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Die schönsten Tiergeschichten

Ernest Thompson Seton: Die schönsten Tiergeschichten - Kapitel 3
Quellenangabe
authorErnest Thompson Seton
titleDie schönsten Tiergeschichten
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
year1960
translatorMax Pannwitz
illustratorErnest Thompson Seton
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170124
projectid25a821e3
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Kasta-Kohl, das wilde Pferd

Vor zehn Jahren lebte im Bitterwurzelgebirge in Idaho ein schönes kleines Füllen. Sein Fell war hell kastanienbraun, Beine, Mähne und Schweif kohlschwarz. Kastanienbraun und Kohlschwarz? So nannte man es denn Kasta-Kohl.

Vielen klang der Name wie ein indisches oder arabisches Wort. Sahen sie das hübsche Fohlen und wußten nichts von der Herkunft des Namens, dann dachten sie, es müsse arabisches Blut sein. Ohne Zweifel trifft dies ein ganz klein wenig zu, alle unsere besten Pferde haben arabisches Blut. Von Zeit zu Zeit scheint es stärker hervorzutreten und zeigt sich dann in allem, was das Geschöpf an und in sich hat: in seinem Bau, seiner Kraft und seinem wilden Freiheitsdrange.

Kasta-Kohls Lust war es, wie der Wind dahinzusausen; er freute sich seiner Schnelligkeit, seiner unermüdlichen Beine, und kam er mit der Herde der Fohlen in vollem Lauf an einen Zaun oder Graben, so war es für ihn ebenso natürlich, darüber hinwegzusetzen, wie für die andern abzubiegen.

So wuchs er auf, stark, ruhelos und voll Abneigung gegen jede Spur von Zwang. Auch das schützende Gehege des Hofes und der Stall waren ihm zuwider, und bald zeigte es sich, daß er lieber die ganze Nacht im ärgsten Unwetter draußen blieb als im wohlverwahrten Stall, der seine über alles geliebte Freiheit einschränkte.

Immer besser lernte Kasta-Kohl den Pferdetreiber, der die Herde in die Koppel zu bringen hatte, zu narren. Schon der Anblick dieses Mannes brachte ihn in Bewegung, und er wurde ein sogenannter »Einzelgänger«, d. h., ein Pferd von solchem Eigenwillen, daß es sofort seinen eigenen Weg geht, sobald ihm der Weg der Herde nicht paßt.

So wurde das Fohlen von Monat zu Monat immer freiheitsdurstiger und verschlagener, wenn es galt, seinen Willen durchzusetzen. Es kannte weder Schonung noch Rücksicht, wenn etwas der Erfüllung seines einzigen Verlangens im Wege stand.

Als Kasta-Kohl drei Jahre alt war, gerade in der Blütezeit seiner jugendlichen Kraft und Schönheit, da fingen erst recht seine schweren Tage an, denn nun wollte sein Eigentümer ihn zum Reiten bändigen. Kasta-Kohl zeigte sich aber so bockbeinig und hinterlistig, wie er schön war, und gleich am ersten Tag gab es einen furchtbaren Kampf zwischen dem Zureiter und dem herrlichen Dreijährigen.

Aber der Mann verstand seine Sache. Er wußte seine Macht anzuwenden, und all das wilde Ausschlagen und Bocken, das Bäumen und Wälzen führte nicht zu dem ersehnten Ziele. Trotz seiner Stärke war das Pferd in den Händen des geschickten Bändigers hoffnungslos verloren, und Kasta-Kohl war schließlich so weit eingeritten, daß ein guter Reiter ihn gebrauchen konnte. Aber jedesmal, wenn der Sattel aufgelegt wurde, fing der Kampf von neuem an. Als dies ein paar Monate so fortgegangen war, schien dem Füllen endlich klar zu sein, daß Widerstand nutzlos sei und ihm nur Peitsche und Sporen eintrage; so tat es, als wollte es sich bessern. Eine Woche lang wurde es jeden Tag geritten und bockte nicht ein einziges Mal; aber am letzten Tage kam es lahmend heim.

Der Eigentümer ließ es zur Weide zurück. Drei Tage später schien es wieder in Ordnung zu sein; es wurde eingefangen, gesattelt und bockte nicht! Aber nach fünf Minuten hinkte es wie vorher. Wieder kam es auf die Weide, erhielt nach einer Woche den Sattel und lahmte aufs neue.

