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Die schönsten Tiergeschichten

Ernest Thompson Seton: Die schönsten Tiergeschichten - Kapitel 4
Quellenangabe
authorErnest Thompson Seton
titleDie schönsten Tiergeschichten
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
year1960
translatorMax Pannwitz
illustratorErnest Thompson Seton
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170124
projectid25a821e3
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Ein Straßen-Troubadour

Die Abenteuer eines Sperlingsmännchens

Welch eine zirpende, zwitschernde, sich überstürzende, flatternde Menge! Ein halbes Dutzend gemeiner europäischer Sperlinge drängte sich über- und durcheinander und schwirrte schimpfend in einem Rinnstein der vornehmsten Straße von New York herum. Wenn der Knäuel sich ein wenig entwirrte, sah man inmitten dieses Getümmels die Ursache all dieses Treibens – ein kleines Sperlingsweibchen, das sich kräftig gegen das lärmende Gedränge seiner Freier verteidigte. Wie es schien, machten sie ihm in der Tat den Hof, aber in einer so barbarischen Weise, daß man ebensogut hätte glauben können, sie wollten ein mißliebiges Mitglied ihrer Gemeinschaft lynchen. Ganz unverschämt bedrängten, plagten und quälten sie die entrüstete kleine Dame, wenn sie ihr auch offenbar kein ernstliches Leid zufügten. Sie aber schlug energisch um sich.

Zweifellos machten sie ihr den Hof und warben um ihre Liebe, und ebenso zweifellos wollte sie von keinem etwas wissen. Nachdem sie die Zudringlichen hiervon mit Hilfe ihres Schnabels überzeugt hatte, machte sie sich eine zufällige Bresche zunutze und flog in die nächste Dachrinne. Dabei ließ sie in einem der ausgebreiteten Flügel ein paar weiße Federn sehen, durch die man sie von andern ihrer Art leicht unterscheiden konnte, und die vielleicht ihren Hauptreiz bildeten.

Ich nenne sie deshalb ›Weißchen‹.

 

Im Schmuck seiner schwarzen Krawatte und seiner weißen Halskragenflecke mühte sich ein Sperlingsmännchen schwer, in einem Vogelhäuschen, das ein paar Kinder auf einem Pfahl im Garten für seinesgleichen errichtet hatten, ein Nest zu bauen. Es war in mehr als einer Hinsicht ein sonderbarer Vogel. Das Baumaterial, das er aussuchte, bestand aus ziemlich weit hergeholten Zweiglein und Hölzchen, und frühmorgens unterbrach er manchmal seine Arbeit auf eine Minute und sang dabei so laut und süß, als wäre er ein Kanarienvogel.

Daß ein Sperlingshähnchen allein sein Nest baut, ist etwas Ungewöhnliches. Aber unser Hähnchen war auch, wie gesagt, ein ungewöhnlicher Vogel. Nach einer Woche hatte er anscheinend sein Werk vollbracht, denn der Nistkasten war bis zum Eingang mit Zweiglein vollgepfropft, die der Baumeister von den Bäumen der städtischen Promenaden geholt hatte. Nun hatte er wieder Muße, seinen Gesang zu pflegen und die Leute in der Nähe durch das häufige Anstimmen seines langen, ganz unsperlingsmäßigen Liedes in Erstaunen zu setzen. Wer weiß, vielleicht wäre er ein unerklärliches Wunder geblieben, wenn nicht ein unweit wohnender Barbier und Vogelliebhaber die fehlenden Kapitel seiner ersten Lebensgeschichte nachgetragen hätte.

