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Die schöne Lotti und andere Damen

Adam Müller-Guttenbrunn: Die schöne Lotti und andere Damen - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
titleDie schöne Lotti und andere Damen
authorAdam Müller-Guttenbrunn
year1920
publisherWiener Literarische Anstalt
addressWien / Berlin
pages3-7
created20040720
sendergerd.bouillon
firstpub1920
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Die Fremde

Schlaftrunken verließ ich in Linz nach Mitternacht das Coupé des Eilzuges. Ein freundlicher Reisegenosse, der schon lange danach gestrebt hatte, sich recht breit zu machen, warf mir rasch mein Handgepäck nach und ein gefälliger Packträger geleitete mich in strömendem Regen bis zu einem Hotelomnibus vor der Bahnhofhalle. Im Inneren des Wagens saß bereits ein Gast; ich war aber so verdrießlich, daß ich ihn keines Blickes würdigte. Wir saßen eine gute Weile neben einander, der Eilzug war längst in St. Valentin, unser Hotelwagen jedoch blieb hartnäckig stehen. Endlich begehrte ich auf. Weder ein Kutscher noch ein Kondukteur war zu erblicken, und es dauerte lange, bis mich der erstere hörte. »Wir müssen auf den nächsten Zug warten!« hieß es ziemlich barsch. Und wir warteten in dem Omnibus, auf dessen Blechdach der Regen klatschte und durch dessen zersprungene Fensterscheiben ein feiner eisiger Wind blies, auf den nächsten Zug. Da mein Genosse, trotzdem er ein Frauenzimmer war, mit seinem Los zufrieden schien, wollte auch ich es sein. Der nächste Zug brachte niemanden und wir fuhren endlich nach der Stadt. »In welchen Gasthof?« fragte ich. »Hôtel l'Archiduc Charles«, erhielt ich zur Antwort. Was der Tausend! dachte ich. In einer deutschen Stadt Österreichs heißt man einen Gasthof nach einem österreichischen Erzherzog, der für »Deutschlands Ehre« focht (wie auf seinem Denkmal zu lesen) zum »Archiduc Charles«. Als der Wagen vor dem Hotel hielt, ließ ich meiner tief verschleierten Nachbarin, deren runde, schwellende Formen mindestens auf Jugend, wenn auch nicht auf Schönheit schließen ließen, den Vortritt. Sie suchte sich ihr zahlreiches Schachtelgepäck und hüpfte hinaus. Der Kondukteur rasselte mit einem riesigen Schlüssel im Türschloß und öffnete dasselbe nach vieler Mühe. Wir traten in die dunkle Torhalle. Der Kondukteur schien der einzige Vertreter des Hotels »L'Archiduc Charles« zu sein und er machte jetzt Licht und ging vor uns her. »Ein Zimmer gefällig?« Zwei »Ja« antworteten ihm. Er geleitete uns und wir folgten ihm schweigend in den ersten Stock. Vor einer Tür blieb er stehen: »Bitte, ein Zimmer mit zwei Betten.« »Was fällt Ihnen ein?« sagte ich. »Wir gehören ja nicht zusammen!« rief mit heller Stimme die verschleierte Fremde. Ein Schmunzeln zog das von der Kerze grell beleuchtete Gesicht des Hausknechts – denn ein solcher war es – in die Breite und auch wir lachten. Der Mann wurde sehr ernst und sagte: »Sonst ist nichts frei.« »Gar nichts?« zirpte es hinter dem Schleier. Jetzt schlug sich der Hausknecht vor die Stirne: »Bitte, das sind ja zwei Zimmer nebeneinander.« Die Fremde war bei diesen Worten rasch in das Gemach getreten, doch blieb sie sogleich stehen, als unser Begleiter seinem Ausspruch den Nachsatz hinzufügte: »Aber diese Zimmer haben nur einen Eingang!« Mit einem plötzlichen Ruck wandte die Fremde den Kopf nach mir um und ich fühlte ihren prüfenden Blick auf mir ruhen. Ich glaubte den Schleier knistern zu hören unter dem Feuer dieser unbekannten Augen, doch war ich so müde und ruhebedürftig, daß ich ohne Umstände von dem ersten Zimmer Besitz ergriff. Mit einer Handbewegung, die durch einen Gähnanfall noch unterstützt wurde, bedeutete ich der Fremden, daß sie ohne weiteres über das zweite Zimmer verfügen möge. Sie zögerte, dann zuckte sie mit den Achseln und ging. Wir hatten kein Wort mit einander ausgetauscht. Der Hausknecht brannte mir eine Kerze an, folgte der Dame, tat bei ihr dasselbe und kam wieder zurück. Mit einem Geräusch, das ich höchst überflüssig fand, drehte meine Nachbarin den Schlüssel zweimal um. Zu ihrer Beruhigung rief ich dem Hausknecht laut nach, daß ich um 6 Uhr geweckt sein und mit dem Dampfschiff nach Wien fahren wolle. Daß ich mich dort verloben wolle, sagte ich nicht, obwohl es mir auf der Zunge lag. Er versprach mir, zu klopfen und verschwand.

