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Die schöne Lotti und andere Damen

Adam Müller-Guttenbrunn: Die schöne Lotti und andere Damen - Kapitel 17
Quellenangabe
typenarrative
titleDie schöne Lotti und andere Damen
authorAdam Müller-Guttenbrunn
year1920
publisherWiener Literarische Anstalt
addressWien / Berlin
pages3-7
created20040720
sendergerd.bouillon
firstpub1920
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Die erste Amme

Wir wohnten auf dem Lande und warteten auf den Storch. Das Haus gehörte zu einem großen Besitz von ursprünglich herrschaftlicher Anlage, hatte einen Haupttrakt und einige Zubauten und dahinter lag ein prächtiger Garten. Es war hinlänglich Raum für die fünf Sommerparteien, man konnte ganz ungeniert leben. Im Garten war jeder Partei ein eigenes »Platzerl« zugewiesen worden, das nur ihr zur Verfügung stand. Wir hatten ein schattiges Plätzchen unter einer Fichtengruppe, eine andere Partei eines mit einer schönen Weinlaube, eine dritte saß unter einer Obstbaumgruppe. Außerdem gab es aber auch ein gemeinsames Platzerl unter den Kastanien. Und es war ausgemacht worden, daß, wer auf seinem Gebiet bleibe, ungestört sein wolle; wer aber unter den Kastanien erschien, dem war Gesellschaft nicht unwillkommen.

Um der Form zu genügen, fanden sich allmählich alle Sommerparteien unter den Kastanien ein und man lernte sich kennen. Aber je weiter der Sommer vorschritt, desto mehr wurden die Kastanien von uns allen gemieden, denn einer saß immer dort, einer wollte immer Gesellschaft haben: der neugierige, unermüdlich fragende Herr Meißl. Nichts war dem Menschen heilig, er konnte einem »die Seele aus dem Leibe fragen«. Damit schlug er alle in die Flucht. Er war aber sonst nicht indiskret, klatschte nicht und sagte nichts Übles von den Menschen. Nur wissen wollte er einmal alles.

So erfuhr er eines Abends von mir – er war ungerufen auf unser Fichtenplatzerl gekommen – was kaum noch zu verheimlichen war, daß wir den Storch in den nächsten Tagen zu erwarten hätten. Das elektrisierte den Herrn Meißl und seine Fragen überstürzten sich. »An welchem Tage glauben Sie?« »Meinen Sie, daß es ein Bub sein wird?« »Wird Ihr Frauerl das Kind selbst stillen?« »Und haben Sie sich schon eine Amme gesichert?« »Wissen Sie überhaupt, wo man die besten Ammen bekommt?« »Und werden Sie erkennen, was eine gute Amme ist?« »Und wie wünscht Ihre Frau, daß sie aussieht? Klein? Groß? Blond oder schwarz?« »Will sie eine, die in Wien bekannt ist, oder eine vom Land?« »Soll dieselbe schon einmal geammelt haben oder nicht?«

Ich war ganz betäubt von diesem Schwall von Fragen, von denen jede einzelne mir neue Gesichtspunkte erschloß. Die Schwiegermutter, die Madame und eventuell der Doktor sollten bei uns darüber entscheiden, was zu geschehen habe, sagte ich. Ich selbst sei ein grundsätzlicher Gegner des Ammenunwesens. Wie kämen wir dazu, eine solche Blutsteuer vom Volke zu erheben? Weil wir uns Ammen zahlen können, entziehen wir den Kindern der Armen die Muttermilch und ersparen es unseren Frauen, ihre Pflicht zu tun.

