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Die Schöpfung und andere Kabarettstücke

Fritz Grünbaum: Die Schöpfung und andere Kabarettstücke - Kapitel 15
Quellenangabe
typesatire
booktitleDie Schöpfung und andere Kabarettstücke
authorFritz Grünbaum
year1984
publisherLöcker Verlag
addressWien / München
isbn3-85409-071-4
titleDie Schöpfung und andere Kabarettstücke
pages209
created20110905
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Von an-, un- und ausgezogenen Damen

        Wie Sie mich seh'n da vor Sie treten hin,
Bin ich einer der geistreichsten Menschen von Wien.
Ich kenn' doch fast sämtliche Lebensrätsel:
Ich weiß, wozu der Bäcker macht Brezel,
Und warum er sie macht, und wieso er sie macht,
Und wie viel Gestirne man sieht bei der Nacht;
Kenn' die Astronomie und die Philosophie,
Ich weiß, daß der Shakespeare war ein Genie,
Daß die Sonne scheint, wenn die Nebel reißen,
Daß die Löwen brüll'n und die Wanzen beißen;
Ich weiß, wann Columbus das Meer hat beschwommen,
Ich weiß doch sogar, wo die Kinder herkommen – – –
Das einzige aber nur weiß ich nicht, leider:
Sagen Sie mir: Wozu braucht man Kleider?!

Manche sagen, 's ist wegen der Scham.
Es schämt sich der Herr, und es schämt sich die Dam',
Wenn jeder gleich sieht, sobald kleiderlos wer ist,
Wieso sie ein Weib, und wieso er ein Herr ist!
Die Kleidung ist also nichts anderes wie
Eine Schutzfärbung, quasi ein Mimikri,
Indem sozusagen die Menschen probieren,
Durch Kleider ihr wahres Gesicht zu maskieren.
Also diese Erklärung ist wirklich dumm.
Das Geschlecht spricht sich schließlich ja doch herum.
Denn wenn es, ich bitte sehr, nicht so wär',
Dann wär' meine Schwester jetzt beim Militär
(Oder im Staatsdienst, Adjunkt, Polizeirat – – – –)
Und ich – hätt' meinen Schwager geheirat'!
Da ich jedoch, wenn ich recht mich besinn',
Noch nicht die Frau meines Schwagers bin,
Sondern vielmehr meine Schwester hat ihn
Und ich wieder selber hab' eine Gattin,
So sieht man, es nützt weder Taille noch Flaus,
Ob Mandel, ob Weibel, es kommt heraus!
Somit kommt man logisch zu dieser Entscheidung:
Wegen der Scham braucht man keine Kleidung!

Das heißt, man könnt' sie schon brauchen aus Scham,
Zum Beispiel in dem Falle, wenn eine Dam'
Fürchterlich häßlich ist – im Gesicht.
Da, seh'n Sie, wär' doch das Zudecken Pflicht,
Da hätt' sie das Recht und die Pflicht, sich zu schämen
Und übers Gesicht eine Kleidung zu nehmen!
Aber nein, sie zeigt offen herum ihr Gesicht.
Da, wo sie schämen sich soll, tut sie's nicht,
Aber dort, wo sie's nicht braucht, schämt sie sich ja.
Stell'n Sie sich vor – was schon häufig geschah –
Daß eine Frau, die das Angesicht mies hat,
Unten dafür die reizendsten Füß' hat!
Da können Sie wetten eins gegen zehn,
Bloßfüßig, wird's ihr nicht einfall'n, zu geh'n!
Und g'rade da hätt' man Vergnügen davon!
No, wo bleibt bei der Scham einer Frau die Raison?
Der reizenden Füß' sich zu schämen ist Pflicht,
Des miesen Gesichts aber schämt sie sich nicht?

