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Die schöne Lotti und andere Damen

Adam Müller-Guttenbrunn: Die schöne Lotti und andere Damen - Kapitel 15
Quellenangabe
typenarrative
titleDie schöne Lotti und andere Damen
authorAdam Müller-Guttenbrunn
year1920
publisherWiener Literarische Anstalt
addressWien / Berlin
pages3-7
created20040720
sendergerd.bouillon
firstpub1920
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Morgennebel

Beim alten »Lothringer« auf dem Kohlmarkt hatten wir jeden Mittwoch eine Zusammenkunft nach freier Wahl. Einer oder der andere aus unserer Tafelrunde war sicher dort zu treffen. Wenn nicht früher, so kam man nach der Vorstellung des Theaters. Ganz allein blieb man am Mittwoch nie.

Eines Abends, als ich dort saß, war nur M. anwesend, dem ich mich nie recht angefreundet hatte. Ich kannte ihn nur aus diesem Kreise. Er war nie zu mir, ich nie zu ihm gekommen, und so waren wir eben gute Bekannte und sonst nichts. Man nannte ihn immer bei seinem Beamtentitel, aber es ging die Sage von ihm, er habe vor Jahren einige Bändchen Gedichte veröffentlicht, und ein Kritiker aus unserer Tafelrunde behauptete, sie auch gelesen zu haben. So zählten wir ihn denn zu uns, und da M. sich nie aufdringlich geberdete und sein Urteil über künstlerische Fragen stets in den maßvollsten Worten abgab, war er bei allen wohlgelitten.

Heute saßen wir uns zum ersten Male ganz allein unter einem Bogen des uralten Gasthauses gegenüber und M. sprach von sich selbst, er schien gar seltsam weich gestimmt und mitteilsam. Ich bezeugte mein warmes Interesse und ermunterte ihn auf diese Weise, fortzufahren. Er hatte seit langem wieder einmal ein Gedicht fertiggebracht, das ihn befriedigte, und er las es mir leise vor. Es war wirklich sehr stimmungsvoll. Ob ich denn nicht einmal eines seiner Bücher zu sehen bekäme? Darauf ging M. mit Freuden ein. Gewiß! Er werde mir nächstens eines mitbringen. Und er fing immer mehr zu plaudern an von seiner Jugend, seinen literarischen Bestrebungen, seinem einsamen, öden Beamtenleben. Fast verschämt und zaghaft. Ich mußte irgendeine Saite seines Innern unversehens zum Klingen gebracht haben.

»Wenn ich auf die Zwanzigerjahre meines Lebens zurückblicke,« sprach M., »kommt es mir vor, als sehe ich eine in Morgennebel getauchte Landschaft. Da und dort ragt wohl schon ein kleiner Gipfel in das klare Sonnenlicht empor, aber die Ebene ist noch verschleiert, ich sehe keinen Weg, und in den Tälern braut es und brodelt es in den dichten Nebelmassen, als wollten sich dort die schwersten Wetterwolken bilden. Und in dieser Landschaft tappt man dahin. Die meisten geraten sogleich auf die große Landstraße, die in die Ebene hinführt, viele verirren sich auf Seitenpfaden und finden wohl nach Jahren den geraden Weg, einige stürzen in Abgründe und ein paar Auserwählte gelangen auf die sonnigen Gipfel. Keiner weiß, wohin er geht.

Man könnte das Bild noch weiter ausmalen. Denn der Sommer des Lebens mit seinen heißen, schwülen Tagen, in denen man allen erdenklichen Leidenschaften und Versuchungen ausgesetzt ist, und der klare, heitere Herbst, der uns auf einmal die weitesten Ausblicke gewährt und vor dem nichts mehr verschleiert ist als das Letzte, sie ließen sich ganz gut in mein Bild einbeziehen, aber ich will mich darauf beschränken, Ihnen nur ein ganz kleines Erlebnis aus den Zeiten des Morgennebels zu erzählen.«

Er stockte einen Augenblick und fuhr dann zaghaft fort: »Es ist so ganz nur ein seelisches Erlebnis, daß ich gar nicht weiß, wo ich es anfassen soll, damit der Schleier, der darüber gebreitet liegt, nicht reißt . . .

