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Die Schöpfung und andere Kabarettstücke

Fritz Grünbaum: Die Schöpfung und andere Kabarettstücke - Kapitel 38
Quellenangabe
typesatire
booktitleDie Schöpfung und andere Kabarettstücke
authorFritz Grünbaum
year1984
publisherLöcker Verlag
addressWien / München
isbn3-85409-071-4
titleDie Schöpfung und andere Kabarettstücke
pages209
created20110905
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Eine Geschichte von der seligen Zensur

                            Nicht zu rechten und zu richten,
Bin ich in die Welt gesandt,
Zu erzählen nur Geschichten
Als der Clown im Vaterland.

Nie sprach ich vom alten Kaiser
Nur ein einzig böses Wort,
Ließ ihm seine »Lorbeerreiser«,
»Kinderfreund« und »Friedenshort«.

Doch der Zensor doppelt darum
Hatte einen Pick auf mich,
Weiß der Teufel, wie und warum,
Doch er hielt mich für ein Viech.

Niemals schrieb ich in Verneinung,
Doch für ihn blieb ich gemein,
Denn es ist Zensorenmeinung
»Jeder Autor ist ein Schwein«.

So ist eines Tags gedieh'n auch
Harmlos ein Gedicht mir da,
Und in dem Gedicht erschien auch
Ein gewisser Prochaska.

Und es ward von ihm berichtet,
Daß er ein paar Kinder hätt',
Und damit ein Reim gedichtet,
Sprach ich auch von seinem Bett.

Und ich wollt es rezitieren,
Als ein Schlag mir widerfuhr.
Denn ich ließ es zensurieren,
Und da strich es die Zensur!

Und der Zensor sprach: »Ich wette,
Was Sie dachten, war gemein,
Denn was wollt' Ihr Mann im Bette
Außer unanständig sein?«

»Schlafen wollt' er in dem Bette«,
Sprach ich zu dem Kirchenlicht.
»So! Wenn er geschlafen hätte,
Hätt' er keine Kinder nicht!«

Was der Zensor da gesprochen,
Hat mir gleich geleuchtet ein,
Und ich hab' mich noch durch Wochen
Selbst gehalten für ein Schwein!

Denn dem Dichter fehlt die Reinheit
Leider immer irgendwie!
(Wenn drin stöbert die Gemeinheit
Der Zensorenphantasie!)

»Aber«, sprach der Zensor später,
»Eine Frechheit ist noch da,
Im Gedicht der Übeltäter
Heißt – entsetzlich – Prochaska!«

Als ich fragt', warum »entsetzlich«,
Da man viele Leut' so ruft,
Hieb er auf den Schreibtisch plötzlich,
Wurde grün und schnappt' nach Luft.

»Prochaska! Das ist kein Witznam',
Und man weiß, Sie Anarchist,
Daß der Name nur ein Spitznam'
Sr. Majestät, unseres apostolischen Kaisers
    und Königs und erhabenen greisen Monarchen ist!«

Als der Zensor so gesprochen,
Schlug ich mich an meine Brust,
Tief entsetzt bis in die Knochen,
Denn das hatt' ich nicht gewußt!

Und ich hab zu tausendmalen
Der Zensur gesungen Preis,
Denn sie schützt den Loyalen,
Daß er nicht am End' entgleis'!

Die Zensur macht uns stets weiser,
Zeigt uns die Gefahren nah,
Und seitdem nannt ich den Kaiser
Immer nur »Herr Prochaska!«

 


 

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