Überhaupt mit der Scham ist's bei Frau'n etwas Eignes.
Meinen Sie, wenn etwas schön ist, sie zeig'n es?
Gar keine Spur! Sie verstecken's behend.
Aber auch da sind sie inkonsequent!
Denken Sie, wie so ein Fräulein nur schreit,
Wenn sie sich eben will anzieh'n ihr Kleid
Und, eh' sie es anzieht, im Mieder nur dasteht,
Und ein Herr g'rad hereintritt (der ihr nicht nahsteht!),
Das ist ein Jammern, Gott schütz' mich davor!
Aber, so frag' ich, auf was empor?
Weil auf ein bisserl Ausschnitt der Herr sieht?
Kleinigkeit, was er am Ball von ihr mehr sieht!
Doch am Ball, wird sie sagen, ist's Mitternacht
Und da ist's erlaubt! Aber jetzt ist's halb acht!
Also sein' S' mir nicht bös, wenn ich sagen muß,
Das mit der Scham ist der größte Stuß:
Um Mitternacht ist etwas schön und voll Feinheit,
Aber um acht ist es eine Gemeinheit?
Um acht Uhr gemein und um Mitternacht Pflicht?
Lieber Freund, das begreif' ich nicht!

Daß doch die Frau'n nicht Vernunft annehmen,
Zu wissen; wie unpraktisch ist das Sich-Schämen!
Ist eine mies, dann nutzt ihr kein Schämen,
Auch wenn sie sich schämt, wird sie keiner nehmen;
Und ist eine schön, was braucht sie sich schämen?
Je schöner sie ist, desto früh'r wird er s' nehmen!
Je schicker ein Fräul'n und je fescher gebaut,
Desto früher und sicherer wird sie doch Braut.
Aber seh'n muß der Mann, daß sie reizend gebaut ist,
Damit er sie nimmt und sie glückliche Braut ist;
Und wie soll er das seh'n, sobald das, was gebaut ist,
Von oben bis unten mit Stoffen verstaut ist!
Wenn eine Braut einem Mann sich will weih'n,
In seinem Herzen ein Denkmal zu sein,
Bedenk' sie die vornehmste Pflichterfüllung:
Das Schönste am Denkmal ist – die Enthüllung!

Doch g'rade das übersehen die meisten.
Wenn sie sich eine Verlobung woll'n leisten,
Und es ist schon so weit, daß ein Freier ist da,
Empfängt statt der Braut ihn der Schwiegerpapa.
Der macht ihm dann sämtliche Zähne lang,
Wie viel seine Tochter besitzt auf der Bank,
Und was, unberufen, sie später wird erben,
Wenn, Gott behüt', Tant' Malvine wird sterben,
Kurz, dem Bräutigam wird also vorgeführt,
Was ihm das Kind alles zubringen wird,
Auf Heller und Pfennig, genau und total,
Hypotheken, Papiere und Barkapital,
Das Wichtigste aber, das zeigt man ihm nicht,
Was sie ihm mitbringt – an Lebendgewicht!
Wie leichter wär' mancher Jüngling zu packen,
Wenn man ihm gleich zeigt die Braut mit dem Nacken,
Das wirkt auf ein Männerherz monumental,
Sind weiße Schultern denn kein Kapital?
Aber natürlich, wo blieb' da die Scham?
Schultern besitzt keine ledige Dam'!
Und wenn sie sie hat, bedeckt sie der Schneider;
Ledige Damen besitzen nur Kleider!
Duftende Schultern, weiß wie Zyklamen,
Sind nur zu seh'n bei verheirateten Damen,
Die züchtig und sittsam zuhaus damit blitzen,
Zuhaus, wo sie meist einen Hausfreund besitzen!

Ein solcher Hausfreund ist's auch gewesen,
Dem es gelang, das Rätsel zu lösen,
Welchem noch keiner gekommen war nah':
Zu welchem Zweck sind die Kleider da?
Kleider sind da, um die Männer, die kecken,
Fernzuhalten und abzuschrecken!
Aber ein Mann, der sich schrecken nicht läßt,
Sondern dahinter ist, eifrig und fest,
Merkt als Erfolg seiner redlichen Müh'n:
Kleider sind da, um – sie auszuzieh'n!

 


 

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