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Die schöne Lotti und andere Damen

Adam Müller-Guttenbrunn: Die schöne Lotti und andere Damen - Kapitel 12
Quellenangabe
typenarrative
titleDie schöne Lotti und andere Damen
authorAdam Müller-Guttenbrunn
year1920
publisherWiener Literarische Anstalt
addressWien / Berlin
pages3-7
created20040720
sendergerd.bouillon
firstpub1920
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Eine Romanheldin

Kürzlich begegnete ich in der Inneren Stadt einer Dame, die mir auffiel durch ihre Beweglichkeit, den koketten Wurf ihres Kopfes und ihre ein klein wenig aus der Mode fallende Eleganz. Die spiegelblanken Lackstiefletten hatten ein bißchen zu hohe Absätze, der raschelnde schwarze Seidenrock war vielleicht ein wenig zu kurz, die Ärmel der Jacke hatten nicht den neuesten Schnitt und der Hut, der auf dem braungelockten Kopfe saß, schien mir zu klein zu sein. Und vor allem: ihre Wespentaille, die war doch ganz aus der Mode. Die Dame trug einen dichten Schleier vor dem Gesicht und ich konnte ihre Züge nicht sehen, aber alles an ihrer Gestalt mutete mich so bekannt an, namentlich die Taille. Der mußte ich vor langer Zeit einmal begegnet sein. Aber das konnte doch wieder nicht sein. Denn die Dame, die da vor mir hintänzelte, schien sehr jugendlich zu sein. Jene Taille aber, die ich meine, mußte heute mindestens ihre fünfundvierzig Jahre angesetzt haben.

Ich wollte mir Gewißheit verschaffen und ging der Unbekannten vor. Bei einem Schaufenster blieb ich ein wenig stehen, wendete mich und fixierte sie. Ganz unmerklich zuckte es unter dem dichten Schleier und auch mir gab es einen Ruck. Schon hatte ich ihren Namen auf den Lippen, aber ich beherrschte mich. Und sie tänzelte noch zierlicher dahin, sie schwebte wie auf einer Walzermelodie von dannen.

»Sapperment, die hat sich gut erhalten«, würde ich sicherlich in meinen Bart gemurmelt haben, wenn die Monologe heutzutage auf dem großen Welttheater noch gestattet wären. So aber schwieg ich und ging gedankenvoll meines Weges.

Unter den Mädchen und Frauen, die einem jungen Manne, der ein paar Jahre in Gesellschaft geht, begegnen, gibt es so hundertfältig differenzierte Spielarten, daß es sehr schwer hält, das Typische in ihnen zu erkennen. Selten trifft man eine, die sich gibt, wie sie ist. Jede spielt bis zu einem gewissen Grade Komödie, mimt eine Rolle. Und es ist nicht immer eine selbst gewählte. Oft üben die besonderen Umstände einen Zwang aus, nicht selten steht die Mama oder die Erzieherin als dirigierender Regisseur hinter dem Mädchen, das uns gefallen will, noch öfter ist es die Mode des Tages, die die Persönlichkeiten verwischt und uns die Erkenntnis ihres Wesens erschwert.

Von jedem, der dir durch das Leben schritt,
Bleibt eine Spur an deiner Seele hangen,
So bringst du am Gewand ein Stäubchen mit
Von jedem Weg, den du gegangen.

Dieses schöne Wort eines Unbekannten gilt aber doch von allen. Irgendein Schimmer bleibt von jeder Begegnung mit einem weiblichen Wesen in uns zurück, wenn wir auch nie bis zu der Erkenntnis vorgedrungen sind, ob der Glanz echt war oder erborgt.

