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Die Schöpfung und andere Kabarettstücke

Fritz Grünbaum: Die Schöpfung und andere Kabarettstücke - Kapitel 32
Quellenangabe
typesatire
booktitleDie Schöpfung und andere Kabarettstücke
authorFritz Grünbaum
year1984
publisherLöcker Verlag
addressWien / München
isbn3-85409-071-4
titleDie Schöpfung und andere Kabarettstücke
pages209
created20110905
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ein Traum

            Lang ist es her, daß ich in Hamburg war.
Und in den großen Sack der Zeit
Fiel, leidbeladen, polternd Jahr um Jahr.

Das viele Leid! ... Es macht die Jahre weit,
Die sich vom Druck des Übels dehnen.
Drei Jahre nur? Nein, eine Ewigkeit!

Oft zieht durchs Herz mir flammendheiß ein Sehnen:
Du grüner Tierpark, blühst du noch
Und gibst ein Heim, so Schafen wie Hyänen?

Hältst immer noch die Bestien im Joch,
Das Raubzeug, gierig, frech und keck,
Das den verhalt'nen Blutdurst dort verkroch?

All dies Gelichter, hinter Strauch und Heck',
Betreust du 's noch? Bist du der Alte,
Der Herr der Bestien? Der Hagenbeck?

Wie lang ist 's her, daß, eh' der Sturm sich ballte,
Ich lauscht' der Stimme der Natur,
Die ungezügelt deinen Park durchhallte!

Wie atemlos verfolgte ich die Spur
Der blutrauschfrohen Tierinstinkte,
Bis freudig die Erkenntnis mich durchfuhr:

Der Mensch nur ist es, dem die Gottheit winkte,
Indes im Haß die Tiere schnoben.
Der Mensch nur ist es, dem ein »Aufwärts!« blinkte.

Der Liebe Schätze bleiben ungehoben
Der Tiere stumpfer, tauber Schar,
Die Menschen aber führt ein Pfad nach oben – – – – – –
Lang ist es her, daß ich in Hamburg war!

Ich träumte neulich einen bösen Traum:
Es ging ein Beben schrecklich durch die Welt,
Ein weißer Blitz hat alles Land erhellt,
Die grünen Wogen krönt' ein gelber Schaum,
Und in den Leib der Erde schlug die Pranken
Ein Sturm. Sie stöhnt, und Tal und Berge schwanken.

Es ging ein Schlag vom Nordmeer bis zum Karst.
Und wo ein Eisen war, bog es sich krumm,
Und wo ein Gitter, fiel es krachend um,
Und jedes Schloß und jeder Riegel barst,
Da ist ein Heulen durch die Welt gegangen,
Denn alle wilden Bestien entsprangen!

Ein jauchzend Brüllen flog ins weite Land,
Vom Joch befreit und ledig aller Scheu
Warf sich der Bär auf den verhaßten Leu,
Und Wolf und Panther bluteten im Sand.
Ein roter Strom, der Gottes Welt erhitzte,
Ein Geiser Blut war's, der zum Himmel spritzte.

Es gellen Schreie, wunde Katzen röcheln,
Ein Leopard heult einmal noch, zerfleischt,
Und von Hyänen angefallen, kreischt
Ein lahmer Puma mit zerbiss'nen Knöcheln!
Und wieder Blut! Und Heulen in der Runde,
Und Kampf und Tod und Biß und Wund' um Wunde –

Aus allen Fugen war die Welt gerissen,
In irrem Blutrausch lechzten all die Tiere,
Es war, als ob vom Haß die Sonne friere,
Kein Tierleib war, der nicht zerfetzt, zerbissen,
Nur aus der Luft, sah'n gierig zu zwei Raben. – – –
Da wacht' ich auf und lag – im Schützengraben!

 


 

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