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Die schöne Lotti und andere Damen

Adam Müller-Guttenbrunn: Die schöne Lotti und andere Damen - Kapitel 16
Quellenangabe
typenarrative
titleDie schöne Lotti und andere Damen
authorAdam Müller-Guttenbrunn
year1920
publisherWiener Literarische Anstalt
addressWien / Berlin
pages3-7
created20040720
sendergerd.bouillon
firstpub1920
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Nach dem Konzert

Wir saßen im trauten Freundeskreise bei einander. Fast alle waren wir aus dem Konzert einer berühmten Künstlerin gekommen, das zu besuchen die Dame des Hauses uns dringend geraten hatte, und das Gespräch drehte sich während des Abendessens fast ausschließlich um die talentvolle Virtuosin. Jeder wußte etwas Merkwürdiges und Extravagantes von ihr zu berichten, und so einig man über ihre Bedeutung als Künstlerin war, so verschiedener Meinung war man über ihren Charakter als Frau. Es ward lebhaft hin und her gestritten, das Thema drohte unerquicklich zu werden – da hob unsere liebenswürdige Wirtin mit feinem Takt die Tafel auf.

Das war teils ein Zeichen, daß unser Kreis, der nicht des gesellschaftlichen Klatsches halber zusammenkam, an etwas Ernsthaftes denken möge. Bald hatte dieser, bald jener ein kleines Manuskript bei sich, dessen Schriftzüge noch feucht waren und das aus der Taufe gehoben sein wollte, doch öfter noch gab es eine »Geschichte«. Immer fester hatte sich nämlich in unserer Gesellschaft die Sitte eingebürgert, daß jeder etwas aus seinem Leben erzähle, etwas, das ihm menschlich naheging oder sonstwie von Bedeutung für ihn war. Fast alle hatten dieser Sitte bereits genügt, doch gerade jenes Mitglied des kleinen Kreises, das am trefflichsten anzuregen und zuzuhören verstand, die anmutige Hausfrau, gerade sie verhielt sich bisher stets spröde gegenüber der Aufforderung, die auch an sie herantrat. Wir drangen nicht in sie, denn jeder von uns wußte, daß sie den berechtigten Ehrgeiz besaß, in dem Kreise gebildeter Männer, der sich um ihr gastfreundliches Haus scharte, als vollwichtig mitgezählt zu werden – – sie durfte sich also auf die Dauer nicht ausschließen. Und sie tat es auch nicht.

Als wir uns nach aufgehobener Tafel wieder zusammenfanden und es sich zeigte, daß heute niemand geneigt war, etwas zu sprechen oder zu lesen, da richteten sich alle Blicke instinktiv nach der Dame des Hauses. Und sie verstand diese Blicke sehr wohl. Mit glühenden Wangen saß sie uns gegenüber, ihre dunklen Augen leuchteten, und der sonst so feste, tiefe Ton ihrer Stimme vibrierte vor innerer Erregung. Ihre ernste, frauenhafte Schönheit, die jeden anzog, indem sie ihn fernhielt, war plötzlich aufgelöst in eine reizende Verwirrtheit, unsere Freundin benahm sich unsicher wie ein schüchterner Backfisch, der eine schwere Prüfung zu bestehen hat.

»Ich fühle,« begann sie, »daß ich nicht länger säumen darf, Ihnen gegenüber eine Verpflichtung einzulösen, und doch muß ich gestehen, daß ich einigermaßen in Verlegenheit bin. Es ist zwar nicht das erstemal, daß ich vor Ihnen spreche, aber ich soll heute von mir reden. Das ist für eine Frau nicht leicht – namentlich in der Gegenwart ihres Mannes.«

Wir fanden diese Wendung köstlich und lachten von Herzen darüber. Diese beifallslustige Stimmung wirkte wohltuend auf die Sprecherin und der Ton ihrer Rede wurde plötzlich sicherer.

»Eine Frau, wie ich, erlebt nicht viel, und von dem, was sie erlebt, scheut sie sich zu sprechen. Meine Kinderstube ist der Mittelpunkt der Welt für mich, aber Sie würden lächeln über die eitle Mutter, die Ihnen zumuten wollte, ihr dahin zu folgen. Verneinen Sie dies nicht aus Höflichkeit und fürchten Sie nichts. Das Beste, das Schönste, das eine Mutter von sich und ihren Kindern zu sagen vermöchte, das könnte sie ja hier doch nicht aussprechen, denn Männer, wie Sie, die noch keine Kinder haben, würden sie nicht verstehen.«

Wir Junggesellen senkten zerknirscht das Haupt und sie fuhr fort:

