Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jean Baptiste Molière >

Die Schule der Ehemänner

Jean Baptiste Molière: Die Schule der Ehemänner - Kapitel 2
Quellenangabe
pfad/moliere/schuehem/schuehem.xml
typecomedy
authorMolière
titleDie Schule der Ehemänner
publisherJ.G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
booktitleMolieres Meisterwerke
printrun6-8. vermehrte Auflage
year1921
translatorLudwig Fulda
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100214
projectidcff46fb6
Schließen

Navigation:

Erster Akt

Erster Auftritt

Sganarell. Arist

Sganarell. Das viele Reden kann uns wenig frommen,
Mein Bruder; jeder leb' auf seine Art!
Obgleich du älter und genug bejahrt,
Um endlich zu Verstand zu kommen,
Sag' ich dir offen, daß mir's ratsam schien,
Mich deinem Gängelbande zu entziehn:
Die Lebensweise, die mich von dir trennt,
Behagt mir, und ich will dabei beharren.

Arist. Doch jeder tadelt sie.

Sganarell. Ja, solche Narren
Wie du.

Arist. Recht schönen Dank fürs Kompliment!

Sganarell. Laß hören – nur der Wissenschaft zulieb –
Was diese Sippschaft dran zu tadeln weiß.

Arist. Dein überspanntes Wesen, die Vermeidung
Gesell'ger Freuden, den bizarren Trieb,
Dich abzusondern, dem mit so viel Fleiß
Du folgst in allem, selbst in deiner Kleidung.

Sganarell. Jawohl, zu Kreuze kriechen vor der Mode
Und mich für andre anziehn, nicht für mich!
Bezweckst du gar mit dieser schönen Ode
Als ältrer Bruder – denn unweigerlich
Hast zwei Jahrzehnte mehr du auf dem Rücken,
Doch das steht hier nicht zur Erwägung –
Bezweckst du, sag' ich, mir die stolze Prägung
Von euren jungen Früchtchen aufzudrücken?
Soll ich wie sie das kleine Hütchen tragen,
Das preisgibt jedem Wind ihr bißchen Hirn,
Den Schwall von falschen Locken, der die Stirn
Des Menschen einem Urwald läßt vergleichen,
Ein Wams, das bei den Ärmeln aufhört, Kragen,
Die schlecht gemessen bis zum Nabel reichen?
Manschetten, die bei Tisch in jede Suppe
Eintauchen, Hosen, weit wie Unterröcke,
Winzige Schuhe, deren Bänderpracht
Den Eindruck plumper Taubenfüße macht,
Gamaschen gar, in die der armen Puppe
Gebein gezwängt wird wie in Schraubenstöcke?
So ausstaffiert und in gespreiztem Schritt
Hinwandelnd, ähnlich einem Federballe,
Dürft' ich gewiß sein, daß ich dir gefalle;
Machst du doch selbst den ganzen Unsinn mit.

Arist. Niemals die große Mehrheit zu befehden
Noch aufzufallen, war ich stets bedacht:
Jedes Zuviel verletzt; mit seiner Tracht
Hält's ein verständ'ger Mann wie mit dem Reden:
Er übertreibt nichts; doch mit Maß und Feinheit
Folgt er dem Brauch der Allgemeinheit.
Obgleich ich nicht wie jene mich gebärde,
Die hinter jeder neuen Mode her
Wettlaufen, voller Angst, daß irgendwer
Bei dieser Jagd sie überholen werde,
So halt' ich doch den schroffen Bruch der Sitte
Für tadelnswert und will in jedem Falle
Mich lieber schau'n in vieler Toren Mitte,
Als weise dastehn einer gegen alle.

Sganarell. Nur setzt der alte Herr noch, um zu blenden,
Ein schwarz Perückchen auf die weißen Haare.

