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Die Schnepfe

Guy de Maupassant: Die Schnepfe - Kapitel 6
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleDie Schnepfe
publisherEgon Fleischel & Co.
seriesGesammelte Werke
volume8
year1919
firstpub1905
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060121
projectidc69ceb7b
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Menuet

Die großen Schrecken dieser Welt berühren mich nicht, sagte Johann Bridelle, ein alter Junggeselle, der für sehr skeptisch galt. Ich habe den Krieg ganz in der Nähe gesehen, ich bin über die Leichen der Gefallenen hinweggestiegen ohne Herzklopfen. Die brutalen Grausamkeiten der Natur oder der Menschen können uns wohl einen Schrei des Entsetzens oder der Empörung abringen, aber wir empfinden dabei nicht diesen Stich im Herzen, diesen Schauer der uns über den Rücken läuft bei gewissen, kleinen herzzerreißenden Begebenheiten.

Der größte Schmerz, ist gewiß der Verlust eines Kindes für eine Mutter, für einen Mann der Tod seiner Mutter. Das ist fürchterlich, rasend, das zerreißt einen und wirft einen vollkommen um. Aber schließlich kommt doch die Heilung wie bei großen, blutenden Wunden. Aber es giebt gewisse Begegnungen, gewisse unerwartete und doch gefürchtete Dinge, gewisse geheime Kümmernisse, Niederträchtigkeiten des Schicksals, die in uns eine ganze Welt von schmerzlichen Gedanken aufwühlen und vor uns plötzlich die Wunderpforte zu allerlei Leiden der Seele öffnen, kompliziert, unheilbar und umso tiefer als sie milde scheinen, umso brennender als sie unausrottbar scheinen, umso stechender als sie erkünstelt scheinen. Die lassen dann in unserer Seele eine unendliche Traurigkeit zurück, einen bittern Geschmack, ein unseliges Gefühl, dessen wir lange Zeit nicht Herr werden können.

Ich habe dabei immer zwei oder drei Dinge vor Augen, die andere vielleicht gar nicht gemerkt hatten und die in mich eingedrungen sind wie lange, ganz schmale, unheilbare Stichwunden.

Sie würden den Gemütszustand vielleicht gar nicht begreifen, in den mich diese kurzen Eindrücke versetzt haben. Ich will nur eins erzählen. Es ist lange her, aber noch so lebendig in mir als wäre es erst gestern gewesen. Es ist ja möglich, daß meine Einbildung allein mir das alles so vorgezaubert hat.

Ich bin fünfzig Jahre alt. Damals war ich jung und studierte die Rechte. Ich war ein wenig melancholisch angelegt, träumerisch, von einer weltschmerzlichen Philosophie. Die lärmenden Café's liebte ich ebensowenig wie schreiende Kameraden oder thörichte Frauenzimmer. Ich stand früh auf und eine meiner Lieblingsbeschäftigungen war, gegen acht Uhr morgens ganz allein in der Baumschule des Luxemburger Parkes spazieren zu gehen.

Sie haben diese Baumschule nicht mehr gekannt. Die war nämlich wie ein vergessener Garten aus dem vorigen Jahrhundert, hübsch wie das liebenswürdige Lächeln einer alten Dame. Dichte Hecken trennten die engen, regelmäßigen, ruhigen, zwischen den zwei künstlich verschnittenen Laubwänden hinlaufenden Alleen. Ununterbrochen beschnitten die Scheren der Gärtner diese Wände. Hier und da war ein Blumenbeet oder eine Gruppe von kleinen Bäumen, zu zwei und zwei geordnet wie Schüler auf dem Spaziergange, wundervolle Rosenstöcke in Gruppen oder ganze Regimenter von Obstbäumen.

Eine ganze Ecke dieses reizenden Wäldchens ward von den Bienen bewohnt. Ihre Strohhäuser waren sorgfältig in gewissen Abständen auf Brettern aufgestellt und kehrten ihre Fingerhut-großen Eingangsthüren der Sonne zu. Und längs des ganzen Weges traf man die summenden goldglänzenden Tierchen, die geradezu Herren dieses stillen Erdenfleckes geworden waren und sozusagen hier allein spazieren gingen.