Als ich am Morgen erwachte, schien mir die Sonne hell ins Bett. Nebel stiegen vor dem Fenster empor und auf einem nahen Bergrücken sah ich in der Ferne ab und zu die von der Morgensonne strahlend beleuchtete Kirche blinken. Der Pfiff eines Dampfers gellte plötzlich scharf durch die Morgenluft, ich erhob mich rasch und trat an das Fenster. Der Unglücksmensch hatte mich zu wecken vergessen! Das Schiff wiegte sich jetzt in den Fluten der Donau und fuhr ab. Grollend suchte ich mein Lager wieder auf und wollte weiter schlafen. Um mit der Bahn nach Wien zu fahren, war ja noch lange Zeit . . . Ein heftiges Pochen an meiner Tür schreckte mich aus jenem ungesunden Halbschlaf auf, der oft die gute Wirkung einer ganzen Nacht beeinträchtigt, wie manchmal die Nachschrift eines Briefes, in dem wir »angepumpt« werden, den Eindruck des letzteren und sei er auch noch so freundlich, aufhebt. Der Dummkopf pocht mir lange gut, dachte ich, und kümmerte mich nicht weiter darum. Das Klopfen ließ nach und ich unterschied zwei Stimmen. Die Sprecher entfernten sich, doch sie kamen wieder und polterten abermals. »Was gibt's?« schrie ich. »Aufmachen! Bitte, aufmachen!« Ich ging zur Tür und schimpfte, daß man mich habe verschlafen lassen und jetzt, da das Schiff längst fort sei, einen solchen Lärm schlage. »Aufmachen!« erscholl es wieder, und zwar sehr aufgeregt. Auch war das nicht die Stimme des Hausknechts. Ich fragte »Wer ist's?« Ein Faustschlag gegen die Tür antwortete. Dann sprudelte es: »Fragen Sie nicht! Ich bin es, der Mann! Und ich hole die Polizei!« Das war mir doch zu bunt, ich glaubte in einem Irrenhaus zu sein. Ich ging und kleidete mich an, um den Störenfried würdig empfangen zu können. Als ich mich umwandte, sah ich ein angstvoll verzerrtes Frauengesicht an der Tür, die in das Nebenzimmer führte. Die Fremde hatte ich ganz vergessen! Jetzt leuchtete mir manches ein. »Um Gotteswillen, öffnen Sie nicht! Er wird uns nicht glauben! Ich bin verloren!« flüsterte sie. Das ging mir gerade noch ab, Heimlichkeiten mit einer unbekannten Frauensperson! Eine solche Lage an dem Tage, da ich mich verloben wollte!

