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Die Schnepfe

Guy de Maupassant: Die Schnepfe - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleDie Schnepfe
publisherEgon Fleischel & Co.
seriesGesammelte Werke
volume8
year1919
firstpub1905
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060121
projectidc69ceb7b
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Die Verrückte

– Wissen Sie, sagte Herr Matthias von Endolin, bei den Schnepfen fällt mir eine recht traurige Geschichte aus dem Kriege ein.

Sie kennen doch meine Besitzung in der Vorstadt Cormeil? Als ich mich gerade dort aufhielt, marschierten die Preußen ein.

Neben mir wohnte damals eine Art von Verrückte, deren Geist durch verschiedene Schicksalsschläge umnachtet war.

Sie hatte vor langer Zeit, als sie fünfundzwanzig Jahre alt gewesen, im Laufe eines einzigen Monates ihren Vater, ihren Mann und ihr neugeborenes Kind verloren.

Wenn der Tod einmal in ein Haus getreten ist, kehrt er fast immer sehr bald wieder zurück, wie wenn er sich die Thür gemerkt hätte.

Die unglückliche, junge Frau war durch den Kummer so gebeugt, daß sie bettlägerig ward und sechs Wochen lang im hitzigen Fieber lag. Dann folgte auf die heftige Krise eine Art von ruhiger Gleichgültigkeit. Sie rührte sich nicht, aß kaum und bewegte nur die Augen. Wenn man sie veranlassen wollte, aufzustehen, so brüllte sie, als ob es ihr ans Leben ginge. Man ließ sie also liegen und zog sie nur aus dem Bett um sie zu waschen und ihre Matratze zu wenden.

Eine alte Dienerin lebte bei ihr, die ihr ab und zu zu trinken und ein wenig kaltes Fleisch zu essen gab. Was ging in dieser verzweifelten Seele vor? Man hat es nie erfahren, denn sie sprach nicht mehr. Dachte sie an die Toten? Träumte sie traurig vor sich hin, ohne bestimmte Erinnerung oder blieb ihr zerstörter Geist unbeweglich wie ein stehendes Gewässer?

Fünfzehn Jahre lang blieb sie so ohne sich zu rühren, in sich verschlossen.

Da kam der Krieg und in den ersten Dezembertagen drangen die Preußen in Cormeil ein.

Ich erinnere mich dessen, als wäre es erst gestern geschehen. Es war eine Kälte, daß die Steine platzten. Ich lag im Lehnstuhl ausgestreckt und konnte mich wegen der Gicht nicht bewegen, als ich ihren schweren, gleichmäßigen Marschschritt hörte und von meinem Fenster aus sie vorüberziehen sah.

Sie folgten in endlosen Reihen, einer wie der andere, mit jenen steifen Hampelmann-artigen Bewegungen, die ihnen eigen sind. Dann wurden sie durch die Vorgesetzten in die Quartiere verteilt. Ich bekam siebzehn Mann, meine Nachbarin, die Verrückte, zwölf, darunter befand sich ein Offizier, ein jähzorniger, roher Trunkenbold.

Während der ersten Tage ging alles am Schnürchen. Man hatte dem Offizier gesagt, daß die Dame des Hauses krank sei und er kümmerte sich nicht weiter um sie. Aber bald machte ihn diese Frau, die man niemals erblickte, wütend, und er erkundigte sich, was ihr fehle. Man antwortete, seine Wirtin sei seit fünfzehn Jahren bettlägerig infolge eines schweren Leides. Offenbar glaubte er nicht daran und bildete sich ein, daß die arme Verrückte aus Hochmut ihr Bett nicht verlasse, um die Preußen nicht empfangen zu müssen, nicht mit ihnen zu sprechen und nicht mit ihnen in Berührung zu kommen.

Er verlangte, daß sie ihn empfange. Man ließ ihn eintreten. Und er sagte kurz angebunden:

– Ich muß Sie bitten aufzustehen und herunter zu kommen, daß man Sie wenigstens sieht.

Sie blickte ihn mit irren gedankenleeren Augen an und antwortete nicht. Da fing er wieder an:

– Ich dulde keinen Widerstand. Wenn Sie nicht freiwillig aufstehen, so werde ich schon Mittel und Wege finden, um Sie auf die Beine zu bringen.

Sie machte keine Bewegung und blieb immer unbeweglich, wie sie war, als sähe sie ihn gar nicht.