Beinahe jeden Morgen kam ich dahin. Ich setzte mich auf eine Bank und las. Ab und zu ließ ich das Buch auf die Kniee sinken, um zu träumen, um dem Leben von Paris rund um mich zu lauschen und um die unendliche Ruhe dieser grünen altmodisch gestutzten Wände zu genießen.

Aber bald merkte ich, daß ich nicht allein diesen Ort aufsuchte, sobald man die Thore geöffnet hatte; denn ich begegnete ab und zu an irgend einer Ecke gerade vor mir einem seltsam kleinen Greise.

Er trug Schuhe mit silbernen Schnallen, eine enge Hose, einen tabakfarbenen Gehrock und statt der Halsbinde ein Spitzenjabot, dazu einen ganz wunderlichen grauen Hut mit breiter Krämpe und langen Haaren, einen Hut der ganz vorsintflutlich aussah.

Er war mager, sehr mager, eckig, schnitt Gesichter und lächelte. Seine lebhaften Augen blinzelten fortwährend und er hatte immer in der Hand einen wundervollen Stock mit einem goldenen Knopf, der wahrscheinlich irgend ein wichtiges Andenken für ihn bedeutete.

Zuerst war ich erstaunt über den guten Mann, dann interessierte er mich außerordentlich und ich betrachtete ihn durch die Blätterwände, folgte ihm von weitem, blieb aber an den Biegungen der Wege stehen, um nicht gesehen zu werden.

Und als er sich eines Morgens ganz allein wähnte, sah ich plötzlich wie er anfing, ganz seltsame Bewegungen zu machen, zuerst ein paar kleine Sprünge, dann eine Verbeugung; darauf machte er mit seinen noch geschmeidigen dünnen Beinchen einen Kreuzsprung, fing dann an auf galante Weise zu tänzeln und mühte sich auf ganz wunderliche Art ab, lächelte, als hätte er ein Publikum vor sich, grüßte und rundete dazu den Arm und quälte seinen armen Leib wie eine Gliederpuppe ab, indem er lächerliche, zärtliche Begrüßungen ins Leere hinausschickte. Er tanzte.

Ich war ganz starr vor Staunen und fragte mich, wer von uns eigentlich verrückt sei, er oder ich.

Aber da blieb er plötzlich stehen, trat vor wie die Schauspieler auf der Bühne, verneigte sich und schritt dann mit liebenswürdigem Lächeln rückwärts, indem er mit zitternden Händen den beiden Reihen gestutzter Bäume Kußhändchen zuwarf.

Und dann nahm er würdevoll seinen Spaziergang wieder auf.

Von diesem Tage ab verlor ich ihn nicht mehr aus dem Gesicht und jeden Morgen begann er wieder seine wundersamen Übungen.

Da überkam mich die Lust, einmal mit ihm zu sprechen. Ich gab mir einen Stoß, grüßte ihn und sagte:

– Schönes Wetter heute, nicht wahr?

Er verneigte sich:

– Ja wohl, es ist ein Wetter, wie in der guten alten Zeit.

Acht Tage später waren wir gute Freunde und ich kannte seine Geschichte. Er war zur Zeit des Königs Ludwig XV. Balletmeister an der Oper gewesen. Sein schöner Stock war ein Geschenk des Grafen von Clermont. Und wenn man mit ihm von Tanzen sprach, hörte er überhaupt gar nicht mehr auf, zu schwatzen.

Da vertraute er mir eines Tages an:

– Ich habe die Castris geheiratet. Wenn Sie wollen, werde ich Sie vorstellen, aber sie kommt nur nachmittags her. Sehen Sie diesen Garten an, er ist unser ganzes Glück und unsere Freude, alles, was uns von früher geblieben ist. Es kommt uns vor, als könnten wir gar nicht leben, wenn wir den nicht hätten. Der Garten ist alt und vornehm, nicht wahr? Mir ist es, als ob ich hier eine Luft atmen könnte, die seit meiner Jugend sich nicht verändert hat. Meine Frau und ich bringen hier alle Nachmittage zu. Ich aber komme so bald es Tag wird her, denn ich stehe sehr zeitig auf.