»Und dennoch will ich Ihnen von einem Kinde erzählen, aber von dem Kinde einer anderen Frau . . . Ich wurde in einem Institut erzogen, zu dessen Vorsteherin ich in einem sehr nahen Verhältnis stand. Eines Tages erkrankte plötzlich eine Lehrerin sehr schwer, und ich, ein grünes, fünfzehnjähriges Ding, wurde gebeten, in der Klasse der Kleinsten als Lehrerin zu wirken. Mit freudigem Stolz übernahm ich diese ehrenvolle Aufgabe, und die Kleinen hingen vom ersten Tage an mit Zärtlichkeit an mir. Selbst noch ein Kind, muß ich wohl den Ton getroffen haben, mit dem man Kinderherzen gewinnt. Aber auch in Respekt wußte ich mich bei den Kleinen zu setzen und meine Autorität bei denselben war groß. Von meinem Lehrsystem will ich lieber schweigen. Ich suchte mehr auf das Gemüt und die Phantasie der Kinder zu wirken, als auf ihren Verstand, und sobald das Notwendigste von dem vorgeschriebenen Lehrplan abgewickelt war, setzte ich mich zu meinen Kindern und erzählte ihnen Märchen. Welche Freude war es für mich, zu beobachten, wie das Seelenleben der Kinder bei solchen Anlässen erwachte und sich in den Gesichtern abspiegelte; wie rührten mich die Tränen, die aus ihren unschuldigen Augen perlten, als ich ihnen zum erstenmal das Märchen »Schneewittchen« erzählte, und wie ergötzte ich mich an ihrem stürmischen Lachen über »Hans im Glück«.

Die Kinder waren vergnügt und brav, sie lernten gut und freuten sich immer auf die Märchenstunde, da ich mir noch eine besondere Art der Auszeichnung für die Kleinen erdacht hatte: die Bravste von ihnen durfte, während ich erzählte, auf meinem Schoß sitzen. Dadurch wurde ihr Ehrgeiz gestachelt und ich hatte mir auf die einfachste Art ein Mittel geschaffen, um zu belohnen und zu strafen.

Die lebhaft angeregten Kinder erzählten das Gehörte in ihrer Weise, variiert und ausgeschmückt mit eigenen Zutaten, natürlich auch zu Hause, und eines Tages kam eine meiner kleinen Schülerinnen, ein hübsches, braunes Mädchen, das mir durch sein träumerisch stilles Wesen lieb geworden war, auf mich zu und sagte: »Papa läßt sich dem Fräulein Anna empfehlen und sagen, daß er nicht erlaube, daß man mir Lügen erzähle. Ich soll in der Schule nur die Wahrheit kennen lernen, diese dummen Märchen aber seien lauter Lügen.« Mir traten die Tränen in die Augen und ich fragte das Kind, ob auch seine Mama so denke. »Das weiß ich nicht,« antwortete Ernestine, »meine Mama spielt immer Klavier.« »Nun gut, mein Kind,« sagte ich, »so wirst du künftig stets das Zimmer verlassen, wenn ich den anderen Märchen erzähle.«

Und so geschah's. Das Kind litt sichtlich darunter, es fühlte sich wie verstoßen und wurde noch stiller als sonst. Nun kam eine Botschaft von Ernestinchens Mama. Sie beklagte sich bei der Institutsvorsteherin, daß ihr Kind seit kurzem stets um eine Stunde früher nach Hause komme. Ich wurde gerufen und fand eine elegante, schöne, phantastisch aufgeputzte junge Frau, die sehr scharf mit mir ins Gericht gehen wollte, aber beschämt die Augen niederschlug, als ich den Sachverhalt erklärte. »Ja, ja,« sagte sie, »mein Mann hat nun einmal diese Grillen; mich aber stört das Kind zu Hause und ich muß Sie bitten, dasselbe auf andere Weise zu beschäftigen.« Diesem Wunsche war leicht genügt. Wenn ich Märchen erzählte, ging Ernestinchen künftig in die Stunde der Lehrerin für Handarbeiten.

Welch ein Gegensatz bestand zwischen dieser Mutter und diesem Kinde! Ernestinchen war geradezu verwahrlost im Vergleich zu der Weltdame, die ich gesehen, und ich nahm mich des Kindes immer mehr an und suchte es aufzuheitern und auf jede Weise auszuzeichnen.

