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Die schöne Lotti und andere Damen

Adam Müller-Guttenbrunn: Die schöne Lotti und andere Damen - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
titleDie schöne Lotti und andere Damen
authorAdam Müller-Guttenbrunn
year1920
publisherWiener Literarische Anstalt
addressWien / Berlin
pages3-7
created20040720
sendergerd.bouillon
firstpub1920
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Die schöne Lotti

Ein schwarzgerändertes Blatt aus weiter Ferne. Eine Todesanzeige.

Also war auch sie dahin. Und das Geheimnis ihres Lebens hat sie wohl mitgenommen in das Grab. Die Anzeige ihres Todes ist von keinem Familienangehörigen gezeichnet, nur »eine Freundin« gibt Nachricht von ihrem erfolgten Ableben. Und auch das Alter der Verstorbenen ist nicht angegeben. Merkwürdig. Sonst zieht der Tod selbst von diesem letzten Schlupfwinkel weiblicher Eitelkeit den Schleier hinweg; hier geschah es nicht. Die diskrete Freundin wußte, was der schönen Frau zeitlebens am schmerzlichsten war, und sie hob auch diesen Schleier nicht. Es lagen ja so viele dichte Gewebe über diesem Leben, daß es auf eines mehr oder weniger nicht mehr ankam.

Die Frage, wie alt sie wohl gewesen sein mochte, läßt mich aber nicht mehr los, seitdem das Trauerblatt im Hause ist, und sie rollt an einem langen Faden einstige Erlebnisse in Bildern vor mir auf.

Meine erste Begegnung mit der schönen Frau entbehrte nicht eines komischen Beigeschmacks, und doch hatte sie etwas Romanhaftes an sich. Ich war als junger Fuchs zu einer kleinen Staatsanstellung in L. gekommen und dünkte mich ein Gott in meiner neuen Würde. Im Amte machte ich nach und nach allerlei Bekanntschaften mit Kollegen. Die ledigen zogen mich in ihre Wirtshausgesellschaften, die verheirateten luden mich in ihren Familienkreis. Meine Mama hatte mich aber, als ich von Wien fort mußte, gewarnt vor den Einladungen der letzteren Art, denn ich sei, so meinte sie, eine ganz gute Partie und ich möge vorsichtig sein. Den Töchtern meiner Kollegen sollte ich direkt ausweichen, denen meiner Vorgesetzten vom Regierungsrat aufwärts möge ich immerhin den Hof machen, aber nur mit größter Vorsicht. Höflich, zuvorkommend, dienstwillig, aber nur ja nicht vertraulich sollte ich sein. Ein allzu warmer Händedruck, ein unbedachtes Wort könne über mein ganzes Leben entscheiden.

Zunächst sah ich in L. keine Gefahren für mein Seelenheil. Der einzige von den älteren Herren, der sich näher für mich interessierte, war eine etwas komische Figur und er sah mir nicht danach aus, als ob er gefährliche Töchter hätte. Es war der Offizial Franz Jakob Kargl. Er führte das Einreichungsprotokoll und wußte alles im Hause. Darum behandelten ihn auch alle gut, obwohl sie sich heimlich lustig über ihn machten.

Herr Kargl war von kleiner, gedrungener Gestalt und so wohl genährt, daß man meinte, die dicken roten Wangen seines bartlosen Faunengesichtes müßten platzen. Seine listigen, dunklen Äuglein wären unsichtbar gewesen, wenn sich nicht die kräftig gezeichneten Brauen über ihnen gewölbt hätten; so klein waren sie.

Und dieser Mann hatte eine schöne Seele. Er führe das Einlaufsprotokoll mit der einen Hand und mit der anderen dichte er, spotteten die Kollegen. Immer lag ein Manuskript in seinem Pult, an dem er schrieb, und sobald ihm ein Kollege in die Nähe kam, hatte Kargl das Bedürfnis, ihm etwas vorzulesen. Er wurde denn auch gemieden und belächelt. Das sah ich. Aber in welchem Grade und warum er eigentlich gemieden wurde, wußte ich noch nicht.

Ahnungslos geriet ich in seine Netze. Und ich fühlte mich geschmeichelt durch sein Vertrauen. Auch fand ich seine dramatischen Versuche gar nicht so übel. Etwas altväterisch kamen mir die Dialoge allerdings vor, aber das erklärte sich vielleicht daraus, daß er zumeist historische Stoffe behandelte. Und es imponierte mir, daß er sich an jedes Thema wagte. Viel später erst gestand er mir, daß die meisten seiner Arbeiten keine Originale wären insofern, als er den Stoff prinzipiell nicht erfinde, sondern immer einem Roman oder einer Novelle entlehne. Von all seinen Stücken, und er hatte damals schon einunddreißig geschrieben, sei nur eines vollständig Original, ein Zauberdrama im Stile Ferdinand Raimunds. Doch das könne er mir im Amte nicht vorlesen. Da müsse ich ihm schon einmal zu Hause das Vergnügen machen.