Der Mann hatte ein Sperlingsei in die Niststätte seiner Kanarienvögel gelegt. Der Kleine war anstandslos ausgebrütet und von seinen Pflegeeltern aufgezogen worden. Ihre Spezialität war der Gesang, ihm war die Lunge und die Kraft des Sperlingsgeschlechtes eigen. Die Kanarienvögel hatten ihn sorglich nach ihrer Weise aufgezogen, und die Folge war, daß er ein »Roller« wurde, der durch Energie ersetzte, was ihm an angeborenem Talent fehlte. Stark, kriegerisch und musikalisch, hatte sich dieser Held des Schwertes und der Leier bald zum Herrn des Vogelkäfigs gemacht. Konnte er einen Kanarienvogel nicht durch musikalische Überlegenheit niederringen, so trug er keine Bedenken, auf ihn loszuhämmern, bis der andere still war; und jedesmal, wenn er auf seine Weise im Sängerkrieg den Sieg davongetragen hatte, schmetterte er ungewöhnlich schön seine Melodien in die Welt hinaus. Der Haarkünstler benutzte diesen musikalischen Eifer, um seine Kunden zu erfreuen, indem er einen ausgestopften Kanarienvogel bereithielt, an dem der stürmische Musikant seine kriegerischen Gefühle austoben konnte, ohne Schaden anzurichten. Alle Kanarienvögel, die mit »Stürmchen« zusammen im Käfig waren, nötigte er zu stummer Ergebung, und als er endlich allein in seinem Verschlage gehalten wurde, erregte nichts seinen Zorn mehr, als wenn sich ein gefiederter Sänger in seiner Nähe befand, den er nicht zum Schweigen bringen konnte und an den er nicht herankam. Bei solchen Gelegenheiten vergaß er seine Musik und bekundete seine eigentliche Natur in dem schrillen »Tschilp, tschilp«, dem echten, offenbar dem Lärm der Straße angepaßten und dort geborenen Sperlingston.

Als sein schwarzes Lätzchen sich entwickelt hatte, war er das Sehenswerteste und die Hauptattraktion des Barbierladens geworden. Doch eines Tages lockerte sich das Brett, auf dem die Vogelkäfige standen, rutschte hinunter, und alle Käfige stürzten auf den Boden. In dem allgemeinen Durcheinander flogen viele Vögel davon, auch Stürmchen oder »Bertrand de Born«, wie man ihn nach dem berühmten französischen Troubadour genannt hatte. Während aber die Kanarienvögel freiwillig in ihre Käfige zurückgekehrt waren oder sich hatten fangen lassen, hüpfte Stürmchen aus einem Hinterfenster, tschilpte ein paarmal auf Sperlingsmanier, antwortete mit einem Trutzlied auf die Hochbahnpfeife, hielt sich vorsichtig außer Fangweite und begann die Backsteinwildnis, die ihn umgab, zu durchforschen. Er stammte ja nicht von Generationen eines gezähmten Geschlechtes ab und fand sich darum leicht und freudig in die neuen Verhältnisse eines freien Lebens. Nach einer Woche war er fast ebenso wild wie nur irgendeiner seiner Sippe und zu einem kleinen Straßenräuber geworden. Wie die andern trieb er sich mit seinesgleichen im Rinnstein herum und gab ihnen auch im Raufen und Zanken nichts nach; hin und wieder aber überraschte er alle zufällig Vorüberkommenden durch seinen gelegentlich angestimmten und mit Sperlingsenergie ausgeführten Kanariengesang.

 

Stürmchen war es also, der sich den Nistkasten ausgesucht hatte, und nun ist auch klar, warum er sich mit Holzstäbchen nicht genugtun konnte. Das einzige Nest, das er je kennengelernt hatte, war ein Korbgeflecht gewesen, ein richtiges Nest bestand also für ihn aus Hölzchen.

Nach wenigen Tagen kam Stürmchen mit einer Gefährtin wieder. Ich würde vielleicht die oben geschilderte Raufszene im Rinnstein vergessen haben, hätte ich nicht in Stürmchens Braut das kleine weißbeschwingte Sperlingsgretchen erkannt, das jene Szene unfreiwillig veranlaßt hatte.

Offenbar war sie nicht abgeneigt, Stürmchens Werbung anzunehmen, zierte sich aber noch etwas und pickte nach ihm, wenn er nahekam. Er drehte sich mit hängenden Flügeln und hochgerecktem Stoß um sie herum und tschilpte dabei, wie es nur ein feuriges Sperlingsmännchen tun kann, unterbrach aber hin und wieder seine Straßentöne, um mit seinen Kanarienkünsten zu prunken.

