Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Guy de Maupassant >

Die Schnepfe

Guy de Maupassant: Die Schnepfe - Kapitel 9
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleDie Schnepfe
publisherEgon Fleischel & Co.
seriesGesammelte Werke
volume8
year1919
firstpub1905
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060121
projectidc69ceb7b
Schließen

Navigation:

Die Holzschuhe

Der alte Geistliche murmelte die letzten Worte seiner Predigt über die Hauben und die struppigen einpomadisierten Köpfe der Bauern hin. Die Bauernweiber, die von weit hergekommen waren, um die Messe zu hören, hatten ihre Körbe neben sich auf den Boden gestellt, und die schwere Hitze eines Julitages drückte auf der Menge, so daß sich ein Vieh- und Stallgeruch verbreitete.

Durch die große, offene Thür klang das Krähen der Hähne, das Muhen der Kühe, die irgendwo auf einem benachbarten Felde lagen. Ab und zu trug ein Windstoß die Gerüche der Felder herein: er wehte durchs Portal, spielte auf seinem Wege mit den langen Haubenbändern der Bäuerinnen und ließ am Altar die kleinen, gelben Flammen der Kerzen flackern.

– Gottes Wille geschehe! Amen! sagte der Priester. Dann schwieg er, öffnete ein Buch und fing wie jeden Sonntag an, seinen Schäfchen die häuslichen Angelegenheiten der Gemeinde vorzulesen. Er war ein alter Mann mit weißen Haaren, der seiner Gemeinde schon seit vierzig Jahren vorstand, und seine Predigt immer dazu benutzte, sich ganz gemütlich mit aller Welt auseinanderzusetzen.

Er begann:

– Betet für Desiderius Vallin, der sehr krank ist, und auch für die Paumelle, die sich immer noch nicht von ihrer Niederkunft erholen kann.

Weiter wußte er nichts, und suchte ein paar Zettel in seinem Brevier. Endlich fand er zwei und fuhr fort:

– Die jungen Leute und Mädchen dürfen sich nicht abends wie das jetzt immer geschieht, auf dem Kirchhof treffen, sonst werde ich den Feldhüter davon benachrichtigen. – Herr Cäsar Omont sucht ein junges anständiges Mädchen als Magd.

Er dachte noch ein paar Sekunden nach, dann fügte er hinzu:

– Lieben Brüder und Schwestern, das ist alles und ich wünsche euch die Gnade Gottes. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Er stieg von der Kanzel herab, um die Messe zu beenden.


Als die Familie Malandain in ihr Haus, den letzten Hof von la Sablière an der Straße nach Fourville, zurückgekehrt war, setzte sich der Vater, ein alter, hagerer, runzliger Bauer, an den Tisch, während seine Frau den Kessel abhakte und seine Tochter Adelheid aus dem Büffet Gläser und Teller nahm. Der Alte sprach:

– Weeste, die Stelle beim ollen Omont ist vielleicht gar nich so übel nich. Er ist doch Witwer, seine Schwiegertochter mag 'n nich, er ist allein, Geld hat er ooch, mir könnten am Ende die Adelheid hinschicken.

Die Frau setzte den ganz schwarzen Kessel auf den Tisch, hob den Deckel ab und während der Dampf und der Duft der Kohlsuppe zur Decke stieg, dachte sie nach.

Der Mann begann von neuem:

– Der hat 'ne ganze Menge Geld, das ist sicher, aber da müßte ene hin, die gerissen ist und das kann man von der Adelheid nich behaupten.

Da sagte die Frau:

– E Versuch kostet ja nischt.

Dann wendete sie sich zu ihrer Tochter, einem großen etwas dämlich aussehenden Ding mit blonden Haaren, und dicken roten Backen wie ein paar Äpfeln und rief:

– Na Dicke, hast's g'hört? Du wirst zum ollen Omont gehen und Dich als Magd vorstellen und daß Du hübsch Alles thust, was er befiehlt.

Die Tochter grinste vor sich hin, ohne eine Antwort zu geben. Dann begannen sie alle drei zu essen.

Nach zehn Minuten fing der Vater wieder an:

– Du Wurm, jetzt hör mal zu und daß Du mir nischt vergißt, was ich Dir jetzt sage.

Und er gab ihr langsam und ganz genau alle möglichen Verhaltungsmaßregeln, indem er jede Kleinigkeit vorsah und sie recht vorbereitete, wie sie diesen alten Witwer, der mit seiner Familie schlecht stand, 'rumkriegen sollte.