Ich lebte als kleiner Beamter in L. Ich war Lyriker und ich war verliebt. Man kann unmöglich weniger sein, als ich damals gewesen bin, denn mit einem Adjutum von fünfundzwanzig Gulden monatlich galt es zu leben; und man kann unmöglich mehr sein, als ich damals zu sein glaubte, denn ein Jüngling, der dichterisch veranlagt ist, trägt den Himmel in sich, und ein Dichter, der verliebt ist, zählt überhaupt nicht zu den irdischen Wesen. Alles in mir war Musik. Ich redete zwar mit den Menschen von alltäglichen Dingen, ich erfüllte meine Pflichten im Amte, aber ich lebte außerhalb der Welt und ging wie ein Mondsüchtiger meiner Wege.

Am Fenster ihres Vaterhauses auf dem Hauptplatze von L. hatte ich die blonde Schöne zuerst gesehen, der ich so ganz verfallen war. Ich ging täglich dort vorüber, wenn ich aus meinem Amte kam, und sie saß immer auf ihrem Erkerplätzchen. Unsere Augen suchten sich, unsere Seelen grüßten sich, und damit war's genug. Ich fragte nicht, wer sie sei, und sie wußte wohl kaum, wer ich war. So vergingen Monate stiller Seligkeit. Erst als ich sie unverhofft in einem Konzerte gesehen und die ganze Lieblichkeit ihrer siebzehn Jahre in mich aufgenommen hatte, regte sich der Wunsch in mir, ihren Namen zu erfahren. Sie war so jung. Und doch saß sie so ernst und schweigsam da in ihrem weißen Kleidchen. Auch kam sie mir ein wenig blaß vor. Aber der helle Strahl ihrer blauen Augen traf mich ganz munter, als sie sich zum Schlusse erhob und auf der Seite ihrer aufgedonnerten Mutter im Gedränge des Publikums verschwand. Ich würde viel darum gegeben haben, wenn ich ihre Stimme hätte hören können. Aber es gelang mir nicht, in ihre Nähe zu kommen. Daß sie ein klein wenig errötet war bei meinem Anblicke, das machte mich glücklich.

Endlich erfuhr ich ihren Namen, sie hieß Helene. Aber was noch an diesem schönen Namen hing, das traf mich hart. Sie war die Tochter eines der reichsten Männer der Stadt. Und da ihr Bruder vor einigen Jahren auf tragische Weise verunglückte, war sie jetzt das einzige Kind eines Millionärs. Das hatte ich dem bescheidenen Hause, in dessen Eckfenster ich den Blondkopf immer sah, nicht anmerken können. Wunschlos liebte ich das aufblühende schöne Kind. Nur meine Träume beschäftigte sich mit ihm. Und zahllos waren die Gedichte, die ich schon an Helene gerichtet hatte, ohne daß sie es ahnen konnte. Es waren glückliche, idyllische Gesänge. Jetzt aber war unversehens eine Saite gerissen aus meiner Leier. Ohne mir jemals darüber Rechenschaft zu geben, was aus der Liebe werden sollte, hatte ich mich ganz und gar in sie hineingelebt. Rosiger Morgennebel lag ringsum. Vielleicht würde mich der Zufall doch einmal mit ihr zusammenführen, vielleicht der nächste Fasching . . . Aber mit diesen Träumen und Hoffnungen war es nun mit einem Schlage vorbei. Hart und grausam hatte mich die Wirklichkeit angefaßt und wachgerüttelt. Es wäre eine namenlose Narretei gewesen, auch nur eine Minute daran zu denken . . . Wie ein Hohn traf mich damals mein Avancement von drei- auf vierhundert Gulden jährliches Adjutum. Mein ganzes Nichts wurde mir dadurch nur noch klarer. Ich war ja nicht verpflichtet, mit zweiundzwanzig Jahren schon ein großes Einkommen zu besitzen. Aber vierhundert Gulden!