Sein Besitzer wußte nicht recht, was davon zu halten war: Hatte das Pferd wirklich ein lahmes Bein, oder stellte es sich nur so? Jedenfalls suchte er es bei der ersten Gelegenheit loszuwerden, und obwohl Kasta-Kohl leicht fünfzig Dollar einbringen konnte, verkaufte er ihn für fünfundzwanzig. Der Käufer glaubte, einen guten Handel gemacht zu haben, aber nachdem er eine halbe Meile geritten war, wurde Kasta-Kohl lahm. Als der Reiter abstieg, um das Bein zu untersuchen, ging das Pferd durch und galoppierte zu seiner alten Weide zurück. Hier wurde es eingefangen, und der neue Besitzer gebrauchte seine Sporen so unbarmherzig, daß jede Spur von Lahmheit verschwand und die nächsten vierzig Kilometer in zwei Stunden zurückgelegt wurden.

Jetzt waren sie bei der Farm des neuen Besitzers. Hinkend ließ sich Kasta-Kohl zur Weide führen, humpelnd gesellte er sich zu den andern Pferden. Auf einer Seite der Weide lag der Garten eines Nachbars. Der war sehr stolz auf sein Gemüse und hatte einen hohen Zaun herumgezogen. Dennoch gelangten in der Nacht nach Kasta-Kohls Ankunft ein paar Pferde in den Garten und richteten großen Schaden an. Aber sie sprangen vor Tagesanbruch hinaus, und niemand sah sie.

Der Gärtner war wütend, aber der Viehzüchter behauptete hartnäckig, das müßten andere Pferde sein, da die seinigen durch einen hohen Zaun abgehalten seien.

In der nächsten Nacht war es das gleiche. Der Viehbesitzer ging beizeiten hinaus und sah alle seine Pferde in der Koppel, und Kasta-Kohl war auch dabei. Seine Lahmheit schien jetzt schlimmer statt besser geworden zu sein. Wieder nach ein paar Tagen sah man das Tier ungehindert ausgreifen. Das ist ja in Ordnung! dachte der Sohn des Besitzers, fing Kasta-Kohl ein und versuchte ihn zu reiten. Doch diese Gelegenheit ließ sich der Eigensinn nicht entgehen; der junge Mensch wurde abgeworfen und verletzte sich dabei. Nun sprang der Besitzer selbst in den Sattel; Kasta-Kohl bockte zehn Minuten lang, und als er sah, daß er den Mann nicht abwerfen konnte, versuchte er, dessen Bein gegen einen Pfosten zu quetschen, aber der Reiter sah sich vor. Kasta-Kohl bäumte sich und warf sich rückwärts, der Reiter glitt ab, das Tier fiel schwer keuchend zur Erde, und ehe es wieder auf die Beine kam, war der Mann im Sattel. Jetzt rannte das Pferd, ausschlagend und bockend, davon; dann hielt es mit plötzlichem Ruck, aber der Reiter flog ihm nicht über den Kopf weg, wie es erwartet hatte. Da packte es den Fuß des Reiters mit den Zähnen, und nur durch kräftige Schläge auf die Schnauze rettete sich dieser vor einer furchtbaren Verstümmelung. Jetzt war kein Zweifel mehr möglich: Kasta-Kohl war ein »wildes«, d. h., unheilbar böses Pferd!

Man riß den Sattel herunter und trieb das hinkende Tier auf die Weide.

Die Verwüstungen im Garten hörten nicht auf, und die beiden Männer gerieten darüber in Streit. Um zu beweisen, daß seine Rosse nicht schuldig seien, forderte der Viehzüchter den Gärtner auf, mit ihm zusammen aufzubleiben und zu wachen. Als in der kommenden Nacht der Mond hell aufgegangen war, sahen sie nicht alle Pferde, wohl aber Kasta-Kohl gerade auf den Zaun losgehen – von Hinken keine Spur. Mit Leichtigkeit setzte er darüber und rupfte die schönsten Sachen ab, die er finden konnte. Nachdem sich die beiden Männer vergewissert hatten, daß Kasta-Kohl der Übeltäter war, rannten sie vorwärts. Kasta-Kohl nahm den Zaun wie ein Hirsch, flog pfeilschnell zu den andern Pferden und mischte sich unter diese. Als die Männer näher kamen, hinkte er aufs neue ganz erbärmlich.

