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Die Schöpfung und andere Kabarettstücke

Fritz Grünbaum: Die Schöpfung und andere Kabarettstücke - Kapitel 5
Quellenangabe
typesatire
booktitleDie Schöpfung und andere Kabarettstücke
authorFritz Grünbaum
year1984
publisherLöcker Verlag
addressWien / München
isbn3-85409-071-4
titleDie Schöpfung und andere Kabarettstücke
pages209
created20110905
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sie läßt mit sich handeln

        Als Polly vierzehn Jahr alt war, fragt man sie so zum Scherze:
»Wie müßt der Mann beschaffen sein, dem einst du schenkst dein Herze?«
Die kleine Polly lacht und sagt nach einigem Bedenken:
»Ei das ist leicht, so hört mich an:
Nicht viel verlang' ich von dem Mann
Dem ich mein Herz soll schenken:
Er muß vorerst von fürstlichem Geblüt sein,
Er muß von goldenem Gemüt sein.
Das Aug', der Blick, die Stimme auch muß weich sein,
Und ferner muß mein Mann steinreich sein.
Noch etwas aber muß bestimmt daran sein:
Er muß ein Mann, jawohl, ein ganzer Mann sein.«

Die Ansprüche, das gebt ihr zu, gewiß wär'n minimale!
Die Zeit verging und achtzehn war das Kind mit einemmale.
Der Adelstand ist dünn gesät, doch Bürger gibt es viele!
Die Polly hat das bald erkannt, worauf sie offen eingestand,
Daß kleiner ihre Ziele!
»Mein Mann muß nicht von fürstlichem Geblüt sein,
Er muß von goldenem Gemüt sein,
Das Aug', der Blick, die Stimme auch muß weich sein,
Und ferner muß mein Mann steinreich sein.
Noch etwas aber muß bestimmt daran sein:
Er muß ein Mann, jawohl, ein ganzer Mann sein.«

Die Sache mit dem Goldgemüt, die spießte sich in Bälde,
Viel früh'r als einen Mann von Herz, trifft Männer man mit Gelde.
Die Polly hat das eingesehn, war keine dumme Puppe,
Und als sie in die zwanzig ging, ihr Herz nur an der Börse hing,
Die Seele war ihr schnuppe.
»Mein Mann muß nicht von fürstlichem Geblüt sein,
Muß nicht von goldenem Gemüt sein,
Das Aug', der Blick, die Stimme muß nicht weich sein,
Nur eines muß mein Mann: steinreich sein!
Noch etwas aber muß bestimmt daran sein:
Er muß ein Mann, jawohl, ein ganzer Mann sein.«

Die Polly ist nun dreißig alt, mit keinem Mann wollts flecken:
Nicht Adel, Goldgemüt, nicht Geld – die Polly merkt's mit Schrecken!
Und als ich neulich sie gefragt: »Na, Polly, fandst du einen,
Der, was du dir versprochen, hält: Ein Ad'liger mit Herz und Geld?«
Da fing sie an zu weinen.
»Mein Mann muß nicht von fürstlichem Geblüt sein,
Muß nicht von goldenem Gemüt sein,
Das Aug', der Blick, die Stimme muß nicht weich sein,
Mein Mann muß nicht einmal steinreich sein,
Nur etwas muß bestimmt daran sein,
Er muß ein Mann, nur überhaupt ein Mann sein.«

 


 

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