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Die Schöpfung und andere Kabarettstücke

Fritz Grünbaum: Die Schöpfung und andere Kabarettstücke - Kapitel 19
Quellenangabe
typesatire
booktitleDie Schöpfung und andere Kabarettstücke
authorFritz Grünbaum
year1984
publisherLöcker Verlag
addressWien / München
isbn3-85409-071-4
titleDie Schöpfung und andere Kabarettstücke
pages209
created20110905
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Schön und gescheit – das ist zu viel!

        Ich frage mich oft, wenn ich schlaflos so liege
Und meine Erfolge bei Frau'n überfliege
Und mit den Gedanken so mitten im Dreh'n bin,
»Was hab' ich schon wirklich davon, daß ich schön bin?«
Was nützt mir mein Auge von feuriger Süße,
Das lodernde Blickhinundwidergeschieße,
Das küßliche Rot meiner schwellenden Lippe,
Ihr sanftes Gespitze, ihr heißes Genippe,
Was hilft mir der Segen der Mutter Natur,
Der Charme meiner schmächtigen Knabenfigur,
Der schwungvollen Linien Kombination – – –
Mit einem Worte: was hab' ich davon?

Ich will nicht gleich fallen ins Haus mit der Tür,
Aber das Äuß're ist lang noch nicht alles bei mir,
Ich geb' mit der Schönheit allein noch nicht Ruh',
Es kommt doch bei mir auch der Geist noch dazu!
Der Blick meiner Augen, so seelenvoll dunkel,
Vermischt sich auch noch mit dem Geistesgefunkel,
Denn ich kann mit den reizenden Frau'n nicht nur träumen,
Ich kann vielmehr träumen und gleichzeitig – reimen!
Was meinen Sie, welches Vergnügen das ist,
Wenn eventuell eine Dame mich küßt,
Und ich sag' ihr dabei mit Bezug auf die Füß':
»Von der Fers' zu den Knie'n, du bist überall süß!«
So gesund soll ich sein, wie die glücklich sich wähnten
Bei den Aperçus! – Das heißt man Pointen!
Und trotzdem! Bei all diesem Geistesgeblitze,
Verstandesgeplänkel, Pointengespritze,
Bei diesem brillanten Gefunkel der Witze
Seufzt immer mein Herz noch: »Wozu ist das nütze?«
Und reicht auch mein Geist meiner Schönheit die Hand,
Was hilft mir die Schönheit, was hilft der Verstand?
Was nützt mir die seltene Kombination?
Mit einem Worte: was hab' ich davon?

Also gut: man soll sagen, ich fessel' die Frau'n!
Sie fangen zu zittern an, wenn sie mich schau'n,
Ihr Antlitz beginnt sich verrät'risch zu röten,
Die Stimme schnappt um in ein girrendes Flöten,
Sie rühr'n sich nicht weg, sitzen da wie gebunden,
Das bissel Verstand, was noch da war, geschwunden,
Gefesselt, erwarten sie still mich im Sessel – – –
No gut! Und was hab' ich schon, wenn ich sie fessel'?
Die Liebe ist reizend, die Liebe ist fein,
Aber nur bis zum ersten Stelldichein!
Was später noch nachkommt, ist immer dasselbe,
Einmal sind's schwarze Haar', dann wieder gelbe,
Dann kommen die Roten und dann die Brünetten ...
Das ist Abwechslung! Kann mich das ketten?
Das soll mich reizen? – Warum nicht gar!
Ob Schwarze, ob Blonde ... Haar bleibt Haar!
»Bleiben noch immer«, sagt da ein Gescheiter,
»Die Augennuancen: bald träum'risch, bald heiter,
Erst grünliche Augen, dann Augen so grau,
Ein zärtliches Braun, ein verheißendes Blau,
Im einen die Träne, im andern die Lache,
Die Augenabwechslung –, das ist eine Sache!«
Was soll ich da sagen? Der Mann tut mir leid,
Augenabwechslung –, Gott wie gescheit!
Denn wenn so ein Mädel im Küssen grad' drin ist,
Seh' ich nicht, ob ihr Aug' grau oder grün ist;
Die ganzen Nuancen verschwinden im Nu,
Beim Küssen macht man die Augen doch zu!
Beim Kuß sind die Augen so wurscht wie die Rippen:
Wer küßt mit den Rippen? Man küßt mit den Lippen!
Und die sind nur rote, nicht schwarze, nicht gelbe,
Lippen sind Lippen, 's ist immer dasselbe!
Und immer dasselbe ist nichts, was behagt.
No seh'n Sie, das hab' ich doch gleich gesagt!
Ich will nicht Erhörung bei allen Frau'n finden,
Ich hab' gar kein Gusto, sie an mich zu binden,
Ich will sie nicht fesseln mit Geist und mit Charme ...
Was brauch' ich zu fesseln? Bin ich ein Gendarm?!

Drum schrie ich doch eben Gewalt! Pardon,
Vom Geist mit der Schönheit, was hab' ich davon?
Wenn einer klug ist, dafür aber häßlich,
Bestürmen die geistreichen Damen ihn gräßlich,
Doch die dummen Frau'n wenigstens machen ein End',
Folglich erspart er sich achtzig Prozent!
Noch schlechter geht's dem, welcher dumm, aber schön ist.
Welches Geriß bei den Frau'n da um den ist,
Begreift man, sowie die Erkenntnis nur siegt,
Daß den Frauen die Schönheit des Mannes genügt.
Daß er zwar schön ist, dabei aber dumm,
Nehmen die geistreichen Frauen nur krumm,
Diese nur flieh'n, wenn er ohne Talent,
Immerhin spart er so zwanzig Prozent!
Ich aber, der ich so klug und so schön,
Darf mich nicht trau'n, vor die Türe zu gehn,
Denn wenn ich mich zeig', kommt gleich alles und rennt,
Sehn Sie, bei mir sind es hundert Prozent!

Schwer hab'n 's die Schönen und schwer die Gescheiten,
Ich aber kann es direkt nicht bestreiten!
Und küssen wie küssen! Ich sag' schon, es sei!
Nur ist die Gemeinheit: es bleibt nicht dabei!
Ich weiß nicht, wieso, vielleicht küß' ich zu fein,
Die Geküßten woll'n auch noch geheiratet sein!
Heiraten alle? Was soll denn das heißen?
Glauben die Damen, ich kann mich zerreißen?
Erstens, ich kann nicht –, wenn ich mich erwürg',
Und zweitens, ich darf doch nicht! Bin ich ein Türk'?
Ich bin weder Türke, noch bin ich Mormone,
Ich habe ein Recht darauf, daß man mich schone,
Statt dessen herrscht aber um mich ein Geriß –
Und ob Sie mir's glauben, – es ist mir schon mies!
Der schrecklichste Fluch ist's, das merken Sie sich,
Wenn einer so geistreich und schön ist – wie ich!

 


 

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