Zu den Mädchenbegegnungen, die mir ein ungelöstes Rätsel aufgegeben haben, muß ich auch Marietta zählen, die ich kürzlich wiedersah. Sie war mir mehr als eine Begegnung, sie wurde mir beinahe zu einem Roman, und ich weiß doch nicht, wer sie ist. Daß sie die einzige Tochter einer wohlhabenden Witwe gewesen und wie sie hieß, das blieb mir natürlich kein Geheimnis, aber welch eine Art Mensch in ihr lebte, das konnte ich nicht ergründen.

Es war in Pörtschach am See. Der Badeort war damals noch kaum entdeckt und man konnte dort einsam und weltabgeschieden leben. Noch durchfurchten keine Segelboote den Wörthersee, kein »Hipp, hipp, hurra!« ertönte an seinen Ufern, und man zahlte monatlich bloß fünf Gulden für die Miete eines zweiruderigen kleinen Kahnes zu persönlichem Gebrauche. Und zwei Gäste konnte man in einem dieser hellgelb gestrichenen Boote immerhin mitnehmen, wenn man zu einer Jause nach Maria-Wörth hinüber oder gar nach Velden hinaus rudern wollte. Den geringen Fremdenverkehr auf dem See hielt damals ein kleiner alter Dampfer, die »Carinthia«, aufrecht. Und auf dem Schiffe gab es ein hübsches, schwarzbraunes Wiener Mädel, die Tochter der Eigentümerin des Dampfers, das den ganzen Sommer als Kassierin und Kontrollorin zwischen Klagenfurt und Velden hin- und herfuhr und mit allen Passagieren plauschte. Begegnete man diesem alten Schnellsieder auf hoher See und war des Ruderns müde, rief man ihn an, stieg aus und ließ sein Boot mitschleppen. O, es war damals noch sehr gemütlich am Wörthersee.

Jeden Samstag abends fand sich die kleine Gemeinde der Pörtschacher Sommerfrischler in dem im Entstehen begriffenen Etablissement Wahliß zu einem Kränzchen zusammen, und ich ging ganz gern hin. Es war gute, bürgerliche Gesellschaft, die man dort traf, angesehene Familien aus Wien, und sehr viel Jugend. Auch ein paar Schriftsteller und Künstler kamen an solchen Abenden aus ihren Schlupfwinkeln rings um den See hervor. Julius Rosen, der halbvergessene Lustspieldichter, hatte dort eine Villa, die Bianchi war auf einem Schlosse zu Gast und sie sang einmal bei uns, der alte Geiger Miska Hauser und andere, jüngere musikalische Größen verbrachten ein paar Urlaubswochen am Wörthersee, wo damals noch nicht der große Heuschreckenschwarm von Budapester Sommerfrischlern alljährlich einfiel.

Der Tanz war schon in vollem Gange. Ich aber saß in einer gemütlichen Ecke bei ein paar Genossen. Wir machten uns nichts aus dem Tanze und stritten gerade über den neuesten Moderoman von Georg Ebers. Da kam der liebenswürdige Badearzt, der Typus eines hübschen, eleganten Frauenarztes, auf unseren Tisch zugeeilt und bat mich dringend, die Qnadrille mitzutanzen, die er soeben auf dem Klavier anschlagen ließ. Und da ich zögerte, flüsterte er mir zu, eine junge Dame habe ausdrücklich den Wunsch geäußert, mich kennenzulernen.

Aha! dachte ich, das ist seine Leimrute. Aber der Gimpel flog doch darauf.

Ich wurde einem sehr stattlichen, fast frauenhaft molligen Fräulein vorgestellt. Das Mädchen hatte helle, große, braune Augen und schönes Haar, eine weiche, sonore Stimme, der man augenblicklich anhörte, daß sie musikalisch gepflegt war. Wir sprachen uns leicht und tanzten die Quadrille mit jener Unachtsamkeit, die schon damals für schick galt. Und so oft meine Tänzerin hinüberschwebte zu den anderen Paaren, bewunderte ich ihre entzückende Taille. Unter ihrer üppigen Büste hätte man so etwas von einer Taille gar nicht vermutet. Ich konnte sie sicherlich mit meinen beiden Händen umspannen. Das Gesicht meiner Tänzerin war rosig angehaucht und ihr leicht geöffneter Mund, der immer lächelte, zeigte eine Reihe schöner, kräftiger Zähne, von denen nur ein einziger das Goldauge einer Plombe aufwies.