Arist. Warum denn mußt du mir an allen Enden
Unter die Nase reiben meine Jahre?
Warum schärfst du mir täglich ein,
Ich müss' in Schmuck und Freude mich beschränken,
Als ob, verdammt zu liebeleerem Sein,
Das Alter nur noch dürft' ans Sterben denken?
Soll seinen ohnedies geringen Reiz
Nachlässigkeit und Mißmut noch vermindern?

Sganarell. Wie dem auch immer sein mag – meinerseits
Lass' ich in meiner Tracht mich nicht behindern.
Der Mode trotzend wähl' ich einen Hut,
Der meinem Kopf ein breites Schutzdach baue,
Ein langes, ungeschlitztes Wams, das gut
Den Magen wärmt, damit er schön verdaue;
Beinkleider, wie sie meinem Wuchse taugen,
Schuhwerk, in dem man nicht vor Schmerzen schreit,
Wie man es weislich trug in alter Zeit,
Und wem's mißfällt, der schließe seine Augen.

(Sie sprechen im Vordergrunde leise weiter miteinander, ohne von den Auftretenden bemerkt zu werden)

Zweiter Auftritt

Vorige. Leonore. Isabella. Lisette

Leonore (zu Isabella). Ich nehm's auf mich; dir soll kein Leid geschehn!

Lisette ( zu Isabella). Stets eingesperrt und keinen Menschen sehn!

Isabella. Er ist nun einmal so.

Leonore Du armes Kind!

Lisette (zu Leonore. Wahrhaftig, Fräulein, seien Sie zufrieden,
Daß die zwei Brüder sich nicht ähnlich sind
Und Ihnen der vernünft'ge ward beschieden!

Isabella. Ein Wunder, daß er heute mich zu Hause
Zurückließ, ohne fest mich einzuschließen.

Lisette. Sie sollten ihn, samt seiner spanischen Krause,
Zum Teufel schicken ...

Sganarell ( stößt Lisette zusammen). Mit Verlaub, wohin?

Leonore Ich weiß noch nicht: wir hatten nur im Sinn,
Des schönen Morgens Frische zu genießen:
Jedoch ...

Sganarell ( zu Leonore). Sie mögen gehn, wohin Sie wollen.
Nur immerzu; (auf Lisette deutend) Sie sind ja schon zu zweit.

(Zu Isabella)

Doch dir befehl' ich, dich nach Haus zu trollen.

Arist. Gönn' ihnen doch die kleine Lustbarkeit!

Sganarell Ergebner Diener!

Arist. Jugend ...

Sganarell. Ist nicht klug,
Und Weisheit kommt nicht immer mit den Jahren.

Arist. Ist ihr nicht Leonore Schutz genug?

Sganarell. Noch sichrer werd' ich selber sie bewahren.

Arist. Doch ...

Sganarell. Doch sie tue, was ich vorgeschrieben,
Solang für sie zu sorgen meine Pflicht.

Arist. Sorg' ich vielleicht für ihre Schwester nicht?

Sganarell. Mein Gott, das halte jeder nach Belieben,
Ihr Vater, unser Freund, hat uns im Sterben
Die Kinder anvertraut, die früh verwaisten;
Wir sollten einmal selber um sie werben,
Wo nicht, für ihr Geschick ihm Bürgschaft leisten,
Und bündige Vollmacht hat er uns verliehn,
Als Bräut' und Töchter beide zu erziehn.
Du hast dir zur Erziehung jene dort
Und ich mir diese vorbehalten:
Bei jener führe du das große Wort!
Doch über sie laß mich gefälligst schalten.

Arist. Mir scheint ...