Sobald ich zu Mittag gegessen hatte, kehrte ich in den Luxemburger Garten zurück und bald entdeckte ich meinen alten Freund. Er gab höchst feierlich einer ganz alten kleinen Dame, die schwarz gekleidet ging, den Arm und ich wurde ihr vorgestellt. Es war die Castris, die große Tänzerin, geliebt einst von den Prinzen, geliebt vom König, geliebt von diesem ganzen galanten Jahrhundert, das in der Welt etwas wie einen Liebesduft zurückgelassen hat.

Wir setzten uns auf eine steinerne Bank. Es war im Monat Mai, und Blumenduft zog durch die schmucken Alleen. Die warme Sonne schien durch die Zweige und überschüttete uns mit ihrem Lichtgefunkel. Das schwarze Kleid der Castris war wie ganz durchtränkt von Helligkeit.

Der Garten war leer. Von weitem hörte man die Wagen rollen.

– Bitte, erklären Sie mir doch, sagte ich zu dem alten Tänzer, was war eigentlich das Menuet.

Er zuckte zusammen:

– Das Menuet, mein Herr, ist die Königin der Tänze und der Tanz der Königinnen, verstehen Sie. Seit dem es keine Könige mehr giebt, giebt es auch kein Menuet mehr.

Und er fing an, in pompösem Stil eine lange Verherrlichung vorzutragen, von der ich kein Wort verstand. Ich wollte mir die verschiedenen Pas, Bewegungen und Stellungen erklären lassen, aber er wurde irre, ganz verzweifelt über seine Unfähigkeit, es mir zu erklären, nervös und traurig.

Und plötzlich wandte er sich zu seiner alten Gefährtin, die immer schweigsam und ernst geblieben war und sagte:

– Elise, willst Du, sage mir einmal, willst Du wohl so liebenswürdig sein und mit mir einmal dem Herrn zeigen, was das war?

Ängstlich blickte sie sich nach allen Seiten um. Dann stand sie auf, ohne ein Wort zu sagen, und stellte sich ihm gegenüber.

Da sah ich etwas, das mir stets unvergeßlich bleiben wird.

Sie kamen und gingen mit kindischer Ziererei, lächelten sich an, wiegten sich, verbeugten sich und hüpften wie zwei alte Puppen, die durch einen alten, ein wenig verrosteten Mechanismus bewegt wurden, den einst ein sehr geschickter Meister nach dem Geschmack seiner Zeit angefertigt.

Und ich sah sie an und ganz sonderbare Gefühle schlichen mir ins Herz, eine unsägliche Traurigkeit. Es war mir, als hätte ich eine klägliche, und zugleich komische Erscheinung, als wäre der altmodische Schatten des versunkenen Jahrhunderts wieder aufgestiegen. Ich hatte Lust zu lachen und mußte doch beinahe weinen.

Plötzlich hielten sie inne. Sie hatten ihren Tanz beendigt. Ein paar Sekunden blieben sie einander gegenüber stehen und machten Faxen auf die wunderlichste Art und Weise. Dann fielen sie sich schluchzend um den Hals.

Drei Tage später reiste ich in die Provinz.

Ich habe sie nicht wieder gesehen. Als ich zwei Jahre darauf wieder nach Paris kam, hatte man die Baumschule zerstört. Was werden sie wohl gemacht haben, ohne den alten Garten mit seinen Labyrinthwegen, dem Duft der Vergangenheit und den reizenden Windungen der grünen verschnittenen Wände?

Sind sie tot? Irren sie durch die modernen Straßen wie lebenslänglich Verbannte? Tanzen sie als wunderliche Gespenster ein phantastisches Menuet zwischen den Cypressen eines Kirchhofes längs der Gräberreihen im Mondenschein?

Der Gedanke an sie quält mich, überkommt mich manchmal und läßt mich nicht los, bleibt in mir wie eine Wunde. Warum? Ich weiß es nicht.

Sie finden das lächerlich, nicht wahr?

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