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Die Schöpfung und andere Kabarettstücke

Fritz Grünbaum: Die Schöpfung und andere Kabarettstücke - Kapitel 40
Quellenangabe
typesatire
booktitleDie Schöpfung und andere Kabarettstücke
authorFritz Grünbaum
year1984
publisherLöcker Verlag
addressWien / München
isbn3-85409-071-4
titleDie Schöpfung und andere Kabarettstücke
pages209
created20110905
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dir Bilanz

        Alle Leute klagen heute,
Daß die Zeit so schrecklich sei,
Und sie beben, und sie weinen
Und erheben ein Geschrei.
Und sie kreischen was von »Chaos«,
Und sie heul'n von »Weltgericht«,
Aber ich steh' da und staune
Und begreif' ihr Jammern nicht.
Einseh'n muß doch selbst ein Blinder,
Daß die Klagen sinnlos heut'.
Leben wir denn nicht in Zeiten,
Wo ein jeder Mensch sich freut?

Die Entente hat Grund zur Freude,
Denn sie hat doch jetzt gesiegt,
Und sie freut sich, weil von Deutschland
Sie Entschädigungen kriegt.
Deutschland wieder sagt sich freudig:
»Da wird die Entente nicht satt,
Denn man kann nichts geben, wenn man
Selber einen Schmarrn doch hat!«
Polen freut sich auf Galizien,
Land zu kriegen ist Genuß;
Öst'reich freut sich, weils für Polen
Jetzt nichts mehr bezahlen muß!

Böhmen freut sich, weils mit Öst'reich
Nicht mehr leben braucht zusamm',
Und in Öst'reich freu'n sich alle,
Weil sie – keine Böhm mehr ha'm!
Ungarn freut sich über Öst'reich,
Denn Deutschböhmen wackelt so;
Öst'reich freut sich, weil jetzt Ungarn
Ausschaut wie ein Embryo!
Holland hängt den Deutschen freudig
Seinen Dreck von Tabak an,
Deutschland schickt dafür den Wilhelm,
Jeder gibt halt, was er kann.

Und den Städter freut der Bauer,
Dem das Korn er requiriert,
Und den Bauer freut der Städter,
Dem er froh den Hals abschnürt;
Und den Sozi freut der Bürger,
Den der Umsturz hart packt an,
Und den Bürger freut der Sozi,
Der sich auch nicht helfen kann!
Und der fette Spießer freut sich,
Weil's jetzt auf die Juden geht,
Und der Jud' sagt wieder schmunzelnd:
»Ich bin lieber tot als blöd!«

Nichts zum Fressen, nichts zum Saufen;
Keine Kohle und kein Kleid,
Aber wo man hinschaut, Freude,
Jubel nur und Seligkeit!
Jeder reibt vergnügt die Hände,
Jeder jauchzt wie im Gebet
Und vergißt den eignen Tineff,
Weils dem andern – dreckig geht!

Wißt ihr jetzt den Sinn der Wunden
Und des Blut's, das strömend floß?
Und warum der Tod regierte
Und das Elend als Genoss'?
Kaiser ritten, Schwerter klirrten,
Fahnen wehten hoch im Glanz,
Nicht vergeblich war der Weltkrieg,
Folgendes ist die Bilanz:

Licht ist in die Welt gekommen,
Wahrheit brachte uns der Zwist,
Und man sieht in voller Klarheit,
Daß der Mensch – ein Hundsfott ist!

 


 

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