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Die schöne Lotti und andere Damen

Adam Müller-Guttenbrunn: Die schöne Lotti und andere Damen - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
titleDie schöne Lotti und andere Damen
authorAdam Müller-Guttenbrunn
year1920
publisherWiener Literarische Anstalt
addressWien / Berlin
pages3-7
created20040720
sendergerd.bouillon
firstpub1920
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Wenn's die Mütter eilig haben

Es war im Juni. Ich wollte an meinem Schreibtisch sitzen bleiben wie jeden Tag, aber es litt mich nicht, mir war, als ob mein Geist stumpf geworden wäre für das Alltagswerk. Die Sonne lachte heute so festlich und so übermütig zugleich zu meinen offenen Fenstern herein und die frisch begossenen Blumentöpfe auf demselben dufteten so ungewöhnlich; der Kanarienvogel meiner Nachbarin, einer dunkeläugigen Witwe, die des Abends oft so tief aufseufzte, wenn sie wie ich einsam in den Mond blickte, und die bei Tag jeden Versuch, sie zu grüßen, kalt abzulehnen wußte, der Kanarienvogel dieser Witwe zwitscherte heute noch viel heller und munterer als sonst, auf der Straße aber war es so still. Schon am Morgen hatte ich gemerkt, daß mein Stubenmädchen hurtiger aufräumte und ihre Schürze war mir viel weißer vorgekommen als gewöhnlich; selbst die Lämmerwölkchen, die ich jetzt in dem tiefen Blau des Stückchens Himmel schwimmen sah, das meinem Blick erreichbar war, schimmerten so eigen in ihrem silbernen Glanze. Es lag etwas Befreiendes in der Luft, so eine Stimmung, die einem das Gewöhnliche verleidete, und ich kam endlich auf den Gedanken, daß heute wohl ein besonderer Tag sein müßte. Ja, endlich merkte ich, daß es Sonntag war. Es ist doch etwas eigenes um den Zauber dieses Tages, der die arbeitenden Menschen von den Fesseln der Alltäglichkeit befreit und seine stille Macht übt auch an den einsamsten und verschlossensten. Durch irgendeine Ritze dringt der Glanz des Sonntags in die düsterste Zelle und schon das Bewußtsein, heut ist Sonntag, erhellt dem Volksgemüt den trübsten Tag. Nur ein Griesgram verleugnet den Sonntag und weist ihn von der Schwelle.

Und man sagte damals, ich wäre ein solcher. Was ging mich einsamem Junggesellen, dem jeder Tag gleichwertig war, dem nie ein Geburts- oder Namenstag verschönt wurde, der selbst am Weihnachtsabend daheim ein Buch las oder hinter einer Zeitung im Kaffeehaus saß, was kümmerte mich dieser Sonntag? Ich ging mißmutig zu Tisch, früher als sonst. Auf der Ringstraße herrschte buntes Leben, die Menschen flogen nach allen Richtungen der Windrose aus. Während ich aß, zogen wohl Tausende zu Wagen, zu Pferd und zu Fuß an dem Restaurant vorüber, ganze Familien, auch steifbeinige Hagestolze und aneinandergeschmiegte Liebespaare. Ich fühlte, daß auch ich allmählich von dem allgemeinen Fieber ergriffen wurde. Der Gedanke, jetzt an meinen Schreibtisch heimzukehren, war mir unsäglich widerwärtig und ich beschloß, eine mir befreundete reichsdeutsche Familie auf dem Lande zu besuchen.

Ich benützte die Pferdebahn bis zur Endstation in Döbling und ging dann zu Fuß. Der Weg erfrischte mich trotz seiner landschaftlichen Reizlosigkeit, trotz der großen Hitze, und ich war froh, der Stadt entronnen zu sein.