Nach der Quadrille promenierten wir. Und meine Schöne – das kann ich ihr heute noch nicht vergeben – machte mir den Hof. Sie habe mich oft am Ufer sitzen gesehen und schwärmen. Sie beobachte mich, wenn ich manchmal stundenlang einsam auf dem See herumtreibe in meinem Boot. Auch daß es auf der »Carinthia« einen Anziehungspunkt für mich geben müsse, besprach sie mit einem schalkhaften Lächeln. Und das und jenes hatte sie von meinen ersten schriftstellerischen Arbeiten gelesen. Daß sie mich kennengelernt habe, sei doch reizend. So etwas wie eine Dichterbekanntschaft habe sie sich schon lange gewünscht.

Auf diese Art bestrich sie mich mit Lob und Artigkeiten wie mit Honig und ich blieb richtig an ihrer Seite kleben. Als wir den zweiten Walzer miteinander getanzt hatten und wieder promenierten, blieb sie plötzlich stehen, zog ihren Arm ein wenig aus dem meinen, sah mir voll ins Gesicht und fragte:

»Lieben Sie mich?«

Ich war im Augenblick sprachlos. Dann antwortete ich lächelnd: »Was würden Sie von mir denken, wenn ich Ja sagte?«

»Was sollte ich denken,« erwiderte sie und setzte die Promenade mit mir wieder fort, »gibt es denn nicht eine Liebe auf den ersten Blick?«

»Ja, das mag wohl sein«, sagte ich ausweichend, aber ich könne im Moment doch keine rechte Antwort auf ihre Frage geben.

»Warum nicht? Ich habe mir die Künstler nicht so zaghaft gedacht. Verdrehen Sie mir doch den Kopf. Bitte, bitte. Ich möchte mich einmal so recht närrisch verlieben.«

Ich lachte herzlich. Aber das nahm sie übel, sie schmollte. Und das Gespräch kam nicht mehr los von dieser Klippe. Sie schilderte sich selbst und ihre Tugenden, ihre Neigungen; auch ihre materielle Unabhängigkeit und die Freiheit ihrer Herzenswahl betonte sie. Und im Vorbeigehen stellte sie mich flüchtig ihrer dicken Mama vor, die einen südslawischen, dalmatinischen Typus hatte und mit einem italienischen Akzent redete.

»Unter'alten Sie meine Marietta nur reckt gut, 'err Doktor«, sagte sie und wir gingen weiter, unsere Arme innig aneinander schmiegend.

Das Mädel machte mir heiß. Meine Eitelkeit fühlte sich mächtig geschmeichelt durch die Art und Weise, wie ich da ausgezeichnet wurde, und ehe zwei Stunden vergangen waren, glaubte ich die Frage Mariettas, ob ich sie liebe, mit Ja beantworten zu können. Ich sagte es nicht, aber sie fühlte, daß ihr Sturm auf mein eitles junges Herz gelungen war, daß es ihr zu Füßen lag.

Nach Mitternacht brachen die Mütter auf und ich geleitete Marietta Arm in Arm nach Hause. Die Mutter mit einigen Freundinnen ließ Marietta schlauerweise vorangehen und wir beide zögerten hinterdrein. Schwärmend, kosend, seufzend, aufgewühlt in allen Nervensträngen. Aber es kam zu keinem Kuß. Nein, nein, das wollte die Marietta nicht. Aber wiedersehen wollte sie mich schon am nächsten Morgen. Nach dem Kirchgange würde sie mit ihrer Mutter im Park am See spazierengehen und da solle ich ihnen zufällig begegnen.

