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Die Schöpfung und andere Kabarettstücke

Fritz Grünbaum: Die Schöpfung und andere Kabarettstücke - Kapitel 16
Quellenangabe
typesatire
booktitleDie Schöpfung und andere Kabarettstücke
authorFritz Grünbaum
year1984
publisherLöcker Verlag
addressWien / München
isbn3-85409-071-4
titleDie Schöpfung und andere Kabarettstücke
pages209
created20110905
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Hoch das Zuchthaus!

            Ich weiß mir kein schön'res und bess'res Vergnügen
Als zwei bis drei Monate – Zuchthaus zu kriegen!
Ich bitte, es braucht mich keiner zu fragen,
Ob ich vielleicht mit Blödheit geschlagen.
Denn wenn ich das Zuchthaus erstrebenswert finde,
Dann hab' ich wahrscheinlich dafür meine Gründe,
Und wenn ich Gründe nicht nennen kann,
Dann geht das doch auch keinen Menschen was an!
Ich darf mir's erlauben (bild' ich mir ein!),
Auf meine Rechnung – ein Ochs zu sein!

Übrigens bin ich auch gar nicht so dumm,
Und wünschen Sie's bitte, ich sag' auch, warum!
Ich hab' es zwar, offen gestanden, nicht nötig,
Trotzdem aber bin zum Beweis ich erbötig,
Daß das Leben im Zuchthaus kein leerer Wahn ist,
Indem an der ganzen Freiheit nichts dran ist!
Also darf ich entwickeln die Theorie?
(Ich hab' nämlich weniger Zeit als Sie!)

Also bitte: Wenn man die Menschen befragt,
Was ihnen denn an der Freiheit behagt,
Dann werden Sie immer das eine nur hör'n:
Die Leute hab'n – die freie Bewegung so gern.
Das heißt: wenn der Mensch nicht will bleiben zu Haus',
Dann darf er nach Lust in den Stadtpark hinaus,
Er darf sich ergehn in dem saftigen Grün,
Er darf auch hinaus in die Waldungen ziehn,
(Da rauschen die Blätter, und dann ist es still!)
Kurz, gehn kann man, wie, wo und wann man nur will.
Man kann also sehn, daß der Reiz, der Magnet
Und der Zauber der Freiheit im – Gehen besteht.

Jetzt sagen Sie aufrichtig: ist dieses Gehn,
Genau genommen, wirklich so schön?
Man geht in die Falle, man geht in den Tod,
Man geht entgegen der bittersten Not,
Man geht über Leichen traurigen Mutes,
Kurz überall hin, aber nur in nichts Gutes!
So muß man beim Gehn zur Erkenntnis kommen,
Es kann uns beim besten Willen nichts frommen,
Ja, es schadet uns jedenfalls mehr, als es nützt,
Und es ist für den Menschen am besten: er sitzt!
Und freut uns das Sitzen, wo gehn wir da hin?
Ins Zuchthaus! Das hab' ich vom Anfang geschrien!

Ich bitt' Sie um eines: haben Sie Mut,
Gestehn Sie: beim Sitzen geht's einem gut.
Das Zuchthaus ist meine Sehnsucht, auf Ehre,
Ich wüßte nicht, wo ich lieber wäre!
Ich will's Ihnen auch plausibel machen.
Also stell'n Sie sich vor, daß Sie morgens erwachen.
Ich mein' jetzt in Freiheit, also zu Haus'.
Kaum springen Sie aus Ihrem Bette heraus,
Da haben Sie schon am frühesten Morgen
Die widerlichsten, bittersten Sorgen.
Es tritt die Frage an Sie heran:
»Welchen Anzug zieh' ich heut' an?
Nehm' ich den schwarzen oder den braunen?«
Sie leiden in aller Früh' schon an Launen,
Gustieren und wählen und quäl'n sich unsäglich – – –
Im Zuchthaus, sehn Sie, ist das unmöglich.
Da liegt die Gard'rob' schon des Anzieh'ns gewärtig,
Da hat man sein graues Sakko und fertig!
Ob Cheviot, ob Kammgarn, nichts brauch' ich, nichts will ich,
Will nur meinen Anzug, von mir aus in Zwillich!
Da liegt die Montur, und da liegen die Schuh',
Ich hab' keine Auswahl, ich hab' aber Ruh'!
Ich bitte Sie also, bestätigen Sie:
So schön ist schon's Zuchthaus in aller Früh'!