»Jetzt ist's klar«, sagte der Viehzüchter, »'s ist ein Betrüger, aber ein schöner Kerl ist er doch und von guter Rasse.«

»Ja, aber jetzt ist's auch klar, wer mein Gemüse gestohlen hat«, sagte der andere.

»Ich denke wohl«, war die Antwort; »aber sehen Sie mal, Nachbar: Mehr als zehn Dollar haben Sie an Grünzeug nicht verloren, das Pferd da ist leicht hundert wert. Geben Sie mir fünfundzwanzig, nehmen Sie's Pferd, und wir sind quitt.«

»Was Sie sagen!« erwiderte der Gärtner. »Für fünfundzwanzig Dollar Grünes ist mir weg, der Gaul ist keinen Heller mehr wert. Also gut: Fünfundzwanzig Dollar!«

Und so verglichen sie sich. Der Viehzüchter sagte nichts davon, daß Kasta-Kohl ebenso bösartig wie verschlagen war, aber der Gärtner merkte es gleich, als er auf dem schönen Tier reiten wollte.

Am nächsten Tage hing am Tore des Gärtners ein Schild:

ZU VERKAUFEN

erstklassiges, gesundes
und gutartiges Pferd
für 10 Dollar!

Der Bärenköder

Nicht lange danach kam eine Jagdgesellschaft vorüber: drei Bergbewohner, zwei Städter und der Verfasser dieser Erzählung. Die Städter wollten auf die Bärenjagd gehen. Sie waren mit allem Erforderlichen ausgerüstet; nur Köder fehlten ihnen. Gewöhnlich kauft man ein wertloses Pferd oder Rind, treibt es in die Gegend des Gebirges, wo die Bären hausen, und schießt es dort nieder. Die Jäger lasen das Schild.

»Haben Sie nicht ein billigeres Pferd feil?«

»Sehen Sie 's nur an, hier!« versetzte der Gärtner. »Sie finden kein billigeres Pferd, und wenn Sie noch tausend Kilometer wandern.«

»Wir schauen nach 'nem alten Bärenköder aus und wollen nicht mehr als höchstens fünf Dollar dranwenden.«

Pferde waren hier billig und in Fülle zu haben; aber an Käufern war kein Überfluß. Der Gärtner fürchtete, Kasta-Kohl würde ihm durchgehen. »Gut«, sagte er; »wenn's nicht anders ist, nehmen Sie ihn für fünf.«

Der Jäger händigte ihm das Geld aus. Dann sagte er: »Nun, Nachbar, das Geschäft ist abgemacht. Wollen Sie mir nun sagen, warum Sie dieses schöne Pferd für fünf Dollar hergeben?«

»Mächtig einfach. Es läßt sich nicht reiten. Soll's gehn, ist's mordslahm, und will's gehn, dann ist's gesund wie 'n frischgeprägter Dollar; kein Zaun im ganzen Land kann's festhalten, 's ist schlimmer als der Teufel.«

»Nun ja, jetzt ist's ein allmächtig schöner Bärenköder«, und die Jäger ritten davon.

Kasta-Kohl wurde mit den Packpferden zusammen vorwärts getrieben und hinkte schrecklich auf der Wegspur dahin. Ein paar Mal wollte er zurück, wurde aber von den Männern hinten leicht vorwärts getrieben. Sein Hinken wurde schlimmer, und als die Nacht heranzog, tat es einem weh, ihn so zu sehen.

Der Führer meinte: » Das Hinken ist echt. Da liegt ein schweres Leiden zugrunde.«

Die folgenden Tage ging der Marsch tiefer ins Gebirge; die Pferde trieb man den Tag über vorwärts und fesselte sie des Nachts. Kasta-Kohl ging mit den übrigen; bei jedem Schritt schüttelte er den Kopf und die lange, glänzende Mähne. Einer der Jäger wollte auf ihm reiten, hätte aber beinahe seinen Hals gebrochen; denn das Pferd war wie vom Teufel besessen, als es jemand auf seinem Rücken spürte.