Ich traf die Familie, die eine ganze Schar Gäste hatte, bei der Jause im Garten, beim Kaffee. Es waren zumeist Bekannte, was noch nicht bekannt war, wurde vorgestellt, und ich saß bald im Kreise und erhielt ebenfalls mein Schälchen gefüllt. Das hübsche Landhaus lag in der Mitte eines Gartens, auf einer Anhöhe fast am Ende des langgestreckten Ortes, und an dem hölzernen Gittertor, das von der Straße in den Garten führte, flutete die ganze sonntägliche Volksbewegung vorüber, die sich aus Wien hieher ergoß, Man saß hier ganz gemütlich im Schatten des Nußbaumes und sprach über dies und jenes. Von neuen Theaterstücken und von Politik, von Musik, von Büchern, von der Freude des Landlebens, von der Hitze in der Stadt und von den Weltübeln im allgemeinen. Mir gegenüber saß die Professors-Witwe Petersen. Von ihren fünf Kindern tollten drei mit denen des Hauses im Garten umher, das vierte und fünfte, die sechzehn- und siebzehnjährigen Töchter Alma und Käthe, tuschelten am unteren Ende des Kaffeetisches mit einem jungen Manne, dem gerade der erste Flaum über den Lippen anzufliegen begann. Die Mutter Petersen liebte es, den Ellenbogen des rechten Armes auf die Fläche der linken Hand zu stützen und das seitlich geneigte Haupt an die rechte Hand zu lehnen. So saß sie wie sinnend da. Aber sie hörte aufmerksam zu, sie seufzte, nickte, schlug die wasserblauen, schwimmenden Augen zum Himmel empor, oder sie verwunderte sich so sehr, daß ihre Arme auseinander flogen und sie ein langgezogenes Oh – oh! zwischen die Reden warf, das stets in einer Atemnot gipfelte. Selbst zu reden oder etwas zu erzählen dünkte ihr meist überflüssig. Von ihren Verhältnissen sprach sie stets nur in Ausrufungssätzen. Da erzählte eine junge Ehefrau von ihrer Hochzeitsreise in Italien und schloß: »Kennen Sie Italien, Frau Professor?« »Ach, was haben wir für Reisen gemacht! Ich und mein Mann! Rom! Neapel! Pompeji!« Damit war sie fertig und die junge Frau schwieg betroffen. Ein Besuch von jenseits des Kahlenberges rühmte seinen schönen Sommeraufenthalt. »Wohnen Sie auch auf dem Lande, Frau Professor?« »Ach! Was haben wir für ein Gut! In Deutschland! Am Rhein!« Und sie schwieg. Der Mann schaute sich verlegen um, als ob er fragen wollte, ob er denn etwas so Dummes gesagt hätte.

Ich hatte den Professor, ihren Gatten, gekannt. Er war ein schlichter Mann und deutete niemals an, daß er's dick habe. Auch seine Frau erschien mir bei Lebzeiten ihres Mannes weniger großsprecherisch. Ihre beiden ältesten Töchter, die schon genannte Alma und die etwa siebzehnjährige Käthe, waren damals nicht daheim und es gab nicht den geringsten geselligen Verkehr im Hause. Jetzt schien das anders zu sein. Wenigstens deuteten mehrfache Ausrufungssätze der Frau Professor darauf hin, daß sie »ein Haus machte«.

Nach dem Kaffee begab sich die Gesellschaft in den oberen Garten. Ich schloß mich der Jugend an, die im unteren blieb und allerlei Unsinn trieb. Namentlich mit Alma wollte ich reden, der ich erst heute war vorgestellt worden und welche die Nennung meines Namens mit einem lauten »Ach!« begleitete. Sie war eine schlank aufgeschlossene Mädchenknospe mit hellen Augen und glänzendem kastanienbraunen Haar. Und fröhlich und munter schien sie zu sein wie eine Lerche. Sie plauderte allerliebst. Im Institut war es ihr so gut ergangen, »sie habe so vielerlei lernen dürfen«, sagte das Professorenkind. Jetzt aber sei es Ernst mit dem Leben, ganz abscheulicher Ernst.

Ich lachte hell auf und sie sah mich verdutzt an.