Die Einwände, die sie etwa noch erhoben hatte, waren offenbar überwunden worden, vielleicht durch diese erstaunliche Entfaltung seiner Talente; er geleitete sie nun zu dem fertiggestellten Nest, lief vor ihr ins Vogelhäuschen, um ihr den Weg zu zeigen, und hüpfte stolz lärmend und im Bewußtsein seiner Würde um sie herum. Auch sie schlüpfte ins Nest, kam aber schnell wieder heraus, gefolgt von Stürmchen, der wie besessen tschilpte und sie beschwor. Doch mußte er lange schwatzen, ehe er sie überreden konnte, noch einmal hineinzugehen. Wieder kam sie sofort heraus, diesmal mit Gezeter. Noch einmal schien er seine Überredungskunst anzuwenden, und schließlich begab sie sich mit lautem Protest hinein, erschien wieder mit einem Zweig in ihrem Schnabel, ließ ihn fallen und flog davon. Stürmchen kam heraus. Seine ganze Freude und sein Stolz auf das Eigenheim waren dahin. Es war ein Stoß ins Herz, dabei hatte er doch auf unbeschränkten Beifall gerechnet! Geknickt saß er ein Weilchen auf der Türschwelle und tschilpte in einer Weise, die wahrscheinlich sagen wollte: »Komm zurück, komm zurück!« Aber die kleine Braut kam nicht. Da wandte er sich wieder ins Nest; man hörte ein kratzendes Geräusch, und nun kam er mit einem starken Holzstückchen zurück und warf es vom Nistloch auf den Erdboden. Dann holte er ein zweites Stück, warf es hinter dem ersten her und fuhr fort, alle Stöckchen, die er so fleißig und fürsorglich eingetragen hatte, herauszuschleppen und hinabzuwerfen, auch das wunderbar gegabelte Stück, dessen Erwerb ihm soviel Mühe gemacht hatte, und die beiden glatten, die wie die im Neste seiner Pflegemutter aussahen – alles, alles mußte heraus. Über eine Stunde lang mühte er sich stumm und einsam. Dann war er offenbar fertig, denn unten auf dem Boden lag ein Haufen Reiser: die vernichtete Arbeit von sieben fleißigen Tagen. Stürmchen warf einen wilden Blick darauf und auf den leeren Nistkasten, ließ ein kurzes »Tschilp!« hören, wahrscheinlich einen Sperlingsfluch, und flog davon.

Am nächsten Tage war er wieder mit Weißchen da, hofierte sie als vollendeter Sperlingsritter und führte sie mit unaufhörlichem Getschilp zur Nesttür. Sie hüpfte hinein, dann heraus, schaute mit schräg gehaltenem Köpfchen auf die Zweiglein unten, ging wieder hinein und erschien mit einem winzigen Holz im Schnabel, das er übersehen hatte, ließ es fallen und beobachtete mit augenscheinlicher Genugtuung, wie es auf dem Haufen unten landete. Nachdem sie ein dutzendmal hinein- und herausgeschlüpft waren, flogen sie zusammen davon und kehrten spät wieder, Weißchen mit einem Schnabel voll Heu und Stürmchen mit einem einzigen Strohhalm. Dies wurde hineingetragen und glücklich untergebracht. Dann flogen sie nach mehr Heu aus, und nachdem Weißchen sich überzeugt hatte, daß Stürmchen nun Bescheid wußte, blieb sie im Nistkasten, um das Heu, das er heranschleppte, richtig unterzubringen, und nur hin und wieder, wenn er zu lange ausblieb, flog auch sie auf Raub aus. Es war geradezu wunderbar, wie die Liebe den rauflustigen Sänger zahm gemacht hatte.

Da die Gelegenheit günstig schien, den Geschmack des jungen Sperlingspaares zu erproben, so hängte ich dreißig kurze Schnüre und Bänder nebeneinander auf einem nahen Balkon auf. Es waren fünfzehn gewöhnliche, acht bunte Strippen und sieben helle Seidenbänder. Jedes zweite Stück war eine farblose Schnur. Zuerst bemerkte Weißchen diese Materialquelle. Sie flog herzu, blickte darüber hin, erst mit dem linken, dann mit dem rechten Auge, und entschloß sich hierauf, die Dinger in Ruhe zu lassen. Aber Stürmchen kam näher, da ihm Fäden nichts Fremdes waren. Er hüpfte hierhin und dorthin, zog an einem, fuhr zurück, kam dann noch näher, knipperte an einem andern, stürzte hierauf mit einem Ruck auf eine Schnur los und trug sie fort. Das nächste Mal kam Weißchen mit, und jedes trug eine Schnur fort. Sie nahmen aber nur die ungefärbten. Erst als diese aufgebracht waren, suchte sich Weißchen farbige aus; nur an die buntesten Bänder wagte sie sich nicht, und Stürmchen rührte Beine und Schnabel ausschließlich um der einfachsten und am meisten den Hölzchen gleichsehenden Stücke willen.