Da kam die schöne Weihnachtszeit mit ihrer tiefen Poesie und ihrem für Kinderherzen so berauschenden Zauber. Welch geheimnisvolles Wispern herrschte unter den Kleinen, wie vieles hatten sie zu wünschen, welch ungeheuerliche Hoffnungen sollten ihnen nicht erfüllt werden durch das allmächtige Christkind! Gar manchen Brief an dasselbe mußte ich aufsetzen, manches ungelenke Händchen zu diesem Zwecke Buchstaben malen lehren. Ernestinchen nur stand auch diesem fröhlichen Treiben der Kleinen fern. Ich begriff es anfangs nicht, erst allmählich wurde mir klar, daß sie, als die einzige Jüdin in meiner Klasse, keine Ahnung haben konnte von der Poesie in den Herzen der anderen. Ich gestehe, daß diese Erkenntnis wahrhaft schmerzlich für mich war. Aber was konnte ich tun? Als Ernestinchen sich klar wurde über das, was die anderen taten, da besann auch sie sich nicht länger, sie schrieb ein Brieflein an jenes allmächtige Gotteskind und brachte es mir. Aber da hätte man die anderen kleinen Kreaturen sehen und hören sollen. Weiß Gott, wo sie ihre Wissenschaft her hatten, sie schrieen alle: »Was, du willst an das Christkind schreiben? Du darfst nicht! Du bist eine Jüdin! Wenn du ihm schreibst, bekommen wir alle nichts!« Und mit einer Grausamkeit, deren nur das ungezügelte Kinderherz fähig ist, überschütteten sie das arme Mädchen mit Beleidigungen. Ernestinchen biß, kratzte und schlug um sich wie eine kleine wilde Katze, und ich mußte all meine Autorität einsetzen, um der häßlichen Szene ein Ende zu machen.

Was eine andere Lehrerin mit pädagogischen Grundsätzen getan hätte, weiß ich nicht; ich half mir auf meine Weise. In der Erholungsstunde, in der ich sonst Märchen erzählte, sprach ich an diesem Tage nicht über »Hans im Glück«, nicht über »Schneewittchen« oder »Aschenbrödel«, ich sprach über das Christkind, und Ernestinchen saß auf meinem Schoß. Ich erzählte den Kleinen von jenem hehren Gotteskinde, das so lieb und gut und brav gewesen, das alle Menschen ohne Ausnahme geliebt und zu dem alle ohne Ausnahme beten dürfen. Ich führte die Kinder ein in den Zauber der Milde und edlen Menschlichkeit, der gerade in der Verehrung jenes Kindes liegt, ich sprach – ich weiß nicht mehr was. Die Wirkung war eine große. Ernestinchens Brieflein an das Christkind wurde nicht nur abgeschickt, es wurde vorher auch mit den Kritzeleien vieler anderen Mädchen versehen, ein jedes der Kinder wollte seinen Namen darunter setzen. Ernestinchen begriff wohl nur dunkel, was da vorgegangen war, aber sie hing an meinem Halse und weinte und schluchzte. Ich hatte einen bösen Stachel aus ihrem Kinderherzen genommen und einen edlen Samen in die anderen gesenkt, und ich war stolz auf diese Tat.

Das Bittgesuch an das Christkind hatte für Ernestinchen den besten Erfolg, denn ihr Vater beschenkte sie reichlich. Das Materielle von der Poesie des Weihnachtsabends hat ja Eingang gefunden in allen Kreisen und bei allen Konfessionen. Und auch an mich dachte das Christkind. Ernestinchen trat eines Tages scheu vor mich hin und überreichte mir ein Paketchen. Sie hatte oft gesehen, daß ich Geschenke von den Kindern zurückwies, und ihre großen schwarzen Augen hafteten mit einem so ängstlichen, flehenden Blick auf mir, daß ich unwillkürlich nach dem Päckchen griff und es öffnete. Es enthielt ein einfaches, kleines Tüchelchen, auf dem sie ihre ersten Stickversuche in der Handarbeitsschule gemacht – in jenen Stunden, da sie verbannt war aus meinem Lehrzimmer. Ich war gerührt von der Feinfühligkeit, die bei dem Mädchen gerade in dieser Gabe unbewußt zum Ausdruck kam, und nahm das Geschenk mit Freuden an. Das Kind war glückselig.

Ich war der Pflichten als Lehrerin wieder enthoben, aber ich blieb im Institut. Und da sah ich Ernestinchen auch später manchmal. Es kam mir vor, als ob das arme Kind jener glänzenden Frau immer mehr verkümmere, als ob es krank sei in seinem innersten Wesen und nur durch übergroße Sorgfalt und Liebe dem Leben erhalten werden könnte. Das kleine Mädchen war nicht gesprächig und ich befragte es um nichts. So kam es, daß ich eines Tages vollständig überrascht wurde von der Kunde über das Unglück, welches dem Kinde schon vor Monaten zugestoßen war – es hatte seine Mutter verloren. Dieselbe war nicht gestorben, nein, das Unglück war viel größer – sie war ihrem Manne mit einem Künstler, ihrem Geliebten, durchgegangen. Das alles erfuhr ich erst an dem Tage, als der von Geschäften überhäufte Vater Ernestinchens uns sein kränkliches Kind brachte, und bat, es ganz aufzunehmen. Dieser Bitte bedurfte es nicht. Ernestinchen blieb im Institut und wurde ganz und gar meiner Sorgfalt anvertraut. Ihr Vater hatte eine Fülle von Geschenken für sie zurückgelassen und noch am selben Tage eine längere Reise angetreten.