Eines Tages lief ich ihm auf der Straße direkt in die Arme. Ich war rasch um die Ecke gebogen beim Palais des Fürsten M. und rannte an einen keuchenden, rundlichen Herrn an. Mein flüchtiges »Pardon!« wurde durch den Zuruf erwidert: »So eilig, Herr Kollega?« Da blieb ich denn stehen und plauderte ein paar Worte mit Herrn Kargl. Und er schob seinen Arm unter den meinen und sagte: »Eigentlich könnten Sie mich nach Hause begleiten.«

Mein Bestreben, ihm zu entrinnen, war nicht sehr groß und es hätte auch nichts genützt. So fügte ich mich denn. Daß nun die große Stunde gekommen war, in der er mir sein Originaldrama vorlesen würde, das fühlte ich. Wir gingen nur ein paar Schritte neben einander her, denn ehe ich ihn noch gefragt hatte, wo er eigentlich wohne, bog er schon in ein Haustür mit mir ein. Wir waren zur Stelle.

Als wir im ersten Stockwerke angelangt waren, zog Herr Kargl einen Schlüsselbund hervor und öffnete eine schmale, einflügelige Tür. Da es schon dämmerte, entschuldigte er sich und ging voran, um Licht zu machen. Ich trat hinter ihm in das dunkle Zimmer und er zündete eine Stehlampe an, auf die er sogleich einen grünen Schirm stülpte. Ein schöner Bücherschrank fiel mir zuerst auf in dem halbdunklen Raum und ich trat auf ihn zu. Er enthielt altväterisch gebundene Klassikerausgaben. Den auffallenden Mittelpunkt bildeten zehn rotgebundene Bände Byron.

»Das ist mein Liebling«, sagte Herr Kargl und tippte auf die Glastür des Bücherschrankes. »Byron ist der größte Dichter der Welt!«

Ich opponierte, indem ich ablehnend lächelte. Er aber riß die Schranktür auf und griff einen Band heraus. »Soll ich Ihnen den Childe Harold vorlesen?« Er drückte mir das aufgeschlagene Buch in die Hand und sagte: »Vielleicht lesen Sie einstweilen ein bißchen, ich habe einen dringenden Gang.« Und schon bei der Tür, durch welche wir soeben eingetreten waren, angelangt, rief er zurück: »Aber, lieber Herr Kollega, warum setzen Sie sich denn nicht? Ich bin sogleich wieder hier!«

Als er fort war, besah ich mir den Raum ein wenig näher. Ein ganz stilvoll eingerichtetes kleines Herrenzimmer. Nicht ganz modern, aber gediegen. Ich hatte dergleichen bisher nur in den besten Familien gefunden und gar nicht vorausgesetzt, daß unser Offizial aus dem Einreichungsprotokoll so eingerichtet sein könnte. Eine Tür nach rechts stand offen und sie führte in ein dunkles Zimmer. Ich ließ mich endlich auf dem Sofa bei der Lampe nieder und blätterte über Auftrag des Hausherrn in Childe Harolds Pilgerfahrt. Das war ja nun wirklich kein schlechter Geschmack, diesen Dichter zu lieben. Die Strophen haben einen Wurf . . . herrlich . . .

»François!« rief plötzlich eine melodische weibliche Stimme und ein Lichtstrahl fiel durch eine geöffnete Tür in das dunkle Zimmer nebenan. »Bist du hier, François?«

Ich war in einer lächerlichen Verlegenheit. Sollte ich antworten? Nicht einmal geahnt hatte ich, daß der Mann verheiratet war. Nie kam mir bei seinem Anblick der Gedanke an eine Frau oder eine Familie Kargl. Und das war nun offenbar seine Frau. Ich schwieg und dachte, sie würde sich schon einstweilen beruhigen, wenn sie keine Antwort erhalte. Nun rauschte aber ein Kleid näher und plötzlich stand eine hohe weibliche Gestalt im Rahmen der offenen Tür. Ich erhob mich rasch und die Frau stieß einen Schrei des Entsetzens aus, sie wankte und hielt sich am Türpfosten.