Jetzt war das Nest halb fertig. Noch einmal wagte Stürmchen ein Stück Holz einzutragen, aber einen Augenblick später wirbelte es hinunter auf den Haufen, während Weißchen triumphierende Blicke nachschickte. Armes Stürmchen! Alles, was er für das Beste hielt, galt nichts – all die schönen Hölzer umsonst geholt! Seine Mutter hatte ein Holznest gehabt – ein schönes Nest –, aber er war überstimmt. Nichts als Stroh sollte es sein, Stroh und darauf keine Hölzer, sondern weichere Stoffe. Er fügte sich – die Freiheit hatte ihn alle Tage neu gelehrt, daß man sich fügen muß. Früher hielt er den Barbierladen für die ganze Welt und sich für das erste Wesen darin, aber beide Vorstellungen hatten in neuerer Zeit einen argen Stoß erlitten. Weißchen meinte offenbar, seine Erziehung in praktischen Dingen sei schrecklich mangelhaft gewesen, und sie müsse dies in allem und jedem nachholen.

Als das Nest zu zwei Dritteln vollendet war, begann Weißchen, die sehr zum Luxus neigte, große weiche Federn einzutragen. Das ging Stürmchen doch zu weit; einmal mußte man doch eine Grenze ziehen, und er zog sie vor Federbetten, denn seine Wiege hatte dergleichen üppiges Zeug nicht gekannt! Er machte sich daran, die anstößigen Federbetten hinauszufördern, und Weißchen kam, mit einer neuen Ladung im Schnabel, gerade zur rechten Zeit, um zu sehen, wie der weiche Flaum von der Nestschwelle dem Reiserhaufen unten zuschwebte. Sie flatterte hinterher, fing die Federn in der Luft auf, und als sie damit zum Nistbrett zurückkehrte, trat ihr der Eheherr entgegen, der eben mit einer weiteren Ladung der ärgerlichen Federn aus der Tür kam, und so standen beide da, musterten sich mit trotzigen Blicken und krätschten sich trotz den Federn in den Schnäbeln laut an, die kleinen Herzen von Bitterkeit erfüllt.

Warum pflegt unsere Sympathie bei einer Frage der häuslichen Einrichtung dem weiblichen Teil zu gehören? Auch ich war der Meinung, das Recht sei mehr auf Weißchens Seite, und schließlich setzte sie auch ihren Willen durch. Zuerst freilich gab es stürmische Augenblicke, wobei Federn ein- und ausgetragen wurden oder auch, eine Beute des Windes, im Garten umher schwebten. Dann trat Stille ein, und am nächsten Tage wurden alle Federn zum Nest zurückgetragen. Wie eigentlich die Versöhnung und Einigung zustande kam, ist niemals genau bekannt geworden, aber soviel steht fest, daß Stürmchen selbst am meisten dabei tat und nicht ruhte, bis das ganze Nisthäuschen mit den größten und weichsten Federn vollgepfropft war.

Während dieser ganzen Zeit waren sie gewöhnlich beieinander, aber eines Tages flog Weißchen fort und blieb länger aus. Stürmchen sah sich um, tschilpte, erhielt keine Antwort, schaute aufwärts, dann hinunter und sah auf den Haufen Hölzer, die er so mühsam zusammengeschleppt hatte. Die hübschen Hölzer, ganz wie im trauten Heim seiner ersten Kindheit! Stürmchen flatterte hinab. Richtig, da war auch noch das gegabelte Stück. Die Versuchung war zu groß. Stürmchen nahm es auf und flog schleunigst zum Nest hinauf, und nun hinein damit! Es war keine Kleinigkeit, die Gabel durch das enge Loch zu bringen, der eine Zinken sperrte sich am Türpfosten, aber Stürmchen hatte ja nun schon Erfahrung darin und brachte alles glücklich hinein. Nach einem Aufenthalt von dreißig Sekunden – um die kostbare Gabel richtig zu lagern, denke ich mir – kam er wieder heraus, guckte sich mit emporgerecktem Schnabel um, putzte sich die Federn, schüttelte sich, ließ dann sein Kanarien-Siegeslied mehrmals von Anfang bis Ende erschallen, versuchte es eiligst mit noch ein paar Hölzchen und fühlte sich offenbar sehr glücklich. Als Weißchen mit mehr Federn kam, war er sehr beflissen, ihr bei deren Unterbringung zu helfen, und dann war das Nest fertig. Zwei Tage danach stieg ich hinauf und sah ein Ei darin liegen. Die Sperlinge sahen mich hinaufsteigen, flatterten mir aber nicht, wie es andere Vögel zu tun pflegen, um den Kopf. Sie flogen vielmehr ein Stück weg und beobachteten mich ängstlich vom sicheren Port eines Schornsteins aus.

