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Die Schöpfung und andere Kabarettstücke

Fritz Grünbaum: Die Schöpfung und andere Kabarettstücke - Kapitel 41
Quellenangabe
typesatire
booktitleDie Schöpfung und andere Kabarettstücke
authorFritz Grünbaum
year1984
publisherLöcker Verlag
addressWien / München
isbn3-85409-071-4
titleDie Schöpfung und andere Kabarettstücke
pages209
created20110905
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der liebe Gott und 1918

        Der liebe Gott zieht eine Schublad' auf,
In der er pflegt die Jahre auszubreiten,
Und auf den Stoß dahingegangener Zeiten
Legt er nun Neunzehnhundertachtzehn drauf.
Und wie er so das alte Ding betracht't,
Kraust er die Stirn in ärgerlichem Zweifel:
»Was war das für ein Jahr nur? Hol's der Teufel,
Es kommt mir vor, als hätt' ich's nicht gemacht!
Der Krieg ist aus, und doch soll es so stier sein?
Das ist zu dumm! Das kann doch nicht von mir sein!

Wenn ich nicht irr, ist heut' Silvesternacht.
Die hat der Mensch vor einem Berg von Braten,
Reizvoll umkränzt von köstlichen Salaten
In Milch und Öl, beim Mahl stets zugebracht.
Wo ist die Milch? Die kennt man heut' nicht mehr,
Was Öl bedeutet, hat der Mensch vergessen,
Und Schweinebraten kennt er nicht vom Essen,
Den kennt er nur – vom Hörensagen her.
Wo ich der Herrgott bin, soll es so stier sein?
Das glaub' ich nicht, das kann doch nicht von mir sein!

Wenn ich so denke heut' fünf Jahr' zurück!
Wie elegant brach da der Neujahrstag an:
Die Herren hatten tadellosen Frack an,
Die Damen weniger, doch dieses schick!
Heut' tragen sie dieselben Hüllen noch:
Der Frack ist schäbig und das Kleid in Fransen,
Als hätt' man sie fünf Jahr' benutzt zum Tanzen.
Die alten Kleider sind ein einzig Loch
Und die paar neuen sollen aus – Papier sein?
Es ist zu dumm! Das kann doch nicht von mir sein!

Silvesternacht! Fünf Jahre sind es kaum,
Daß sich die Welt in liebendem Verlangen
So brüderlich und friedenvoll umfangen,
Von Pol zu Pol umfassend allen Raum.
Heut' wird geheult, gestoßen und gestupft
Von Pol zu Pol! Von Polen zu Magyaren
Liegt sich heut' alles grimmig in den Haaren,
Soweit sie nicht der Krieg schon ausgerupft.
Und dieser Haß soll jetzt der Welt Panier sein?
Es ist zu dumm! Das kann doch nicht von mir sein?

Und ach, mein Wien! Wie war's so wunderschön,
Wenn der Silvesternacht taghelle Gassen
Das Meer der Menschen kaum vermocht' zu fassen,
Die da im Glanz des Bogenlichts zu seh'n!
Heut' irrt die Schar durch einen finstern Staat,
Und die Beleuchtung Wiens obliegt den Sternen,
Halt! Pro Bezirk hat anderthalb Laternen
Bewilligt für das Fest der Magistrat.
Doch die Geschäfte müssen zu um vier sein?
Das ist zu dumm! Das kann doch nicht von mir sein!

Noch eine Freud' gab's, eh' das Jahr herum:
Als »lieber Gott« und als der Menschheit Vater
Hab' ich zum Fest geschenkt ihr das Theater.
Silvester gab's dort stets ein Gaudium!
Wie ist das heut'? Zuerst hat überhaupt
Verboten das Theater die Behörde.
Dann hieß es, daß bis acht gespielt doch werde,
Und dann hat man – es wieder nicht erlaubt;
Und jetzt heißt's wieder: Ja? Wir dürfen hier sein?
Das ist zu blöd! Das kann doch nicht von mir sein!
– – – –

In dieser Art hat Gott das alte Jahr
Dem Petrus gegenüber kritisiert.
Es sei unmöglich, daß von ihm es war,
Und staunend fragt' er, wie ihm das passiert.
Doch still sprach Petrus: »Ewiger Vater! Du
Bist schuldlos an den Schlägen, die uns trafen.
Die G'schicht' ist die: Du brauchtest bissel Ruh'
Und hast dir halt vergönnt, fünf Jahre – zu schlafen.
Und kaum hast du dein Auge zugetan
Und – mit Verlaub! – begonnen, leis'zu schnarchen,
Da fingen halt verschiedene Monarchen
An deiner Stell' die Welt zu lenken an.
Was da herausschaut, wie sie das gemacht ...
Du lieber Gott, man müßte sie drum hassen!
Sie waren eben leider – gottverlassen.
Na, hin ist hin, jetzt bist du ja erwacht!
Du wirst sie heilen, all die tausend Wunden,
Die heute glüh'n in der Silvesternacht;
Und wie sie Haß und Dummheit aufgebracht,
In deiner Liebe werden sie gesunden!«
– – – –

Gott hat geschwiegen, um sich erst zu fassen,
Dann scheucht er von der Stirn die trübe Wolk':
»'s ist ein Malheur! Das dumme Menschenvolk
Kann man halt nie allein wirtschaften lassen!« ...
Und eine Träne tropfte erdenwärts.

Spürt ihr die Träne Gottes schon hienieden?
Sie düngt den Boden, und es quillt ein Frieden
Aus eines Gottes zornig-bittrem Schmerz.
Nun laßt es reifen, was uns Gott gebracht,
Damit dahin der Haß, der alte, fahre.
Seid Menschen! – Liebt euch – Und im nächsten Jahre
Lach' freudig wieder die Silvesternacht!
Dann wird der Herr in unsrer Mitte hier sein
Und lächeln: »Ja! Nur so was kann von mir sein!«

 


 

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