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Die Schöpfung und andere Kabarettstücke

Fritz Grünbaum: Die Schöpfung und andere Kabarettstücke - Kapitel 9
Quellenangabe
typesatire
booktitleDie Schöpfung und andere Kabarettstücke
authorFritz Grünbaum
year1984
publisherLöcker Verlag
addressWien / München
isbn3-85409-071-4
titleDie Schöpfung und andere Kabarettstücke
pages209
created20110905
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Rotkäppchen

                    Rotkäppchen ist ein Märchen für Kinder,
Es ist bekannt und beliebt nicht minder,
Ihr wißt, was die Großmutter sprach und sann,
Ihr kennt den rettenden Jägersmann,
Das liebliche Rotkäppchen kennt ihr bestimmt,
Den Wolf, der sich ziemlich gefräßig benimmt,
Kurz alles das sind entzückende Sachen,
Aber daraus kann man keinen Kabaretvortrag machen!
Denn nehmen wir an, daß ein Dichter das dichte,
So schreit gleich das Publikum: »Verlogene Geschichte!«
Vor allem fängt die Sache unglaublich an:
Da sagt die Mutter zur Tochter: »Ich kann,
Liebe Kunigunde, nicht umhin, in dich zu dringen,
Du mußt heut' der Großmutter das Essen bringen.«
Drauf packt sie einen Kuchen und ein Fläschchen von Wein
Fürsorglich in ein Körberl ein,
Und die Tochter gehorcht und sagt: »Habe die Ehre!«
Also ich bitte: So geistreich beginnt die Affaire.
Erstens: Was soll man zu einer Familie sagen,
Wo die Großmutter sich das Essen im Körberl läßt tragen?
Mein Wort, ich find dazu kein Pendant!
Wenn schon –, so holt man's aus dem Restaurant!
Zweitens (Ich bitte, ich will alles beweisen!):
Wo findet man heute in besseren Kreisen
Ein junges und gebildetes Mädchen,
Das sich derartig wollte betät'chen.
Und (sei's auch sehr finster und noch so spät!)
Mit einem Körberl auf dem Arm auf die Gasse geht!
Na, ich dank' schön, das gäb ein Gejammer und Gestrampel –
So was besorgt doch ein Küchentrampel,
Aber nicht ein Fräulein aus besserem Hause!
Haha, degradiert sich zur wandelnden Jause!
Aber abgesehen davon! Da läuft noch, wie dumm! –
In dieser Geschichte ein Wolf herum!
(Ein wirklicher Wolf mit so langen Zähnen,
Die in einem blutroten Rachen gähnen!)
Probieren Sie, erzählen Sie heut' solche Sachen!
Die Leute haben doch Recht, wenn sie lachen!
Ich bitte mir heute eine Gegend zu nennen,
Wo die Wölfe frei auf der Straße 'rumrennen!
Zwar überhaupt Wölfe, die gibt es schon wo,
Aber das sind keine Wölfe, die heißen nur so.
Für so einen Wolf ich mich gerne verbürg',
Er wohnt in der Regel im zweiten Bezirk,
Die Haare gebrannt, die Taille schlank,
Ist angestellt in der Länderbank
Und heult nicht im Walde wie andere Wölfe,
Er sitzt im Bureau so von acht bis um zwölfe,
Und nachmittags kommt er um drei wieder rein!
Mit dem Wolf aus dem Märchen hat er gar nichts gemein;
Er speist weder Rotkäppchen noch sonst eine Dame,
Er speist bei Tonello und Jacques ist sein Name.
Das ist Jacques Wolf, der Held der Geschichte,
Die ich weiter unten dann später berichte,
Das ist Jacques Wolf, wie er lebt und leibt,
Der in den Grenzen des Möglichen bleibt!
Denn nur auf das Mögliche geb' ich was drauf,
Mit Märchen, bitte, hör' man mir auf!

Warum ich mich aufrege, weiß ich nicht!
Ich mein' nur, es sollte ein Dichter nicht
Gar so unmögliche Sachen schreiben!
Kann er's nicht anders, so lass' er es bleiben!
Seh'n Sie: ich kann's. Mir muß es gelingen,
Das Märchen von Rotkäppchen vorzubringen,
Aber so, daß sich jeder muß eingestehn:
»Ja! So was ist möglich, das kann schon geschehn!«
Also Jacques Wolf, wie erwähnt, war schlank
Und angestellt in der Länderbank,
Und – was man teils dröhnend hinausposaunte,
Teils wieder verstohlen in die Ohren sich raunte:
Ein jeder vernahm es und glaubte auch dran:
Er war eine Wurzen, ein Lebemann!
Es ging nämlich unverbürgt eine Sage,
Es hätte sich Jacques an einem Feiertage
Einst für eine Dame beinah' ruiniert,
Indem er ihr einen Einspänner spendiert.
Freilich, versichert die Sage dann schüchtern,
Er war zur bewußten Zeit nicht mehr ganz nüchtern.
Item, das Faktum ist illustriert,
Jacques Wolf ist als Lebemann qualifiziert.