»Ich bin kein Einbrecher, meine Gnädige«, sagte ich und stellte mich als Assistent Fritz Berger und jungen Amtskollegen des Hausherrn vor.

Während sie die linke Hand auf das Herz gedrückt hielt, streckte sie mir die rechte entgegen. Sie stützte sich auf mich und kam näher, um sich auf einen Stuhl niederzulassen.

»Nein, wie ich erschrocken bin!« sagte sie. »Der Schlag könnte einen treffen . . . Wie konnte ich so etwas vermuten?«

Meine Verlegenheit wuchs, als ich diese Frau jetzt vor mir sitzen sah. Sie hatte ein ovales Madonnengesicht, das von dunkelbraunen Haaren eingerahmt war. Über ihre volle Büste floß ein eleganter hellblauer Schlafrock malerisch an ihr nieder, und die Hand, die sie mir gereicht hatte, fühlte sich so weich und gepflegt an, wie die einer Prinzessin. Ich war ganz befangen und brachte kein Wort hervor. Das sollte die Frau meines Kollegen Franz Jakob Kargl sein? Ich konnte es nicht glauben und war gespannt auf die Lösung dieses Rätsels. Sie folgte rasch und war nüchtern genug.

»Mein Mann«, sagte sie jetzt mit weicher Stimme, »hat mir Ihren Namen schon genannt. Sie haben seine ganze Sympathie gewonnen. Er lobt besonders Ihr Verständnis für seine Arbeiten.«

Sie lächelte fein und ironisch, als sie die letzten Worte sprach und blickte mich forschend au. Ich verstand diesen Blick und sagte:

»Ja, ich höre ihn immer mit Interesse zu. Der Gegensatz zwischen seinem eintönigen Beruf und seiner phantastischen Gedankenwelt ist mir merkwürdig. Und er ist so dankbar für jedes Wort der Anerkennung.«

»Ich danke Ihnen, daß Sie ihn nicht verspotten wie die anderen. Er ist ein guter Mensch, wenn auch ein Original.« Sie reichte mir die Hand, drückte die meine und schloß: »Bleiben Sie ihm gut.«

Nun trat Herr Kargl endlich ein. Und er war nicht wenig erstaunt, als er seine Frau neben mir sitzen sah. Sie zankte ihn ein bißchen aus und machte ihm Vorwürfe, daß er mit einem Gast durch seine Junggesellentür eintrete und sie einem solchen Schreck preisgebe. Man lachte über den Zwischenfall und die Dame erhob sich. Sie wolle uns nicht weiter stören, sagte sie, neigte den Kopf und rauschte wie eine Königin davon.

Der Herr Kollege traf mit großer Umständlichkeit die Vorbereitungen zu der beabsichtigten Vorlesung, aber ich hatte keinen Sinn für dieselbe. Mich beschäftigte die Frau, an mir bohrte das Widerspruchsvolle im Leben dieses dicken Männchens mit den kleinen Schweinsäuglein. Er bewirtete mich mit Benediktiner aus einer echten Flasche und verwendete dabei die Gläser eines Likörservices, das einmal ein Ausstellungsobjekt gewesen sein konnte. Und er rauchte Zigarren mit einem Aroma . . . Na, endlich fand ich die Lösung. Der Mann war offenbar sehr wohlhabend, er wurde es vielleicht durch eine Erbschaft, durch einen Haupttreffer, und aus Gewohnheit behielt er seine kleine Amtsstellung bei. Diese schöne Frau wird nicht den Offizial Kargl geheiratet haben, sondern den vermögenden Mann. Wie alt sie wohl sein mochte? Sie hatte mich ganz verwirrt gemacht.

Herr Kargl las. »Schatten« hieß der Titel des Stückes. Aber schon das Personenverzeichnis, das von Feenköniginnen und Geistern wimmelte, prallte ab an mir und als er einen Akt an meine Ohren vorbeigelesen hatte und mich fragte, wie mir sein Stück gefalle, da merkte er, daß ich nicht bei der Sache war. Ich schützte Kopfschmerzen vor und verabschiedete mich.

Herr Kargl ließ mich aber nicht durch seine sogenannte Junggesellentür hinaus, er gab mir das Geleite durch ein geräumiges Speisezimmer, an welches sich ein Salon anschloß.

»Lotti! Lotti!« rief er, »Herr Berger will sich verabschieden.« Und die schöne Frau kam aus einem vierten Wohnraume, der offenbar das Schlafzimmer war, lächelnd herbei.

»Sie gehen schon?« fragte sie und reichte mir die Hand, die ich jetzt küßte.

