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Die Schöpfung und andere Kabarettstücke

Fritz Grünbaum: Die Schöpfung und andere Kabarettstücke - Kapitel 39
Quellenangabe
typesatire
booktitleDie Schöpfung und andere Kabarettstücke
authorFritz Grünbaum
year1984
publisherLöcker Verlag
addressWien / München
isbn3-85409-071-4
titleDie Schöpfung und andere Kabarettstücke
pages209
created20110905
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Bürger in Not

                Endlich, endlich sind wir so weit,
Vorbei ist das Schießen und Morden.
Wir haben gehabt eine harte Zeit,
Doch jetzt ist sie weich geworden.
Und was – à propos – den Stuhl anbelangt,
So gibt es jetzt Sessel, die leer sind,
S. M. ist verreist, sein Stuhl hat gewankt,
Jetzt sitzen drauf Sozis, die mehr sind.
Die Kaiser verwelken, die Sozis, die treiben – –
Aber jetzt fragt sich's: »Wird's dabei bleiben?«
Schrecklich, was sich da tun für Sachen!
Weiß denn der Mensch, was er heute soll machen?
Entweder: Es siegt die Republik,
Dann reißt man mich, wenn ich loyal war, in Stück';
Oder: Es siegen die Monarchie'n,
Und ich war ein Roter – bin ich schon hin!
Großer Gott, es ist zu toll,
Man weiß nicht, was man machen soll!

Zum Beispiel, ich geh' an der Hofburg vorbei,
Und grad kommt vorüber ein Leiblakai.
Früher hat man gewußt, was man tut:
»Hoch!« muß man rufen und lüften den Hut.
Schrecklich, was sich da tun für Sachen!
Weiß denn der Mensch, was er heute soll machen?
Entweder: Es siegt die Republik,
Dann reißt man mich, wenn ich »ge-hocht« hab', in Stück',
Oder: Es siegen die Monarchie'n,
Und ich hab' geschwiegen, bin ich schon hin!
Großer Gott, es ist zu toll,
Man weiß nicht, was man machen soll!

Oder: Ich geh' auf der Kärntnerstraß',
Und plötzlich bemerk' ich, sie plündern was.
Früh'r, seh'n Sie, hat man gewußt, was man sollt':
Da hat man sofort die Polizei geholt.
Schrecklich, was sich da tun für Sachen!
Weiß denn der Mensch, was er heute soll machen?
Entweder: Es siegt die Republik,
Dann reißt man mich, wenn ich geholt hab', in Stück',
Oder: Es siegen die Monarchie'n,
Und ich hab' geplündert – bin ich schon hin!
Großer Gott, es ist zu toll.
Man weiß nicht, was man machen soll!

Es ist eine böse, schreckliche Zeit,
Wo der Bürger nach Ordnung schreit.
Es dreht sich hiebei nicht so sehr um Prinzipe,
Welche vielmehr dem Bürger piepe;
Denn ob man die Sache monarchisch verkleistert
Oder republikanisch bemeistert,
Ob es das Schema B oder A ist,
Der Bürger bejubelt jeweils, was da ist!
Aber was da ist, soll sicher sein.
Sonst ist man nicht sicher und hupft hinein.
Denn es ist klar, daß der Mensch desparat wird,
Wenn er was tut und dabei nicht ermißt,
Ob er dafür ein – kaiserlicher Rat wird
Oder aber – ein Gauner ist!
Großer Gott, es ist zu toll,
Man weiß nicht, was man machen soll!

 


 

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