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Die Schöpfung und andere Kabarettstücke

Fritz Grünbaum: Die Schöpfung und andere Kabarettstücke - Kapitel 17
Quellenangabe
typesatire
booktitleDie Schöpfung und andere Kabarettstücke
authorFritz Grünbaum
year1984
publisherLöcker Verlag
addressWien / München
isbn3-85409-071-4
titleDie Schöpfung und andere Kabarettstücke
pages209
created20110905
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ich und der Hund

            Wissen Sie, was ich gern sein möcht'? – Ein Hund!
Trösten Sie sich, ich hab' meinen Grund.
Mein Geist war so hell und so finster die Nacht,
Da hab' ich dem Leben so nachgedacht,
Und wie ich mein Dasein so durchgenommen,
Da bin ich dabei – auf den Hund gekommen;
Und der Hund ist mir nicht aus dem Kopf gegangen.
Und je mehr dem Gedanken ich nachgehangen,
Um so inniger wurde mein Wunsch am End':
Wenn ich doch auch so ein Hund sein könnt'!

Ich schwöre Ihnen, mein Wunsch ist gesund,
Was bin ich gegen einen Hund für ein Hund!
Ich bitte, beginnen wir mit der Figur.
Es ist doch sicher, daß meine Statur
An Größe und Breite und überhaupt
Keine michelangelesken Reminiszenzen erlaubt,
Ja, daß ich im Urteil der sehenden Leute
Eher quasi einen Mißgriff der Schöpfung bedeute.
Nennen Sie meine Bedenken nicht kleinlich.
So klein wie ich sein ist wirklich peinlich!
Zu allen Leuten muß schau'n ich empor.
Ich stell' im Beruf und bei Weibern nichts vor,
Besonders die Weiber sehn mich mit Hohn,
Ich reich' Ihnen bis an – – Was hab'n wir davon?
Sie sehn, mit der Schönheit steht's bei mir übel.
Jetzt wird's Ihnen hoffentlich gleich auch plausibel,
Warum ich mit Sehnsucht ein Hund werden wolle.
Als Hund spielt die Schönheit bei mir keine Rolle,
Denn das eine wird man mir zugestehn:
Für einen Hund bin ich hinreichend schön!

Aber sollt' ich an Schönheit Adonis selbst nah' sein,
Sehnt' ich mich auch nach dem Hundedasein!
Was hat man schon wirklich als schöner Mann?
Man macht mit Erfolg an die Weiber sich an.
Ein schöner Erfolg! Seine Zeit zu vergeuden!
Hör'n Sie mir auf mit den Liebesfreuden!
Keine Sekunde hat man da Ruh'.
Immer die Hetzjagd zum Rendezvous!
Im Winter steht man im Schnee und Eis,
Im Sommer läuft man sich atemlos heiß,
Und wenn dann das Rendezvous endlich vorüber,
Ob Winter, ob Sommer, hat man sein Fieber!
Und das heißt sich Liebe! Ein Zeitvertreib,
Durch den man das Rheuma bekommt in den Leib,
Was hat man vom Mann sein? Katarrh und die Gicht!
Als Hund aber, sehn Sie, verliebt man sich nicht;
Oder wenn man verliebt ist, dann nur zweimal im Jahr,
Und das ist so kurz, daß es ohne Gefahr.
Es reduziert sich der Liebesschmerz
Bei Hunden auf den September und März,
Im März da erledigt man seine Affäre,
Und am Ersten April sagt man: »Habe die Ehre!«
Das ist bei den Hunden so furchtbar sympathisch:
Ihr Liebesleben ist niemals emphatisch,
Es ist rein sachlich und gar nicht magisch,
Und vor allem: sie nehmen die Liebe nicht tragisch!
Sie beruht nicht auf innerer Seelenverwandtschaft,
Sondern meist auf flüchtiger Straßenbekanntschaft.
Und was das Schönste: die Schäferstunden
Sind bei Hunden mit keinerlei Kosten verbunden!
Unsereiner schenkt ein Brasselet,
Sagt er der Dame des Herzens adieu,
Und ist dabei froh, wenn er nicht noch zum Schluß
In bar ein paar Tausender hergeben muß!
Also diesbezüglich sind bei dem Hund
Die Ansichten musterhaft klug und gesund:
Er läßt seine Dame sitzen am Fleck
Und frißt ihr zum Abschied ihr Futter noch weg.
Das ist zwar nicht fair, aber's leuchtet mir ein,
Als Hund könnt' ich auch ein Gentleman sein!

