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Die Schöpfung und andere Kabarettstücke

Fritz Grünbaum: Die Schöpfung und andere Kabarettstücke - Kapitel 29
Quellenangabe
typesatire
booktitleDie Schöpfung und andere Kabarettstücke
authorFritz Grünbaum
year1984
publisherLöcker Verlag
addressWien / München
isbn3-85409-071-4
titleDie Schöpfung und andere Kabarettstücke
pages209
created20110905
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Silvester 1914 / Silvester 1918

Silvester 1914

        Das ist das ewig Wunderbare
Im tollen Wechsel unsrer Zeit:
Der Mensch wird älter mit dem Jahre,
Und dennoch wird er nie gescheit.
Er sieht, solang die Zeiten rollen,
Wie arm die Welt an Freuden ist,
Und wird's doch nie begreifen wollen!
Er ist und bleibt – ein Optimist!
Er hofft, je älter, desto fester,
Und speziell gar am Silvester!

Sobald der Christbaum angezündet
Und sich in sanftem Lichterglanz
Auf unserm Tisch der Karpfen windet,
Zieht er bedächtig die Bilanz.
Da zeigt sich denn das Sonderbare,
Es gleichen sich im Zeitgebraus
Die Dienstboten und neuen Jahre:
Man wechselt sich nichts Bess'res aus!
Man soll das Alte nicht entlassen
Und dumm aufs Neue Hoffnung fassen!

Hat je ein Neujahr schon gehalten,
Was am Silvester es versprach,
Als es den Fußtritt gab dem alten
Und in das Meer der Hoffnung stach?
Es ist genau so schlecht gewesen!
Nur anfangs hat es sich bewährt.
O altes Lied vom neuen Besen,
Im Jänner hat's noch gut gekehrt!
Da war es noch ein Freudengeber,
Doch fragt mich nicht, wie war's im Feber?

Hat je ein Gatte für die Kleider
Der Gattin in dem neuen Jahr
Gezahlt noch weniger dem Schneider
Als wie's in frühern Jahren war?
Zwar trägt sie weniger alljährlich,
Weil stets mehr Decolleté sie zeigt.
Was hilft es, wird der Stoff auch spärlich?
Die Seide schrumpft, die Rechnung steigt.
Zu Neujahr stets geseufzt der Mann hat:
»Was kostet das, was sie – nicht an hat!«

Ist je im Süden oder Norden
Ein Weib, das zum Entzücken war,
Im neuen Jahre – jünger 'worden?
Nein, älter ward sie um ein Jahr!
Und schminkt sie sich auch doppelt fleißig,
Sie wird ja doch mit Windeseil'
Aus neunundzwanzig heute dreißig,
Nur – sagt sie euch das Gegenteil!
Die Frau wird älter am Silvester,
Die Wiener wie die Budapester!

So höhnt im hämischen Geläster
Das neue Jahr der Pessimist.
»Der Teufel hole den Silvester,
Damit der Mensch kein Esel ist!
Und weiter auch der Teufel hole
Die Hoffnung, die uns irreführt,
O seid gescheit! ... Trinkt keine Bowle! ...
Und trinkt ihr doch, dann – resigniert!
Dann wird der Mensch, wenn's Jahr wird um sein,
Zwar traurig, doch dafür nicht dumm sein!«

Wir aber, die wir Optimisten,
Wir wollen gern die Dummen sein!
Wir kennen des Silvesters Listen,
Und doch, wir fall'n ihm gern hinein!
Wir wollen schau'n den Himmel offen
Im Glanz des neuen Sonnenlichts,
Wir wollen eben einfach hoffen,
Und nützt es nichts, so schad'ts doch nichts!
Und ob der Pessimist auch läster',
Wir wollen feiern den Silvester!

An dieses ernsten Jahres Wende
Seh'n auf das Alte wir zurück
Und legen still in Gottes Hände
Der neuen Hoffnung junges Glück.
Es tobt ein schwerer Kampf auf Erden.
Da schweigt der bleiche Pessimist,
Denn ernster, wahrlich, kann's nicht werden,
Als es bis heut' gewesen ist!
Das ist es, was uns lehren möchte
Die größte der Silvesternächte!

So wollen wir dem Schicksal sagen
In dieser ernsten Neujahrsnacht,
Es soll, es muß, es wird bald tagen
Und Lorbeer blühn aus dieser Schlacht!
In der Gewißheit uns zu wiegen,
So woll'n wir den Silvester weihn,
Hier steht ein Volk, und das muß siegen,
Es muß und wird der Sieger sein!
Und dieser Glaube, unser fester,
Der heilige uns den Silvester!

 


 

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