»Ja, ja! Da hat so eine Gesanglehrerin meine Stimme entdeckt und ich soll nun durchaus eine berühmte Wagnersängerin werden.«

»Oh!«

»Oder ich muß heiraten.«

»In der Tat, Fräulein, eines so abscheulich wie das andere. Und wen sollen Sie denn heiraten?«

»Ja« – und sie lächelte halb übermütig, halb betrübt – »das wissen wir noch nicht.«

Ich lachte wieder, sie aber lenkte plötzlich in einen Seitenpfad ab und rief:

»Welch himmlische Rosen! Haben Sie ein Taschenmesser?«

»Gewiß!« Und ich reichte es ihr.

Sie griff in den Rosenstrauch und sogleich erfolgte ein wahrhaft walkürenhafter Aufschrei. Weit streckte sie die Linke von sich und das Blut troff von ihrer Hand herab in den weißen Sand. Zuerst erschrak ich nicht wenig, als ich aber sah, daß sie sich bloß in den Finger geschnitten, griff ich nach meinem Taschentuch, drückte es auf die kleine Wunde und preßte den verletzten Finger fest zwischen den Daumen und Zeigefinger meiner Rechten.

»Ihr garstiges Messer!« sagte sie schmollend.

»Ich werde es nie wieder einer ungeschickten jungen Dame leihen.«

»Das hat etwas zu bedeuten«, sagte sie, mich voll ansehend, nach einer Pause. »Wir kennen uns kaum, und schon fließt Blut zwischen uns.«

»Rosenblut!« parodierte ich.

»Ach, Sie können doch gar nicht ernst sein. Ich glaube, Sie bedauern mich nicht einmal. Sind Sie ein kalter Mensch?«

»Ein Eisklotz! Und unerhört mißtrauisch.«

»Wirklich?« Sie lachte hell und fügte hinzu: »Am Ende glauben Sie gar nicht, daß ich mich geschnitten habe?«

»Das muß ich wohl.«

»Aber an Vorbedeutungen glauben Sie nicht?«

»Durchaus nicht.«

»Na, na, denken Sie an diese Rose. Sehen Sie, sie hängt ganz lose, der Stiel ist durchschnitten. Können Sie sie herablangen?«

»Ich muß jetzt Ihren Finger noch ein wenig halten.«

»Ach so! Dauert das noch lange?«

»Ist es Ihnen unangenehm, Fräulein?«

»Nee.« –

»Warum sagen Sie das im Dialekt?«

»Ja, das weiß ich nicht. Sie fragen ein bißchen viel. Geben Sie mir lieber die Rose.«

Ich ließ ihren nach aufwärts gewendeten Finger, der ganz blutleer geworden, los, langte nach der Rose und reichte sie ihr. Dann hob ich mein Messer aus dem Sande auf, denn Alma hatte es fallen gelassen.

»Schenken Sie mir dieses Messer«, bat das Mädchen.

»Aber Fräulein! Was fällt Ihnen ein? Ich werde doch einer jungen Dame nicht ein so scharfes Instrument schenken.«

»Sie sind also doch ein wenig abergläubisch?«

»Nein – hier ist das Messer.«

»Und hier, mein Herr – die Rose.«

Sie lachte wie ein Kobold und hüpfte davon. Ich stand, die Rose in der Hand, mit ziemlich gemischten Gefühlen da. War das naiv oder kokett, kindisch oder berechnet?

Als ich mich wieder zur Gesellschaft begeben hatte, fiel jedermann die Rose in meinem Knopfloch auf. Die Hausfrau, eine prächtige Dame aus Pommern, rief schon von weitem: »Nanu, Herr Robert, Sie sehen man aus wie 'n Bräutigam!« Alma aber, die bereits zwischen ihrer Mutter und der Hausfrau stand, blitzte mich mit ihren hellen Augen so eigen an. Der Vorfall erschien ihr offenbar als ein ganz großartiges Abenteuer und sie tat sich etwas zugute darauf, mit einem Manne ein Geheimnis zu haben. Ihre Mutter lächelte ebenfalls ganz merkwürdig, so daß ich einen Augenblick glaubte, Alma hätte den Vorfall erzählt. Aber da niemand davon sprach, durfte auch ich es nicht tun. Und doch drückte es mich, im Verdacht zu stehen, als ob ich mir mutwilligerweise erlaubt hätte, eine der vom Hausherrn selbst gezogenen schönen Rosen abzubrechen. Was man Alma verziehen hätte, sah bei mir gewiß aus wie eine Dreistigkeit.