Als sie da unter dem grellen Lichte des Gaslusters neben ihrem dicken Männlein stand, erschien sie mir wie ein erhabenes Wesen. Aber es kam mir in jenem Augenblick vor, als ob sie um zehn Jahre älter wäre als er. Ihre wohlgepflegte Schönheit täuschte jedoch über diesen Eindruck hinweg, und sie konnte bezaubernd lächeln.

Nach dieser ersten Begegnung mit der Frau meines Kollegen vom Einreichungsprotokoll erkundigte ich mich ein wenig über die Leute. Auch schilderte ich meiner Mama das Milieu derselben in einem ausführlichen Brief. Niemand wollte etwas Näheres wissen. Der Kollege Kargl sei vor etwa acht Jahren aus Wien hieher versetzt worden und habe seine Frau von dort mitgebracht. Kein Mensch kenne ihre Familie. Im Anfang habe sie sehr viel Aufsehen in L. gemacht und die Frauen fast noch mehr beunruhigt als die Männer, denn sie sei immer allein spazieren gegangen, man wußte lange gar nicht, daß sie verheiratet war. Es war ihr aber nichts nachzuweisen, sie gab dem Klatsch keine Nahrung. Die Offiziere liefen ihr lange nach, aber schließlich ließen sie es sein. Sie galt gar bald als ein Bild ohne Gnade, als eine kalte, gefühllose Schönheit, der die Pflege ihres Teints und die gleichmäßige Erhaltung ihres Körpergewichtes wichtiger war, als irgendein Mann der Welt. Heute sei man so gewöhnt an ihre Erscheinung, daß sie gar niemand mehr auffalle. Mit ihrem Manne sehe man sie freilich nie, aber die Leute sollen ganz gut miteinander leben, obwohl sie so gar nicht zu einander zu gehören scheinen. Was sie für ein Vermögen haben, wisse auch niemand. Aber es sei ganz klar, daß die Frau nicht einmal ihre Schlafröcke von dem Gehalt ihres Mannes bezahlen könne. Im übrigen verkehre man mit ihnen fast gar nicht. Die Frau suche keinen Verkehr und er sei ein halber Narr.

Das alles las ich im Amte auf, bei den Herren Kollegen, und es war mir einstweilen genug. Etwas Schlechtes wußten sie trotz des besten Willens nicht zu sagen und ich verkehrte ganz unbefangen weiter mit Herrn Kargl. Aber nur im Amte. Er sagte nichts von seiner Frau und ich wollte auch nicht von ihr sprechen. Eine unerklärliche Scheu verschloß mir den Mund.

Das Mißverhältnis zwischen den beiden Menschen war ein so himmelschreiendes, daß es in den Augen der Menge nur dadurch überbrückt werden konnte, daß man sie öffentlich niemals nebeneinander sah. Die Frau schien sehr klug zu sein. Wenn die dreimal Arm in Arm mit ihrem Manne über den Hauptplatz von L. geschritten wäre, hätte sie sich hundert Spione auf den Hals gehetzt, denn niemand würde es verstanden haben, wie dieses Paar zusammengekommen war. Man würde das Ungewöhnliche ihrer Erscheinung neben ihm zehnfach stärker empfunden haben. Ihre Zurückhaltung schien mir wohlberechnet zu sein und ich wollte nicht weiter eindringen in ihren Zauberkreis. Denn ein solcher war es, das empfand ich dunkel.

Ich war ein gewitzigter Großstadtjunge, aber solche stilisierte Frauen mit einem unklaren Hintergrund hatten immer eine magnetische Anziehungskraft auf mich ausgeübt. Und einer solchen in dieser Kleinstadt zu begegnen, war mir ganz besonders interessant. Frau Lotti schien meiner erregten Phantasie aus dem Holze geschnitzt zu sein, aus dem die großen Abenteurerinnen gebildet sind, und ich reimte mir einen ganzen Roman zusammen, den ich ihr auf den schönen Leib dichtete. Im stillen bat ich sie wieder um Verzeihung für die Unbill, die ich ihr im Geiste angetan hatte.