Mit dem stillen, zarten Glücke dieser jungen Liebe war es vorbei. Ich führte einen erbitterten Kampf gegen mich selbst, und meine lyrischen Ergüsse hatten nun einen wehmütigen, klagenden Charakter angenommen. An dem Hause der Geliebten ging ich nicht mehr regelmäßig vorüber. Sie aber sah, daß ich absichtlich einen anderen Weg nahm. Und als es mich dann doch wieder hinzog zu ihr, da erhob sie sich und wandte mir den Rücken. Schmollte sie? Ich deutete es so und war davon beglückt. Und als ich dann wieder regelmäßig Tag für Tag kam, blieb Helene sitzen wie einst und sah mich ernst und fragend an. Sie zu grüßen, hatte ich kein Recht, und seitdem ich wußte, wer sie war, hätte ich es auch um keinen Preis gewagt. An manchen Tagen saß die Mutter neben ihr. Ein starkknochiges, gerötetes Gesicht mit gar strengen, hochmütigen Augen. An solchen Tagen schielte Helene nur nach der Seite zu mir herüber. Einmal hob sie den Kopf gar nicht und nur die Mutter sah nach mir. Abweisend, kalt, höhnisch. Ich schilderte sie, heimgekehrt, als einen Drachen, der die Pforte meines Paradieses bewacht.

Das stille Einverständnis zwischen zwei Seelen war dadurch aufs neue getrübt worden. Während ich mich keinem Menschen anvertraute und Glück und Leid allein trug, war auf jener Seite offenbar über die Sache gesprochen worden. Wie? darüber konnte kein Zweifel sein. Wer aber gab ihnen das Recht dazu? Und was konnte man über ein Phantasie und Luftgebilde überhaupt reden? Ja, was wußte man überhaupt von mir und meinen Gefühlen? Sie waren mir zu heilig, um sie mit jemand zu teilen, und ich war zu stolz, mich ferner auch nur einem abweisenden Blicke auszusetzen

Wieder stellte ich meine Promenaden zeitweilig ein, und wieder nahm ich sie auf. Auch im Theater sah ich Helene oft. Ihre Eltern hatten die Proszeniumsloge gegenüber der des Statthalters abonniert, und dort saß sie an jedem geraden Tage neben ihrer gestrengen Mutter. Alle jungen Männer von L. blickten nach dieser Loge. Warum sollte nicht auch ich hinsehen? Daß sie namentlich für alle Offiziere im Stehparterre ein Brennpunkt des Interesses war, jene Loge, das merkte ich gar bald. Und ich zog mich immer scheuer mit meinen Gefühlen in mich selbst zurück. Der Karneval war gekommen, und in den Fenstern Helenens türmten sich die Blumensträuße; fast sah man sie selbst nicht mehr, auch wenn sie auf ihrem Plätzchen im Erker saß. Und in den sonnigen Mittagsstunden wimmelte es jetzt immer von Herren auf dem Hauptplatze, die nach jenem Fenster auslugten. Besonders ein Ulane war immer dort zu sehen, ein stattlicher junger Rittmeister. Hübsch und sympathisch war er gerade nicht; er hatte etwas stark ausladende Unterkiefer, was seinem Gesicht einen hämischen Ausdruck gab.

Ich redete mit niemand ein Wort über Helene und wußte doch alles. Das reiche junge Mädchen war in jenem Winter in die Gesellschaft eingeführt worden, und sogleich begann der Wettlauf um ihre Millionen. Ingrimm und Abscheu erfüllten mich. Die konnten sie doch nicht alle lieben! Eine solche Hexe war sie ja nicht, daß sie alles bezaubert hätte auf den ersten Blick. Zu diesen Glücksjägern wollte ich nicht gezählt werden. Und ich ging nirgends hin, wo ich Helene begegnen konnte. Was hätte es für einen Zweck gehabt? Um meinem nagenden Gram zu entfliehen, hatte ich mich in eine große Arbeit gestürzt, ich begann mein erstes Drama zu schreiben. Die Tage verbrachte ich im Amte, die halben Nächte am Schreibtische.