Sgnnarell. Mir scheint, sofern man einsichtsvoll,
Ist dies die klarste Sache von der Welt!
Du willst, daß sich die Deine putzen soll,
Mir gleich! daß sie Lakai'n und Zofen hält,
Mir recht! daß sie bei müßigem Spazieren
Den Hof sich machen läßt von jungen Herrn,
Mir lieb! jedoch die Meine möcht' ich gern
Nach meinem Kopf erziehn, nicht nach dem ihren;
Will, daß sie ehrbar in Kattun sich kleide
Und nur am Feiertag in Seide;
Daß sie das Haus mir hütet, daß ihr Schaffen
Und Denken nur sich um die Wirtschaft dreht,
Daß sie des Abends meine Wäsche flickt,
Mir zur Zerstreuung Strümpfe strickt
Und weder Umgang pflegt mit jungen Laffen
Noch unbegleitet auf die Straße geht.
Das Fleisch ist schwach; man muß gar manches hören:
Vorm Hörnertragen schütze sich, wer kann,
Und wenn das Glück ihr mich beschert zum Mann,
Will ich auf sie wie auf mich selber schwören.

Isabella. Sie haben, denk' ich, keinen Grund ...

Sganarell. Schweig still!
Wenn du noch einmal ohne mich das Haus ...

Leonore. Mein Herr ...

Sganarell. Mein Fräulein, nicht zu Ihnen will
Ich sprechen; Ihre Tugend ist vollkommen!

Leonore. Verdrießt es Sie, daß ich sie mitgenommen?

Sganarell. Sie wird durch Sie verdorben, frei heraus.
Ihr täglicher Besuch behagt
Mir wenig, und ich wünscht' ihn eingeschränkt.

Leonore. Nun, gleichfalls frei heraus gesagt:
Zwar weiß ich nicht, was sie darüber denkt;
Mir aber wäre solch ein Mißtraun unerträglich.
Man nennt sie meine Schwester; doch es gibt
Mir Grund, daran zu zweifeln, wenn sie täglich
Dergleichen duldet und Sie dennoch liebt.

Lisette. 's ist unerhört! Sind wir in der Türkei,
Wo man die Frauen einsperrt, wo Barbaren
Sie zwingen zu gemeiner Sklaverei
Und deshalb insgesamt zur Hölle fahren?
Ja, Herr, es stünde schlecht um unsre Ehre,
Wenn Aufsicht ihr so unentbehrlich wäre.
Und ist, falls wir entschlossen sind, zuletzt
Nicht dennoch alle Wachsamkeit verloren?
Wenn wir uns etwas in den Kopf gesetzt,
Dann machen wir den schlausten Mann zum Toren.
Verschanzt uns noch so toll, es wird nichts nützen;
Es steigert die Gefahr, vor der euch graut:
Ihr seid am sichersten, wenn ihr vertraut,
Und wir, wenn wir uns selbst beschützen.
Gerade dadurch reizt man uns zu Sünden,
Daß man zu eifrig uns davor bewacht,
Und litt' ich eines Ehemanns Verdacht,
Dann hätt' ich große Lust, ihn zu begründen.

Sganarell. (zu Arist). Dies deine Früchte, weiser Pädagog!
Und alles das bringt dich nicht in Erregung?

Arist. Du siehst, daß es zum Lachen mich bewog;
Doch was sie sagte, fordert Überlegung.
Nach Luft und Freiheit dürstet ihr Geschlecht,
Und allzuviel der Strenge schmeckt ihm bitter;
Durch Argwohn und durch Schloß und Gitter
Wird Frauentugend noch nicht echt.
Die Sittsamkeit verbürgt die Treue
Weit sichrer, als es hartem Druck gelingt,
Und ich vermute, daß man's bald bereue,
Sofern man eine Frau zur Tugend zwingt;
Nein, statt bei jedem Schritt ihr nachzuspäh'n,
Soll um ihr Herz man eine Fessel weben.
Ich würde meine Ehre nur mit Beben
In einer Gattin Händen sehn,
Der zur Verletzung ihrer Pflichten
Nichts anderes fehlt als die Gelegenheit.

Sganarell. Gewäsch!