Am dritten Tage war ein großer Aufruhr im Vogelhäuschen, gedämpfte Töne, wie von einer Rauferei, und unterdrücktes Gezwitscher drangen heraus, und mehrmals wurde ein Schwanz am Eingang sichtbar, als wollte sein Eigentümer sich rückwärts herausschieben; dann war es, als würde etwas herausgezerrt. Schließlich kam der Besitzer des Schwanzes so weit zum Vorschein, daß man sehen konnte: Es war Weißchen, aber offenbar wurde sie wieder zurückgezogen. Kein Zweifel, da drinnen spielte sich eine heftige Familienszene ab. Ihr Verlauf ließ sich nicht verfolgen, bis Weißchen mit Stürmchens Lieblingsholz im Schnabel durch die Tür drängte und es verächtlich hinunterschleuderte. Also das war's! Sie hatte den Schatz unter den Federn entdeckt, daher der Aufruhr. Da ich aber nicht begreifen konnte, wie sie das Stöckchen hinauszuschleifen vermochte, wenn er Widerstand leistete, so vermutete ich stark, daß er um des Friedens willen nachgegeben hat. Bei dem Raufen und allgemeinen Durcheinander wurde das Ei, die erste Veranlassung dazu, unglücklicherweise mit der Gabel hinausbefördert und fiel hinunter, wo seine porzellanenen Scherben auf feuchtem, gelbem Grunde lagen. Doch kümmerten sich die Sperlinge um diese Reste nicht. Als das Ei aus dem Nest verschwand, war es aus ihrer Welt überhaupt verschwunden.

 

Hierauf verflossen für das Paar einige Tage ungestörten Friedens. Ein Ei nach dem andern wurde gelegt; nach einer Woche war die Zahl von fünf voll, und Stürmchen und Weißchen schienen in vollkommener Eintracht und Freude zusammenzuleben. Stürmchen sang zum Erstaunen der ganzen Nachbarschaft, und Weißchen trug noch mehr Federn ein, als gälte es sich auf einen Schneesturm vorzubereiten. Aber da plagte es mich, mit dem Paar einen kleinen Versuch zu machen. Ich paßte einen günstigen Augenblick ab und legte eine Murmel in das Nest. Was sich darauf begeben hat, weiß ich nicht, aber am nächsten Morgen war ich früh draußen auf einer unfern gelegenen Straße. Es war Sonntag. Alles war still, nur etwa ein Dutzend Leute standen im Kreise da und schauten auf etwas im Rinnstein. Als ich näherkam, hörte ich vereinzeltes Tschilpen, und als ich einen Blick hineinwerfen konnte, sah ich zwei Sperlinge in wildem Kampf, die, hin und wieder tschilpend, in tödlichem Ernste aufeinander loshämmerten und -pickten. Ohne sich um die Umstehenden zu kümmern, rauften sie sich eine ganze Weile; als sie dann atemlos eine Pause machten und auf den Schwänzen sitzend nach Luft schnappten, war ich ganz verblüfft, als ich Weißchen und Stürmchen erkannte. Nach einem weiteren Waffengang scheuchte sie einer von den Zuschauern fort, dem die Rauferei am Sonntag anstößig war. Dann flogen sie auf das nächste Dach, wo die Balgerei von neuem losging. Am Nachmittag fand ich unter dem Nest nicht nur die eingeschmuggelte Murmel, sondern auch die Überreste von fünf Eiern, die allesamt hinausgefeuert worden waren, und ich vermutete daher, daß die Anwesenheit des auffälligen runden »Eies« den Frieden so heftig gestört hatte.