Die Mutter hatte aufgehört zu essen, um zu lauschen. Und nun blieb sie, die Gabel in der Hand, die Blicke abwechselnd auf ihren Mann und ihre Tochter richtend, sitzen und folgte der Instruktion mit gespannter stummer Aufmerksamkeit.

Adelheid saß stumm da und staunte mit blöden ängstlichen Augen den Vater an, in verständnisloser Aufmerksamkeit.

Sobald die Mahlzeit beendigt war, ließ die Mutter sie die Haube aufsetzen und sie gingen zusammen zu Cäsar Omont.

Er wohnte in einem kleinen Ziegelhäuschen, das mit der Rückwand an die Wirtschaftsgebäude, wo seine Pächter wohnten, lehnte. Denn er hatte sich auf den Altenteil zurückgezogen, um von seinen Einkünften zu leben.

Er war etwa fünfundfünfzig Jahre alt, ein dicker, jovialer Mann, grob und barsch, wie ein Protz. Er lachte und brüllte, daß die Wände wackelten, trank Apfelwein und Branntwein aus vollen Gläsern und galt trotz seines Alters für einen, der noch heißes Blut hatte.

Er liebte es, auf dem Felde spazieren zu gehen, die Hände auf dem Rücken, mit seinen Holzschuhen auf dem fetten Boden tiefe Spuren hinterlassend. Dann sah er nach, wie das Getreide stand oder wie der Raps blühte, mit der Miene eines Mannes, der zufrieden ist, dem das Spaß macht, aber den es weiter nichts mehr angeht.

Er empfing die beiden Frauen, am Tisch sitzend, wo er seinen Kaffee trank. Er lehnte sich zurück und fragte:

– Nu was wollen Se denn?

Die Mutter machte die Sprecherin.

– Nu, ich habe meine Tochter Adelheid mitgebracht, die wäre so 'ne Magd für Sie. Der Herr Pfarrer hats doch heite früh verlesen.

Der alte Omont betrachtete das Mädchen. Dann sagte er kurz:

– Wie alt ist denn die große Ziege da?

– Zu Micheli wird se enundzwanzig.

– Gut, da kriegt se fufzehn Franken den Monat und die Kost. Sie kann morgen antreten, daß sie mir glei früh meine Suppe macht.

Und die beiden Frauen waren entlassen.

Adelheid trat ihren Dienst am andern Morgen an und begann mächtig zu arbeiten ohne ein Wort zu sagen, wie sie es bei ihren Eltern gewohnt war.

Als sie gegen neun Uhr die Küche scheuerte, rief sie Omont:

– Adelheid!

Sie kam gelaufen:

– Bauer, da bin ich!

Sobald sie ihm gegenüberstand, die roten Arme herabhängen lassend, etwas verlegen dreinschauend, erklärte er:

– Jetzt her' mal druf, daß zwischen uns keen Streit ist und keen Mißverständnis. Du bist meine Magd, weiter nischt. Herst De. Unsere Holzschuhe werden mir nicht durcheinander schmeißen.

– Ja wohl, Bauer!

– Meine Tochter, jeder hat hier seinen Ort. Du Deine Küche und ich meine Stube. Sonst machen wir gemensame Wirtschaft. Verstehste?

– Ja wohl, Bauer!

– Na, 's ist gut, nu kannste weiter machen.

Und sie nahm ihre Arbeit wieder auf.

Zu Mittag brachte sie dem Herrn das Essen in die kleine Stube, dann rief sie, sobald die Suppe auf dem Tisch stand, den alten Omont.

– Die Suppe ist da, Bauer!

Er trat ein, setzte sich, blickte um sich, faltete die Serviette auseinander, zögerte einen Augenblick und rief mit Donnerstimme:

– Adelheid!

Verstört kam sie an.

Er schrie, als wollte er sie umbringen:

– Gott verdamm mich! Und Du – wo bleibst Du denn?

– Aber Bauer ....

Er brüllte:

– Ich mag nich alleene essen, Gott verdamm mich. Du wirscht Dich hier neben mich setzen oder ich schmeiße Dich sofort 'naus, wenn Du nich willst. Hol Dir 'n Teller und e Glas.

Sie holte ganz entsetzt ihren Teller und stammelte:

– Da ist er schon, Bauer.

Und sie setzte sich ihm gegenüber.

Da wurde er ganz gemütlich, trank ihr zu, schlug auf den Tisch, erzählte Geschichten, die sie mit niedergeschlagenen Augen, ohne ein Wort der Erwiderung zu wagen, anhörte.

