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Die Schöpfung und andere Kabarettstücke

Fritz Grünbaum: Die Schöpfung und andere Kabarettstücke - Kapitel 18
Quellenangabe
typesatire
booktitleDie Schöpfung und andere Kabarettstücke
authorFritz Grünbaum
year1984
publisherLöcker Verlag
addressWien / München
isbn3-85409-071-4
titleDie Schöpfung und andere Kabarettstücke
pages209
created20110905
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Gast

          Gestern war ich bei Kopplers geladen.
Wir sind schon befreundet aus Grado, vom Baden.
Das heißt, Freunde vom Baden sind wir ja nicht,
Wenn ich schon ganz soll erzähl'n die Geschicht'.
Das Baden war nämlich uns beiden kein Spaß:
Die Luft ist zu trocken, das Meer ist zu naß,
Dann spritzen die Wellen, man hat keine Ruh',
Man badet und badet und weiß nicht, wozu!
Na, schließlich war uns das beiden zu fad,
Er schimpfte aufs Schwimmen und ich auf das Bad,
Er ging nicht ins Wasser, und ich blieb am Strand – –
Was brauch' ich viel reden? Heut' sind wir bekannt.
Und gestern war ich zum Essen dort.
Also bei Kopplers ist Essen ein Sport.
Alles ist frisch, was dort kommt auf den Tisch,
Nur die Frau Koppler ist nicht mehr ganz frisch.
Aber was schadet ein übles Gesicht?
Wenn man nicht hinschaut, bemerkt man es nicht.
Ich bin sogar bei der Hausfrau gesessen.
No, ich hab' nicht geschaut, ich hab' nur gegessen,
Den Blick auf den Teller, das Auge voll Glanz,
Ich kann Ihnen sagen: Das war eine Gans!
Ich meine natürlich nicht die neben mir,
Sondern die Gans auf dem Eßgeschirr!
Ich will doch die Dame vom Haus nicht beleidigen.
Die Leut', wo man ißt, die muß man verteidigen!
Möcht' ich es denn sonst verschweigen so glatt,
Daß die Frau Koppler Verhältnisse hat?
Ich bin der Gast und kenn' den bon ton,
Nicht einmal reden tu' ich davon.
Die Zunge lass' ich mir schneiden heraus,
Eh' ich erzähl', daß die Frau vom Haus'
Sogar auch bei mir schon hat angeklopft!
Da war'n aber auch meine Ohren verstopft!
Ihr Mann ist mein Freund, da bleibe ich kalt,
Und außerdem ist mir die Frau zu alt!
No, bin ich ein vornehm erzogener Mann?
Wie oft hat sie zärtlich geblickt schon mich an!
Ich bin ein Charakter, der weiß, was sich schickt.
Meinen Sie, ich hab' zurückgeblickt?
Übrigens war auch noch dort ihre Schwester,
Frau Zwicker. Die steigt mir schon nach seit Silvester.
Aber auch da hab' ich nicht reagiert,
Erstens, weil da mich die Hausfrau geniert,
Zweitens, ist doch die Korrektheit mein Sport,
Und außerdem war doch der Singer schon dort,
Den hat die Frau Zwicker schon lange im Joch!
No, ich red' nicht davon! ... Aber wahr ist es doch!
Ich bin doch nur Gast und denk' mir: »Na schön!«
Aber drum hab' ich's doch deutlich gesehn,
Wie die Frau Zwicker geheim mit dem Finger
Nach dem Souper hat gewinkt dem Herrn Singer.
Der ist dann mit ihr zum Piano gegangen,
Dort hat die Frau Zwicker ein Lied angefangen,
Und während dem Lied hat der Singer geschickt
Ganz leise von rückwärts die Zwicker gezwickt.
No, ich bin doch nur Gast. Was geht das mich an?
Ist sie mein Weib? Oder bin ich ihr Mann?
Ich hab' nur gedacht so: »Die Welt ist verrückt:
Die Zwicker singt, und der Singer zwickt!«

