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Die schöne Kastellanin

Hans Grasberger: Die schöne Kastellanin - Kapitel 9
Quellenangabe
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typenovelette
authorHans Grasberger
booktitleMeisterwerke neuerer Novellistik Band 3
titleDie schöne Kastellanin
publisherMax Hesses Verlag
seriesMeisterwerke neuerer Novellistik
volumeDritter Band
printrun
editor
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080911
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VII.

Die Brosche.

Ferdinand und Resi lebten als Ehegatten still und glücklich. Nach anderthalb Jahren hatte sich ein Knäblein eingestellt – es war ein Maikind. Natürlich waren Schwiegermutter und Schwägerin herbeigeeilt; ein kleiner, schreiender Weltbürger bedarf ja vieler sorgsamer Hände. Mutter und Sohn bemerkten mit heimlicher Genugtuung, daß das Kind nach ihnen geartet sei. Ferdinand konnte dessen auch kein Hehl behalten, sondern bemerkte lächelnd, zur geduldigen Wöchnerin gewendet: »Resi, schau, seine Resi, wo dachtest du hin? Du hast mir keinen Prinzen, sondern ein gewöhnliches Wagnerkind beschert.«

»Das ist's eben, was mich freut,« entgegnete errötend die junge Mutter; »ich wollte ganz in dir aufgehen und nichts von deinem Wesen dir abtrünnig machen.«

Das rührte den Mann, und so war ihr ganzes Wesen treue, selbstlose Hingebung!

Und über noch etwas sprach sich Ferdinand, zwar nicht zu seiner Frau, die es möglicherweise hätte kränken können, wohl, aber zur Mutter und Schwester befriedigt aus.

»Ihr werdet sehen,« sagte er, »Resi ist nunmehr von ihrem träumerischen Hang, von ihrem phantastischen Gebaren befreit. Ein liebes Kind schafft gesunde Sorgen herbei und lenkt die Gedanken auf greifbare Dinge. Nicht daß ich mir meine Frau fortan weniger hold, weniger feinsinnig dächte, aber ihr versteht mich. Es war mir oft, als sei sie nicht recht irdischer Natur oder als sei sie nicht immer gut bei Troste. Das, hoff' ich, wird sich jetzt geben.«

Doch Ferdinand irrte in diesem Punkte. Eine zwar gebildete, gemütvolle, aber doch wesentlich praktische und dem Praktischen berufsmäßig zugewandte Natur, verkannte er Resis eigentliches, tieferes Wesen, ihren geheimsten Zug.

Ferdinand irrte, indem er an eine Umwandlung Resis, deren ihre Natur nicht fähig war, glaubte; er irrte und wurde dadurch sicher und sorglos ihren dunklen und doch so lichtbedürftigen Neigungen gegenüber, je länger, desto mehr.

Frau Resi hat den Verkehr mit der stillen Gruft nicht aufgegeben. Sie kennt bereits alle weiblichen Insassen derselben und hat mit ihren Schatten, ihrem Staube Rücksprache gehalten. Sie hat ihnen Licht und Luft zugeführt, hat sie von neuem schön und würdig gebettet, hat sie mit duftenden Blumen umgeben; bekränzt sie doch das Grab ihres armen Vaters auch unten im Markt, Jahr für Jahr.

Sie kennt die Hinterlassenschaft der Frauen an Schmuck und Geschmeide – es ist nicht viel, aber es sind herrliche Stücke darunter. Diese zu reinigen, ihnen Glanz und Feuer zurückzugeben, ist ihr eine liebe Arbeit.

Vorläufig ordnet sie die Sächelchen in eine kleine Schachtel, versteht sich, jedes Stück mit dem Namen der stummen Eignerin und stellt diese Schachtel ins Wandkästchen zu den Schlüsseln ihres Mannes – nicht ein einziges Mal hat er noch nachgesehen, was an Kostbarkeiten das Schächtelchen berge; der Vielbeschäftigte hat für ihr Spiel kein Interesse.

