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Die Schöpfung und andere Kabarettstücke

Fritz Grünbaum: Die Schöpfung und andere Kabarettstücke - Kapitel 33
Quellenangabe
typesatire
booktitleDie Schöpfung und andere Kabarettstücke
authorFritz Grünbaum
year1984
publisherLöcker Verlag
addressWien / München
isbn3-85409-071-4
titleDie Schöpfung und andere Kabarettstücke
pages209
created20110905
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Krieg am Schreibtisch

        Drin im warmen Arbeitszimmer
Seiner Zeitungsredaktion
Sitzt beim trauten Ampelschimmer
Der Herr Doktor lange schon.
Rasch nimmt er vom Bier ein Schlückel,
Und dann stürzt er sich voll Hast
In den wilden Leitartikel,
Der sich mit dem Krieg befaßt.
Und er legt die Stirn in Falten,
Und er schreibt mit flinker Hand:
»Unsre Pflicht ist durchzuhalten,
Gut und Blut fürs Vaterland!«

    An der Türe klopft es still,
    Und der Diener Nawratil
    Bringt dem tapfern Redakteur
    Für'n Dezember das Salair
    Und entfernt sich still und heiter,
    Und der Doktor – der schreibt weiter:

»Wenn Entbehrung uns beschieden,
Johlt umsonst der Gegner List,
Denn wir wollen keinen Frieden,
Eh' der Feind vernichtet ist!
Und wir hungern, und wir dürsten,
Bis der Feind im Staube liegt,
Denn wir sind das Volk der Fürsten,
Welches hungert, schweigt und – siegt!«

    An der Türe klopft es still,
    Und der Diener Nawratil
    Bringt dem tapfern Redakteur
    Eine Extrawurst daher,
    Der beißt ab davon ein Stückel
    Und – setzt fort den Leitartikel:

»Vor der Mißgunst und dem Neide,
Die dem Tod uns wollten weih'n,
Flog das Schwert uns aus der Scheide,
Und nun stecken wir's nicht ein.
Kommt in unsre Schützengräben,
Wo der Schnee oft fußhoch steht,
Überzeugt euch, ob wir beben,
Wenn der Regen niedergeht!
Fremd ist Greinen uns und Maulen,
Bläst der Nord uns um die Ohr'n!
Frieden? Ja! – Doch keinen faulen,
Lieber weiter kühn gefror'n!«

    An der Türe klopft es still,
    Und der Diener Nawratil
    Tritt herein in das Gemach,
    Legt das Holz im Ofen nach
    Und entfernt sich still und heiter,
    Und der Doktor – der schreibt weiter:

»Fern der Heimat, in der Kehle
Würgt der Schmerz ums traute Weib,
Bitter sehnt sich Leib und Seele,
Namentlich sehnt sich der Leib,
Auszuruh'n und stillzusitzen
Bei der lieben Frau zuhaus – –
Doch nun soll'n die Schwerter blitzen,
Bis dem Feind die Luft geht aus!
Trautes Weib, noch kann nicht kommen
Ich nachhaus zu unserm Glück,
Erst wenn einst der Preis gewonnen,
Kehren siegreich wir zurück!«

    An der Türe klopft es still.
    Doch jetzt ist's nicht Nawratil,
    Nein, im Schlafrock aus Muss'lin
    Tritt die Gattin vor ihn hin,
    »Komm doch«, lockt sie, schelmisch, heiter,
    Und der Doktor – schreibt nicht weiter!

 


 

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