Ein Brief meiner Mama bestärkte mich in meinen Phantasien über Frau Lotti. Sie sah sogleich die Sirene in der Frau, die mich an ein gefährliches Gestade locken wolle. Sie habe sich in Wien augenblicklich nach den Leuten erkundigt und mehr erfahren als ich. Vor allem, daß Kargl ganz untergeordneter Herkunft und ohne alles Vermögen sei. Seine Frau soll ehemals die Mätresse irgendeines hohen Herrn gewesen sein, und sie habe in die Heirat mit Kargl nur unter der Bedingung gewilligt, daß er sich von Wien in die Provinz versetzen lasse. Die Ehe wurde erst vor acht Jahren geschlossen. Leute, die sie damals gesehen haben, schätzten sie auf sechsunddreißig. Ihr Trauzeuge war ein Wiener Rechtsanwalt; von einer Familie habe niemand etwas gesehen oder gehört. Sie dürfte eine schöne Jahresrente, aber kein Vermögen haben. Woher? Das sei die Frage! Ein Bekannter behaupte, sie sei einmal ein Makartsches Modell gewesen und habe nur die »schöne Lotti« geheißen. »Vorsicht! Vorsicht, mein Junge!«

Ja, meine Mama war eine weltkundige Frau, die in der Pflege ihrer »Beziehungen« eine der größten Lebensaufgaben sah. Und mit Hilfe derselben hatte sie das alles in drei Tagen erfahren. Ich erschrak über die Fixigkeit dieses Apparates und bedauerte es schon, ihr über die Frau Kargl geschrieben zu haben.

Wie kam die schöne Frau dazu, daß man ohne jeglichen Grund ihr Leben ausspioniere? Weil sie interessant war und ihr bloßer Anblick schon die Phantasie der Menschen beschäftigte, deshalb sollte sie vogelfrei sein? Wahrscheinlich hatte sie so manches Leid erfahren, ehe sie sich zu einer solchen Heirat entschloß, ehe sie zur Flucht in eine obskure provinziale Anständigkeit griff. Daß sie aus einer anderen Sphäre stammte, hatte ich auf den ersten Blick erkannt und das schmeichelte mir; daß zwei Menschen, deren Milieu ein so grundverschiedenes war, miteinander leben konnten, begriff ich nicht. Aber ich faßte den Entschluß, mich nicht mehr mit der Angelegenheit zu beschäftigen und meiner Mama keine weiteren Anhaltspunkte zu Nachforschungen zu liefern.

In diesem Entschluß wurde ich bestärkt durch eine flüchtige Begegnung, die ich mit Frau Lotti auf der Straße hatte, eigentlich auf dem Postamt. Sie kam aus der Tür, in die ich einzutreten im Begriffe war. Noch reckten sich drin alle Hälse nach ihr, als ich sie unter der Tür begrüßte und einen Schritt zurücktrat, um ihr den Weg freizuhalten.

Die schöne Frau war verschleiert. Ein feiner Duft ging von ihr aus und es war, als ob er aus ihrem Munde ströme, als sie mich ansprach. Warum ich ihren Mann so vernachlässige, fragte sie leichthin. Und ohne meine Antwort abzuwarten, fuhr sie fort: »Langweilen Sie sich recht in L.? Ja, das muß man erst gewöhnen, hier zu leben. Wenn es nur wenigstens eine ordentliche Leihbibliothek hier gäbe. Ich habe mir soeben wieder einmal ein paar Bücher aus Paris bestellt.«

»Warum aus Paris, gnädige Frau?« warf ich ein.

»Ja, gibt es denn interessante deutsche Bücher? Ich kenne keine«, sagte sie und reichte mir die Fingerspitzen ihrer elegant behandschuhten Rechten zum Abschied. »Auf Wiedersehen, Herr Berger!«

Sie neigte leicht den Kopf und ging. In der linken Hand hielt sie neben einigen Briefschaften ein Exemplar des Pariser »Figaro«. Daß die Kreuzbandschleife ihre Adresse trug, hatte ich ganz deutlich gesehen. Die Frau des Herrn Offizials Franz Jakob Kargl vom Einreichungsprotokoll unseres Amtes war also Abonnentin dieses Blattes. Und sie bezog auch ihre sonstige Lektüre aus Paris.

Dieser neue, unvermutete Einblick in das Milieu dieser Frau überraschte mich nicht, aber er gebot mir die größte Zurückhaltung. Und ich blieb meinem Entschlusse treu: meine Mama erfuhr nichts mehr über Frau Lotti von mir. Ihr gegenüber war die Angelegenheit abgetan; so oft sie auch fragte, ich erwiderte auf diesen Punkt ihrer Briefe nichts.

Der Karneval kam und mein Bekanntenkreis in L. erweiterte sich immer mehr. Ich hatte es darauf angelegt, in einem Winter die ganze Stadt kennenzulernen, und das schien mir gelingen zu wollen. Ein paar Empfehlungen hatten genügt, mich einzuführen, und da ich auch ein Tänzer war, standen mir alle Türen offen und ich amüsierte mich, mit der gebotenen Vorsicht, die mir meine Mama anerzogen hatte, vortrefflich.

