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Die Schöpfung und andere Kabarettstücke

Fritz Grünbaum: Die Schöpfung und andere Kabarettstücke - Kapitel 25
Quellenangabe
typesatire
booktitleDie Schöpfung und andere Kabarettstücke
authorFritz Grünbaum
year1984
publisherLöcker Verlag
addressWien / München
isbn3-85409-071-4
titleDie Schöpfung und andere Kabarettstücke
pages209
created20110905
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Mein Kollege, der Affe

Ich – und das Publikum

        Ich hab' einen Haß auf das Publikum!
Ich schwör's – ich schau' mich nicht einmal um.
Wenn ich hier auf dem Podium steh'
Und notgedrungen hinunterseh' – –
Natürlich – jetzt schrein Sie sofort drauf »Oho!«
Aber was soll ich mir tun? Es ist trotzdem so.
Und wenn Sie auch schrein, daß die Ohren mir klingen,
Sie können ja doch nicht zur Liebe mich zwingen!
Sagen Sie mir lieber, meine Herr'n und Frau'n,
Warum soll ich ja hinunterschaun? – –
Und wenn ich schon schau', was kann ich schon sehn?
Zwei Dutzend Damen – – wie der Frühling so schön!
Und wenn sie so schön sind wie Sonnenschein –
Was hab' ich davon? Sie sind doch nicht mein!
Und wenn sie auch alle die meinigen wär'n,
Kann ich zwei Dutzend Frauen ernähr'n?!
Ganz abgesehen davon, daß doch nur den Türken
Gestattet ist, mehrfach als Gatte zu wirken – –
Kurz – wegen der Damen, das wird man gestehn,
Hab' ich keinen Grund hinunterzusehn.
Peut-être also wegen der Herrn?
Sehen Sie: die hab' ich doppelt gern!
Man muß sie nur sehn, wie sie unten sitzen,
Indes ich versuch' mit den Witzen zu blitzen!
Bei Offizier'n und Adelssprossen
Bin ich von vornherein schon erschossen!