Je steiler aufwärts es ging, um so schlechter wurde der Weg. Eines Tages ging es durch einen üblen Sumpf. Einige Pferde drohten darin zu versinken, und als die Männer zu ihrer Rettung herbeikamen, hielt Kasta-Kohl den Augenblick für die Flucht gekommen. Er drehte sich um und verwandelte sich im Nu aus einer hinkenden, gedrückten, trübäugigen Mähre in ein hochgemutes Roß. Mit erhobenem Kopf und Schweif, stolz die schwarze Mähne schüttelnd, wieherte er froh auf und schlug den zweihundert Kilometer langen Heimweg ein, ohne Zögern und Fehlen, obwohl er ihn doch nur einmal gegangen war, und in wenigen Minuten war er außer Sicht.

Die Männer waren wütend. Aber einer von ihnen sprang, ohne ein Wort zu sagen, auf sein Pferd – zu welchem Zweck? Um dem freien Wildfang zu folgen? Reine Tollheit! O nein, er hatte einen besseren Plan. Er kannte die Gegend. Über drei Kilometer der Wegspur nach, keinen halben Kilometer auf dem geraden, wenn auch holperigen Pfad, den er wählte, kam man zur Pantherschlucht. Da mußte Kasta-Kohl hindurch, und als er heranraste, sah er den Mann schon seiner harren. Da schüttelte er zornig den Kopf, drehte auf der Wegspur um, und bald zeigte er auch wieder sein altes Hinken und sein jämmerliches Aussehen. Er wurde in den Kamp getrieben und ließ dort seine Wut an einem harmlosen kleinen Packpferd aus, dem er die Rippen zerschlug.

Das zugedachte Los

Da war das Bärenland, und die Jäger faßten den Entschluß, den gefährlichen Streichen des Wilden ein Ende zu setzen und aus ihm nun den einen erwarteten Nutzen zu ziehen. Ihn zu fangen, wagten sie nicht; es war tatsächlich nicht geraten, sich ihm zu nähern, aber zwei von den Führern trieben ihn zu einer abgelegenen Talschlucht, die von Bären wimmelte. Ein Gefühl des Mitleids überkam mich, als ich das schöne, unbändige Geschöpf sich scheinbar hinkend entfernen sah.

»Kommen Sie nicht mit?« fragte der Führer.

»Nein, ich will ihn nicht sterben sehen«, antwortete ich. Als dann Kasta-Kohl kopfschüttelnd verschwunden war, rief ich: »Sagen Sie, können Sie mir nicht die Mähne und den Schweif mitbringen, wenn Sie zurückkommen?«

Nach einer Viertelstunde wurde ein Flintenschuß hörbar, und im Geiste sah ich den stolzen Kopf und die herrlichen Glieder schlaff und matt dahinsinken und den unheimlichen Weg alles Fleisches gehen. Armer Kasta-Kohl, er konnte das Joch nicht ertragen. Widerspenstig bis zum Ende, hatte er gegen das Los aller seinesgleichen angekämpft. Mir schien es, als lebte der Geist eines Adlers oder eines Wolfs hinter den großen, glänzenden Augen und beherrschte sein ganzes eigenwilliges Dasein.

Ich versuchte, meine Gedanken von dem tragischen Ende loszureißen und hatte damit nicht lange zu tun, denn nach einer knappen Stunde kamen die Männer zurück.

Die lange Wegspur hinab hatten sie ihn nach Westen getrieben; da konnte er seitwärts nicht entweichen. Er mußte vorwärts, dessen waren seine Treiber sicher.

Immer weiter hatte er sich von seiner alten Heimat am Bitterwurzelfluß entfernt. Und nun war er über die hohe Wasserscheide gegangen und folgte der schmalen Wegspur, die zum Bärental und hinauf zum Lachsfluß führt und immer weiter fort zu den offenen Ebenen Kolumbias, kläglich hinkend, als wüßte er, worum es sich handelte. Von seinem schimmernden Fell wurde das goldene Sonnenlicht noch reicher zurückgestrahlt als es darauf fiel, und die Männer folgten ihm wie der Henker dem verurteilten Edelmann – die schmale Wegspur hinab bis sie auf eine kleine Biberwiese mit üppigem Graswuchs, einem lieblichen Bergbach und vielen am Wasser auf und ab laufenden Bärenfährten mündete.

»Jetzt wird's reichen«, sagte der Ältere.