Mein Rückweg führte mich wieder in das Etablissement Wahliß, wo ich meinen Tisch noch besetzt fand. Der Doktor mitten unter den Herren bei der Exkneipe. Er lächelte sehr ironisch, als er mich sah, und die Freunde trieben ihren Spaß mit mir, sie bezeichneten mich für diesen Sommer als einen Verlorenen. Das Mädel sei verteufelt hübsch. Aber kokett. Sie klappere ein bißchen viel mit ihren schönen Augen. Und so jung, als sie sich gebe, sei sie auch nicht mehr. Sie müsse schon Erfahrungen haben.

So lauteten die neidischen Urteile der Männer in dieser Ecke über Marietta. Der Badearzt aber nahm sie in Schutz. Sie sei ein sehr feines, sehr gebildetes, aber auch sehr selbständiges Mädchen; sie besitze eine wunderschöne Altstimme, und wenn sie es nötig hätte, wäre sie wahrscheinlich schon längst bei der Bühne. Aber sie sei sehr wohlhabend und sie habe sich als einzige Tochter ihrer Mutter selbst erzogen. Ihr Vater, der als Offizier in Dalmatien stationiert war und dort heiratete, sei als junger Major in Bosnien gefallen. Seine Witwe sei eine Contessa gewesen. Daß die beiden Damen im Winter in Wien, im Frühling in Istrien und im Hochsommer gewöhnlich in Pörtschach lebten, wußte der Doktor genau. Und er würde sie sehr ungern hier vermissen, sagte er, denn die Tochter putzte die ganze Gesellschaft auf.

Das alles hörte ich schweigend an und dachte an den nächsten Morgen. Und an manches, was diesem Abend folgen würde, dachte ich. Aber als ich heimkam, lag auf meinem Nachtkästchen ein Telegramm, das mich nach Wien berief und meinem Urlaub ein Ende machte. Ich konnte meinen Aufenthalt bestenfalls noch um zwei Tage verlängern, dann aber war alles vorbei. Nun, diese zwei Tage wollte ich nützen.

Marietta hatte sich pünktlich im Park eingefunden. Sie ging voran, ihre Mutter und deren Schwester, der ich jetzt vorgestellt wurde, folgten. Ich dachte, wir würden uns wieder hinter die Gardedamen begeben, wie in der verflossenen Nacht. Aber Marietta war sehr steif und wahrte auf der Promenade die Form. Ihre schönen Augen waren überall und unser Gespräch kam nicht recht in Fluß. Erst als ich ihr sagte, daß ich am nächsten Tag abreisen müsse, schlug sie einen anderen Ton an und wurde wärmer. Ob das sein müsse und ob ich denn gar nicht mehr kommen könne während des ganzen Sommers? Schwerlich. »Aber Sie schreiben mir doch recht viele und schöne Briefe?« Wenn sie das erlaube, wolle ich es gewiß tun. Aber wir könnten doch nicht so von einander gehen. Wir müßten uns doch ein einziges Mal allein sprechen. Ganz allein sagte ich leise.

Sie sah mich seltsam an. Halb fragend, halb drohend. Dann zeigte sie mir in der Ferne eine Landspitze, die vom Ufer in den See hineinragte. »Das ist unser Garten«, sagte sie. »Wenn Sie heute abends gegen zehn Uhr dort hinrudern, können wir uns noch einmal sprechen . . . Aber leise, leise.«

Ihre Augen fackelten wieder nach allen Seiten, und es schien mir, als wolle sie jeden, der ihr begegnete, in Brand stecken. Schon regte sich eine bedenkliche Eifersucht in mir, ich fühlte mich als den Herrn der Situation und gedachte Marietta diese Koketterie künftig abzugewöhnen. Als wir uns, bei der Villa angelangt, förmlich verabschiedeten, glitt der Blick Mariettas verheißend gegen den See hin und ich prüfte die Landungsverhältnisse . . .