Herr Meißl hielt sich die Ohren zu. »Aber ja, aber ja! Ich war ja auch einmal Ihrer Meinung. Aber schauen S' meine Frau an! Das Katzerl hätt' sechs Kinder ernähren sollen? 's ist einfach nicht möglich gewesen.« Und er stellte sich mir als den erfahrensten und gewiegtesten Spezialisten vor in der Frage, die in unserer jungen Ehe zu lösen war. Er habe sich früh von den Ratschlägen der Schwiegermutter und der Madame emanzipiert und selbst für alle seine Kinder Ammen besorgt. Das erste Kind sei an der Brust seiner Frau verhungert, die anderen aber seien lauter junge Bären geworden. Warum? Weil er ihnen Bauerngut besorgt hat. Was nützt die schönste Theorie, wenn die jungen Großstadtmütter nun einmal degeneriert sind? Und er machte mir die Hölle recht heiß. Als er merkte, daß ich mürbe zu werden begann, wuchs sein Selbstgefühl noch mehr. »Wollen Sie mir vertrauen? Möchten Sie morgen mit mir nach Wien fahren auf die Suche?« Als ich unter dem Vorwande ablehnte, daß ich meine Frau doch nicht auf solche Weise überraschen könne, da beteuerte er mir, daß eine Inspektionsfahrt in der Ammenangelegenheit unerläßlich wäre für mich und daß ich zu gar nichts verpflichtet werden solle. Aber Vorsorge müsse getroffen werden für alle Fälle, unterrichten müsse ich mich. Und ich sagte zu.

Wer war dieser Herr Ignaz Meißl? Eigentlich war er ein Originalmensch; sonst aber war er nichts. Er stammte aus Oberösterreich. Eine breite, gedrungene Bauerngestalt. Sein runder Kopf war kurz geschoren, ebenso sein dunkler Vollbart; seine schwarzen Augen blickten schlau und vorsichtig in die Welt. Wenn er behäbig durch den Garten schritt, trug er den Nacken steif und hatte die Arme gewöhnlich auf dem Rücken gekreuzt.

Meißl hatte mit heißem Bemühen Jus studiert, sich aber verheiratet, ehe der Doktor gemacht war. Und zwar gut verheiratet. Es war ihm als Student die einzige Tochter einer reichen, weltfremden, alten Witwe in die Arme gelaufen, eine schüchterne, flachshaarige kleine Person, die er vollständig in seinem Banne hielt, die er noch nach zehnjähriger Ehe mit einem Blick regierte. Als Krankenwärterin ihrer Mutter hatte sie die Mädchenjahre verbracht und als Meißls Frau kam sie nicht aus der Kinderstube heraus. Als sie einmal in einem altmodischen Seidenkleid, mit dem Schmuck ihrer Mama behangen, auf dem Kastanien-Platzerl erschienen war, um mit den anderen Frauen bekannt zu werden, sah sie ganz hübsch aus, und sie war glücklich über den Umgang, den sie da plötzlich gefunden hatte. Die Frauen fanden sie unerfahren wie ein vierzehnjähriges Mädchen. Und über so manches Selbstverständliche, was sie da zu hören bekam, war sie ganz erstaunt. Aber sie kam lange nicht wieder, und die Frauen hatten den Herrn Meißl im Verdacht, daß er seiner Frau das Wiederkommen ausgeredet habe. Er wollte sie nicht anders haben, als sie war. Er selbst bewegte sich mit der Ungeniertheit eines alten Studenten in der Welt, er tat, was ihm beliebte. Aber sein »Mutterl« – ah, das war ganz etwas anderes. Die hatte sechs Kinder zu über wachen, eine Amme zu bedienen, eine Köchin und ihn selbst.

An manchen Tagen rannte Meißl, ein geschriebenes Heft mit juridischen Universitätsvorträgen in der Rechten, aufgeregt im Garten umher, laut vor sich hin sprechend und deklamierend. Wenn ihn wer ansprechen wollte, winkte er stets ab. Er müsse heute »schanzen«, sagte er und lief weiter. Und schwerste Schanzarbeit war, was er dann leistete. Er hatte nämlich seine Tage, an denen er sich daran erinnerte, daß er trotz seiner fünfunddreißig Jahre den Doktor noch nicht gemacht habe und daß er noch Advokat oder Notar in seiner oberösterreichischen Heimat werden wolle. Das hatte er seiner verstorbenen Schwiegermama versprechen müssen, ehe sie ihm die stattliche Mitgift ihrer Tochter eingehändigt hatte. Und von Zeit zu Zeit mahnte ihn jenes Versprechen an seine Pflicht.