Die Männer-, die Grafensärge sind uneröffnet geblieben; diese hat Resi nur ab und zu außen bekränzt. Eines Abends sagte Ferdinand zu seiner Frau: »Ich soll morgen zur Hochzeit von Pambichlers Tochter, die ins Unterland zieht. Er ist unser schwerster Pächter, und ich hab' es dem »Bittlmann« so gut wie zugesagt. Getafelt wird beim Brückenwirt draußen, fast alle Bauernhochzeiten fallen ihm zu. Es ist zwar morgen ein halber Feiertag, ich möcht' aber für mich einen ganzen Werktag draus machen; ich habe Dringendes abzutun. Eins von uns beiden muß aber hin, wir sind es schon unserer Herrschaft schuldig. Mach's also du mit; tu mir den Gefallen. Es ist auch gut, daß du wieder einmal unter die Leute kommst. Du mußt dich aber auf langes Sitzen und viel Protziges Wesen gefaßt machen. Ich werde dem Sepp schon sagen, daß er einspann' und heimfahre, eh' der Tanzboden zu stauben anfängt. Es ist, wie gesagt, unserer Herrschaft wegen.«

Eine gute Frau gehorcht, und wo sie ihren Mann und gar auch die Herrschaft zu vertreten hat, überlegt sie ihr Auftreten. Den reichen Bäuerinnen und Pächtersfrauen konnte und wollte sie's nicht zuvortun. Sie hatte wenig Schmuck, und Plumpen schon gar nicht. Erschien sie aber in auffälliger Einfachheit, so konnte ihr das als die Festlichkeit kränkend mißdeutet werden. Am liebsten hätte sie etwas bescheiden Herrschaftliches an sich gehabt; kam sie doch auch mit herrschaftlichen Pferden angefahren. Und wie, wenn sie die Mantelschließe der kleinen Komtesse aus der Gruft als Brosche nähme? Das Zierplättchen stände ihr vielleicht zu Gesicht, fiele nicht sonderlich ins Auge und wäre hinwieder doch etwas anderes, als was die übermütigen Weiber an Gold, Silber und Perlen zur Schau tragen.

Es war nicht Zeit mehr, viel zu überlegen. »Das liebe Komteßlein verzeiht mir's schon! Sie muß schön gewesen sein in diesem Schmucke. Aber nicht auch die Ohrgehänge, das wäre des Guten zu viel, und ich will nicht großtun mit fremdem Eigentum! Ein kleines Abzeichen genügt« – und sie entnahm nur die Mantelschließe dem bekannten Schächtelchen.

Aufgetragen wurde nach der Trauung beim Brückenwirt natürlich, daß sich die lange Tafel bog. Bei solcher Gelegenheit greift man zu und stellt seinen Mann. Frau Therese wußte es und genügte doch kaum halbwegs ihrer Aufgabe. Man hat ihr einen Ehrenplatz eingeräumt, schon der Herrschaft wegen. Wer sie neidlos ansah, wie einige harmlose Dirnlein und Bursche der Gesellschaft, der konnte den Blick kaum von ihr wenden.

Es traten in der Massenvertilgungsarbeit Pausen, sinnige Sammlungsfristen ein. Eine derselben benutzte der Hausierer, welcher diesmal bessere Sachen eingelegt hatte, um bei den behaglichen Hochzeitsgästen Lädchen für Lädchen seinen Kram herumzureichen. – Kaum eingetreten, bemerkte er die Schloßfrau, wie konnte es auch anders sein? Er trat von den Brautleuten weg und nahe zu ihr, und begrüßte sie mit den Worten: »Darf ich auch heute auf eine gnädige Nothelferin rechnen?«

Frau Resi darauf: »Ich bin hier Gast, und selber benötige ich nichts.«

Einen Blick auf die Brosche der schönen Frau werfend, fuhr der Händler aber fort: »Es ließe sich vielleicht doch ein kleines Geschäftchen machen?«

»Wie meint Ihr das?« »Sie tragen da eine schöne Arbeit, gnädige Frau! Derlei wird nicht mehr gemacht; es ist ein Altertum.«

»Spielt Ihr Euch auch als Kenner aus?«

»Wahrscheinlich ein altes Erbstück und von der Frau Schwiegermutter?« meinte der Zudringliche.