Dieser Sonntag war der längste meines ganzen Lebens. Ich ging umher wie ein Schlafwandler, und so oft ich auch erwachte, es wollte nicht Abend werden. Das Abenteuer, das mich erwartete, lag mir wie ein Gewitter in den Gliedern. Ein nächtliches Rendezvous, zu dem mich eine halbstündige Seefahrt bringen sollte . . . Eine ferne, jetzt im Sonnenglanz flimmernde kleine Bucht, in die ich mit leisen Ruderschlägen einzudringen geladen war . . . Und die Schönste von allen, die in diesem lieblichen Tale lebten, erwartete mich dort voll Sehnsucht. Das Herz schlug mir bis zum Halse herauf, so oft ich daran dachte.

Schon um acht Uhr saß ich in meinem Boot. Die Sonne lag noch auf dem Wasser, als ich ausfuhr, und der See wimmelte noch von Sonntagsgästen aus Klagenfurt und all den Sommerfrischen ringsum. Der Tag war heiß gewesen und jetzt suchte alles Kühlung auf dem Wasser. Ich zog die Ruder ein und ließ mein Boot treiben. Die »Carinthia« machte gerade ihre letzte Fahrt von Velden herab; das Schiff war überfüllt und mitten in der Menge saß ein Quartett und sang Kärntner-Lieder. Es klang gar traurig und doch so lieblich und weich, das »Verlassen, verlassen bin ich«. Die schöne Anna, das schwarzbraune Wiener Mädel, winkte mir mit einer ablehnenden Gebärde zu. Es sei heute kein Platz mehr für mich, wollte sie andeuten. Daß ich da draußen heute auf anderes Wild birschte, ahnte sie nicht.

Noch lange hörte ich den Gesang von der »Carinthia«, die in der Dämmerung verschwand, als ob sie in den See hinabgetaucht wäre. Die Seefläche hatte sich endlich völlig geleert und mein Boot schaukelte allein auf dem leise bewegten Wasser, das glucksend an das Schifflein schlug. Durch die Bäume und Büsche am fernen Ufer blinkten die Lichter des spärlich beleuchteten Dorfes, es war dunkel geworden und ich legte die Ruder aus. Meine Stunde nahte und ich glitt unhörbar dahin. Nur bei der Einfahrt in die kleine Bucht, wo ich durch einen Schilfkranz hindurch mußte, raschelte es ein wenig lauter. Endlich war ich gelandet und stand vor dem Gitterzaun. Ein Türchen sah ich nicht, denn es war ganz finster. Da hörte ich ein Wegbiegen von Zweigen und Blättern hinter dem Zaun und eine leise Stimme begann zu flüstern:

»Herrlich, herrlich sind Sie daher gekommen. Wie Lohengrin zu Elsa.« Sie streckte ihre Hand durch das Gitter und streichelte mir die Wangen. »Das ist reizend, daß Sie gekommen sind, wirklich reizend.«

Ich küßte ihre Hand zärtlich und fragte, wo denn der Eingang wäre.

»Eingang? Wie – Sie haben geglaubt, daß ich Sie da herein lasse?«

»Ganz gewiß«, sagte ich. »Und wenn es keine Tür gibt, werde ich hinübersteigen.«

»Nicht unterstehen!« flüsterte sie scharf. »Wir können auch so ganz gut miteinander sprechen. Ich bin ein anständiges Mädchen. Muß ich Ihnen das erst sagen?«

Meine Hoffnungen begannen zu versinken. Ich erinnerte sie noch einmal an meinen bevorstehenden Abschied. Wir würden uns vielleicht nie wiedersehen, es sei möglicherweise eine letzte Begegnung und ich liebe sie wahnsinnig, sagte ich ihr durch einen Spalt des Gitterzaunes. Ich möchte sie nur einmal umarmen und sie küssen, ehe ich gehe.