»Ich bedauere, meine Gnädige,« sagte ich ziemlich gereizt, »aber ich werde öffnen. Sie hätten auch in einem anderen Hotel absteigen können.«

»Ich hätte euch auch dort gefunden!« rief es von draußen. Der Mann hatte gelauscht und falsch verstanden. Auch das noch! Mit raschen Schritten näherte ich mich der Tür und riegelte sie auf, während die Fremde mit einem Aufschrei in ihr Zimmer flüchtete.

Der Mann, den ich da vor mir sah, erbarmte mir. Mit blutunterlaufenen Augen und Schaum an den Lippen stand er da, die Fäuste ballend, und doch mit scheuem Blick an mir vorbeisehend, ohne die Entschlußkraft, dem vermeintlichen Räuber seiner Ehre den Hals zu brechen.

»Mein lieber Herr,« sagte ich, »Sie sind vollkommen im Irrtum.«

»Oh, ich weiß!« stöhnte er und sank auf das Sopha. »Wo ist sie?!« schrie er dann auf.

»Dort, wo sie die Nacht hindurch war, in ihrem Zimmer. Ich kenne Ihre Frau nicht, habe sie nie gesehen.«

»Diese Komödie haben Sie mit dem Hausknecht gut gespielt. Mich belügen Sie nicht! Endlich hab' ich Sie ertappt!«

Jetzt wurde ich grob. »Gehen Sie zu Ihrer Frau und fragen Sie dieselbe, ob sie mich je in ihrem Leben gesehen. Ich werde den Tropf herbeirufen, der uns hier einquartiert hat!« Nach diesen, mit der größten Entschiedenheit gesprochenen Worten, die nicht ohne Eindruck blieben, klingelte ich dem Hausknecht. Der Mensch war soeben wieder als »Kondukteur« zur Bahn gefahren! Die Frau nebenan aber rührte sich nicht. Wie sollte ich dem vor Wut Stöhnenden nun beweisen . . .

»Es ist ein bloßer Zufall,« begann ich, »daß Sie mich noch hier finden.«

»Oh, ich weiß!« rief er höhnisch. »Sie wollten sehr früh fort. Aber man hat Sie vergeblich geweckt und als der Hausknecht merkte, daß Sie taub seien, da wußte er auch, daß Sie ihm einen Auftrag gegeben, der nicht ernst gemeint war.«

Der Mann war, während er dies sprach, aufgestanden und ging raschen Schrittes auf und nieder. Ich wurde durch seine Worte ziemlich verblüfft, fast verlegen. Er und der Hausknecht hatten sich das ganz gut zusammengereimt, und etwas dagegen zu sagen, mochte sehr wenig helfen. Mit dem Eifersüchtigen zu rechten, erschien mir überhaupt unmöglich. Was tun? Da kam mir ein rettender Gedanke.

»Mein Herr,« sagte ich, »seien Sie mein Gast heute Abend in Wien. Ich soll mich noch heute verloben.«

»Deshalb ist sie Ihnen nachgefahren, die Elende! Nicht nur mein Lebensglück zerstörte sie, auch das eines jungen Mädchens will sie untergraben!«

Der Rasende schien keine Vernunft annehmen zu wollen und besaß eine große Geschicklichkeit, aus allem, was ich sagte, die Bestätigung dessen zu hören, was er nun einmal hören wollte. Aber seine Wut hatte sich von mir abgelenkt, er schmähte nur seine Frau. Das war schon etwas.

»Zu ihrer Mutter wollte sie fahren! Die Lügnerin!« Dabei schlug er an die Tür des Nebenzimmers, daß sie dröhnte. Hinter derselben hörte man ein bitterliches, herzzerbrechendes Schluchzen.

