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Die schöne Lotti und andere Damen

Adam Müller-Guttenbrunn: Die schöne Lotti und andere Damen - Kapitel 14
Quellenangabe
typenarrative
titleDie schöne Lotti und andere Damen
authorAdam Müller-Guttenbrunn
year1920
publisherWiener Literarische Anstalt
addressWien / Berlin
pages3-7
created20040720
sendergerd.bouillon
firstpub1920
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Allerlei Weihnachten

Sie saßen am Silvesterabend einander gegenüber und blickten sich vergnügt in die Augen. Die Kinder waren längst schlafen gegangen, sie aber wollten das neue Jahr abwarten. Er hatte sich eine Zigarette angezündet und sie knabberte an allerlei Süßigkeiten. In einer Ecke des großen Speisezimmers stand noch der Christbaum. Er war überreich behängt mit Zuckerwerk und Obst, mit funkelnden Gold- und Silberfäden, und die Kerzchen waren noch nicht ganz abgebrannt. Sie konnten sich beide nicht trennen von dem Baume, von dem so viel Seligkeit ausging für die Kinder, und er mochte nur stehen bleiben bis zum Dreikönigstag. Es war der siebente Christbaum, den sie sich in ihrer jungen Ehe gestiftet hatten, und von Jahr zu Jahr wurde das Fest schöner und herzlicher gefeiert, denn mit den Kindern mehrte sich auch die Freude im Hause und das Verständnis für den tief menschlichen Inhalt dieses Festes.

»Wie schön es bei uns am Weihnachtsabend war, das kannst du mir doch eigentlich gar nicht nachfühlen!« sagte Herr Wallner und blies den Ranch gegen die Hängelampe empor.

»Wieso?« entgegnete etwas spitzig seine rundliche Frau. »Zu Weihnachten ist es immer schön, und jedes Jahr glaube ich, so schön wie diesmal war es noch nie.«

»Das ist es ja, du kennst den Unterschied nicht. Ihr Frauen erlebt so wenig. Ihr bleibt bei Muttern hinter dem warmen Ofen sitzen und habt es eigentlich immer gut. Aber der Mann . . .«

»Ja der, der muß hinaus ins feindliche Leben!« parodierte sie.

»Freilich muß er das. Ich war achtzehn Jahre vom Hause fort, als ich endlich dazu gelangte, mir selbst ein Heim zu gründen. Weißt du, was es heißt, achtzehn Jahre sozusagen außerhalb der Familie zu stehen?«

»Achtzehn Jahre! Das ist eigentlich schrecklich.«

»Fortwährend unter fremden Menschen. Ich begreife heute gar nicht, daß ich das ertragen habe . . . Die peinlichsten Zeiten waren mir immer der Weihnachtsabend und mein Geburtstag. Das sind Tage, wo ein Mann, der von Haus aus auch nur ein bißchen Familiensinn besitzt, alle Qualen der Vereinsamung empfindet. Kannst du dir einen Geburtstag denken, wo niemand deiner gedenkt, und einen Weihnachtsabend, an dem du allein deiner Wege gehst und nicht einmal die Freude anderer mitgenießen darfst?«

»Denken kann ich mir das wohl, aber . . .«

»Du kannst es nicht! An solchen Tagen hatte ich oft Selbstmordgedanken.«

»Aber warst du denn nicht da und dort eingeladen an Weihnachtsabenden?«

»Eigentlich nur ein einziges Mal. Aber an diesem Abend habe ich auf Gold gespeist.«

»Auf Gold!?«

»Jawohl . . . Ich war schon Jahre in Wien, aber ich lebte einsam wie Robinson auf seiner Insel. Ein Anschluß an Familien wollte sich nicht ergeben und ich beging meinen heiligen Abend stets in einem fremden Café hinter einer recht großen Zeitung, wo niemand mich erkannte. Einen einzigen verheirateten Freund hatte ich in der großen Stadt, einen Schauspieler. Er hatte eine fesche, liebenswürdige Frau und ein reizendes Mäderl, das mich Onkel Wallner nannte. Ich ging gern von Zeit zu Zeit hin, um mich auszuplaudern, und einmal machte ich ganz zufällig vor Weihnachten dort meinen Besuch. Da lud man mich für den heiligen Abend ein. Ich nahm ganz gerührt die Einladung an und versprach, pünktlich zu erscheinen. Recht früh sollte ich kommen, denn die Mizzi müsse ja doch um Zehn schon zu Bette, der Baum dürfte also etwa um acht Uhr angezündet werden. Und das sollte ich nicht versäumen, die Freude der Kleinen sei ja das Schönste an der Sache.