Ich hörte ihren Atem, aber sie schwieg. Ich griff durch einen Spalt im Zaun und preßte sie mit der Hand an das Brett, daß es knackte. Ich tastete im Dunkeln und nestelte ihren Schlafrock auf, meine Rechte lag auf ihrem Busen und sie litt es.

»Ach, wie schön ist das,« seufzte sie, »wie himmlisch schön!« und legte ihr Ohr an den Spalt, daß ich es küssen konnte.

Schön? Das konnte ich durchaus nicht finden, ich wurde wütend. Zu jeder Tollheit aufgelegt, wollte ich den Zaun ersteigen, als im Innern des Hauses plötzlich der Ruf ertönte: »Marietta!« »Marietta!« Es war die Stimme der Mama. Und meine Nachbarin hinter dem Zaune antwortete zu meiner Überraschung mit dem Walkürenruf: »Hojotoho!«

Der herrliche Klang dieser Stimme zitterte weithin über den See und weckte ein fernes Echo. Aber auch mich weckte es vollends.

»Jetzt muß ich gehen«, zischelte sie leise durch den Spalt.

»Sie haben eine wundervolle Stimme«, sagte ich. »Sie werden eine berühmte Sängerin werden.«

»Darüber reden wir morgen«, sagte sie. »Ach, wie Sie glühen, Sie Ungestümer . . . Reißen Sie den Zaun nicht ein!«

»Morgen Mittag«, gurgelte ich in brünstiger Aufregung, »reise ich ab und ich werde Sie ewig hassen.«

»Liebster, vorher sprechen wir uns noch allein«, flüsterte sie. »Ganz ungestört.«

»Wo? Wo?«

»Im Wasser.«

»Im Wasser?«

»Ich bin die beste Schwimmerin hier am See. Um elf Uhr werde ich drüben sein auf Ihrer Insel«, flüsterte Marietta. »Gute Nacht.«

Die Zweige des Gebüsches knackten und sie war fort. Noch ein, zweimal schmetterte sie ihren Hojotoho-Ruf aus der »Walküre« in die dunkle Nacht hinaus und dann war es ganz still.

Zerknirscht ruderte ich heim. Und ich blickte an diesem Abend in keinen Spiegel mehr.

Die beiden, oft feindlichen Gegenpole des Pörtschacher »Badelebens« waren immer die zwei Schwimmschulen von Wahliß und Werzer. Ich wohnte bei Wahliß und gehörte zur Südpartei, im unteren Teile des Ortes; Marietta zählte zur Nordpartei, sie hauste weit droben. Die Insel im See aber gehörte zu uns, die wir auf der großen Landzunge bei Wahliß oder dessen Nähe wohnten. Und dahin wollte Marietta schwimmen, um noch einmal mit mir allein zu sein?

Die Sache an sich war ja nicht so seltsam, ein Rendezvous im Wasser etwas Alltägliches. In den beiden Badeanstalten gab es allerdings der Form halber getrennte Bassins für Damen und Herren. Aber von jedem dieser Bassins, die nach dem See hin offen waren, führte eine Treppe hinaus ins große Wasser. Wer dort hinausschwamm, war frei von der Konvention; dort mischten sich Herren und Damen in bunter Reihe und es wurde von niemandem Anstoß daran genommen. Die Damen in koketten Badekostümen und wasserdichten Häubchen aus Wachsleinen in allen Farben und Formen, die Herren unter großen Strohhüten. Man plätscherte lustig im See herum und plauderte wie auf einer Soiree. Nur ein bißchen lauter. Ehepaare, Brautpaare, die sich an der Pforte der Badeanstalt trennen mußten, vereinigten sich außerhalb derselben wieder zu fröhlichem Plausch. Und die Damen waren viel weniger dekolletiert als auf einem Hofball. Wer nicht ausdauernd schwimmen konnte, nahm sich zwei Binsenbüschel mit und legte sich darauf. Die trugen ihn sicher, wenn er müde war.