Mit diesem alten Studenten und sechsfachen Familienvater sollte ich am nächsten Morgen nach Wien auf die Ammensuche fahren. Meiner Frau aber hatte ich mich doch anvertraut . . . Sie wollte nichts von der Sache wissen und ihre Mutterpflicht selbst erfüllen, wenn sie dazu befähigt war. Wenn nicht – dann gäbe es ja künstliche Ernährungsmittel. Eine wildfremde Person, weiß Gott woher, weiß Gott, welchen Charakters, solle ihr Kind nicht anrühren. Dabei blieb sie. Am nächsten Morgen aber meinte sie, fahren könne ich ja; sich zu unterrichten über alle Möglichkeiten wäre ja nur nützlich. Das meinte ich auch.

Ich klärte Herrn Meißl auf über den Standpunkt meiner Frau und wollte ihm keine unnötige Mühe machen. Er ließ sich aber nicht abhalten. Zwar hatte er gerade heute wieder »schanzen« wollen, aber diese Sache sei am Ende doch wichtiger. Er kenne die Scheu der jungen Frauen vor den Ammen; jede Mutter erblicke in einer solchen einen Vorwurf für sich selbst; aber wenn es am Ende doch nicht anders geht . . .? Und so fuhren wir denn nach Wien.

Zuerst führte Herr Meißl mich in die Landes-Findelanstalt auf der AlserstraßeDie Anstalt liegt seit einigen Jahren in Gersthof.. Er war mit den Ärzten bekannt, mit den Wärterinnen sehr vertraut. Ich möge mich auf nichts einlassen, ermahnte er mich. Nur um zu sehen, ob etwas Brauchbares da wäre, seien wir gekommen, nicht um eine Amme zu nehmen. »Die bekommen wir wo anders billiger«, sagte er leise. Herr Meißl war ein Mann, der alles, was er anstrebte, billiger haben wollte, als die anderen Menschen es erhalten. Sonst freute ihn eine Sache gar nicht. Und dieser Grundsatz leitete ihn auch hier. Ausspionieren wollte er, welche Ammen in den nächsten Tagen entlassen werden. Am Tage ihrer Entlassung seien sie alle bescheiden . . . Während er in mich hineinredete, drängten wir uns durch die Scharen von ländlichen Kostweibern, die den Hof füllten und auf den Treppen herumlungerten. »Die warten alle auf Beute«, sagte er mir. »Jede will ein Findelkind zur Pflege erhalten. Und die raffiniertesten von diesen Weibern verlangen Kinderln vom Zahlstock.«

»Zahlstock? Was ist das?«

»Das wissen Sie auch nicht? Es gibt in diesem Hause seit den Tagen Maria Theresias eine Abteilung, auf der jeder Frau, die sich anmeldet, gegen Bezahlung Hilfe geleistet wird und auf der sie niemand nach ihrem Namen oder ihrem Stand fragen darf. Sie kann auch maskiert gebären, wenn sie will. Sie hat bloß dreihundert Gulden zu erlegen und kann nach ihrer Genesung unbehelligt das Haus verlassen. Niemand darf nach ihr forschen, und für ihr Kind, dessen Namen sie zu bestimmen hat, wird gesorgt. Das ist der Zahlstock. Kostweiber, die sich von da ein Kind erobern, erleben später oft noch angenehme Überraschungen.«

Als wir während dieser mir ganz erstaunlich dünkenden Eröffnung in den ersten Stock gelangten, huschten mehrere Klosterschwestern, die als Wärterinnen im Findelhause leben, an uns vorüber. Auf den Gängen, die mit Steinfliesen belegt sind, schlurften lautlos, in weiße Linnengewänder gekleidet, Pantoffeln an den Füßen, die jungen Mütter dahin, von denen viele, die als Köchinnen oder Stubenmädchen hiehergekommen, als Ammen das Haus wieder zu verlassen hofften. Blaß und hohlwangig schauten sie drein.

Wir gelangten in einen großen Vorraum. Ein weiblicher Beamter saß vor einem Tischchen über ein großes Buch geneigt und schrieb. Neben einer Wage stand eine alte Wärterin. Eine Mutter nach der anderen kam, legte wortlos ihr Kind auf die Wage, und was die alte Wärterin ansagte, schrieb die andere in ihr Buch.