Ich steckte mir alle Taschen voll Spielsachen für die Mizzi, versah mich mit einer eleganten Bonbonnière für die Mama und war um halb acht Uhr vor dem Haustor. Das war mir aber doch zu früh. So ging ich denn langsam auf und nieder in der Gasse, um noch eine Viertelstunde totzuschlagen. Ein eleganter Wagen sauste an mir vorbei und hielt vor dem Tor des Hauses, das auch ich betreten sollte. Eine Dame kroch aus einem Berg von Paketen und Schachteln hervor, befahl dem Kutscher zu warten und verschwand im Hause. Diese Gestalt, diesen schwebenden Gang und auch die Stimme kannte ich. Es konnte nur die Heroine des X-Theaters sein. Sollte die bei Freund E. eingeladen sein? Ich fand das kaum glaublich, denn er hatte keine erste Stellung als Schauspieler. Und alsbald trat auch ich in das Haus und stieg langsam die vier Treppen empor. Diese Frau näher kennen zu lernen, das wäre interessant, sagte ich mir, denn ich hatte noch nie mit einer berühmten Dame vom Theater gesprochen

Auf der letzten Treppe kam mir ein lauter Schwarm von Menschen entgegen, und ich traute meinen Augen nicht, als ich sah, wer es war. Mein Freund samt Frau und Kind und Schwägerin, sowie sein Kollege R., der für diesen Abend bei ihm zu Gast gebeten war wie ich, umringten die Tragödin, welche Mizzi höchsteigenhändig trug und das Kind mit Zärtlichkeiten überhäufte. Ich war etwas verblüfft über diese Auswanderung, aber ich wurde der Künstlerin rasch vorgestellt als ein Gast des Hauses E., und als solcher ward ich von ihr ebenfalls eingeladen und mitgenommen. Frau E. entschuldigte sich bei mir, indem sie mir den Vorfall erzählte. Das Fräulein sei plötzlich gekommen und habe behauptet, sie hätten ihr im Sommer in Gossensaß das Versprechen gegeben, den heurigen Weihnachtsabend bei ihr zu verbringen. Sie habe schon oft daran erinnern wollen, aber immer vergessen, es zu tun. ›Wir wissen zwar nichts davon, aber was läßt sich da machen? Sie hat die großartigsten Vorbereitungen getroffen und für Mizzi eine sprechende Puppe in Bereitschaft. Das Mäderl war nicht zu halten. Und all unsere Gäste, so viel wir auch haben sollten, hat sie eingeladen.‹ Was wollte da ich tun? . . . Ich ging mit. Freund E. fand die Sache genial, ich fand sie vagabundenhaft. Aber was lag daran? Es reizte mich immerhin, einmal der Gast einer gefeierten Theaterdame zu sein.«

»Und wie war's?«

»Großartig! Die Wohnung war das schönste Märchen, das ein Tapezierergehirn jemals ausgedacht, und an Gästen fehlte es nicht. Unter dem Christbaum lagen die kostbarsten Geschenke, Galanteriewaren mit dem Bildnis der Hausfrau wurden an uns alle verteilt, ihr selbst überreichte ein langbärtiger, alter Herr, den alle wie den Hausherrn respektierten, allerlei Schmuckgegenstände. Über dreißig Personen saßen wir dann bei Tische, Mizzi mit ihrer sprechenden Puppe zur Linken, der Spender der Schmuckgegenstände zur Rechten der Tragödin. Mein Freund E. hatte das nötige Kind für das Weihnachtsfest beigesteuert . . . Das Menü war endlos und das Dessert wurde auf Gold serviert – für mehr als dreißig Personen auf Gold! Ich sage dir, ich bekam an diesem Abend einen ungeheuren Respekt vor der Kunst. Im Wintergarten spielte ein unsichtbares Quartett süße Weisen und im Salon wurde nach Tisch getanzt. Auch ich tanzte einen Weihnachtswalzer mit der Kameliendame des Hauses.«

»Du bist aber sehr undankbar für den interessanten Abend!« fiel da Frau Wallner ein.