Bis zur Insel aber, die gegen Maria-Wörth hin liegt, verirrte sich nie jemand. Sie war nicht zu weit, denn das Wasser hatte durchschnittlich zwanzig Grad und die Dauer eines Bades war unbegrenzt. Aber der Zugang zu der Insel erschien unwirtlich, er war von hohem Schilf bestanden. Und da wollte Marietta durch, sie wollte sich ihre schönen Arme und Beine zerschneiden oder doch zerkratzen für ein kleines Rendezvous?

Grollend, beinahe fluchend war ich abends zu Bett gegangen, aber um acht Uhr früh war ich schon im Wasser. Die Luft war noch kühl und wenn man nach den schneeigen Gipfeln der Karawanken sah, hatte man das Gefühl, als ob man in ein warmes Wannenbad gestiegen wäre, während draußen der Schnee auf den Dächern liegt. Der See war heute unleidlich warm und ich stieg nach einer Stunde doch wieder heraus. Daß auch ich zur Insel schwimmen sollte, hatte Marietta ja nicht verlangt. Vielleicht war es ihr sogar recht, wenn ich mit meinem Boot dort war. Das konnte der Ermüdeten Schutz bieten.

Meine Phantasie begann schon wieder ihre geschäftige Tätigkeit und ich erwartete goldene Berge von diesem Rendezvous im Wasser. Ich mußte mich immer wieder selbst ernüchtern. Was konnte mir noch blühen? Meine Koffer waren gepackt. Der Zug ging um eins. Um elf sollte die Zusammenkunft da drüben sein. Ich frühstückte für alle Fälle kräftig, damit ich das Mittagessen entbehren konnte vor der Abfahrt. Und dann fuhr ich hinaus auf die sonnige Fläche des Seespiegels.

In der Ferne tauchte alsbald ein roter Punkt auf, der sich auf der Wasserfläche fortbewegte und näher kam. Ich ruderte klopfenden Herzens gegen das Schilf an, der Insel zu. Es gab Stellen, wo das Schilf sehr schütter stand, und ich hieb es mit den Rudern um. Alles für Marietta. Endlich landete ich und band mein Boot an einen Ast. Ein paar Seemöven und ein Reiher flogen auf. Der Boden war dort und da sumpfig und ich suchte ein festes, trockenes Plätzchen.

»Hojotoho! Hojotoho!«

Sie war schon da. »Marietta!« rief ich und stürzte an das Ufer. Sie lag wie ein Meerweib halb im Wasser, halb auf dem Sande und winkte mir zu. Ich konnte aber nicht hin. Nur mit Röhrenstiefeln wäre das möglich gewesen. Und ich bat sie, ans Land zu kommen. Sie aber fand, daß es im Wasser viel besser wäre und zeigte mir die Zähne. Ihr rotes Badekostüm kleidete sie himmlisch und sie blickte mich sieghaft lächelnd an. Etwas ironisch, kam mir vor. Sie konnte mich hinschicken, wo sie wollte, ich war dort. Und wieder hatte sie eine Schranke zwischen uns aufgerichtet. Sie ließ sich auf jedes Abenteuer ein – aber aus Distanz.

Wir plauderten. Und wieder fand sie dieses Zusammentreffen reizend, ja einzig. Sie war entzückt von sich selbst und ihrem Vorschlage und beklagte es aufrichtig, daß ich schon reisen müsse. Was hätte man in diesem Sommer nicht noch alles unternehmen können!