»Sehen Sie,« sagte Herr Meißl zu mir, »durch diese Wage wird genau festgestellt, wieviel das Kind getrunken hat. Jede Amme hat zwei Kinder an der Brust, ihr eigenes und ein fremdes, dessen Mutter bereits entlassen ist. Damit man nun jederzeit erfährt, ob das fremde Kind auch genug Nahrung erhält, wird es alle zwei Stunden, so oft es getrunken hat, hier gewogen.«

Wir traten vor und blickten in einen großen Saal. Am Mitteltisch saßen zwei Herren in weißen, gegürteten Leinenmänteln, es waren die Ärzte. Umringt von Ammen, Kostweibern und Parteien, die Ammen suchten, oblagen sie mit großem Gleichmut ihren Amtsgeschäften. Am Ende des Saales befand sich das ärztliche Untersuchungszimmer, in welchem jene Ammen verschwanden, die von einer der feilschenden Parteien in Aussicht genommen wurden.

Herr Meißl wußte sich auf Grund seiner alten Beziehungen sogleich Gehör zu verschaffen, und wir erfuhren alsbald, daß noch fünf bis sechs Mütter da waren, die bereit seien, sich als Ammen auskaufen zu lassen. Einige seien zwei, die anderen drei Monate hier. Eine viermonatliche, die in drei Tagen das Haus verlasse, sei für ein neugeborenes Kind nicht zu empfehlen, für ein älteres ja. Und ich erfuhr bei dieser Gelegenheit, daß jede dieser armen, jungen Mütter, die hier unentgeltlich aufgenommen werde, vier Monate Ammendienste leisten müsse. Erst dann werden die Kinder Pflegerinnen übergeben. Aus Humanität aber gestattet man den früheren Austritt, wenn eine einen guten Posten als Amme finde. Ihr eigenes Kind bleibt dann noch im Findelhaus zurück.

Herr Meißl ließ sich die sechs Mütter vorführen. »Bett Nr. 47! Bett Nr. 23! Bett Nr. 91!« wurde gerufen, kein Name genannt. Eine erschien nach der anderen, jede hatte ihr Kind im Arm, den lebendigen, oft von Gesundheit strotzenden Beweis ihrer Tauglichkeit. Nun wurde gefragt und geforscht. Kein Fragebogen einer Versicherungsanstalt kann so neugierig sein als Herr Meißl es war. Wie alt? Das erste Kind? Wieviel Zähne? Wieviel Geschwister? An was starb die Mutter? Wo ist der Vater des Kindes? Wird er sie acht bis neun Monate in Ruhe lassen? Wohin kommt ihr Kind in Pflege? Zu fremden Leuten, die sie vielleicht fortwährend mit Geldforderungen drangsalieren, oder zu Verwandten? Zur Großmutter? Ah, das ist schon besser.

Und als all dies beantwortet war, da kam die Hauptfrage: »Was verlangen Sie?« »Zwanzig Gulden monatlich, dreißig Gulden beim Austritt und halbe Wäsche.« Das war fast wörtlich übereinstimmend die Forderung aller. Es gab da offenbar einen Ring der Ammen. Sie alle wollten ihre Muttermilch an ein fremdes Kind nur verkaufen, wenn sie dadurch in die Lage versetzt würden, etwas für ihr eigenes Kind zu tun. Auch diese Begründung war bei allen übereinstimmend. Meißl schnarrte jede mit den Worten an: »Mehr als fünfzehn Gulden habe ich nie gegeben!« Und dann übte er, um seinem Angebot Nachdruck zu geben, Kritik: »Sie haben schlechte Zähne!« »Ihr Kind ist heut noch keine fünf Kilo schwer!« »Sie haben Ihren Liebhaber in Wien, Ihnen traue ich nicht.« »Sie scheinen jähzornig zu sein!« »Sie waren schon zweimal als Amme, Sie sind mir zu raffiniert!« usw. usw. Ich war vollständig verstummt angesichts all dieser mir neuen und mich tief verletzenden Vorgänge.