Das Kind war während des ganzen Tages von einer lärmenden Fröhlichkeit, es folgte mir auf Schritt und Tritt und bezeugte gegen mich eine rührende Anhänglichkeit. Des Abends, als die Kleine im Bette lag, begann sie zu weinen und mich nach ihrer Mama zu befragen. Ich weinte mit ihr und erzählte ihr von ihrer Mutter, die im Himmel sei, die rührendsten Geschichten. Aber sie wollte immer mehr wissen, sie wurde immer unruhiger, es war schon Mitternacht vorüber und ich wußte kein Mittel, sie einzuschläfern. Da verlangte Ernestinchen von den Geschenken ihres Vaters einen kleinen lichtblauen Sonnenschirm, der ihr besonders wohlgefallen hatte. In meiner Herzensangst spannte ich den Schirm über ihrem Köpfchen auf und siehe, die Kleine wurde ruhiger. Verklärt sah sie in den blauen Schirm empor. phantasierte vom Himmel und ihrer Mama und bat diese, recht bald zu ihr zu kommen, denn sie sei ein braves Kind. Und so entschlief sie.

Ich kniete noch lange vor dem Bette des schlafenden Kindes, dessen Händchen den kleinen blauen Schirm, der ihm zum Himmelszelt geworden, fest umklammert hielten. Endlich ließen sie ihn sinken und auch ich ging zu Bette. Ich fand keinen Schlaf, denn ich mußte unaufhörlich an die Mutter denken, deren armes Kind neben mir lag. Gegen Morgen wurde Ernestinchen sehr unruhig und als ich nach ihr sah, fand ich sie mit offenen Augen und glühendem Gesichte schwer atmend daliegen. Sie erkannte mich nicht und gab keine Antwort auf meine Fragen. Mich befiel eine große Angst und ich sandte um den Arzt. Er kam und fand den Zustand des Kindes so gefährlich, daß er augenblicklich Auftrag gab, dem Vater zu telegraphieren. Das geschah. Wo die Mutter war, wußte kein Mensch.

Soll ich von der liebevollen Sorgfalt, von den durchwachten Nächten sprechen, die ich Ernestinchen widmete? Ihr Vater kam erst in einigen Tagen – er hatte die Krankheit für nicht so ernst gehalten – und nun fand er sein Kind nicht mehr, es war tot. Sein Schmerz war groß und es erschütterte ihn, mich von den letzten Tagen der Kleinen erzählen zu hören. Aber ich bin fest überzeugt davon, daß jenem armen Kinde außer mir niemand auf Erden ein dauerndes Gedächtnis bewahrt hat.«

Unsere Freundin hatte mit Tränen in den Augen geschlossen. Wir alle waren tief ergriffen von der schlichten Erzählung und eine geraume Weile sprach niemand ein Wort. Da gab einer von uns der Frage Ausdruck, die auf aller Lippen brannte: »Und die Mutter? Sind Sie ihr nie wieder begegnet? Haben Sie nie etwas von ihr gehört?«

Die Hausfrau sah uns mit ihren großen, sprechenden Augen der Reihe nach an: »O ja«, sagte sie. »Sie ist eine berühmte Künstlerin geworden. Um den Preis ihrer Frauenwürde hat sie sie Ruhm und Ehre aller Art erworben, und Sie alle kennen sie.«

»Wir?«

»Sie haben ihr heute Beifall geklatscht, Sie haben sie vorhin gerühmt und gelästert . . . Wenn ich als Frau vielleicht zu weit ging und den Schleier, der über diesem scheinbar so glänzenden Frauenleben liegt, zu sehr gelüftet habe, so verzeihen Sie dies meiner Erregung. Dieses Wiedersehen hat allen Groll, den ich einst gegen Ernestinchens Mutter empfand, wieder in mir geweckt und ich mußte mich aussprechen.«

Eine lebhafte Erörterung über diese unerwartete Enthüllung setzte ein, aber die feinfühlige Erzählerin schnitt uns die Rede ab.

»Und nun lassen wir die arme Frau, die eine so schlechte Mutter war,« sagte sie, »ich habe sie mir gut angesehen und ich halte sie trotz ihres Ruhmes nicht für glücklich.«

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