»Ach ja,« seufzte ich, »so hübsch gemeinsam, wie gestern und heute.«

Sie lachte wie ein Schalk. Im Winter würde sie sich für alles revanchieren, sagte sie. Auf zwanzig Kränzchen und Bällen könne ich sie umarmen genug. Sie sichere mir schon heute sämtliche Walzer zu. Ich solle ihr einstweilen nur recht oft schreiben. Ihr Stubenmädchen heiße Lisbeth Würzl. »Ist sie hübsch?« fragte ich verwundert. – »Beinahe so hübsch wie die Anna auf der ›Carinthia‹, neckte sie. »Schreiben Sie nur an Lisbeth und machen Sie außen ein Zeichen auf den Umschlag. Ein ›F‹ genügt. Das ›F‹ heißt ›Fräulein‹ und ich bekomme den Brief. Direkt an mich keine Zeile! Nur an Lisbeth Würzl.«

Das betonte sie dreimal, und ich versprach, mir den Namen zu merken.

Auf dem Rückwege von der Insel, die sie mit keinem Fuße betrat, durfte ich sie begleiten. Ich ruderte und sie schwamm nebenher. Sie suchte hinter meinem Boote Deckung gegen die Neugierigen von der Südpartei. Es schien ihr, als hätte man sie gesehen. Wenn ich sie bis auf den halben Weg mit dem Boote decke, käme Sie unbemerkt in das obere Gebiet. Und so geschah es. Sie schwamm wie ein Hecht. Ich hatte Mühe, mich neben ihr mit dem Boote zu behaupten. Als wir an dem feindlichen Gebiete vorbei waren, reichte sie mir zum Abschied plötzlich eine Hand aus dem Wasser und ich hielt sie fest. Ich wurde sentimental, legte mich flach in mein Boot und bat um einen Abschiedskuß.

»Das ist reizend!« sagte sie. »Für diesen originellen Einfall verdienen sie wirklich einen Kuß.« Und sie küßte mich wie eine Teufelin. Aber es war nur ein Moment, und ehe ich zur Besinnung kam, war sie lachend fortgeschwommen, wie eine Meerjungfrau. Ihr heißer Atem hatte mir im letzten Augenblicke wie eine Flamme ins Gesicht geschlagen. Und gänzlich behext verließ ich eine halbe Stunde später Pörtschach.

Meine Briefe an Lisbeth Würzl begannen schon unterwegs. Und sie überstürzten sich in den nächsten Tagen und Wochen. Aber es kam kein Echo. Ich konnte es mir nicht erklären und knüpfte mit Freunden in Pörtschach einen Briefwechsel an, um auf Umwegen zu erfahren, was es Neues am Wörthersee gebe. Eigentlich war ich tief unglücklich, aber ich ließ es mir nicht anmerken. Und so erfuhr ich allen erdenklichen Klatsch, auch über Marietta. Wenn nur der hundertste Teil davon wahr gewesen, dann war ich bloß eine von den zahllosen Schachfiguren, mit denen sie spielte. Ich stellte meine Briefe ein. Und jetzt kam einer von ihr. Voll süßer Romanphrasen und faustdicken Lügen. Ihre Mutter sei schwer krank gewesen, sie sei seit jenen unvergeßlichen Tagen noch nicht aus der Krankenstube gekommen. Ein für sie verlorener, trostloser Sommer. Sie sehne sich so sehr nach mir und ich möge ihr meine »große, männliche Liebe in Treue bewahren«.

Da ich genau vom Gegenteil ihrer Lebensführung unterrichtet war, überwand ich mich und gab keine Zeile mehr von mir. Vorbei! –

Und jetzt, nach so vielen Jahren, hatte ich sie wiedergesehen. Mit gestutzten, gelockten Haaren, ganz so kokett und so geschmeidig wie einst, doch alles an ihr verriet die alte Jungfer. Wie viele Romane mochte sie mit Männern angezettelt und doch nicht erlebt haben? Ihr Drang nach Abenteuern war groß, doch es fehlte ihr der Mut, ein Abenteuer auszuschlürfen. Aber wer weiß, ob sie nicht glücklich ist? Wenn die Erinnerung der Nachsommer der menschlichen Freuden ist, dann wird dieser freundliche Nachsommer bei ihr ewig währen. Denn an schönen Erinnerungen kann es ihr nicht fehlen.

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