So war mir, obwohl ich den Herrn Kargl fast jeden Tag im Amte sah, sein Haus ganz aus dem Gesichtskreis gerückt, ich dachte den ganzen Winter nicht daran, seinen wiederholten Einladungen Folge zu leisten. Einmal, im Februar, hatte er mir, während er eine offene Postkarte las, zugerufen, seine Frau lasse mich grüßen. Ich dankte und fragte, ob sie denn verreist wäre.

»In Monaco ist sie seit vierzehn Tagen«, flüsterte er mir zu und sein feistes Gesicht strahlte. Ich erwiderte kein Wort, mußte aber ein sehr erstauntes Gesicht gemacht haben, denn er fügte hinzu: »Eine gute Freundin, eine sehr reiche Witwe, hat sie mitgenommen.«

Nach Wochen, der Frühling war schon ins Land gezogen, begegnete ich der Dame wieder einmal auf der Straße. Sie war schöner als je, dankte lächelnd für meinen höflichen Gruß, sprach mich aber nicht an. Sie schritt durch die Menge hin wie eine Fremde. Alle wußten, wer sie war, und doch kannte sie niemand. Es war etwas Einsames um sie. Ich folgte ihr unauffällig und beobachtete die Menschen. Alle blickten sich um nach ihr, die Frauen mit Neid, die Männer mit Bewunderung, aber niemand grüßte sie. Mein Bekanntenkreis in dieser Stadt war in sechs Monaten weitaus größer geworden als der ihre in acht oder neun Jahren. Sie hatte eine eigene Art, an den Menschen vorbeizusehen; ohne Hochmut behandelte sie alle Welt als Luft. Die dreistesten Blicke der Männer glitten ab an ihr, und ich verstand den Ruf, den sie genoß: Ein Bild ohne Gnade!

Und eines Tages war sie dennoch die Heldin eines sensationellen Ereignisses.

Ein junger Husaren-Rittmeister war ganz plötzlich in L. aufgetaucht. Er war von kernigem, kräftigem Wesen, nicht eigentlich schön, aber voll Schwung und Energie in seiner ganzen Erscheinung. Seine braune Gesichtsfarbe, sein blitzendes Auge und sein Akzent verrieten sogleich den Magyaren. Er hatte die Tochter einer der ersten Kaufmannsfamilien von L. zur Frau, eine hübsche, kleine, blonde Dame, die noch ganz mädchenhaft aussah. Das junge Ehepaar war zu längerem Besuch bei den Eltern erschienen, und eine Amme führte das Kinderwägelchen, in dem das Erstgeborene lag, vor dem schmucken Paare her, wenn es auf der Promenade erschien. Der ganze Zauber jungen Glückes lag über dem Bilde dieser kleinen Familie.

Eines Tages begegnete Kalman v. Balogh der Frau Lotti Kargl und es war um ihn geschehen. Der Rittmeister wurde wie von einem Fieber geschüttelt, als er den Blick dieses Weibes einen Moment auf sich ruhen fühlte. Und er lauerte ihr von da ab täglich auf, er verfolgte sie auf Schritt und Tritt. Ging sie nicht aus, promenierte er halbe Tage lang vor ihren Fenstern, so daß es alsbald zum Stadtgespräch wurde. Er ließ kein Mittel unversucht, sich der Dame zu nähern, aber alle schlugen fehl. Seine Blumensendungen wurden von Frau Lotti schon am zweiten Tage zurückgewiesen, seine Briefe nicht mehr geöffnet und sein Gruß fand keine Erwiderung. Ein Versuch, sie auf der Straße, im Gewühle der Leute, anzusprechen, wurde kalt und schroff abgelehnt. Dies geschah vor Zeugen und der Skandal in der kleinen Stadt wurde so arg, daß die Schwiegereltern auf der Abreise ihrer Gäste bestanden. Die junge Frau weigerte sich, sie sprach von Scheidung und Trennung, aber schließlich fügte sie sich weinend in ihr Schicksal und die Stunde der Abreise wurde festgesetzt.

Doch der Rittmeister, der sich vor dem Ansturm der ganzen Familie gebeugt hatte und am Vorabend der Abreise ganz zerknirscht zu sein schien, war nicht zur Stelle. Er war durch all die Vorgänge im Schoße der Familie und durch die spröde Abweisung, die seine tiefe Leidenschaft erfuhr, allmählich in einen Zustand der Raserei versetzt worden und er wußte nicht mehr, was er tat. Anstatt sich zur Abreise zu rüsten, drang er gewaltsam in die Wohnung der Frau Lotti ein und suchte sie zu überfallen. Der Skandal war ungeheuer, und während die Dame sich auf den Gang hinausflüchtete und Lärm schlug, erschoß sich der Rittmeister vor ihren Augen.