»Ich habe mich durch ein Bukett von Fossatti für den Abend abgefunden . . . Willst du, daß ich die anderen siebzehn Weihnachtsabende meiner Junggesellenzeit schildere, wo ich nicht eingeladen war?«

»Nein, nein!«

»Na, wir haben noch eine Stunde Zeit und man kommt nicht alle Tage zu solchen Gesprächen. Ich habe allerlei Weihnachten erlebt und so manchen guten Menschen gerade an diesen Abenden kennen gelernt. Sogar mich selbst. Und auch dich.«

»Mich? Wieso?«

»Ach, liebes Kind, an dem Tage, an dem ich zum erstenmale mit dir sprach, lernte ich dich ja nicht kennen.«

»Es gibt also einen anderen Tag, an dem du mich kennen lerntest?«

»Gewiß! Aber ich wollte dir ja nicht von mir und dir . . .«

»Nein, Albert, alles andere interessiert mich jetzt nicht mehr. Sprich jetzt von dir oder von mir.«

Sie klingelte und das Mädchen erschien. »Fünf Minuten vor Zwölf, Lina, den Punsch.«

»Ja, gnädige Frau!« Die Lina warf einen raschen Blick auf die Zimmeruhr und verschwand.

»Ich habe mich da verplaudert und du nimmst mich jetzt beim Wort . . . Na, wenn du mir versprichst, mich gar nicht zu unterbrechen . . .?«

»Das verspreche ich dir.«

Wallner war aufgestanden. Er ging einige Male im Zimmer auf und nieder, drehte sich eine frische Zigarette und brannte sie an. Dann begann er: »Es war einmal ein junges Ehepaar. Sie waren erst sechs Monate verheiratet und mußten sparen, denn beide hatten sich getäuscht über die Kosten eines eigenen Haushaltes und sie gaben anfänglich mehr Geld aus, als sie einnahmen. Er war als Ingenieur bei der Direktion einer großen Bahn angestellt, nachdem er sich lange genug in der Fremde herumgetrieben und den Barbaren in Halbasien Eisenbahnen gebaut hatte. Er fühlte sich unendlich wohl in seinem jungen Haushalt, aber er neigte ein klein wenig zur Philiströsität und zur Pedanterie. Er war eben zu lange Junggeselle gewesen. Sein Stolz waren seine praktische Lebensanschauungen und er suchte dieselben auch seiner geliebten jungen Frau beizubringen. Sein zweites Wort war »praktisch«. In allem und jedem wollte er diesen Standpunkt gewahrt wissen und als zum erstenmal die schöne Weihnachtszeit herannahte, da predigte er seiner Frau, die er ein wenig im Verdacht hatte, daß sie große Dinge plane, Tag für Tag, wie praktisch man auch im Schenken sein müsse. Es lohne sich, stets für den anderen zu denken und ihm gerade das zu geben, was ihm fehle, was er sich selbst anschaffen müßte. Die junge Frau, die sterblich in ihren Mann verliebt war – ja, ja, sterblich! – und die seine Aussprüche wie die Offenbarungen eines Orakels hinnahm, fühlte sich doch ein wenig unbehaglich gegenüber diesem Evangelium der Nüchternheit. Und er beobachtete sie beim Herannahen des Festes. Wie gerne hätte sie das oder jenes getan, aber die Frage: ob es nicht etwas noch Praktischeres gebe, lag ihr fortwährend auf der Seele. Und sie mußte ja sparen! Sie durchstöberte alles, was ihr Mann mit in die Wirtschaft gebracht: seine Garderobe, seine Bücher, sein Rauchzeug, seine Wäsche . . .«

»Albert!« rief, plötzlich erglühend, Frau Wallner.