Eines Tages schickte mich mein Amtsvorstand in Begleitung eines Dieners aus dem Bureau heim. Er hatte sich derart entsetzt über mein Aussehen, daß mir die Tränen aus den Augen perlten, so leid tat ich mir selbst. Der Arzt stellte einige Tage später seine Diagnose auf Typhus – Kopftyphus . . . Ich war in dieser Lage nicht ganz verlassen, denn ich wohnte bei einem gütigen alten Fräulein, einer armen Offizierswaise, die mich bemutterte. Sie pflegte mich auch jetzt. Der Arzt sagte ihr eines Tages, sie möge meine Eltern verständigen, denn die Sache sei sehr ernst. Sie aber wußte deren Adresse nicht, und mich zu fragen, hatte sie nicht den Mut. So verdoppelte sie ihre Sorgfalt um mich, damit sie sich keinen Vorwurf zu machen habe, wenn . . . Der Arzt kam jetzt zweimal täglich. Ich hatte schon viele Nächte nicht geschlafen, war meistens bewußtlos und phantasierte. Eines Tages sagte der Doktor meiner Pflegerin, heute möge sie ganz besonders auf mich sehen . . .

Meine Pflegerin erzählte mir später die Vorgänge jener Nacht und ich ergänzte ihre Erzählung durch meine eigenen Erlebnisse. Ich sprach in meinen Phantasien von ihr. . . . Ich rezitierte Gedichte auf sie, tobte und schrie und wehrte mich gegen das Sterben. Es sei zu früh . . . . Dann kamen die Gestalten meines Erstlingsdramas und ich sprach mit ihnen wie mit lebenden Wesen, weinte und lachte . . . Dem armen Fräulein graute schon vor mir, und sie wollte sich jeden Augenblick von einem Offiziersdiener ablösen lassen, der in Bereitschaft war. Aber sie zögerte immer wieder. So wurde es ein Uhr nachts, und ich war auf einmal ganz stille. Sie glaubte, jetzt sei es geschehen um mich. Plötzlich hob ich mich halb aus den Kissen. Ich starrte mit einem überirdisch verklärten Gesicht in eine Ecke des Zimmers, nickte mit dem Kopfe, lispelte leise, unverständliche Worte, weinte beseligt und hauchte einen Kuß in die Luft. Dann sank ich wieder zurück. Und als ich so dalag, erhielt mein Körper einen derartigen Schlag, daß das Bett ächzte und stöhnte und die Pflegerin entsetzt von ihrem Sitze emporfuhr. War es jetzt geschehen? . . . Sie beugte sich über mich und ich sah sie lächelnd, mit klaren, hellen Augen an. Nach einer Pause sagte ich zu ihr: ›Jetzt werde ich wieder gesund‹, drehte mich gegen die Wand um und in wenigen Sekunden schlief ich ruhig und fest. Und ich schlief vierzehn Stunden. Als der Doktor am frühen Morgen kam und mich so ruhig schlafend fand, da sagte auch er, jetzt wäre das Schlimmste vorbei.«

Mein Gegenüber machte eine kleine Pause in seiner Erzählung und zündete sich eine neue Zigarette an. »Und welches waren Ihre eigenen Erlebnisse?« fragte ich.

»Ja«, sagte er, tief Atem holend, »Shakespeare prägte ein ewiges Wort, als er den Satz niederschrieb, es gäbe mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als unsere Schulweisheit sich träumen lasse! Ich bin in keiner Weise zur Mystik veranlagt und bin gewohnt, für alles, was mir begegnet, natürliche Gründe zu suchen, aber über jenem Augenblick der Krisis, da ich zwischen Leben und Tod schwebte, liegt für mich ein mystischer Zauber. Helene, die mich krank gemacht, sie gab mir auch das Leben . . . In jener Ecke meines Zimmers, in die ich so verklärt und beseligt hinstarrte, stand das geliebte Mädchen. Sie trug jenes duftige weiße Kleid, das sie in dem Konzerte getragen hatte. Sie war zu mir gekommen, da sie gehört habe, daß ich schwer krank sei und mich so sehr nach ihr sehne. Und sie kam an mein Bett heran, strich mir das wirre Haar aus der Stirn und redete mit einer unsagbar süßen Stimme gar zärtliche Worte. Sie denke stündlich an mich. Ich solle nur trachten, wieder gesund zu werden, denn das Leben sei ja so schön, wenn zwei Menschen sich so innig lieben. Dann küßte sie mich und war verschwunden.

Als ich in das Bewußtsein zurückkehrte und meine Augen öffnete, sah ich das besorgte, gütige, alte Gesicht meiner Pflegerin über mich gebeugt. Ich schloß die Augen rasch wieder, denn meine Enttäuschung war grenzenlos. Aber ich wußte in jenem Augenblicke, daß ich gerettet war . . .