Die Berichte über diesen seltsamen Vorfall gingen durch die Blätter der ganzen Welt. Aber an Frau Lotti Kargl blieb nicht der leiseste Tadel haften. Selbst der sonst so bösartige Klatsch der Kleinstadt machte Halt vor ihrer Handlungsweise. Sie war die völlig unschuldige Heldin eines Familiendramas geworden und sie sandte jetzt die uneröffneten Briefe des Rittmeisters an dessen Witwe. Das wurde allgemein bekannt und das machte sie nur noch interessanter. Der Ruf ihrer Tugend war bald noch größer als der ihrer Schönheit.

Herr Franz Jakob Kargl saß während all dieser Vorgänge mit brennendem Kopfe im Einreichungsprotokoll der Statthalterei und gab keinerlei Auskunft. »Sie kennt ihn gar nicht!« »Sie hat nie ein Wort mit ihm gesprochen!« »Er muß verrückt gewesen sein!« Das waren die einzigen Sätze, die man in jenen Tagen von ihm hören konnte. Und bald sah man ihn wieder ruhig an der Arbeit. Wenn er nicht protokollierte, löste er Romane und Novellen in Dialoge auf, was er Dramatisieren nannte. Ein ironischer Kollege meinte: jetzt dramatisiere er vielleicht doch endlich den Roman seiner Frau. Er sagte das mit einer so höhnischen Miene, daß ich unwillkürlich mehr hinter diesen Worten suchte. Er verstand meinen überraschten Blick und zischte mir zu: »So dumm wie der Rittmeister wäre ich auch beinahe einmal gewesen!«

Der Sprecher war der Konzeptsbeamte Dr. Paul Kling. Nicht sehr beliebt unter den Kollegen ob seines spöttischen Wesens. Auch ich hatte seinen Umgang nicht gesucht. Oft fühlte ich mich von ihm beobachtet und jetzt sagte er mir ins Gesicht: »Ich hielt auch Sie schon für ein Opfer. Sie taten mir schon leid.«

Lächelnd lehnte ich dieses Mitgefühl ab. »Die Frau interessierte mich sehr,« sagte ich, »aber sie gab mir gar keine Gelegenheit, warm zu werden. Ich stehe ihr heute genau so nahe wie am ersten Tage, da ich mit ihr sprach.«

»Das ist es ja! Der Teufel soll sie holen!« polterte Dr. Kling. »Ich bin ja seit drei Jahren verheiratet und kümmere mich gar nicht mehr um sie, aber ich bin fest davon durchdrungen, daß sie nur eine Maske trägt. Sie ›wildelt‹ ganz bedenklich.«

Ein Abgeblitzter, sagte ich mir und schwieg. Das reizte ihn aber und er rief: »Sie glauben es nicht?«

Ich zuckte mit den Achseln. »Diesen Verdacht hatte auch ich. Aber nichts hat ihn bestätigt und niemand teilte ihn. So bin auch ich längst bekehrt«, erwiderte ich auf seine Frage.

Dr. Kling sah sich um, ob ihn auch niemand höre, dann flüsterte er mir zu: »Sie verreist sehr oft . . . Früher war sie fast jede Woche einmal fort. Immer bei einer anderen Freundin zu Besuch . . . Glauben Sie das? Ich nicht! Und sie reist immer ohne Gepäck, nur mit einer Handtasche . . . Wir liegen hier ja so recht in der Mitte zwischen Berlin und Wien – ich bin überzeugt, die hat da und dort ein Absteigquartier, hier spielt sie die Heilige, dort ist sie die Kameliendame.«

Er war zornig geworden und rot im Gesichte, und die Augen quollen ihm hervor, während er sprach. Ein tiefer Groll, eine brennende, lange verhaltene Leidenschaft schien mir aus diesen Worten des Spötters hervorzuzischen.

»Haben Sie auch nur den Schatten eines Beweises dafür?« fragte ich.