»Was hast du mir versprochen, Ada? Wenn du mich noch einmal unterbrichst, höre ich auf. Also bitte! – Beim Anblick seiner Wäsche leuchtete es aus in ihren blauen Augen; jetzt wußte sie, was sie zu tun hatte . . . Er selbst ging nicht minder ratlos umher. Er hätte schon etwas gewußt für seine hübsche, kleine Frau, der das Korsett damals schon ein bißchen lästig war: einen großartigen Schlafrock oder dergleichen, aber das kostete zu viel. Also etwas anderes. Aber er hatte wenig Zeit, nachzudenken, und er verließ sich schließlich auf die Eingebungen des letzten Tages. Er wird schon etwas Praktisches finden.

Als selbstverständlich galt es, daß man allein blieb, daß man den heiligen Abend in der Familie feiere. Als ob zwei Leute eine Familie wären! Und ein Christbaum wurde gekauft, so groß, als sollten Gaben für zwanzig Hausgenossen darunter gelegt werden. Das tat die Frau. Er fand das schon ein wenig unpraktisch, aber er wollte ihr doch keine Vorwürfe machen. Vor den Geschenken zitterte er freilich nach diesem Beginn. Am Aufputz des Christbaumes beteiligte er sich hervorragend. Ganze Berge von Zuckerwerk sollten aufgebunden werden, und als die junge Frau sah, wie er erschrak über die Menge und die Kosten, da sagte sie demütig: ›Schau, ich habe mir gedacht, unser erster Christbaum soll recht schön werden.‹ ›Ja, das ist schon recht,‹ entgegnete er, ›aber eßbare Dinge in solcher Menge auf den Baum zu hängen, verstauben lassen und dann wegwerfen, das ist doch unpraktisch. Ich wäre künftig mehr für anderen Flitter, den man aufheben kann für den nächstjährigen Baum.‹ Sie nahm sich das wahrscheinlich zu Herzen, denn sie schwieg.

»Am Morgen des schönen Tages ging die junge Frau selbst den Fisch besorgen. Sie kaufte einen lebenden Karpfen und legte ihn daheim in frisches Wasser. Er schlug die tollsten Kapriolen und spritzte die ganze Küche an. Die Köchin war in Verzweiflung, die Frau ergötzte sich an dem munteren Tier, das endlich doch getötet werden sollte. Aber die Frau entsetzte sich davor und die Köchin nicht minder. Sie hat sich das stets vom Fischweib besorgen lassen. Man entschließt sich, auf die Heimkunft des Herrn zu warten. Er wollte Mittag auswärts essen, aber abends recht früh kommen. Die Frau hatte alle Hände voll zu tun, der lebende Fisch genierte sie sehr, und ein wenig unwohl war sie auch . . . . Endlich kam der Mann. Er trug eine bunte Menge von ›Packerln‹ und wollte rasch in sein Zimmer verschwinden, aber die Köchin stürzte ihm entgegen und sprudelte ihren Jammer nur so heraus. Er verstand sie nicht, denn wenn sie aufgeregt war, redete sie noch böhmischer als sonst. Die Frau kam und gestand ihm ihren unpraktischen Einfall. Er sollte den Fisch töten. Wie kam er dazu? In seinem Leben hatte er keinem Tier etwas getan! Und wie macht man denn das?

›Nu, schlagt m'r Fisch ans auf Kupp mit Hammer!‹ belehrte ihn die Köchin.

Und er schickte die Frau weg, wickelte den Kopf des Karpfen in ein Handtuch und schlug mit einem Schlägel einmal kräftig zu. Dann zog er sich rasch aus der Küche zurück und die weichherzige Köchin begann nun ihres Amtes zu walten.