Arist. Mein Grundsatz war es jederzeit:
Man soll die Jugend lachend unterrichten,
Soll nur mit Milde tadeln ihre Schwächen,
Weil man ihr Tugend sonst zum Schreckwort macht.
Bei Leonoren hab' ich dies bedacht
Und nahm nicht kleine Launen für Verbrechen:
Niemals versagt' ich, was dem Kind gefiel,
Und hatt' es, Gott sei Dank, nicht zu bereuen.
Sie durft' an heitrem Umgang sich erfreuen,
Gesellschaft, Bällen und Theaterspiel.
Dergleichen scheint mir von dem höchsten Wert,
Weil es den Geist der Jugend formt und wetzt;
Was diese Schule guter Sitten lehrte
Wird, wie mich dünkt, durch Bücher nicht ersetzt.
Sie hat gern schöne Kleider, Bänder, Spitzen;
Warum nicht soll man ihrem Wunsch sich fügen?
Warum nicht jungen Mädchen dies Vergnügen
Gestatten, wenn wir Geld genug besitzen?
Des Vaters Wille zwar bestimmt sie mir
Zum Weib; doch werd' ich freie Hand ihr lassen;
Ich weiß, daß unsre Jahre wenig passen,
Und die Entscheidung steht allein bei ihr.
Viertausend Taler Renten und dabei
Ein Herz voll Zärtlichkeit – wenn die erreichen,
Des Alters Unterschied, wie groß er sei,
In ihren Augen auszugleichen,
Dann wird sie mein; wo nicht, bleibt ihr die Wahl,
Wie, fern von mir, sie beßres Glück erringe,
Und lieber führ' ein anderer Gemahl
Sie heim, als daß ich diesen Bund erzwinge.

Sganarell. Wie honigsüß! Der reine Himbeersaft!

Artst. Gottlob, so denk' ich; und mit Härte schafft
Man nur dies Eine, daß voll Ungeduld
Die Kinder lauern auf der Väter Ende.

Sganarell. Wer junges Volk verzieht, der trägt die Schuld,
Wenn's später sich verstockt erweist. Sie fände
Wohl kein Gefallen dran, sich zu bescheiden,
Wenn du sie plötzlich mahntest zum Verzicht.

Arist. Verzicht, wieso?

Sganarell. Wieso?

Arist. Ja.

Sganarell. Frage nicht!

Arist. Meinst du, die Ehre könnte Schaden leiden?

Sganarell. Ei, wärest du gesonnen, als ihr Mann,
In ihrer Mädchenfreiheit nichts zu ändern?

Arist. Ich wüßte nicht, weshalb.

Sganarell. Willst sie noch dann
Versehn mit Schönheitspflästerchen und Bändern?

Arist. Gewiß.

Sganarell. Soll sie noch dann mit Saus und Braus
Sämtliche Gasterei'n und Bälle zieren?

Arist. Jawohl.

Sganarell. Und Stutzer kämen dir ins Haus?

Artst. Kann sein.

Sganarell. Die mit ihr spielen, sie traktieren?

Arist. Natürlich.

Sganarell. Und ihr zarte Briefchen schreiben?

Artst. Warum denn nicht?

Sganarell. Und solch ein saubres Treiben
Wird deinen Schlaf und Appetit nicht stören?

Arist. Nein.

Sganarell. O du alter Narr! (Zu Isabella) Geh heim – geschwind!
So schmähliche Moral sollst du nicht hören.

Dritter Auftritt

Vorige (ohne) Isabella

Arist. Ja, meinem Weib vertrauen würd' ich blind
Und leben wie bisher.

Sganarell. Vor Freude werd' ich hüpfen,
Wenn sie dich weidlich an der Nase zieht.

Arist. Zwar weiß ich nicht, was mir mein Stern beschied;
Doch solltest du solch einem Los entschlüpfen,
Dann wär's nicht dein Verdienst; denn dein Betragen
Hat nach sotaner Richtung nichts versäumt.

Sganarell. Spotte du nur! Wie reizend aufgeräumt
Du bist in deinen alten Tagen!

Leonore. Daß ihn dies Schicksal niemals treffen kann,
Ich selbst, wenn ich ihm je mich angelobe,
Bürg' ihm dafür; doch würden Sie mein Mann,
Dann allerdings bestünd' ich kaum die Probe.