Aber warten Sie nur, es kommt ja noch besser,
Ich mein' in bezug auf den Sträfling als Esser.
Wenn einer das Unglück hat, frei zu sein,
Sitzt er im Wirtshaus und krümmt sich vor Pein.
Da stehn auf der Speiskarte siebzehn Gerichte:
Und immer ist es dieselbe Geschichte,
Rostbraten, Beinfleisch und Schweinskarree.
Es tun einem sämtliche Augen weh,
Man kann die ganzen drei Speisen nicht leiden,
Und muß sich doch für eine entscheiden!
Zum Schluß bestellt man ein Beinfleisch natürlich,
Indem man dabei sich sagt unwillkürlich:
»Teuer und schlecht wird's ja sowieso sein,
Aber eins ist am Beinfleisch doch sicher, das Bein!«
Also so eine Stimmung, geärgert, verdrossen,
Ist beim Kerkeressen ganz ausgeschlossen.
Es ist zwar im Zucht- wie im Wirtshaus sehr schlecht,
Da geb' ich jedem Tadler gern recht,
Dafür aber muß man bestätigen willig:
Im Wirtshaus ist's teuer, im Zuchthaus ist's billig,
Im Wirtshaus hat man die Qual der Wahl,
Im Zuchthaus ist einem alles egal,
Man sitzt hübsch und wartet mit ruhigem Blut,
Und dann kommt der Wärter mit Erbsen, und gut!
Man braucht im Gefängnis nicht lang sich zu quälen,
Um endlich das, was man nicht gern ißt, zu wählen,
Das ist doch das Schöne am Grauen Haus':
Zum Schluß kommen immer Erbsen heraus,
Am Sonntag aber gibt's Knödel sogar,
Die gehör'n zu dem eisernen Repertoire,
In Schweinsfett gekocht, wie die Dreadnoughts so schwer,
Jetzt frag' ich Sie ehrlich, was woll'n Sie noch mehr?
Gott, ich weiß ja, daß Knödel in Schweinsfett nicht gut ist,
Aber wo steht geschrieben, daß der Sträfling ein Jud' ist?
Und die Herr'n von den andern Nationen, den großen,
Die werd'n sich gewiß nicht am Schweinefett stoßen!
Übrigens darf man doch eins nicht vergessen:
Es ist ja schließlich ein Zuchthausessen!
Wenn Ihnen dort das Menü zu gemein,
Dann müssen Sie doch nicht ins Zuchthaus hinein!
Man muß doch schließlich nicht defraudieren!
Man kann eventuell auch so existieren!
Aber wenn man schon wirklich ein Defraudant ist,
Dann muß man essen, was bei der Hand ist,
Sogar wenn der Knödel Ihnen mißfällt.
Oder hab'n Sie sich Austern vorgestellt?
Das paßte Ihnen, die Leut' betrügen
Und dann dafür noch Kaviar kriegen.

Übrigens hör'n wir vom Essen auf,
Der Philosoph, der pfeift darauf!
Lebt denn der Mensch vom Essen allein?
Sie können froh sein, im Zuchthaus zu sein!
Ein Mensch, der noch niemals eingesperrt war,
Der ist sich ja drüber noch gar nicht klar,
Wie wundervoll friedlich das Dasein dort ist,
Welches man hinter den Schlössern genießt.
Die Herr'n Kollegen, welche dort brummen,
Sind alles mögliche, nur keine Dummen.
Man kann also glänzend sich amüsieren,
Von vier bis fünf Uhr geht man spazieren
(Im Freien draußen, wenn auch nicht frei,
Es ist ja immer der Wärter dabei!).
Man hat also sämtliche Zeitvertreiber,
Man hat dort alles, nur keine Weiber!
Und das ist ein Grund, sich ins Zuchthaus zu sehnen.
Denn das ist das Schönste vom Allerschönen!
Es fehlt die Mätress', die auf Perlen besteht
Und, wenn sie sie hat, uns sofort hintergeht;
Es fehlt dort das Mädchen aus Bürgerkreisen,
Das uns verwehrt, uns als Mann zu erweisen
Und uns veranlassen will zum Verloben,
Ohne durch vorhergegangene Proben
Hinsichtlich ihrer wichtigsten Gaben
Garantien für die Ehe gegeben zu haben;
Es fehlen im Zuchthaus endlich die Damen,
Denen wir wirklich gegeben den Namen,
Die uns de facto erwischt hab'n beim Kragen
Und – Gott sei's geklagt – unsern Ehering tragen,
Nur zu dem Zweck, um am Monatsschlusse
Zu unserem bittersten, schwersten Verdrusse
Für sich und die eventuellen Rangen
Einen gewissen Betrag zu verlangen,
Welcher, leider gesetzlich geregelt,
Unter der Flagge »Wirtschaftsgeld« segelt.
Alles, was peinvoll, und alles, was gräßlich,
Geliebt und verlobt und vermählt und mätreßlich,
Was uns entnervt und die Seele beschwert,
Das hat sich im Zuchthaus – aufgehört!
Die wahren Freuden, der echte Frieden,
Die sind uns nur – im Zuchthaus beschieden!
Das ist der Segen, dort winkt das Ziel,
Das ist das Eden und das Asyl,
Das Glück in der Freiheit ist stets nur erborgt,
Im Zuchthaus allein – hat man ausgesorgt!
Sämtliche Wonnen erhalten wir hier,
Wir kriegen die Kleidung, die Kost, das Quartier,
Und keine Weiber dürfen hinein – – – –

Hei, welche Lust – ein Sträfling zu sein!

 


 

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