Überhaupt, wenn ich prüfe mein Leben vom Grund,
Komm' ich immer wieder zum Schluß auf den Hund!
Es ist ja wohl wahr, er ist nur ein Viech,
Aber eigentlich hat er's doch besser als ich!
Bedenken Sie nur meine Seelenqualen,
Wenn ich viermal im Jahr meine Steuer soll zahlen,
Die ist doch heute zum Auswachsen teuer!
No, jetzt sagen Sie: kümmert ein Hund sich um Steuer?
Ich schwör' Ihnen drauf, er kümmert sich nicht.
Was geht das ihn an? Sein Herr hat die Pflicht!
Hier zeigt sich die Hundemaxime als starke:
Der Herr trägt die Steuer, und der Hund trägt die Marke!
Die Steuer am Hals, was macht er sich draus?
Mir hängt sie mehr noch zum Hals heraus!

Übrigens: was hängt mir nicht zum Hals heraus?
Wie leb' ich, ich bitt' Sie? Ich leb' vom Applaus,
Ich hab' nach dem Klatschen der Leute zu streben.
Auch ein Zustand von einem Leben!
Ausgerechnet als Dichter da stehn!
No, halten Sie so was wirklich für schön?
Ein ausgewachsener Mensch soll wie dumm
Herauskommen täglich aufs Podium
Und Abend für Abend die Augen rollen
Und dabei dem Publikum einreden wollen,
Daß er am liebsten ein Hund sein möcht'!
Na, wenn's Ihnen recht ist, mir ist es recht,
Ich krieg' ja dafür meine Abendgage,
Bei Ihnen allein also liegt die Blamage.
No, sagen Sie, kann es was Dümmeres geben,
Als von der Blamage der Leute zu leben?
Das kann doch nicht gut tun. Da hab' ich doch recht,
Wenn ich am liebsten ein Hund sein möcht'!

So ein Hund hat's doch gut. Er kommt hübsch zur Welt,
Hat er bissel nur Glück, wird er ausgestellt,
Bekommt seinen Preis und natürlich sein Futter,
Mit anderthalb Jahr'n wird er Vater oder Mutter,
Nach Belieben darf er lieben, nach Wunsch darf er's lassen,
Er kann sich nach Lust mit dem Eckstein befassen
Und hat keine einzige Pflicht auf der Welt,
Außer, daß er ein bissel bellt!
In der letzten Zeit hat man freilich gewollt,
Daß der Hund auch noch rechnen und sprechen sollt',
Aber dichten, woran ich seit Jahren gekrankt,
Das hat noch kein Mensch von dem Hund verlangt!
Der hat nur das Gute vom Varieté:
Man hat ihn gezeigt gegen hohes Entree,
Er mußte nur sprechen, er brauchte nicht dichten,
Und man machte mit ihm die größten Geschichten.
No ja, Dichtern begegnet man überall heute,
Aber ein sprechender Hund – da brüllen die Leute,
Wir stehn alle zwei auf dem Podium,
Aber er macht das Rennen beim Publikum!
Jetzt sehen Sie hoffentlich endlich auch ein,
Mein Ziel und mein Sehnen, ein Hund zu sein,
Ist eigentlich gar keine Sensation.
Kollege eines Hundes bin ich sowieso schon!
Nur bin ich bloß Dichter am Cabaret,
Und er ist ein Star am Varieté.
Zwar bin ich ein Mensch, und der Hund bloß ein Viech,
Aber die kleinere Gage von uns beiden hab' ich!
Er ist ein Tier, und ich bin ein Held,
Ich bin ein Dichter, und er verdient Geld,
Mich küßt die Muse, und er frißt sich rund – –
Großer Gott, warum bin ich kein Hund!

 


 

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