Nach dem Abendbrot, das ein durchaus norddeutsches Gepräge hatte, kehrten wir, die Gäste, gemeinsam nach Wien zurück. Bis nach Döbling gingen wir unter allerlei munteren Gesprächen zu Fuß, von dort benützten wir die Pferdebahn. Und weiß Gott, wie es gekommen, Alma und ich waren immer beieinander. Als wir in die Pferdebahn stiegen, schien es mir, als ob ihre Mutter uns mit Absicht zusammensetzte. Alma erzählte mir allerlei Schnurriges aus ihrem Pensionsleben, sie sprach von ihren Neigungen und Bestrebungen. Käthe wolle Lehrerin werden, sie aber tauge weder dafür, noch für das Theater. Am liebsten würde sie reisen. Eine Hochzeitsreise rund um die Erde, das wäre ihre Passion.

»Darf Mama Sie einladen? Werden Sie uns besuchen?« sagte sie plötzlich, als wir knapp vor dem Abschiednehmen standen.

»Gerne werde ich kommen, mein Fräulein.«

»Und wenn Sie einmal zufällig in die Schottengasse geraten, da werfen Sie einen Blick in die Höhe zu den Fenstern meiner Professorin. Dort übe und quäle ich mich, um berühmt zu werden.«

»Haben Sie oft Stunde?« fragte ich gleichmütig.

»Ach« – sie blinzelte mich an und sprach plötzlich gedämpfter als bisher – »Sie möchten mich wohl einmal von dort nach Hause begleiten? Jeden Mittag um 1 Uhr habe ich ganz allein den weiten Weg von der Schottengasse nach der Landstraße zu machen, wo wir wohnen. Ich gehe immer über die Freyung.«

Das war deutlich. Ich versprach, es nicht zu vergessen und verabschiedete mich. Nach Hause begleitete ich die sechsköpfige Familie nicht, das überließ ich zwei jungen Herren, die zur Gesellschaft zählten. Die Mama lud mich, und ich hatte genau aufgepaßt, ohne daß Alma vorher ein Wort mit ihr darüber hätte sprechen können, dringend zu Besuch. Hatte das Mädchen ihr diesen Wunsch schon früher ausgesprochen? Tat die Frau Professor es aus eigenem Antrieb?

Das Mädchen hatte keinen durchaus unbefangenen und befriedigenden Eindruck auf mich gemacht. Aber es war doch ein hübsches, lebhaftes Kind, und der Gedanke, mit ihm manchmal zu plaudern, eröffnete die Aussicht auf angenehme Stunden. Der Schottengasse aber wich ich um die Mittagsstunde jetzt stets ängstlich aus. Je mehr ich mir's überlegte, desto weniger passend fand ich eine Fortsetzung meines Verkehrs mit Alma auf solchen Wegen. Ich wollte keine Heimlichkeiten mit ihr und beschloß, alles zu vermeiden, was ihrer Sucht nach geheimnisvollen Beziehungen Nahrung zuführen konnte. Sobald es mir passen würde, wollte ich die Familie besuchen, aber auch das hatte keine Eile.

Wochen vergingen, dann trat ich meinen Urlaub an und kam erst im September wieder zurück. Ich machte wieder einen Besuch bei der mir befreundeten reichsdeutschen Familie auf dem Lande, und da sagte mir die Hausfrau, daß Fräulein Alma sich außerordentlich wundere, mich seit jener Begegnung im Juni nicht wieder gesehen zu haben. »Petersens haben jetzt einen Jour. Gehen Sie nur bald einmal hin.« Das erleichterte die Sache allerdings und ich ließ mich nicht länger mahnen. In einem Hause, das seinen Empfangstag hat, konnte man ja ohne weiteres verkehren, das verpflichtete zu nichts.