Ich bin ja kein winziges Wickelkind
Und bild' mir nicht ein, die Herrschaften sind
Nur meinetwegen hiehergekommen,
Weil sie von meinem Geist vernommen!
Ich weiß, was ich weiß! Adel und Militär,
Die lockt nur der Sekt oder Liebesdurst her!
Und selbstverständlich, bei so einem Durst
Sind einem die schönsten Gedichte Wurst.
Ich kann mich zerreißen – umsonst ist der Müh' Lohn,
Die Herrn int'ressiert die Kollegin Ypsilon!
Das macht die Kollegin im Handumdrehn so,
Vielleicht mit der Stimme, aber meist mit – Trikot!
Da sitzt so ein Edler beim Pommery munter,
Er schaut auf die Bühne, die Kollegin hinunter,
Dann schaut sie hinunter, und er schaut hinauf
Und dann geht sie ab und – – ich trete auf!
Ausgerechnet – – Gedichte vortragen!
Unten hört man die Herzen noch schlagen,
Das Blut, es siedet, der Puls, er hämmert,
Und ich? Wie steh' ich dann da? – Belämmert!
Was bleibt mir dann übrig? – Ich drehe mich um –
Und hab' einen Haß auf das Publikum!!!
Vielleicht bin ich auch ungerecht.
Vielleicht sprech' ich vom Adel nur schlecht,
Weil ich mich kränk', daß vor fünfhundert Jahren
Meine Ahnen nicht auch schon Raubritter waren,
Sondern vielmehr, wenn die Raubritter rauften,
Billige Rüstungen ihnen verkauften! – –
Und meine Stellung zum Militär,
Die rührt vielleicht von dem Umstand her,
Daß, wie ich zur Assentierung gekommen,
Man gelacht hat und mich nicht genommen!
Der Neid hat vielleicht den Charakter verdorben!
Ich wäre ganz gern als General gestorben!
Warum? General Grünbaum sicher kein Hohn is'!
Napoleon war doch auch kein Adonis,
Und ob man aus Korsika, oder aus Mähren,
Das kann doch die innere Kriegskunst nicht stören!
Wo steht denn geschrieben – man soll mir das nennen –
Daß ich keine Schlacht hätt' gewinnen können?
Mit einem Wort, es hat den Schein,
Ich sag' nicht, es ist so, aber es könnte doch sein,
Daß ich das Militär und den Adel
Aus innerer Mißgunst ungerecht tadel'!
Dann hätt' ich doch aber die Bürgerlichen
Gewiß aus meinem Hasse gestrichen,
Denn wenn auf die Titel nur neidisch ich bin,
Dann hat doch der Bürgerhaß gar keinen Sinn.
Machen wir's kurz: was brauch' mit Gefühlen
Ich hier noch lange Verstecken zu spielen. –
Sie sind doch gescheit und nehmen's nicht krumm:
Ich bin auch kein Freund vom Bürgertum.
Die Herrschaften, die aus den Bürgerkreisen
Dem Kabarett die Ehre erweisen,
Die mußten sich grad dem Geschäfte entwinden,
Und jetzt sind sie hier, um Erholung zu finden.
Sie amüsieren sich nach ihrer Weise,
Auf jegliche Art, aber nur nicht leise.
So kann ich zum Beispiel oft Herren begrüßen,
Die nie die Gewohnheit haben, zu niesen,
Doch grad', wenn ich auf dem Podium steh'
Und eine zarte Pointe dreh'
Und immer leiser und leiser spreche,
Damit ich die Wirkung des Witzes nicht breche,
Und plötzlich dann mach' eine Pause ganz fein – –
Da niest mir der Brave mitten hinein.
Man glaubt, daß die Häuser der Nachbarschaft brennen,
Ein Niesen, das nicht mehr ein Niesen zu nennen,
Und das, wenn der Herr sich mit weniger begnügte,
Für sämtliche Schnupfen von Deutschland genügte!
Natürlich, dann bin ich mit meiner Predigt
Und meiner gesamten Lyrik erledigt,
Und während das Niesen noch um sich greift,
Steh' ich hier oben – eingeseift.
Ich kann doch die Verse nicht lauter blasen
Als zweihundertfünfzig rebellische Nasen.
Weil Schiller geschrieben den Kampf mit dem Drachen,
Brauch' ich doch nicht liefern den Kampf mit dem Rachen.
Ich krieg' ja doch schließlich die Gage nicht dafür,
Daß ich mit Rachenkatarrh'n konkurrier'!
Ich könnte noch vieles mehr erzählen:
Allein wozu? Was soll ich Sie quälen?
Ich hoffe, mit den vorhandenen Gaben
Ihnen schlagend bewiesen zu haben,
Daß mein Prinzip nicht gar so dumm –
Ich hab' einen Haß auf das Publikum!

Damit könnt' ich schließen für heut' mein Gedicht,
Allein so ein Esel bin ich doch nicht.
Wer garantiert mir, daß meine Reime
Vom Haß gegen's Publikum mir nicht im Keime
Jeden Applaus zum Schluß untergraben?
Wenn ich jetzt schließ', kann die Ehre ich haben,
Daß einige von den erregten Gemütern
Mit Zischen meine Stellung erschüttern!
Das wäre doch töricht! Hab' ich das nötig?
Ich hab' doch noch andere Schlüsse vorrätig.
Drum sag' ich jedem, der sich beklagt:
»Ich habe alles im Spaß gesagt!«
Niemand soll drüber geraten in Hitze,
Alles, was ich gesagt hab', war'n Witze.
Ich wollte das Publikum nicht beleidigen,
Im Gegenteil: ich will es verteidigen
(Schon deshalb, weil ich innerlich klug)
Bis zum letzten Atemzug.
Und sollt' ich nach vielen Jahren mal sterben,
Dann will ich es meinen Kindern vererben:
Oh seid, wie euer Vater, nicht dumm – –
Er liebte fanatisch das Publikum.

 


 

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