Lisette. Was schändlich wäre, wenn man uns vertraut,
Bei Ihresgleichen wird's zum guten Werke.

Sganarell. Schweig, naseweises Ding!

Arist. Sie sagte laut,
Was alle denken; laß dich's nicht verdrießen
Und lebe wohl! Werd andern Sinns und merke:
Verfänglich ist's, die Weiber einzuschließen.
Ich bin dein Diener.

Sganarell. Ich der deine nicht!

(Arist, Leonore und Lisette ab)

Vierter Auftritt

Sganarell (allein)

Sganarell. Die ganze Sippe find' ich wie geschaffen
Eins für das andre: diesen alten Laffen,
Der noch den Gecken spielt trotz seiner Gicht,
Die Erzkokette, deren Joch ihn drückt,
Und freche Zofen! Hören, Sehn und Denken
Vergeht der Weisheit selbst, bevor ihr glückt
Die tolle Wirtschaft einzurenken.
Ein solcher Umgang tötet ja den Keim
Der Ehre, den ich pflanzt' in Isabellen;
Um das zu hindern, soll sie bald mir heim
Aufs Land, zum Kohl und zu den Hühnerställen.

Fünfter Auftritt

Sganarell. Valer. Ergast.

Valer (im Hintergrund).
Ergast, da siehst du den verdammten Wächter,
Der das geliebte Kind mit Argusaugen
Behütet.

Sganarell (noch ohne die beiden zu bemerken).
Schauerlich! Die Sitten taugen
Schon lange nichts und werden immer schlechter.

Valer. Was gilt's? Ich sprech' ihn an. Wenn mir's gelänge,
Mit ihm bekannt zu werden, dann ...

Sganarell ( wie oben). Wo blieb
Die musterhafte Sittenstrenge,
Die weiland so gesunde Blüten trieb?
Die Jugend steckt voll Leichtsinn, Übermut
Und ...

Valer (hat wiederholt von fern gegrüßt).
Merkt er gar nicht, daß wir ihn begrüßen?

Ergast. Sein linkes Auge sieht vielleicht nicht gut.
Gehn Sie nach rechts.

Sganarell ( wie oben). Ich schüttle von den Füßen
Den Staub der Großstadt; denn es macht mich krank,
Zu sehn, wie hier ...

Valer (allmählich nähertretend). Er muß Gehör mir schenken.

Sganarell (aufhorchend).
Sprach jemand? – – Auf dem Lande, Gott sei Dank,
Wird mich die Narretei der Zeit nicht kränken.

Ergast ( zu Valer). Reden Sie doch!

Sganarell (aufhorchend). Wie? – – Nichts! Mein
Ohr nur klang. –
Dort hat ein Mädchen anderes im Kopf ...

(Valer bemerkend)

Gilt mir das?

Ergast (zu Valer). Frisch drauf los!

Sganarell (für sich, fortfahrend). Kein junger Kopf
Wird dort ... (Valer grüßt wieder)
Verwünscht!

(Er dreht sich um und bemerkt Ergast, der ihn von der anderen Seite grüßt)

Der auch! – Ziehn Sie den
Hut noch lang?

Valer. Mein Herr, ich kam vielleicht im ungelegnen
Moment ...

Sganarell Kann sein.

Valer. Doch weil's mich hoch beglückt
Und tief beehrt, daß wir uns hier begegnen,
Drum hab' ich meinen Gruß nicht unterdrückt.

Sganarell Schön!

Valer. Mög' er Ihnen, ohne Redekunst,
Diensteifer und Ergebenheit beweisen.

Sganarell Gut!

Valer. Denn ich bin Ihr Nachbar, eine Gunst
Des Schicksals, die nicht hoch genug zu preisen.

Sganarell Sehr wohl!

Valer. Vernahmen Sie das Neuste schon,
Was man vom Hof als gut verbürgt erzählt?

Sganarell Geht mich nichts an.