Sie werden mir sagen, daß in dieser Halluzination nichts Besonderes erblickt werden könnte, daß sie eine ganz natürliche Folge all der seelischen Erregungen gewesen, denen ich seit Monaten unterworfen war. Sie sei gewissermaßen der Höhepunkt des ganzen Dramas gewesen, das ich in meiner Einbildungskraft erlebt hatte. Und das alles gebe ich ohne weiteres zu. Aber am Morgen nach jener schweren Nacht war ein zierlicher kleiner Brief bei meinem Hausfräulein eingelaufen, in welchem sich eine Dame nach meinem Befinden erkundigte. Sie beantwortete diesen Brief, ehe ich wieder erwacht war, und legte ihn zu den übrigen, die während meiner Krankheit von Freunden und Kollegen eingelaufen waren. Erst nach Tagen, als ich wieder aufnahmsfähig war, erfuhr ich, daß auch eine Französin sich nach meinem Befinden erkundigt habe. Ich kannte keine Französin. Als ich nach Wochen im Lehnstuhl beim Fenster saß, um die gute Aprilluft einzuatmen, sah ich alles durch, was an Korrespondenz eingelaufen war, und da fiel mir auch jenes Briefchen in die Hand. Es enthielt die höfliche Bitte um Auskunft über mich. Eine zierliche, schlanke Mädchenschrift von energischem Zug . . . Die Antwort war erbeten an Madame N. N., französische Sprachmeisterin usw. Mich überfiel eine namenlose Freude. Es war mir nicht einen Augenblick zweifelhaft, von wem diese teilnehmenden Zeilen herrührten. Und sie waren an jenem Abende oder in jener Nacht geschrieben, in der die Erscheinung Helenens in meinem Zimmer stand. Der Brief lag wohl schon in einem Postkasten, als meine Krankheit um ein Uhr auf dem entscheidenden Gipfel anlangte. Aber daß das Mädchen, das einen solchen Schritt getan hatte, sich in jener Nacht mit mir beschäftigt haben mußte, darüber kann wohl kein Zweifel bestehen . . . Es gibt für mich eine Zwiesprache der Seelen, es gibt ein geistiges Fluidum, das von einem zum andern strömt und Verbindungen herstellt, von denen sich unsere Wissenschaft noch nichts träumen läßt. Es gibt überhaupt Kräfte, deren Vorhandensein wir mit unseren groben menschlichen Sinnen nicht wahrnehmen können. Nur wenn alles Irdische in uns schon tot ist und wir, losgelöst vom Stofflichen, reiner Vergeistigung zustreben, sind wir solcher Wahrnehmungen fähig, wie ich eine gemacht habe.«

M. hielt inne. Ich war so verwundert über diese Wendung seiner Geschichte in das spiritistische Gebiet, daß ich vorerst gar nichts zu sagen wußte. Endlich mußte ich aber doch reden, und ich fragte ihn, ob er sich denn nie mit Helene über jenes Ereignis ausgesprochen habe.

»Nie! Der französischen Sprachmeisterin aber machte ich einen Besuch und dankte für ihre Teilnahme. Ich erkannte in ihr eine häufige Begleiterin Helenens . . . Sie war sehr kühl, sehr diskret, legte den Zeigefinger an ihre Lippen und sprach von anderen Dingen.

Bald darauf erfuhr ich, daß der junge Rittmeister Sieger geblieben war unter allen Bewerbern. Mit ihm hatte Helene sich verlobt, und ich habe nie im Leben ihre Stimme gehört. Aber ich kenne diese Stimme ganz genau, denn Helene hat ja in jener Nacht zu mir gesprochen.«

An diese Erzählung knüpfte sich eine lange Debatte zwischen mir und M. Stundenlang wandelten wir auf dem Heimwege Straße auf, Straße ab, aber wir trennten uns, ohne daß es mir gelang, ihn in seiner Überzeugung, die sich seit zwanzig Jahren in ihm festgesetzt hatte, auch nur im geringsten zu erschüttern.

Morgennebel stiegen auf, als wir von einander schieden, M. entschwand meinen Blicken hinter einer symbolischen Wolke.

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