Ab und zu stand sie auf, um Brot zu holen, Apfelwein und die Schüsseln.

Als sie den Kaffee brachte, stellte sie nur eine Tasse vor ihn hin. Da ward er wieder wütend und fluchte:

– Na und für Dich?

– Ich trinke kenen, Bauer.

– Warum trinkst De kenen?

– Ich mag ihn nich.

Da brach er aber von neuem los:

– Gott verdamm mich, ich mag meinen Kaffee nicht allene saufen. Wenn Du nich sofort mittrinkst, schmeiße ich Dich 'raus. Gott verdamm mich. Jetzt hol sofort 'ne Tasse.

Sie holte eine Tasse, setzte sich, kostete die schwarze Flüssigkeit und schnitt ein fürchterliches Gesicht. Aber als sie das wütende Gesicht ihres Herrn sah, schüttete sie den Kaffee ganz herunter.

Und der alte Omont entließ sie:

– Nu wasch mal Dei Gescherre uf, Du bist e gutes Ding.

Beim Abendessen war's genau so. Dann mußte sie mit ihm Domino spielen und darauf schickte er sie zu Bett:

– Jetzt geh zu Bett, ich komme nachher 'ruf.

Und sie ging in ihr Zimmer, eine Mansardenstube unter dem Dach. Sie sprach ihr Abendgebet, zog sich aus und legte sich hin.

Aber plötzlich fuhr sie erschrocken auf. Ein wütender Schrei machte das Haus erbeben.

– Adelheid!

Sie öffnete die Thür und antwortete von ihrer Bodenkammer herab:

– Da bin ich, Bauer.

– Wo bist De denn?

– Ich bin doch zu Bett, Bauer.

Da brüllte er:

– Gott verdamm mich, willst Du gleich 'runterkommen, ich schlafe nich gern allene. Gott verdamm mich und wenn de nich willst, schmeiß ich Dich sofort 'raus.

Da antwortete sie erschrocken von oben herunter, während sie ihr Licht suchte:

– Da bin ich, Bauer.

Und er hörte, wie ihre kleinen Holzschuhe auf den Holzstufen klapperten und als sie an den letzten Absatz gekommen war, nahm er sie beim Arme und sobald sie vor der Thür ihre kleinen Holzschuhe neben die mächtigen ihres Herrn gestellt hatte, stieß er sie in seine Stube und brummte:

– Gott verdamm mich, schnell e bißchen.

Und sie wiederholte fortwährend, indem sie nicht wußte, was sie eigentlich sagte:

– Da bin ich, Bauer!

Ein halbes Jahr später besuchte sie eines Sonntags ihre Eltern. Ihr Vater betrachtete sie erstaunt und fragte:

– Du bist wohl schwanger?

Sie behielt ihren thörichten Ausdruck, blickte auf ihren Leib herunter und sagte:

– Das gloob ich nich.

Da fragte er sie noch einmal, weil er Alles wissen wollte:

– Habt ihr nich vielleicht abends eure Holzschuhe nebeneinander gestellt?

– Ja, mir haben se gleich am erschten Abend neben einander gestellt und dann jeden Abend.

– Nu, dann bist De och dicke, alte Tonne.

Sie fing an zu schluchzen und stammelte:

– Das habe ich doch nich gewußt, habe ich doch nich gewußt ....

Der alte Malandain blickte sie forschend an mit listigen Augen und zufriedenem Ausdruck und fragte:

– Was haste nich gewußt?

Unter Schluchzen gab sie zurück:

– Ich habe doch nich gewußt, daß man so de Kinder macht.

Ihre Mutter kam nach Haus, und der Mann sagte ohne jegliche Wut:

– Jetzt ist sie dicke.

Aber die Frau geriet instinktiv in Wut und schimpfte das in Thränen schwimmende Mädchen ›Rumtreiberin‹ und ›dummes Tier‹.

Da hieß sie der Alte schweigen. Und wie er seine Mütze nahm, um wegen der Angelegenheit mit dem alten Cäsar Omont zu sprechen, erklärte er:

– Die ist, weeß Gott, noch viel dümmer, wie ich gegloobt habe. Die dumme Liese hat gar nich gewußt, was sie da machte.

Am nächsten Sonntag verlas der alte Geistliche von der Kanzel das Aufgebot des Herrn Onofrius-Cäsar Omont mit Celestine-Adelheid Malandain.

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.