So ging ich denn hin. Die freudige Überraschung, die mein Erscheinen hervorrief, war groß. Die Mutter, die etwas mangelhaft frisiert war, fühlte sich sehr geehrt und verschwand, Käthe schoß von einem Zimmer in das andere und las Hüte, Jacken und Schulhefte auf, die überall herumlagen, Alma aber ließ ihre schmale Hand in der meinen ruhen und sah mich lange und forschend an.

»Nach drei Monaten?« sagte sie und ihr tiefer Alt klang wunderbar. Es lag mir aber zu viel Pathos in dieser Begrüßung und ich machte ihr durch einen Scherz ein Ende. Auch blieben wir nicht lange allein. Es kamen allerlei Leute, der Herr Nachbar X. mit seiner Frau, die Rechnungsrätin Y. und der Hausherr Z. mit seinem Sohn. Auch die zwei jungen Herren, die im Juni dabei waren, erschienen, und sie begrüßten mich wie einen alten Bekannten. Man setzte sich alsbald an eine lange Tafel und es wurde von der flachsblonden, stillen Käthe eine üppige Jause aufgetragen. Eine Fülle von Backwerk und Süßigkeiten bedeckte den Kaffeetisch, aber der Kaffee wurde aus Schalen getrunken, die verschiedenen Servicegattungen angehörten. Der schwarze Kaffee war in einer hohen weißen Kanne aufgetragen worden, das Obers aber in der eisernen »Rein«, in der es abgekocht wurde. Alma hatte mich heimlich gebeten, mich ja neben sie zu setzen und ich tat es gern, denn ich wußte mit niemandem sonst ein Wort zu sprechen. Das Backwerk, Gugelhupf, Torten und dergleichen, verschwand rascher als ich es für möglich gehalten hätte und dann wurde ein Spiel arrangiert, bei welchem man sehr viel lachte, dazu wurde Wein getrunken, guter Rotwein. Ich wollte am selben Abend noch in die Oper und mußte mich empfehlen. Die Mama, Käthe und Alma geleiteten mich bis zur Tür. Als ich im Vorzimmer schon den Überrock angelegt hatte, schoß Alma heraus, tat überrascht, daß ich noch hier sei, drückte mir kräftig die Hand, sah mich von unten herauf recht eindringlich an und sagte: »Nicht wieder drei Monate warten lassen, bitte, bitte. Und singen lernen geh ich noch immer.« Damit verschwand sie in der Küche.

Der Weg zur Oper war weit und ich hatte Zeit, die empfangenen Eindrücke zu überdenken. Wieder waren sie nicht ungetrübt günstig und doch gefiel mir das Mädchen auch heute noch. Alma war voll Anmut, und so frisch, so jung. Aber ein bißchen zu sehr – wie soll ich sagen? verliebt; vielleicht ein wenig aufdringlich. Doch meine Eigenliebe nahm sie gegen solche Vorwürfe sogleich wieder in Schutz, denn daß sie mit einem Anderen so gewesen wäre, wie mit mir, das konnte ich nicht behaupten. »Sie wird eben ein bißchen verbrannt sein in dich«, sagte ich mir. Ganz zuletzt fiel mir ein, was mich am meisten gestört hatte an Alma. An dem Kleid, das sie getragen, fehlte ein Knopf und eine Stecknadel ersetzte ihn. Der Stoff war an jener Stelle ganz zerstochert. Die Nadel ersetzte den Knopf wohl schon lange . . .