Endlich fragte der diensthabende Arzt, welche von den Ammen Herr Meißl untersucht wünsche. »Eigentlich paßt mir keine,« sagte Meißl, »aber von dieser Slowakin da möchte ich doch die Milch sehen.« Dabei deutete er auf die jüngste und hübscheste, ein blondes Ding von zwanzig Jahren. Sie errötete und legte ihr Kind beiseite. Meißl hielt den Rücken seiner rechten Hand vor ihre entblößte Brust. Die Slowakin vollführte einen leichten Druck und auf seiner Hand perlten die hellen Tropfen. Er setzte sich seinen Zwicker auf die Nase. »Hm! Sehr blau. Mehr Wasser als Milch.« »Das wird sich ändern,« meinte der Arzt, »wenn sie nur ein Kind zu versorgen hat und besser genährt wird.«

Herr Meißl dankte dem Arzt und versprach, sobald es not tut, wiederzukommen. Aber nun wisperte er im Vorraum mit einer Wärterin und fragte sie halbtot. Er erfuhr alles, was er wünschte, auch den Austrittstag einer jeden, die er für tauglich hielt. Er notierte sich alles. »Die werden in acht Tagen alle bescheidener sein!« sagte er und ging. Ich folgte ihm wortlos. Teils beschämt, teils empört über den Zynismus, mit welchem da Markt gehalten wurde mit dem unveräußerlichen Eigentum auch des ärmsten Kindes.

Auf der Straße angelangt, winkte Herr Meißl einen Einspänner herbei. Zuerst blickte er sich noch suchend, scheu nach allen Seiten um. Er kenne eine »Zubringerin«, sagte er leise. Die schleiche oft da herum und fange die Austretenden ab, um ihnen Plätze zu verschaffen . . . Und wir fuhren jetzt zur Frau Rosalia Silberstein in die Leopoldstadt. Die habe gegen eine kleine Provision immer gute und billigere Ammen vorrätig. Zwölf bis fünfzehn Gulden monatlich, kein Austrittsgeld, keine »halbe Wäsche«. Da ich den letzteren Ausdruck nicht verstand, erläuterte er mir denselben. Er bedeute: von jedem Stück der weiblichen Leibwäsche sei die Amme mit einem halben Dutzend auszustatten. Kluge Frauen sorgten dafür zu allererst, damit ihre Amme stets nett und rein sei. Die meisten Ammen wollen diese Gabe aber erst am Schlusse ihrer Tätigkeit, für viele sei es dann die Ausstattung für die Ehe.

Während der Fahrt trällerte Meißl ein Lied, das wie ein vorstädtischer Gassenhauer klang. Er lachte sich fast krank über den volkstümlichen Text, den eine seiner Ammen aus dem Findelhaus mitgebracht hatte.

»Zwa Röck' und a Kasettl,
Dös is mei' ganzes G'wand,
Jetzt fehl'n m'r nur die Hatsch'n,
Dann bin ich fesch beinand.
Die Kost ist sehr gemessen,
In Schüsserl is nix drin,
Zwa Kinder hab'n wir immer,
Da braucht m'r hübsch viel G'spinn

»Ja, was es für Volksdichterinnen gibt und für Lieder, davon hat man gar keine Ahnung!« sagte er.

Ich konnte nicht mit ihm lachen.

Als wir bei der Frau Silberstein, die uns im Vorzimmer empfangen hatte, eintraten, zeigte sich mir ein überraschendes Bild. Ein bildhübsches, junges Mädchen, die Tochter dieser Frau, stand in der Mitte des Zimmers; sie hatte ein großes Notizbuch in der einen, den Bleistift in der anderen Hand und führte Buch. Um sie herum saßen sechs junge Mütter, die alle Kinder stillten. Einige ärmlich gekleidete Frauen standen dabei und verfolgten den Vorgang aufmerksam. Frau Silberstein erklärte mir: »Das sind meine Ammen. Die lassen die armen Kinder aus der Umgebung trinken. Mein Institut ist ein Segen für die armen Leute hier.« Herr Meißl aber flüsterte mir zu: »Sie läßt sich natürlich bezahlen dafür und die Tochter führt Buch. Die Frauen lassen da aufschreiben wie ihre Männer beim Wirt.«