So treffen wir unsern Helden einmal
Im Hotel Continental,
Auf irgend 'nem Ball.
Es war ein Kostümfest, man hat sich maskiert,
Nur Jacques war im Fracke und nicht kostümiert.
Als Lebemann hat er begriffen sehr schnell,
Verkleidet zu geh'n, ist nicht originell.
Erst hat er einer Maske den Hof gemacht,
Sie war dort als »Tausend und eine Nacht«!
Doch beim Demaskieren, da ist er erschrocken,
Die Stimme versagt ihm, der Atem bleibt stocken,
Seine Haltung war kläglich, sein Lächeln gemacht,
Das war nicht mehr tausend und eine Nacht;
Als Bankbeamter berechnet er grausend
Das waren ihrer wohl zwanzigtausend,
Die Anzahl der Nächte, die multipliziert sich,
Die »Tausend und eine Nacht« war weit über vierzig!
Aber Jacques hat sich wieder dann schnell gefaßt,
Denn eben fragte die Dame mit Hast,
Ob er wolle ein junges Mädchen kennen.
»Wollen?« sagt Jacques, »was heißt das? Drauf brennen!«
Also weil es ihm gar so entsetzlich gebrannt,
War bald er mit Rotkäppchen herzlich bekannt,
Die Mutter, die hat ihn bekannt gemacht,
Die Mutter war »Tausend und eine Nacht«!
Schon in der ersten drauf folgenden Pause
Lief Jacques zu seinem Kollegen Krause,
Und fragte ihn, was er beginnen solle,
Dieweil er das Rotkäppchen heiraten wolle.
Wenzel Krause, das war ein Philosoph,
Er stammte aus Böhmen, aus Königinhof,
Was ihn aber nicht hindert, eben
Folgende Weisheit von sich zu geben:
»Wenn einer was trinkt, so weiß ich bestimmt,
Daß er diese Handlung aus Durscht unternimmt,
Und wenn er was ißt, so darf ich wohl sagen,
Er tut's, weil der Hunger den Mann dürfte plagen.
Wenn aber einer von Wahnsinn mißleitet
Mit kaltem Blut zum Altare schreitet –
Dann faßt mich der Schreck, und frag ich mich im Nu:
Du gütiger Himmel, ja sagt mir: wozu?«
Da wurde Jacques Wolf so weiß wie ein Käsel,
Und schmerzlich sagt' er zu Krause: »Du Esel,
Erstens hat mich Rotkäppchen entzückt,
Zweitens hat mich ihr Liebreiz berückt,
Drittens halt ich's ohne sie nicht mehr aus,
Und viertens schaut eine Mitgift heraus!«
Da hat Freund Krause gekränkt geklagt:
»Ja so, warum hast das nicht gleich gesagt?«
Am selben Abend verlobte sich Jacques,
Zwei Wochen hierauf war sein Hochzeitstag,
Drei Wochen wartet er noch geduldig,
Der Schwiegerpapa blieb die Mitgift schuldig,
Vier Wochen darauf hat es bedeutend gekracht,
Hat Vater ein bißchen Konkurs gemacht,
Da half kein Klagen, da half kein Beten,
Ich konstatiere: Jacques' Mitgift ging flöten!
Das wäre das Ende von Rotkäppchen-Märchen,
Da hätt' ich vergessen beinah' auf ein Härchen
Den lieben, den schneidigen Jägersmann.
Was fängt man denn jetzt mit dem Jäger nur an?
Nun also ich will euch in Kürze verraten,
Der Jäger, er diente bei – den Soldaten,
Er war bei den Jägern ein Leutnant,
Rotkäppchen ist jüngst mit ihm durchgebrannt.
Ganz anders wie drüben im Märchen! Mit Graus
Geht meine Geschichte vom Rotkäppchen aus.
Am Schluß meiner Dichtung steht deutlich zu lesen:
Der Wolf, der ist ein Esel gewesen!

 


 

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