Valer. Gewiß; doch uns beseelt
Die Neugier stärker oft als die Vernunft.
Sie werden doch erscheinen in Person
Beim Fest der allerhöchsten Niederkunft?

Sganarell Wenn mir's beliebt.

Valer. Wir in Paris durch gleiten
Ein Freudenmeer, das der Provinzler nie
Sich träumen läßt. Womit verbringen Sie
Die Zeit?

Sganarell Mit meinen Angelegenheiten.

Valer. Erholung braucht der Geist; nicht abzustehn
Von ernster Tätigkeit, erschöpft ihn endlich.
Was tun Sie abends vor dem Schlafengehn?

Sganarell Was mir behagt.

Valer. Natürlich! Selbstverständlich!
Die Antwort lob' ich mir; dadurch bekräftigt
Sich kluger Sinn: vor jedem Tun ermessen,
Ob es behagt. Wüßt' ich Sie nicht beschäftigt,
Dann käm' ich manchmal nach dem Abendessen ...

Sganarell Empfehle mich.

Sechster Auftritt

Valer. Ergast

Valer. Was sagst du zu dem Narren?

Ergast. Ein richtiger Werwolf.

Valer. O, es kocht in mir!

Ergast. Warum?

Valer. Warum? Bei diesem Ungetier
Soll meine Liebste rettungslos verharren,
Bei diesem unbarmherz'gen Menschenfresser,
Der sie mit harten Fesseln rings umschnürt!

Ergast. Ei, mag er doch! Je toller, desto besser:
Dies ist der Weg, der uns zum Ziele führt.
Der oft erprobte Satz geb' Ihnen Mut:
Ein Weib, das man bewacht, ist halb gewonnen;
Was Gatten oder Väter auch ersonnen,
Ihr Ungestüm kommt dem Galan zu gut.
Zwar fehlt mir's an Talent zum Herzbetören,
Und Lieben ist nicht meine Profession;
Doch mehr als zwanzig Schwerenötern schon
Hab' ich gedient und sie versichern hören,
Am allerliebsten hätten sie's zu tun
Mit Männern, die fortwährend zornig poltern,
Mit schnöden Haustyrannen, die nicht ruhn,
Ihr Weib durch plumpe Wachsamkeit zu foltern
Und in ihr eheherrlich Recht vernarrt
Sie schmähn in des Verehrers Gegenwart.
Das hilft am schnellsten, wie man mir gesagt;
Des Weibes Ärger über solche Kränkung,
Die der verliebte Hausfreund sanft beklagt,
Gibt bald dem Fahrzeug die erwünschte Lenkung;
Mit einem Wort, des Vormunds hartes Joch
Verleiht die schönste Hoffnung Ihrem Werben.

Valer. Doch schon vier Monde lieb ich sie zum Sterben,
Und nicht einmal sie sprechen konnt' ich noch.

Ergast. Lieb' ist erfinderisch; an Ihrem Platze
Hätt' ich ...

Valer. Du hättest auch nicht mehr erreicht,
Da ihr der Strolch nicht von der Seite weicht;
Im Haus kein Diener, keine Kammerkatze,
Die mir zum Dank für bare Huldbezeigung
In meiner Herzensnot gefällig wären.

Ergast. So weiß sie gar noch nichts von Ihrer Neigung?

Valer. Vermöcht' ich selber nur dies aufzuklären!
Wohin der Wüterich sie führen mag,
Ich folg' ihr stets gleich ihrem Schatten,
Und meine Blicke suchen Tag für Tag
Die Beichte meines Herzens abzustatten.
Doch ob sie dieser Augensprache traut
Und sie versteht, wie soll ich das erkunden?

Ergast. Oft wird in dieser Sprach' erst Sinn gefunden,
Wenn ihr zum Dolmetsch werden Schrift und Laut.

Valer. Was tun, um dieser Marter zu entrinnen
Und zu erfahren, ob sie mich begriff?
Fällt dir nichts ein?

Ergast. Da braucht es einen Kniff:
Wir wollen uns zu Haus darauf besinnen.

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.