Die Frau Verwalterin nach kurzem Besinnen: »Ei, wie neugierig! Sagt denn Ihr uns, wo Ihr billig einkauft?«

»Da hat die Gnädige auch wieder recht!«

Der Widerliche lächelte und zog unter Bücklingen weiter.

Das kleine Zwiegespräch war nicht unbemerkt geblieben.

Frau Resi fühlte sich unbehaglich. Sie war dem Hausierer keine Antwort schuldig, aber seine Frage hatte sie in Verlegenheit gesetzt, und ohne Gefahr, mißverstanden und übel gedeutet zu werden, konnte sie in der Tat nicht bekennen, woher sie die Brosche hatte.

Das kleine Schaustück war nun plötzlich eine Merkwürdigkeit, die alle Blicke auf sich lenkte; die nächsten Nachbarinnen wollten es sogar schärfer ins Auge fassen, und ihnen hätte die Verwalterin doch sagen können, wieso sie zu demselben gekommen!

Die Verwalterin aber war froh, daß der Schmaus zu Ende ging und daß Sepp zur Heimfahrt mahnte.

Doch im Hochzeitssaale besprach man jetzt erst recht das kleine Schmuckstück und dessen mögliche Herkunft.

»Es ist ja so viel nicht dran...«

»Aber ein Altertum! Und warum hat sie's denn nicht gesagt, woher sie's hat?«

»Das wird schon seine Gründe haben. Von der Schwiegermutter kann's nicht sein; mein Gott, eine Syndikuswitwe hat doch nichts Übriges?«

»Und was gibt's denn da viel herumzuraten? Im Schloß liegt ein Schatz, und wer ihn findet, greift zu.«

»Das müßt' in der Gruft sein. Ich möcht' nicht hinuntersteigen und den Toten was wegnehmen.«

»Die ist ja immer so seltsam gewesen; die kennt das Grausen nicht; der könnt' man auch so was zutrauen.«

»Er hätt' sich auch eine andere aussuchen können. Das bißchen Schönheit? Schön ist mitunter eine Hexe auch.«

»Und sozusagen von der Straße weg hat er sie genommen.«

»Was geht's uns an, wenn sie die Schand' über ihn bringt? Eine Gruftgängerin, eine Leichenschänderin – ist denn bei uns so etwas schon dagewesen?«

»Da ist mir doch noch ein Schatzgräber, ein ordentlicher Einbrecher lieber. Der riskiert doch was! ...«

So wurde hin und her geflüstert, gesprochen, gerufen, und die protzigen Leute waren zu einer Unterhaltung gekommen, sie wußten nicht wie.

Auf dem Heimweg kamen viele am Wegeinräumerhäuschen vorüber, und dieses beherbergte seit kurzem einen Menschen, der sich etwas Besseres dünkte und sich beliebt zu machen suchte. Es ist ein Halbstudierter, es ist der davongejagte Schreiber Mayer.

So tief war er also herabgekommen!

Das gräfliche Brot konnte er aber nicht vergessen; er, der Schleicher, der mehrfache Betrüger, fühlte sich natürlich unschuldig, und daß ihm der Verwalter aufsässig, lag klar zutage!

Aber es soll ihm eingetränkt werden, diesem Hochmütigen! Er wird, er muß doch auch eine Seite haben, wo man ihm »ankommen« kann.

Und so ist's grad' gut, daß man sein Häuschen knapp am Weg, daß man auf der Straße zu tun hat. Es kommt da allerlei Volk vorüber und man erfährt doch, was im Schloß vorgeht.

Und heute hat er ja die schöne Verwalterin vorüberfahren sehen! Die ist so gewiß eine Scheinheilige, als der neue Einräumer ein ehrlicher Kerl! Und der was anzutun, müßte eine helle Freude sein; denn hätte er nicht auch sein Glück machen können, wie dieses Bettelkind?

Begreiflich, daß sich das rachebrütende fahle Männlein die angeheiterten Hochzeitsgäste förmlich abfing, um inne zu werden, was bei der Tafel und auf dem Tanzboden vorgefallen.

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