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Die Schöpfung und andere Kabarettstücke

Fritz Grünbaum: Die Schöpfung und andere Kabarettstücke - Kapitel 28
Quellenangabe
typesatire
booktitleDie Schöpfung und andere Kabarettstücke
authorFritz Grünbaum
year1984
publisherLöcker Verlag
addressWien / München
isbn3-85409-071-4
titleDie Schöpfung und andere Kabarettstücke
pages209
created20110905
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Mein Kollege, der Affe

            Voriges Jahr (ich glaub', 's war im März,
Ich hab' noch getragen den Mantel mit Nerz,
Wo mein Freund, der Merores, war d'rüber so paff ...)
Da war im Apollotheater ein Aff'!
Ich mein' aber nicht im Publikum,
Sondern hier oben am Podium.
Der Aff' ist nämlich ein Künstler gewesen,
Genau so wie ich. Man konnte ihn lesen
Auf allen Plakaten, im roten Rahmen,
Sein Name stand gleich über meinem Namen,
Nur doppelt so fett und in dreifacher Höh',
Er war auch schon länger beim Varieté
Und viel berühmter als ich deswegen.
Also ich und der Aff', wir waren Kollegen.
Wir war'n im Theater zusamm' engagiert,
Wir waren beide groß annonciert,
Ich, weil ich hübsche Gedichtlein schaff'
Und er wieder, weil er ... er war halt ein Aff'!
Ein blödes Gesicht hat der Kerl gehabt ...!
Er hat immer so mit den Augen geklappt
Und ewig dabei sich gekratzt immer so
Da rückwärts – – – nur Ruhe, ich sag' schon nicht, wo!
Aber Haare hat er gehabt! So viel,
So weich und so lang und so wo man nur will,
Auf dem Kopf, auf dem Hals und auf allen vier Tatzen ...
Ich hab' ihn beneidet mit meiner Glatzen!
Und nicht nur, weil stark er mit Haar'n war bekleidet,
Ich hab' überhaupt den Affen beneidet.
Es ist ja nicht schön, er war mein Kollege,
Aber er war mir halt immer im Wege!

Z. B. die Bilder von ihm und von mir
War'n aufgehängt gleich rechts bei der Tür,
Wenn man hereinkommt ins Foyer,
Damit sie sofort das Publikum seh'.
Also wie ich am Ersten in's Foyer komm',
Und unsern Bildern rechts in die Näh' komm',
Seh' ich drei reizende mollige Frau'n,
Wie sie sich grad uns're Bilder beschau'n,
Und hör', wie die Schönste von ihnen grad spricht:
»Gott, hat der Aff' ein blödes Gesicht!
Das Maul so breit und die Lippen so dick,
Schaut euch nur an den vertrottelten Blick! ...«
Also ich hätt' sie am liebsten umarmt deswegen.
Man hört ja so gern, wenn wer schimpft auf Kollegen!
Aber wie ich dann hinschau', knapp hinter ihr,
– Was sagen Sie jetzt? – war's das Bild von mir!
So eine Frechheit, ich war ganz paff,
War'n die der Meinung, ich bin der Aff'!
Dabei war ich nicht einmal ähnlich dem Viech,
Der Aff' war nämlich viel schöner als ich!
Dafür aber war er bedeutend blöder.
Und trotzdem war er für alle ein Köder.
Der Direktor sogar hat umschmeichelt ihn,
»Herr Moritz« her und »Herr Moritz« hin,
Er hat ihn gegrüßt von weitem schon,
Und ich – war das Stiefkind der Direktion.
Ich bitte sehr, durch volle vier Wochen
Hab' ich die schönsten Gedichte gesprochen,
Und was war der Lohn, daß ich Müh' mir genommen?
Dreitausend Kronen hab' ich bekommen!
Der Aff' ist aber mit verblödeter Miene
Gekommen gewatschelt heraus auf die Bühne,
Hat sich rechts verbogen und links verbogen,
Dann hat er die Beinkleider ausgezogen,
Und wie er im Hemd war, hat er sich jetzt
Still auf ein weißes Gefäß gesetzt.
Ich bitte, das war seine Produktion,
Ich geb' nichts dazu, und ich nehm' nichts davon!
Ich weiß zwar nicht, wo da die Kunst drin liegt,
Aber dafür hat er achttausend Kronen gekriegt!
Ich bitte sehr, woll'n Sie sich vorstellen jetzt,
Ich hätt' mich hier auf – das Weiße gesetzt,
Ich treff' die Kunst auch, und ohne Geschrei
No glauben Sie, 's möcht' mir wer zuschau'n dabei?
Und wenn man auch wirklich schon zuschau'n möcht' mir,
Geld geben möcht' mir kein Mensch dafür!