Als diese Episode verwunden war, entzündeten Mann und Frau gemeinsam die Lichter des Christbaumes, dann mußte die Frau hinaus. Er wollte zuerst sie beschenken. Er wird ihr läuten, wenn sie kommen darf. Dann wird er gehen und sie wird ihm läuten. So spielen sie Weihnachten miteinander wie die Kinder. Er hat seine Herrlichkeiten enthüllt, sie lauscht im Nebenzimmer, das Glöckchen, das er eigens mitgebracht, ertönt . . . Nicht einen Augenblick hat sie noch darüber nachgedacht, was er ihr schenken würde; daß er ihr überhaupt eine Freude bereiten wolle, das genügte ihr. Jetzt aber fragte sie sich doch: ›Was wird es sein?‹ Und sie trat strahlend in das Zimmer. Ein Armband für sie. Einige Toilettegegenstände zur Pflege ihrer Schönheit und – eine Fülle von Kindersachen. Ein reizendes, winzig kleines Geldtäschchen aus schneeweißem Ziegenfell, darin stak ein Glückskreuzer. Ein Paar herzige Kinderschuhe, ein Paar Kinderhandschuhe, die etwa für ein Sechsjähriges passen mochten und allerlei Spielsachen . . . Sie war zuerst starr. Nicht ein praktischer Gegenstand! Aber ein unwillkürliches Gefühl der Rührung bemächtigte sich ihrer beim Anblick all der nichtigen Dinge und sie fiel ihrem Manne um den Hals. Sie weinte. Er verstand sie nicht, küßte sie und verschwand. Jetzt kam ja die Reihe an ihn. Lange wartete er, dann läutete es, matt und zaghaft. Neugierig, hoch gespannt, steckte er zuerst den Kopf zur Tür herein. Ein feuchter, liebevoller Blick begegnete dem seinen. Als er näher trat, schlug die Frau die Augen nieder und streckte ihm wortlos entgegen, was sie in Händen hielt. Er war wie von einer Tarantel gestochen, aber er faßte sich. Drei frisch gekaufte, steif gebügelt Herrenhemden hatte ihm das Christkind gebracht. Sehr praktisch! dachte er sich. Er hätte sich ohrfeigen mögen. Da stand seine liebe, rührende Frau, mit dem lächerlichen Geschenk in der Hand, und sprach kein Wort. Er nahm ihr die Hemden endlich ab und legte sie beiseite. Sie wandte sich rasch seinen Gaben zu.

An diesem Weihnachtsabend hat der Mann sich selbst kennen gelernt.«

Frau Wallner streckte ihrem Mann die Hand über den Tisch hinüber. Die hellen Tränen waren ihr über die Wangen gelaufen, doch sie sprach kein Wort. Ein Engel flog durch das Zimmer, aber die Lina brachte jetzt den Punsch und verscheuchte ihn.

»Soll ich dir nun auch noch den heiligen Abend schildern, an dem der Mann seine Frau kennen lernte? Dazu ist in diesem Jahr kaum noch Zeit. Laß mich dir also nur verraten, daß dies schon der zweite Weihnachtsabend in dem jungen Haushalt war. Das war ein Abend! Die junge Mutter war der Mittelpunkt des Festes. Ihr Wille fühlte sich längst frei von dem pedantischen Einfluß des Mannes, der im Munde die Praxis führte und selbst allerlei Dummheiten machte; sie hatte alle Fäden des Haushaltes in ihrer Hand und er redete ihr nicht mehr drein. Wie sie ihn selbst mit sinnigen Handarbeiten für sein Zimmer und seinen Schreibtisch beschenkte, wie sie ihr Kind bedachte, wie sie das ferne Kind der Amme, das es nicht so gut hatte wie das ihre, beschenkte, wie sie die Köchin und die Magd in den Kreis der Familie zog für den schönen Augenblick des Festes, wie ihr Christkind für die anwesenden Großeltern sorgte, das alles vergißt der Mann ihr nie. Sie strahlte in hausmütterlicher Glückseligkeit, und er erkannte, was er an ihr besaß.«

Dumpfes Gejohle drang von der Straße herauf und in der Wohnung über ihnen erhob sich ebenfalls ein betäubender Lärm – der Zeiger stand auf Zwölf. Herr und Frau Wallner erhoben sich. Sie stießen mit ihren Punschgläsern an, umarmten und küßten sich, dann ließen sie das Ehepaar hochleben, dessen Geschichte sie beide zu Tränen gerührt hatte.

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