Natürlich hab' ich das leise gedacht
Und offiziell mich nichts wissen gemacht.
Soll ich die Schwester der Hausfrau bereden?
So etwas sag' ich nicht gleich einem jeden.
Nur der Frau Schiller hab' ich's gesagt,
Weil sie mich grad hat gefragt: »Was ist Takt?«
Da hab' ich gesagt im Vertrauen zu ihr:
»Da steht die Frau Zwicker und singt beim Klavier
Und trotzdem der Singer von rückwärts sie packt,
Bleibt sie im Takt. Sehn Sie, das nenn' ich Takt!«
Drauf hat die Frau Schiller Tränen gelacht,
Ich aber war drüber aufgebracht.
Das hat mich empört. Was braucht sie zu lachen
Und über die Hausleut' sich lustig zu machen?
Die haben sie freundlich geladen ins Haus,
Und sie lacht zum Dank hinterm Rücken sie aus.
Warum lach' denn ich nicht? Ich mach' mich nichts wissen.
In dieser Beziehung bin ich zum Küssen!
Was kümmert das mich, ob die Tugend geknickt wird,
Wenn hier in der Wohnung die Schwester gezwickt wird?
Erstens, ist doch diese Wohnung nicht mein;
Zweitens, beurteil' ich höchstens den Wein,
Wenn ich als Gast überhaupt kritisier',
Und drittens gehört das Gezwickte doch ihr!
Schließlich und endlich ist's ihre Sache,
Ob sie und welchen Gebrauch davon mache;
Mir ist es einerlei, wie sie's benützt:
Ob sie gezwickt wird oder nur damit sitzt.

Ich weiß eben, was ich zu tun hab' als Gast:
Ich setz' mich zu Tisch und ess', was mir paßt,
(Und das, was mir nicht paßt, das ess' ich auch!
Wenn ich's doch nicht zu bezahlen brauch?!)
Und das, was mir sehr paßt, davon nehm' ich zweimal,
Gänsegekröse sogar manchmal dreimal,
Pfefferfisch hab' ich schon viermal genommen.
No, bin ich zum Fasten ins Haus gekommen?
Gönnt mir der Hausherr die Delikatess',
Dann muß er sich freu'n, wenn ich viel davon ess';
Und gönnt er mir's nicht (und das merkt mein Instinkt!),
No, dann ess' ich doppelt, daß er zerspringt!

Aber bereden die Leute vom Haus?
Sehn Sie, das hält mein Charakter nicht aus.
Freilich, die Schiller hat anders gedacht
Und über den Koppler sich lustig gemacht,
Und leise geflüstert zu mir hat sie dann:
»Schau'n Sie, ich bitt' Sie, den Koppler sich an.
Ausseh'n tut er wie ausgesorgt,
Daweil ist das Silber zum Essen geborgt!«
Das hat mich gewurmt. No, ich hab' mich beeilt
Und hab' ihr sofort ihre Antwort erteilt:
»Pardon, Frau Schiller, das muß ich bestreiten.
Da ist nichts geborgt. Wer borgt diesen Leuten?
Noch dazu kostbares Silber zum Essen!
Koppler ist doch wegen Krida gesessen!«
Da hat die Frau Schiller gejauchzt vor Lust,
Sie hat nämlich nichts von dem Sitzen gewußt.
Sie wußt's erst von mir, was mich allerdings quält.
Aber hab' ich es ihr zum Vergnügen erzählt?
Es kann mir als Freund von dem Koppler nicht passen,
Die Silbergeschicht' auf ihm sitzen zu lassen,
Drum hab' ich bewiesen zum Schutz für ihn:
Er hat nichts geliehn, denn er kriegt nichts geliehn.

Auf meine Bekannten, die Kopplerischen,
Soll keiner mir üble Gerüchte auftischen.
Und wenn auch der Hausherr in Stein ist gesessen,
Und wenn auch die Frau kokettiert wie besessen
Mit jedem, nur nicht mit dem eigenen Mann,
So ist das wohl wahr! Aber wen geht's was an?
Ich weiß doch alles über das Haus.
Aber aus mir bringt keiner was 'raus!
Übrigens hat jetzt die Tochter ein Kind,
Worüber die Kopplers sehr unglücklich sind,
Weil es doch erst dritthalb Monat' war glatt,
Seit diese Tochter geheiratet hat.
(Während man sonst doch neun Monate benötigt,
Wenn man normal sich als Mutter betätigt!)
So haben sie wenig Vergnügen davon.
Dafür aber sind sie ganz stolz auf den Sohn.
Den sieht man in sämtlichen Five-o'clocks.
Ich hab' zwar gehört, daß er sein soll ein Ochs,
Aber schließlich, dafür ist der Vater gescheit!
Und sagt man auch manches über die Leut',
So hat mir geschwor'n doch der Prokurist,
Daß Kopplers Dienstmädel anständig ist.
So rein soll sie sein, sagt er, wie eine Lilie ...
No, sehn Sie, es ist nicht so arg die Familie!

Im ganzen und großen ist Koppler sehr fein,
Er muß doch nicht grade ein Gentleman sein;
Gestohl'n hat er niemals, das sage ich frei,
(Oder ich bin nicht gewesen dabei!)
Zu Weihnachten schenkt er mir so einen Stock,
Sein Herz ist brillant, er spielt gut Tarock,
Sein Essen ist gut und sein Trinken beim Lunch,
Drum bin ich auch morgen der erste Mensch,
Den wieder der Koppler als Gast begrüßt,
Wenn – er bis dahin nicht eingesperrt ist!

 


 

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