Und seh'n Sie, der Aff' hat die dreifache Gage,
Er ist der Star und ich – die Bagage,
Der Aff' nur erklettert die Ruhmeshöh',
Drum geh'n so viel Affen zum Varieté.
Die Affen sind groß, die Affen verdienen,
Und ich bin ein kleiner Kollege von ihnen!
Drum hab' ich den Moritz so bitter gehaßt,
Ermorden hätt' ich ihn können fast.
Bei ihm hat gewackelt vor Beifall das Haus,
Bei mir aber war fast niemals Applaus!
Halt! Einmal erblickt' ich zwei klatschende Händ':
Es war ein entzückender Theateragent.
Ich hab' da ein kleines Gedicht vorgelesen –
– Es ist nicht einmal so komisch gewesen –
Aber wie ich die ersten drei Worte gesprochen,
Ist mir der unten in Brüll'n ausgebrochen,
Ich weiß nicht, wieso ich mir den hab' gewonnen,
Die Tränen sind ihm heruntergeronnen!
Und eh' ich noch fertig war, drückt ihn das Lob
Und er stürzt hinauf in meine Gard'rob.
Dort ist meine Frau grad ruhig gesessen,
Die mich erwartet hat unterdessen.
Da stürzt der Agent durch die Türe herein,
– »Gnädige Frau, Sie müssen verzeih'n,
Aber durch mich soll'n Sie Geld verdienen.
Sagen Sie mir, gehört der Aff' Ihnen?«
– »Was für ein Aff'?« fragt die Frau ganz entsetzt.
– »No der, was Gedichte grad unten sagt jetzt!«
Meine Frau wollt' den Mann unterbrechen,
Doch der schreit: »Ich hab' nicht gewußt, er kann sprechen.
Wissen Sie, Gnädige, ich war ganz paff.
Ein Aff', was Gedichte macht, das ist ein Aff'!
Erst hab' ich gedacht, er ist gar kein Vieh,
Sondern ein Mensch, so wie ich und wie Sie,
Doch dann hab' ich wieder gesagt zu mir, ›nein,
So häßlich wie der kann ein Aff' nur sein!‹
Ganz unter uns gesagt, was er da red't,
Ich mein' die Gedichte, sind ja sehr blöd,
Aber was will man? Man muß doch gesteh'n,
Für einen Affen sind sie ganz schön!« – – –

An diesem Abend hab' ich beschlossen,
Der Aff' soll mir niemals mehr spiel'n einen Possen.
Ich lass' mir jetzt langsam die Haare wachsen
Und lern', mich zu kratzen am Hals mit den Haxen.
Und wenn ich imstand' bin, zu sitzen auf Stangen
Und mitten im Sprung einen Floh zu fangen,
Erst dann, wenn ich flott auf den Händen geh',
Dann komm' ich zurück auf das Varieté.
Dann werden entzückt mich empfangen die Leute,
Dann werd' ich mich nennen »Moritz der Zweite«,
Dann bin ich ein Künstler und mache Sie paff,
Aber nicht mehr als Dichter, sondern – als Aff'.

 


 

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