»Ja doch, hier gibt's sichern Tod oder eine glatte Niete«, sagte der andere zuversichtlich, und als der Hinkende mitten auf der Wiese stand, pfiff er kurz und scharf. Sofort spitzte Kasta-Kohl die Ohren. Er drehte sich und wandte sich seinen Peinigern zu, sein edles Haupt emporgereckt, die Nüstern gebläht: das Bild eines schönen, ja, vollkommenen Pferdes.

Die Flinte hob sich; das Gehirn war ihr Ziel, gerade die Stelle, wo Augen- und Ohrenlinie sich kreuzen; das versprach raschen, schmerzlosen Tod.

Der Schuß krachte. Das große Tier wandte sich und flog davon. Es mußte sofortiger Tod oder ein Fehlschuß sein! Es war ein Fehlschuß.

Fort stürzte das wilde Pferd mit seiner besten sieghaften Schnelligkeit – nicht seiner östlichen Heimat zu, sondern westwärts, die unbekannte Wegspur entlang, weiter, immer weiter; die Fichtenwälder deckten es, und der Schütze dahinten suchte vergebens die leere Patronenhülse aus dem Lauf zu bringen.

Die Wegspur hinunter lief Kasta-Kohl mit instinktiver Sicherheit und weiter durch die Fichten; dann übersprang er einen Sumpf, und eine Stunde später patschte er durch das helle Klarwasser und weiter einer unbekannten, feinen Stimme nach, die ihm aus dem fernen Westen entgegentönte. Und so ging es vorwärts, bis die Krüppelfichten strauchartigen Zedern Raum gaben und diese sich mit Salbei mischten, und noch weiter, bis die ferngelegenen Ebenen des Lachsstroms ihn umfaßten. Immer noch rannte der scheinbar Unermüdliche vorwärts über den Cañon des mächtigen Schlangenstroms hin und wieder hinauf zu den Hochebenen, wo es keinen Drahtzaun mehr gibt, hinauf über den Büffelhügel, bis seine scharfen Augen am fernen Horizont bewegliche Punkte sahen, und als er näher kam, da eilten sie von beiden Seiten herbei, drehten sich um und blickten ihn an. Er hob seine Stimme und begrüßte sie mit einem langen, schrillen Wiehern, wie es einst seine Stammesgenossen auf der fernen Ebene von Chaldäa ausstießen; und ihre Antwort blieb nicht aus. Hier herum und dort herum wandten sie sich in eiligem Trab, und Kasta-Kohl kam noch näher, wieherte aufs neue und gab die seinen Artgenossen bekannte Losung, bis sie sicher waren, daß er einer der Ihrigen sei: ein wildes freies Blut, niemals vom Menschen gezähmt. Und als die Nacht sich niedersenkte auf die purpurne Ebene, da hatte er seinen Platz in der Herde wie einer, der nach langer, beschwerlicher Irrfahrt seine Heimat wiedergefunden hat.

Dort kann man ihn noch sehen, denn seine Kraft ist noch ungebrochen und seine Schönheit nicht gemindert. Wie mir die Reiter erzählen, haben sie ihn bei Ledra oft zu Gesicht bekommen. Er ist schnell und stark unter den Schnellen; aber was ihn von fern kenntlich macht, das ist seine kohlschwarze fliegende Mähne und sein kohlschwarzer Schweif.

Dort, auf den wilden, freien Salbeiebenen, ist sein Aufenthalt. Der Sturm peitscht nächtens sein glänzendes Fell, und winterliches Schneetreiben setzt ihm zuweilen schwer zu; gierigen Wölfen fallen die Schwachen zum Opfer, und im Frühjahr fordert wohl auch der gewaltige Grisly seinen Tribut. Da gibt es keine üppigen, reich bewässerten Wiesen, keine Körnernahrung; nichts als hartes Wildheu, Wind und weite, weite Ebenen; aber hier fand er wenigstens das eine, wonach er lechzte und das alles übrige aufwog. Möge er lange streifen – das ist mein Wunsch –, damit ich ihn noch einmal wiedersehen kann in der ganzen Pracht seiner Schnelligkeit, mit seiner schwarzen Mähne vor dem Wind, ohne Sporennarben in den Flanken und in den Augen das flammende Licht, das sich in den Augen seiner Vorfahren entzündete, als sie die arabischen Wüsten durchjagten, schneller als die Raubtiere und die flüchtige Gazelle, ja selbst als der rasende Sandsturm, der alles andere überholt.

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