»Tausend Verdachtsmomente,« sagte er, »Beweis gar keinen.«

Da ich schwieg und sehr wenig Neigung zeigte, ihm weiter auf diesem Gebiet zu folgen, brach er das Gespräch jetzt mit den Worten ab: »Übrigens interessiert mich die Person heute gar nicht mehr. Hüten Sie sich nur vor der schönen Maske!«

Dieses Gespräch war mir höchst merkwürdig und ich wurde es lange nicht los. Es bestätigte mir die geheimsten Gedanken und Phantasien meines eigenen Kopfes. Und doch bestätigte es sie wieder nicht. Nur das war bewiesen, daß diese Frau in ganz verschiedenen Männern dieselben Gefühle, Vorstellungen und Zweifel erweckte, und daß ein erregendes Fluidum von ihr ausging, dem niemand ganz widerstehen konnte. Sie lebte in einem falschen Milieu. Sie saß wie ein fremder bunter Vogel in einem engen Bauer und wir alle witterten ein Geheimnis. Und es war gewiß ein solches vorhanden, das bewies ja der Brief meiner Mama. Aber das allein konnte doch nicht der Zauber sein, der da wirksam war. Denn, wenn es auch gelungen wäre, den Schleier, der dieses Geheimnis bedeckte, ein wenig zu heben, die ungewöhnliche Persönlichkeit dieser Frau würde noch immer das gleiche Interesse geweckt haben. Davon war ich überzeugt. Und der liebestolle Rittmeister bestätigte es mir. Es erschien mir daher perfid von denen, die sie nicht erhörte, hinter das Geheimnis ihres Lebens kommen zu wollen.

Und es gelang ihnen auch nicht.

Ich war noch einige Jahre in L., dann avancierte ich und kam wieder in die Hauptstadt. Das hatte meine Mama mit ihren Beziehungen durchgesetzt. Und während jener Zeit geschah nichts, was die tausend Verdachtsmomente des Dr. Kling bestätigt hätte.

Seit dem Vorfall mit dem Rittmeister zeigte sich Frau Lotti noch seltener als früher öffentlich. Auch begann sie sichtlich zu altern. Sie hielt bei keiner Begegnung lange stand und war fast immer verschleiert. Es schien, daß ihr das Altwerden damals viel Kummer bereitete.

Als ich ihr meinen Abschiedsbesuch machte, empfing sie mich in ihrem Salon, in dem eine künstliche Dämmerung herrschte. In dieser Beleuchtung sah sie überraschend aus, fast so schön wie damals, als ich sie so unvermutet kennen lernte. Und sie wurde beinahe weich, daß ich jetzt für immer ging. Sie habe an jenem ersten Abend den Eindruck empfangen, als ob ich ihrem Hause näher treten würde als alle anderen Kollegen ihres Gatten. »Warum geschah das eigentlich nicht?« fragte sie plötzlich.

Ich schwieg und blickte zu Boden.

Sie griff mir an das Kinn und hob mir den Kopf in die Höhe. Mit einem unbeschreiblich gütigen Blick sah sie mir in die Augen und eine Verklärung breitete sich langsam über ihr Madonnengesicht.

»Auch Sie . . .?« sprach sie jetzt weich, gütig, mitleidig und doch von einem Gefühl der Befriedigung erfüllt. »Ich könnte ja Ihre Mutter sein«, fügte sie leise aufseufzend hinzu.

Ich nahm ihre Hand und preßte meine Lippen auf dieselbe. Dann eilte ich, als würden mich Furien jagen, von dannen.

Seitdem sind fünfundzwanzig Jahre verflossen. Mein einstiger Kollege in L. ist längst gestorben und jetzt ist auch sie dahin, die schönste der Frauen. Von dem Geheimnis ihres Lebens habe ich nie mehr erfahren, als ich damals wußte, nur hat sich mir eine Bemerkung aus dem Briefe meiner Mama auf eine überraschende Weise bestätigt. Als ich vor einigen Jahren wieder einmal die Hamburger Gemäldegalerie besuchte, blieb ich wie gebannt vor dem Makartschen Bilde »Der Sommer« stehen, auf dem sich so viel Weiblichkeit tummelt. Und die eine, herrliche – die nach dem Bademantel greift, das war sie! Ihre blühende, hüllenlose Schönheit lebt fort auf jenem Bilde. Das Madonnengesicht mit dem braunen Haar, diese Büste, diese hohe Gestalt und die schwellende Pracht der Glieder – das war sie, ehe sie hinabstieg in eine dunkle, lächerliche Ehe mit einem gemästeten Faun, und niemand wird uns heute das Rätsel lösen, warum sie das getan.

Frau Lotti Kargl hat ein ansehnliches Vermögen hinterlassen und verfügt, daß damit ein Asyl gegründet werde – ein Asyl für verlorene Mädchen.

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