Ich fand mich nun in Zwischenpausen von drei bis vier Wochen immer wieder bei den »Jours« der Familie Petersen ein. Aufrichtig gesagt, interessierte mich niemand dort außer Alma und auch sie gefiel mir nur, sie fesselte mich nicht. Die Freunde der Familie standen sämtlich unter dem Bildungskreise des Professors Petersen, den ich gekannt, und von dem Toten wurde nie ein Wort gesprochen. Erst allmählich merkte ich, daß keiner von den regelmäßigen Gästen des Hauses den Verstorbenen gekannt. Das waren alles neue Freunde. Die Frau Professor gestand mir ganz offen, daß ihr Mann für ihre geselligen Bedürfnisse nie ein Verständnis hatte; sie habe in dem gastfreundlichen, gemütlichen Wien jahrelang geistig gedarbt neben dem Professor, jetzt aber wolle sie sich allmählich einen Kreis von Freunden schaffen. Und das sei gar nicht so leicht, denn alle die, welche bei Lebzeiten Petersens gerne mit ihnen verkehrt hätten, wenn ihr Mann gesellig gewesen wäre, sie alle kümmerten sich um die Witwe mit ihren fünf Kindern nur wenig oder gar nicht. Sie müßte also mit einem Umgang von geringerem Bildungsgrad vorlieb nehmen und sie sei mir ganz besonders dankbar, daß auch ich manchmal komme.

Die neuen Freunde der Familie, die mich ein- oder das anderemal vom Professor reden gehört hatten, hielten mich wahrscheinlich für einen alten Freund des Hauses. Wenn ich eintrat, erhoben sie sich, als ob ich zur Familie zählen würde und es war gewissermaßen selbstverständlich, daß Alma sich stets sofort an mich anschloß und für den Abend ganz mir gehörte. Ich war eine Respektsperson für die Gesellschaft, ohne zu ahnen warum. Alma hatte mir stets tausend Dinge zu erzählen und ihre Art brachte es mit sich, daß sie mir so manches davon ins Ohr flüsterte, was sie ganz offen hätte sagen können. Ihr machte das Spaß und mir war es auch nicht unangenehm. Die zwei Jünglinge, die unzertrennlich vom Hause schienen, beneideten mich ganz augenscheinlich um die Vertraulichkeiten mit Alma, und die Rechnungsrätin Y. lächelte mich einmal mit einer Verschmitztheit an, daß ich über die Gedanken, die sie sich über mich und Alma machte, ganz im klaren war. Was ging es mich an, was die Alte sich dachte? Ich fühlte, daß ich durch nichts Veranlassung gegeben zu solchen Gedanken und das genügte mir. Aber ich wollte nun doch einmal eine größere Pause zwischen meinen Besuchen eintreten lassen. Das unvorsichtige Mädchen sollte nicht ins Gerede kommen mit mir. Und ich blieb vier Wochen aus. Da kam ein Brief von Mama, was es denn wäre mit mir. Alma sei sehr besorgt, sie bilde sich ein, ich sei krank.

Dem konnte ich nicht widerstehen. Als ich diesmal hinkam, fand ich auch das befreundete Ehepaar dort, in dessen Hause ich Alma zuerst begegnet war. Das war mir sehr lieb und ich hielt mich diesen Abend ganz und gar an das liebenswürdige Frauchen, eine gar gescheite Pastorstochter aus Stolp, mit der sich trefflich plaudern ließ. Alma schien etwas zu schmollen. Nach der Jause wurde wieder ein Spiel arrangiert und die Jugend unterhielt sich trefflich. Plötzlich ging die Sache in ein Pfänderspiel über und wir älteren Leute – ich zählte schon dreißig – wurden auch mit hineingezogen. Das erste Pfand holte sich Alma. Was sollte sie tun? In einen Brunnen fallen. Wie tief? Drei Klafter. Wer sollte sie daraus erlösen? Eine spannungsvolle Pause folgte und Alma nannte meinen Namen. Ich war nie ein Spielverderber, ging hin und küßte die Kniende dreimal auf den Mund – damit war sie erlöst. Die Wiener Gesellschaft lachte, Alma errötete, das Frauchen aus Pommern sprang von ihrem Sitze auf und rauschte in das Nebenzimmer. Ihr Mann folgte, die Frau Professor ebenfalls und Alma wurde vom Spiel, das seinen Fortgang nahm, abberufen. Die Spielenden achteten nicht sonderlich auf diese Vorgänge, ich aber bemerkte sie gar wohl. Und ich stand zufällig nahe an der Tür, die offen blieb. Da hörte ich staunend, in gedämpfter Entrüstung eine Flut von Fragen auf das Mädchen einstürmen: »Bist du verlobt mit ihm?« »Wird er dich heiraten?« »Wie kannst du dich küssen lassen?«

»Aber Kind,« sagte der Mann, »das ist mal hier so Sitte.«

»Ich habe nie einen anderen Mann als dich geküßt. Du bist der Vormund Almas, rede mit Herrn Robert.«

Ich sah unwillkürlich nach der Ausgangstür.