Das Paar schien entschlossen, von neuem anzufangen. Offenbar war in diesem Vogelkasten weder Glück noch Friede zu finden, so ließen sie ihn samt Federn und allem im Stich; und diesmal wählte Weißchen, die entschieden originelle Einfälle hatte, das Quartier; es war nichts anderes als der obere Teil einer großen elektrischen Bogenlampe. Die ganze Woche arbeiteten sie unermüdlich, und obwohl fast fortwährend ein scharfer Wind ging, brachten sie ihre Aufgabe fertig. Man kann sich schwer vorstellen, wie die Vögel mit dem großen blendenden Licht unter sich nachts schlafen konnten. Doch Stürmchen hatte gelernt, seine eigene Meinung zu unterdrücken, und alles wäre gut gegangen, wären nicht gerade um diese Zeit die Kohlen der Bogenlampe zufällig ausgebrannt gewesen, und hätte nicht der Mann, der sie erneuerte, sich veranlaßt gefühlt, den ganzen Weißchen-Stürmchen-Palast ohne Gnade dem nächsten Müllfaß zu überantworten. Ein Rotkehlchen oder eine Schwalbe hätte vielleicht unter diesem zerschmetternden Schicksalsschlage alle Hoffnung aufgegeben, aber die Energie und Hoffnungsfreudigkeit eines Sperlings kennt keine Grenzen. Offenbar fehlte es am Nest, wahrscheinlich war das Material nicht das richtige. Auf alle Fälle schien es besser, diesmal den Bau auf ganz anderer Grundlage zu beginnen. Nachdem Weißchen einige Strohhalme vom Nest abwesender Nachbarn gemaust hatte, legte sie das Diebesgut in eine hohe Astgabel einer Ulme im Madison-Square-Park. Damit gab sie Stürmchen zu verstehen, dies sei ihr neuer Nistplatz, und Stürmchen, der immer mehr erkannt hatte, daß es angenehmer war, sich Weißchens Willen zu fügen, statt auf dem eigenen Kopfe zu beharren, sang nach zwei Tschilps einen Kanarientriller und musterte eifrig die Komposthaufen nach erlesenem Baumaterial; fiel aber sein Blick etwa auf ein feines Hölzchen, so schloß er tapfer die Augen oder schaute lieber woanders hin.

 

Auf der anderen Seite des Madison-Square-Parks befand sich das Nest eines Paares sehr unbeliebter Sperlinge, insbesondere das Männchen stand in üblem Rufe. Es war ein großer, hübscher Kerl mit riesigem schwarzem Latz, aber ein ausgemachter Raufbold. In der Spatzenwelt ist Macht Recht. Veranlassung zu Unfrieden und Streit geben bei ihnen Fragen der Nahrung, der Liebe, der Wohnung und der Niststoffe – ähnlich wie bei den Menschen. Dieser anmaßende kleine Bursche hatte dank seiner Stärke die von ihm begehrte Braut heimgeführt, er hatte sich den besten Nistplatz ausgewählt und eignete sich das meistgeschätzte Nistmaterial im ganzen Umkreis an. Auch einige Paradiesvogelfedern, die ursprünglich aus dem Zoologischen Garten stammten, waren von einem Nest zum andern gemaust worden, bis sie dem anspruchsvollen Heim, mit dem »Latz« und sein Weib eines der marmornen Kapitelle der neuen Bank am Madisonplatze verschönerten, zum Schmucke dienten.

Der Raufbold verfuhr überhaupt in seinem Gebiet, wozu er den ganzen Platz rechnete, nach seiner Willkür, und als er eines Tages Stürmchen singen hörte, flog er sogleich zu ihm hin. Nun war Stürmchen wohl unter den Kanarienvögeln ein gefürchteter Held gewesen, aber Latz gegenüber hatte er nur wenig Aussichten. Er tat sein Möglichstes, zog aber den kürzeren und suchte sein Heil in der Flucht. In seinem Übermut flog der Sieger zu Stürmchens Nest, und nach verächtlicher Musterung begann er, ein paar Strippen herauszuziehen, die er glaubte, daheim gebrauchen zu können. Stürmchen war unterlegen, aber der Anblick dieser Plünderung erregte den Zorn des beherzten Troubadours von neuem, so daß er auf den Eindringling mit frischem Mut losstürzte. Von den Ästen taumelten sie zusammen auf den Boden. Andere Sperlinge schlossen sich an und – schändlich zu sagen – machten mit dem Dicken gemeinsame Sache gegen den, der für sie noch ein Fremder war. Stürmchen erging es ziemlich übel, und die Federn flogen als ein Sperlingsweibchen mit weißem Flügel – Tschilp, Tschilp, Wallapp, Wallapp – auf dem Schauplatze erschien. Oh, wie sie links und rechts Hiebe austeilte! Die andern Sperlinge, die zum Spaß mitgetan hatten, machten sich jetzt aus dem Staube, denn es war gar kein Spaß mehr dabei; nur Schnabelhiebe gab's, sonst nichts, und nun wandte sich das Blatt gegen Latz. Schnell sank ihm da der Mut, und er floh seinem eigenen Neste zu, während Weißchen sich wie eine kleine Bulldogge an seinem Schwanze festhielt und nicht eher losließ, als bis die Feder mit der »Seele« herauskam. Nachher konnte sie die Trophäe mit großer Genugtuung der gröberen Grundlage ihres neuen Nestes hinzufügen.

