dann scheint die letzte Hoffnung mir verblaßt;
Mit diesem Wort ist mein Entschluß gefaßt;
Denn ihrem Wunsch muß er sich unterjochen.

Sganarell. Ob sie dies wirklich ... Zweifeln Sie vielleicht
Und glauben, alles sei von mir erfunden?
Soll sie's noch einmal selbst bekunden,
Damit Ihr Wahn der vollen Klarheit weicht?
Gut, prüfen Sie sogleich mit eignen Ohren,
Ob zwischen uns ihr junges Herz noch schwanke.

(Er klopft an seine Tür)

Vierzehnter Auftritt

Vorige. Isabella

Isabella. Sie führen ihn mir zu? Welch ein Gedanke!
Sind Sie denn gegen mich mit ihm verschworen
Und sichern ihm, von seinem Wert erbaut,
In meiner Seele mit Gewalt ein Plätzchen?

Sganarell. Nein, dazu bist du mir zu lieb, mein Schätzchen;
Doch weil er meiner Botschaft noch nicht traut
Und wähnt, ich hätt' im eignen Kopf ersonnen,
Daß du mich liebst und ihn nicht ausstehn magst,
Drum wollt' ich, daß du selbst ihm gründlich sagst,
Wie sein verliebter Traum in Luft zerronnen.

Isabella (zu Valer). Wie? Gab ich Ihnen mein Gefühl nicht kund!
Läßt sich an meinen Wünschen Zweifel hegen?

Valer. Was ich erfuhr aus dieses Herren Mund,
Das trat so überraschend mir entgegen.
Daß an dem Spruch zu zweifeln ich bekenne,
Der meiner Liebe Todesurteil spricht.
Er birgt mein Schicksal; zürnen Sie drum nicht,
Wenn ich noch einmal ihn zu hören brenne.

Isabella. Nein, dieser Spruch darf Sie nicht überraschen;
Denn das Gefühl, dem er entsprang, ist echt;
Auch bin ich nicht gewillt, mich reinzuwaschen
Noch zu verstellen; denn ich bin im Recht.
Sie sollen's glauben, und Sie dürfen's wissen:
Zwei Männer drängen sich in mein Bereich,
Und durch den Gegensatz, den der Vergleich
Mir aufzwingt, wird mein Inneres zerrissen.
Des einen, den in Ehren ich erwählt,
Denk' ich mit höchster Achtung, wärmster Neigung,
Und für des andern stete Gunstbezeigung
Bin ich von Abscheu nur und Haß beseelt.
Erlabend fühl' ich in des Einen Nähe
Frohsinn und Jubel in das Herz mir quillen;
Der andre, wenn ich nur von fern ihn sehe,
Weckt mir geheimen Widerwillen.
Beim einen sehn' ich mich, daß uns verbinde
Ein heilig Band; beim andern wär's mein Tod!
Sagt' ich nun klar genug, was ich empfinde,
Und seufz' ich lang genug in solcher Not?
Der, den ich liebe, soll beflissen sein,
Die Pläne des Verhaßten zu zerstören,
Und mich erlösen aus der Folterpein,
Damit wir uns für immer angehören.

Sganarell. Ja, Täubchen, deinen Wunsch werd' ich erfüllen!

Isabella. Nur dieses Mittel schützt mich vor Gefahr.

Sganarell. Bald wend' ich's an.

Isabella. Uns Mädchen ziemt es zwar,
Die Regungen des Herzens zu verhüllen ...

Sganarell. Nein, nein!

Isabella. Doch weil kein andrer Weg zu schaun,
Muß ich mir solche Freiheit wohl gestatten,
Und ohn' Erröten kann ich's anvertraun
Ihm, den ich schon betrachten darf als Gatten.

Sganarell. Ja, süßes Püppchen, ja, du Zuckermaus!

Isabella. Doch soll er seine Liebe nun bewähren.

Sganarell. Ja, küsse mir die Hand!

Isabella. Sich nicht verzehren
In Seufzern, sondern unser Glück begründen;
Ich sprech ihm hier mein treu Gelöbnis aus,
Mich nie mit einem andern zu verbünden.

(Sie tut, als ob sie Sganarell umarmen wolle, und reicht dabei ihre Hand Valer zum Kusse)

Sganarell. Hihi, du Goldkind, du mein Marzipan,
In kurzem wird die Sehnsucht dir gestillt!

(Zu Valer)

Na, blies ich ihr das ein? Sie selber sahn,
Daß mir allein ihr Liebesfeuer gilt.

Valer. Mein Fräulein, ja, ich zweifle nun nicht länger;
Aus Ihren Worten ward mir alles klar,
Und streben will ich, Sie für immerdar
Bald zu befrein von dem verhaßten Dränger.

Isabella. Das wäre mir im höchsten Grad erfreulich:
Denn dieser Anblick wird mir nach und nach
So völlig unerträglich, so abscheulich ...

Sganarell. Oho!

Isabella (zu Sganarell). Hat Sie verdrossen, was ich sprach?

Sganarell. I, Gott behüte, so war's nicht gemeint!
Nur dauert mich der Ärmste; denn dein Zorn
Nahm ihn doch allzu scharf aufs Korn.

Isabella. Ich war noch viel zu milde, wie mir scheint.

Valer. Ja, seien Sie getrost: schon in drei Tagen
Sind von dem schnöden Anblick Sie befreit.

Isabella. So recht. Und gehn Sie jetzt!

Sganarell. Sie tun mir leid;
Indessen ...

Valer. Nein, ich darf mich nicht beklagen.
Das Fräulein tat uns beiden nach Gebühr,
Und zu vollstrecken wünsch' ich ihren Spruch.

Sganarell. Mein armer Freund, schmerzt Sie der schroffe Bruch?
Umarmen Sie zum Abschied mich dafür.

(Er umarmt ihn)

Fünfzehnter Auftritt

Sganarell. Isabella

Sganarell. Er ist bedauernswert.

Isabella. Das find' ich nicht.

Sganarell. Doch deine Treue strahlt im hellsten Licht,
Mein Schätzchen, und verdient besondern Lohn.
Mit deiner Ungeduld ist's nicht vereinbar,
Acht Tage noch zu warten; morgen schon
Ist Hochzeit!

Isabella. Morgen schon?

Sganarell. Du bist nur scheinbar
So spröd; ich weiß, daß du mit allen Sinnen
Den Tag herbeisehnst, der dich hoch beglückt.

Isabella. Doch ...

Sganarell. Gleich werd' unser Haus zum Fest geschmückt.

Isabella (für sich). Allmächt'ger Gott, hilf mir, ihm zu entrinnen!

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