Das Geschäft war beendet und während die hübsche Tochter mit einer der Ammen verschwand, begann Frau Silberstein mit der Vorstellung. Von einer jeden wußte sie einen Roman zu erzählen. Die eine sei Amme bei der Gräfin Soundso gewesen, das Kind sei aber an Fraisen gestorben, darum sei sie jetzt frei. Die andere, die soeben mit ihrer Tochter hinausgegangen, sei aus Iglau und erst seit gestern in Wien. Die dritte sei zwar eine Wienerin, aber ihr Geliebter sei in Bosnien. Meißl stieß mich in die Rippen. »Sie spricht kein wahres Wort!« sagte er leise, ließ sich aber alle vorführen, prüfte von einer jeden die Milch auf dem Rücken seiner Hand und wiederholte all die Fragen, die ich schon von ihm gehört hatte. Auch hier fand er eine, die ihm gefiel, und wieder war es eine blonde Slowakin aus dem Preßburger Komitat. »Gutmütige Person. Phlegmatikerin!« sagte er. »Fünfzehn Gulden?« Sie bejahte. Frau Silberstein suchte ihn unter dem Vorwande, daß die Rosa Milch für drei Kinder habe, zu steigern, aber er wies dies rundweg ab. »Sie bekommen zehn Gulden Provision. Werde telegraphieren. Soll uns drei Tage im Wort bleiben.« Und damit wollte er gehen. Da trat die Tochter mit der »Iglauerin« ins Zimmer. Jetzt war diese Amme im Kostüm. »Aha!« sagte Herr Meißl sarkastisch. »Was meint der Herr Doktor?« entgegnete demütig Frau Silberstein. »Na, ich sitze Ihnen nicht auf!« rief lachend Herr Meißl, und wir gingen. »So eine Maskerade!« rief er noch zurück.

Mein Cicerone, der in der behaglichsten Stimmung war, wollte mich noch zu einigen »Zubringerinnen« geleiten, aber ich lehnte ab, ich hatte genug für heute. Er schien Dank und Anerkennung zu erwarten, ich aber kargte damit. Und tief verstimmt kam ich von dem Ammenmarkte nach Hause, im stillen den innigen Wunsch hegend, daß es mir erspart bleiben möchte, diesen Weg noch einmal zu gehen.

Aber er blieb mir nicht erspart, so ehrlich und hartnäckig wir auch dagegen ankämpften. Der Doktor erklärte schon am dritten Tage nach der Geburt des Kindes, es sei eine Amme nötig. Nach vierzehn Tagen, als alle erdenklichen Versuche mit der künstlichen Ernährungsweise waren gemacht worden, sagte der Arzt: » Ein Kind hält das aus, aber neunundneunzig halten es nicht aus.« Auf sozialethische Theorien ging er mir nicht ein, er lächelte nur ironisch. Und am zwanzigsten Tage stellte er fest, daß das arme, bleiche Hascherl weniger wog als am Tage seiner Geburt. Das erschreckte uns zu Tode.

Nach einer schlaflos verbrachten Nacht sagte mir meine Frau mit niedergeschlagenen Augen: »Du wirst doch eine holen müssen.«

Und abends brachte ich eine derbknochige, robuste Deutschböhmin mit aus Wien. Alle anderen waren schon vergeben, wir hatten zu lange gezögert. Mit angstvollen Augen starrte meine Frau uns entgegen, aber das runde, glatte Gesicht und das ganze freundliche Gehaben der Person flößte ihr Vertrauen ein. Sie führte die Fremde selbst zum Kinderwagen. »Oh! Oh! So blaß! So klein!« sagte die Amme, indem sie den Buben zu sich emporhob. Und sie setzte sich breitspurig auf das Sofa und knöpfelte sich die Bluse auf. Ich verfolgte diesen Vorgang mit dem lebhaftesten Interesse und war glücklich, als ich sah, daß das Kind die Brust nahm und gierig, mit allen seinen Kräften zu saugen begann.

Ich sah mich suchend nach meiner Frau um, sie war fort. Sie hatte sich in den Garten hinausgeschlichen; dort, auf unserem Fichtenplatzerl, saß sie im Abenddunkel und weinte bitterlich . . .

Unser Bub gedieh.

Aber es kam der Tag, an dem die Amme weinte. Ihr verwaistes Kind, das am Tage der Geburt acht Pfund wog und das gesund wie ein Fisch in die Pflege armer Dorfleute gegeben worden war, starb nach drei Monaten. Tagelang weinte die Amme und die Schwiegermutter gab den Rat, sie wegzuschicken, weil unser Bub darunter leide. Dagegen lehnte ich mich auf. Wir behielten sie.

Aber ihr Kind war für das unsere gestorben.

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