Es scheint unmöglich, daß in der Sperlingswelt ein hochentwickelter Sinn für gerechte Güterverteilung herrscht, sicher kommen aber Ereignisse vor, die danach aussehen. Nach zwei Tagen bildeten die Paradiesvogelfedern, die so lange die Hauptzierde von Latz' Nest gewesen waren, einen Teil der Ausstattung von Weißchens neuem Quartier, und niemand wagte ihr den Anspruch darauf streitig zu machen.

Es war nun spät im Sommer, Federn waren rar, und Weißchen konnte nicht genug zum Polstern ihres Nestes, worin sie so eigen war, auftreiben. Doch fand sie einen Ersatz, der ihrer Neigung zum Neuen und Modernen entsprach. Auf dem Platze befand sich ein Droschkenstand, und in dessen Nähe lagen immer Roßhaare auf dem Boden, die ihr recht gut geeignet schienen. Das war ein äußerst glücklicher Gedanke, und mit der entsprechenden Begeisterung machte sich das immer hoffnungsvolle Paar daran, Roßhaare, zwei oder drei auf einmal, einzutragen. Vielleicht hatte der Anblick des Nestes eines Tschippers (des kleinen amerikanischen Sperlings) in einem der New Yorker Parks den Anlaß dazu gegeben. Der Tschipper polstert immer mit Roßhaaren und stellt sich eine bewundernswerte Sprungfedermatratze her, indem er das Haar an der Innenseite des Nestes herumführt. Der Erfolg ist gut, aber die Ausführung muß man eben verstehen; und es wäre für die Sperlinge ein Gewinn gewesen, hätten sie erst gelernt, mit den Haaren richtig umzugehen. Wenn ein Tschipper Roßhaare eintragen will, nimmt er immer nur eins auf einmal und faßt es vorsichtigerweise an einem Ende, denn das so harmlos aussehende Haar ist nicht ungefährlich. Die Sperlinge aber wußten nicht anders damit zu verfahren als mit einem Strohhalm.

Weißchen faßte ein Haar etwa in der Mitte, fand es unbequem lang und packte deshalb mehrere Zentimeter weiter noch einmal zu. Meist bildete sich infolgedessen eine Schlinge, die ihren Kopf oder ihren Schnabel umfaßte; doch war es eine bequeme Art des Transports. Anfangs lief die Sache auch gut ab.

Es war der letzte Tag der Polsterarbeit. Weißchen hatte Stürmchen irgendwie zu verstehen gegeben, daß sie keine Haare mehr brauchte; stolz und geschäftig legte sie noch die letzte Hand an das vollendete Werk und ordnete ein letztes Haar. Stürmchen saß derweilen auf einer Telefonstange in Sichtweite und sang seine schönsten Kanarientriller. Auf einmal traf ein lautes, unruhiges »Tschilp!« aus Weißchens Schnabel sein Ohr. Er blickte hin und sah, wie sie anscheinend ohne Grund hin- und herzappelte und doch außerstande war, weiter als die Länge ihres Körpers vom Nest wegzukommen. Sie hatte zufällig doch einmal ihren Kopf durch eine der gefährlichen Haarösen gesteckt und diese unglücklicherweise verdreht und zugezogen, so daß sie nun in der eigenen Schlinge hing. Je mehr sie zappelte und sich drehte, desto enger wurde die Öse. Stürmchen, der sich mit der temperamentvollen Schwätzerin aufs engste verbunden fühlte, wurde selbst aufgeregt und flatterte zwitschernd um sie herum. Er versuchte, sie zu befreien, indem er sie an einem Füßchen zog, machte aber damit die Sache nur schlimmer. Alle Anstrengungen waren umsonst, es bildeten sich noch ein paar Knoten in dem Haar. Auch schienen noch weitere Haare aus dem Nest in die Sache verwickelt zu werden; ineinander verschlungen und verworren, zogen sie die Schlinge immer enger zu, bis die erstaunt aufwärtsblickenden Kinder im Park statt eines geschäftigen, lauten und energischen Weißchens eine zerzauste Gestalt erblickten, die still und stumm da oben hing.

Stürmchen schien ganz gebrochen. Auf seinen Notruf waren die Nachbarsperlinge gekommen und hatten ihre Stimmen mit der seinigen vereinigt, waren aber ebenfalls außerstande gewesen, dem Opfer zu helfen. Jetzt wandten sie sich wieder ihren eigenen Wirren und Sorgen zu, nur Stürmchen hüpfte tschilpend herum oder saß still mit hängenden Flügeln da. Es dauerte lange, bis ihm zum Bewußtsein kam, daß Weißchen tot war; er mühte sich den ganzen Tag, ihr Interesse zu erregen und sie am Alltagsleben teilnehmen zu lassen. Nachts ruhte er einsam auf einem Baum, und beim Morgengrauen machte er sich am Nest zu schaffen, von dessen Rand das arme Weißchen in der verhängnisvollen Roßhaarschlinge hing.