Ich stand ziemlich ratlos da. Ich war, ohne zu wissen wie, in einen ehelichen Zwist zwischen zwei mir völlig fremden Menschen verflochten und es zeigte sich gar kein Ausweg aus demselben. So oft ich auch einen neuen Versuch machte, den Mann von seinem Wahn zu heilen, es fruchtete nichts. Jeder Angriff meinerseits wurde zurückgeschlagen Endlich entschloß ich mich, den Mann toben zu lassen und mich zur Abreise vorzubereiten Er trat, während ich meinen Handkoffer in Ordnung brachte, an die Seitentür und rief: »Wirst du mich endlich hinein lassen?« Die arme Frau antwortete, von Schluchzen unterbrochen: »Ich will dich nie wieder sehen! . . . Meine Mutter holt mich um 9 Uhr ab . . . Geh' ihr nur aus den Augen . . . Jetzt ist alles aus . . . Solch ein Skandal.«

»Du erwartest deine Mutter hier?« stotterte er und erblaßte. Dann schritt er auf mich zu: »Sie haben also kein Rendezvous mit meiner Frau gehabt. Und Sie lassen mich hier verzweifeln!«

Jetzt schwoll mir der Kamm. Ich hieß ihn einen Narren, drohte ihm mit der Polizei, lud ihn gleichzeitig vor die Mündung meiner Pistole und bramarbasierte fürchterlich. Er war ganz gebrochen, doch wie es sich zeigte, hatte meine Donnerrede keinen Teil daran. Seine Schwiegermutter, erzählte er jetzt stockend, habe ihn nie mögen. Sie sei eine reiche Grundbesitzerin in der Nähe von Linz, er ein kleiner Eisenbahnbeamter in Steyr, nur die große Liebe seiner Frau habe diese Ehe nach jahrelangen Kämpfen möglich gemacht. Und jetzt sei er so unglücklich. Jeder Blick, den seine Frau für einen Andern habe, treffe ihn wie ein Dolchstoß. Und sie sei so gefallsüchtig. Er habe sie so schwer errungen und fürchte immer, sie zu verlieren. Sein Mißtrauen fresse ihm und ihr das Herz ab . . .

»Werter Herr,« sagte ich, »Sie dauern mich. Ich bin erst im Begriffe, mich zu verloben und kann Ihnen daher noch keine guten Lehren geben, aber dieses Erlebnis, Ihr Unglück und dessen Ursachen werden für mich sehr lehrreich sein.« Während dieser Worte legte ich bereits meinen Überrock an und die Uhr schlug das letzte Viertel vor Neun. Der zerknirschte Ehemann schreckte empor.

»Sie gehen? Sie reisen schon? Ach, das ist gut! Gehen Sie nur rasch!« rief er. »Meine Schwiegermutter darf Sie nicht mehr hier finden.« Dabei trat er wieder an die Tür: »Klara, liebe, süße Klara, mach' auf. Ich bereue mein Ungestüm tief. Laß die Mutter nichts merken. Ich will gehen, wenn du es wünschest, aber sei wieder gut. Gib mir die Hand zum Zeichen der Versöhnung.«

Die Tür knarrte und im nächsten Augenblick lag sich das holde Ehepaar schluchzend in den Armen. Ich griff nach meinem Hute und wünschte den Herrschaften einen guten Morgen. Sie hörten es nicht. Ich fühlte, daß ich jetzt höchst überflüssig geworden, aber ich konnte doch nicht so unhöflich sein, ohne Abschied von dannen zu gehen. So wartete ich denn, bis die süßliche Zärtlichkeit der Wiederversöhnten sich genug getan hatte. »Gnädige Frau,« sagte ich dann, »gestatten Sie, daß ich mich Ihnen vorstelle.«

»Nein, nein!« rief sie, »tun Sie das nicht! Ich will nie erfahren, wer mir dieses Vergnügen bereitet hat, und Sie sollen niemals meinen Namen hören. Mein Mann würde es nicht ertragen, daß Sie ihn wissen.«

Ich verbeugte mich und verließ das glückliche Ehepaar, dem ich ein so angenehmes Reiseabenteurer verdankte.

Als ich die Geschichte abends in Wien erzählte, wurde mehr über sie gelacht als ich erwartet hatte, denn mir kam sie sehr ernsthaft vor.

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