Da ward er wütend, denn er nahm diese schweigende Ruhe für den Ausdruck größter Verachtung und nun fügte er hinzu:

– Wenn Sie morgen nicht unten sind ...

Dann ging er davon.

 

Am andern Morgen wollte die erschrockene alte Dienerin die Verrückte anziehen, aber sie wehrte sich und fing an zu brüllen. Der Offizier kam eiligst herauf und die Dienerin warf sich ihm zu Füßen und rief:

– Sie will nicht, Herr Offizier, sie will nicht. Vergeben Sie ihr doch, sie ist ja so unglücklich!

Der Soldat war verlegen und wagte trotz seines Zornes nicht, sie durch seine Leute aus dem Bett ziehen zu lassen. Aber plötzlich fing er an zu lachen und gab auf deutsch ein paar Befehle.

Und kurz darauf kam aus dem Hause eine Abteilung Soldaten, die eine Matratze schleppten, wie man einen Verwundeten trägt. In diesem Bett, das man gelassen wie es war, lag die Verrückte, ohne ein Wort zu sprechen, ganz ruhig, ganz gleichgültig gegen alles, was um sie vorging, da man sie liegen ließ. Hinterdrein schritt ein Mann, der ein Bündel Kleidungsstücke trug.

Und der Offizier sagte, indem er sich dabei die Hände rieb:

– Wenn Sie sich nicht allein anziehen können, so werden wir's thun und einen kleinen Spaziergang machen.

Dann sah man den Zug sich entfernen in der Richtung nach dem Walde von Imauville.

Zwei Stunden später kamen die Soldaten allein zurück.

Man hat die Verrückte nicht wieder gesehen. Was hatten sie mit ihr gemacht? Wohin hatten sie sie getragen? Man erfuhr es niemals.


Jetzt fiel der Schnee Tag und Nacht und begrub Felder und Wälder unter seinem eisigen Leichentuch. Man hörte die Wölfe an den Thüren heulen. Der Gedanke an diese verschwundene Frau quälte mich und ich that bei dem preußischen Kommando Schritte, um etwas darüber zu erfahren; sie hätten mich bald totgeschossen.

Der Frühling kehrte zurück. Die Einquartierung war fort. Das Haus meiner Nachbarin blieb verschlossen, dichtes Gras wuchs auf den Wegen im Garten.

Die alte Dienerin war während des Winters gestorben. Niemand kümmerte sich mehr um die ganze Geschichte, nur ich mußte immer daran denken.

Was hatten sie mit der Frau angestellt? War sie im Walde entflohen? Hatte man sie irgendwo aufgenommen und in einem Krankenhause behalten, ohne daß man aus ihr hatte herausbekommen können, wer und woher sie sei? Kein Licht fiel in meinen dunklen Zweifel. Aber allmählich milderte die Zeit meine Herzensangst.

Da strichen im folgenden Herbst die Schnepfen in großen Zügen vorüber. Und da meine Gicht mir ein wenig Ruhe ließ, schleppte ich mich bis zum Walde. Ich hatte schon vier oder fünf der langgeschnäbelten Vögel erlegt, als ich einen schoß, der in ein Loch fiel, das mit Zweigen bedeckt war. Ich mußte hinabsteigen, um das Tier zu suchen und ich fand es neben einem Totenkopf. Und plötzlich mit einem Mal kam mir die Erinnerung an die Verrückte. In dem Schreckensjahre waren wohl viele andere noch hier im Walde gestorben, aber ich weiß nicht warum, ich wußte bestimmt, ganz bestimmt kann ich Ihnen nur sagen, daß dies der Kopf der armen Verrückten war.

Und plötzlich verstand ich, begriff ich alles. Sie hatten sie auf der Matratze im kalten, einsamen Wald liegen lassen und immer befangen von ihrer fixen Idee hatte sie keinen Versuch zu ihrer Rettung gemacht und war unter der dichten, leichten Schneemasse gestorben, ohne einen Arm oder ein Bein zu regen.

Dann mochten sie die Wölfe angefressen haben.

Und die Vögel hatten ihr Nest ausgefüttert mit den Überresten ihrer zerrissenen Matratze.

Ich habe die traurigen Gebeine behalten, und bete zum Himmel, daß unsere Söhne niemals einen Krieg erleben möchten.

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