Stürmchen war niemals ein echter, durchtriebener Sperling gewesen. Seine Erziehung als Kanarienvogel hatte ihn verdorben, und er zeigte sich im Straßenverkehr wie Kindern gegenüber waghalsig und unvorsichtig. Jetzt in seinem Kummer steigerte sich diese Eigenheit noch. Als er an jenem Nachmittage auf der Straße nach Futter ausging, kam ein Telegrafenbote auf seinem Rade lautlos heran, und ehe Stürmchen der Gefahr gewahr wurde, war das Vorderrad auf seinem Schwanz. Während er mit aller Kraft zerrte, um freizukommen, und wäre es auch auf Kosten einiger Federn, geriet sein rechter Flügel unter das Hinterrad, und nun war er ein Krüppel. Der Bote radelte weiter, und Stürmchen flatterte und hüpfte, so gut es gehen wollte, den schützenden Bäumen des nahen Platzes zu. Ein kleines Mädchen fing ihn nach einer aufregenden Jagd zwischen den Bänken mit Hilfe seines kleinen Hundes ein. Es nahm den Verletzten heim und tat ihn – aus übel angebrachtem Mitleid, wie die Brüder sagten – in einen Käfig und fütterte ihn. Als er sich erholt hatte, sang er eines Tages zur Überraschung aller, die es hörten, wie ein Kanarienvogel.

Dies brachte das ganze Haus in Aufruhr. Bald stellte sich auch ein Berichterstatter ein, der davon gehört hatte. Als dann der unvermeidliche Zeitungsartikel darüber erschien, kam er auch dem Barbier, in dessen Stube Stürmchen aus dem Ei gekrochen war, zu Gesicht. Er meldete sich bald von vielen Zeugen begleitet, beanspruchte seinen Vogel und drang schließlich mit seiner Forderung durch.

So steckt Stürmchen wieder im Käfig, in sicherer Hut und bei gutem Futter, der Mittelpunkt einer kleinen Welt und ganz und gar nicht unglücklich. Es war ein Unglück für ihn gewesen, daß er freigekommen und daß Weißchen seine Gefährtin geworden war. Ihr kurzes gemeinsames Leben hatte nur Stürme und Unglücksfälle gebracht.

Manchmal, wenn man ihn ungestört läßt, vertreibt er sich die Zeit, indem er den Bau eines kunstlosen Nestes aus Holzstückchen unternimmt, aber dabei zeigt er eine schuldbewußte Miene und verläßt den betreffenden Winkel seines Käfigs, sobald sich jemand nähert. Wenn man ihm ein paar Federn gibt, dann verarbeitet er sie zuerst in das Nest, aber am nächsten Morgen liegen sie unfehlbar unten auf dem Boden. Diese hartnäckigen Nestbauversuche brachten Stürmchens Herrn auf die Vermutung, er sehne sich nach einem Weibchen, und man gesellte ihm verschiedene, die geeignet schienen, aber es führte zu keinem guten Ende. Nur schnelles Eingreifen konnte Blutvergießen verhüten und die Braut retten. So gab man die Versuche auf. Offenbar reizt diesen Troubadour keine neue Frauenliebe. Was er anstimmt, sind eher Kriegsgesänge, denn der Barbier hat herausgefunden, daß er, um Stürmchens Gesangskunst anzufeuern, ihm nur etwas zum Zerstören zu geben braucht, am besten nicht einen ausgestopften Kanarienvogel, sondern den Balg eines Sperlingsmännchens, und zwar entwickelt Stürmchen den größten Enthusiasmus, wenn der Balg einen besonders auffallenden schwarzen Brustlatz zeigt.

Im Grunde genommen sind das für ihn nur Nebensachen; seine besten Kräfte widmet er dem Gesang. Und sollte der Leser einmal auf den richtigen Barbierladen stoßen, so kann er sich diesen energischen Einsiedler ansehen, der in seiner Hingabe an die Musik die Sorgen, Freuden und Leiden des Lebens vergißt, einem Mönche gleich, der es mit der Welt versucht, sie aber für seine Person zu rauh gefunden hat und froh in seine Zelle zurückkehrt.

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