Wispernd, mit einem Strom von beschwichtigenden Zischlauten mischte sich jetzt die Frau Professor in das Gespräch und die Gemüter beruhigten sich, ohne daß ich ein weiteres Wort verstanden hätte. Eines nach dem andern erschien unbefangen wieder und sah dem Spiele zu, alt und jung küßte sich lachend, ohne irgendein Arges dabei zu denken.

Das Frauchen aus Pommern aber schüttelte fortwährend den Kopf über diese Sittenlosigkeit.

Endlich brach man auf und ich war unter den ersten, die gingen. Als das kleine Frauchen sich von Alma verabschiedete, küßte sie das Mädchen ganz feierlich und sagte: »Ich wünsche dir Glück dazu!«

Mir reichte sie die Hand mit den Worten: »Das hätten Sie man nicht tun sollen.«

»Was, gnädige Frau?«

»Na, Sie verstehen schon. Aber wenn es so ist, wie die Mama sagt . . . Gut' Nacht.«

Mich überlief es kalt. Ich war also so gut wie verlobt mit Alma? Mit welchem Recht? Was, zum Kuckuck, hatte ich getan? Weil ich mich nötigen ließ, dieses Haus fünf- oder sechsmal zu besuchen, wäre ich der Ehe verfallen? Nee, sagte ich mir, da spiele ich nicht länger mit. Und kurzen Grußes ging ich von dannen.

Es war Fasching geworden und ich erhielt von der Mama stets eine Einladung für jene Bälle, welche sie mit Alma besuchte. Das war ganz gut, denn so wußte ich, wo ich nicht hingehen durfte. Ich meldete mich bei Petersen stets krank. Einmal schrieb mir Mama, Alma habe in den Blumensälen auf dem Roten-Kreuz-Ball wahre Triumphe gefeiert, ein Stabsoffizier habe sieben Touren mit ihr getanzt und ihr heute ein Bukett gesandt. Nun antwortete ich überhaupt nicht mehr. Dem Glücke Almas durfte ich nicht hinderlich sein. Gerne hätte ich ihre holde Gestalt einmal im Ballkleid gesehen, doch ich versagte es mir. Ich hatte im Grunde gar nichts gegen die Ehe, aber mit solcher Selbstverständlichkeit wollte ich meine Schicksalsfäden nicht von anderen Leuten spinnen lassen, dazu war ich zu alt geworden. Und ich zog resolut den Kopf aus der Schlinge.

Im darauffolgenden Sommer machte ich wieder einmal einen Besuch bei jener Familie auf dem Lande. Ich wurde kühl, aber nicht unfreundlich empfangen. Im Laufe des Tischgespräches erfuhr ich ganz zufällig, daß Petersens kürzlich ganz auf ihr kleines Gut am Rhein übersiedelt wären und daß Alma sehr, sehr krank gewesen.

»Was hat ihr denn gefehlt?« fragte ich voll wahrer Teilnahme.

Die Frau des Hauses sah mich mit einem unbestimmten Lächeln an. »Was ihr gefehlt hat?« fragte sie gedehnt. »Hm.« Und sie wendete sich zu ihrer Nachbarin und sprach von der Dienstbotenmisere und den Eierpreisen.

Still und nachdenklich trat ich den Heimweg an, den ich vor einem Jahre so fröhlich mit Alma verplaudert. Es war also doch keine bloße Komödie? Wenigstens von Almas Seite nicht? »Die Arme!« Ihre Mutter hatte es aber auch gar zu eilig.

Ich verkehre noch heute in jenem Hause, wo ich Alma zum erstenmal gesehen, aber man spricht nie mit mir von ihr und ich weiß nicht, ist sie berühmt oder geheiratet worden.

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