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Die Schnepfe

Guy de Maupassant: Die Schnepfe - Kapitel 11
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleDie Schnepfe
publisherEgon Fleischel & Co.
seriesGesammelte Werke
volume8
year1919
firstpub1905
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060121
projectidc69ceb7b
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Auf See

Letzthin stand Folgendes in der Zeitung:

«Boulogne-sur-Mer, 22. Januar. – Uns wird geschrieben:

Ein fürchterliches Unglück hat unsere Küsten-Bevölkerung, die seit zwei Jahren bereits soviel Schicksalsschläge erlebt hat, von neuem in Schrecken versetzt. Ein von Kapitän Javel geführtes Fischerboot wurde bei der Einfahrt in den Hafen nach Westen abgetrieben und auf den Steinwall der Mole geschleudert.

Trotz der Bemühungen des Rettungsbootes und trotz der Leinen, die hinübergeschossen wurden, sind vier Mann und ein Schiffsjunge ertrunken.

Das schlechte Wetter hält an. Man fürchtet neue Unglücksfälle.«

Wer ist dieser Kapitän Javel? Ist er der Bruder der Einarmigen?

Wenn der Mann, der, ein Spielball der Wellen, vielleicht unter den Trümmern seines in tausend Stücke zerschmetterten Bootes gestorben ist, der ist, den ich im Sinne habe, so ist er, vor achtzehn Jahren etwa, Zeuge eines anderen Dramas gewesen, das sich fürchterlich und ganz einfach abgespielt hat, wie alle großen Unglücksfälle auf See.

Javel der Ältere war damals Führer eines Schleppnetzbootes.

Das Schleppnetzboot ist der Typus des guten Fischerbootes. Es ist fest gebaut, daß es jedes Wetter aushält, mit rundgewölbtem Leibe, und tanzt auf den Wellen wie ein Kork. Immer draußen, immer gepeitscht von den schweren salzigen Winden des Aermelkanals, durchkreuzt es unermüdlich mit geblähten Segeln die Wogen und schleppt an der Seite ein großes Netz nach, das den Grund des Meeres auskratzt und alle Tiere, die an den Felsen hängen, ablöst und einsammelt, sowohl die flachen Fische, die unbeweglich am Grunde stehen, wie schwere Schaltiere mit ihren krummen Scheeren, und Hummer mit ihren spitzen Schnurrbärten.

Wenn die Brise frisch ist und die See kurz, fängt das Boot an, zu fischen. Sein Netz ist an einem langen, eisenbeschlagenen Holzstiel befestigt und wird mit Hilfe von zwei Tauen, die an den beiden Enden des Schiffes über Rollen laufen, in die Tiefe gelassen. Das Schiff läuft unter dem Wind und mit der Strömung dahin und schleppt diesen Apparat nach, der den Boden des Meeres absucht und entvölkert.

Javel hatte an Bord: seinen jüngeren Bruder, vier Mann und einen Schiffsjungen. Bei schönem Wetter war er von Boulogne ausgefahren, um das Schleppnetz auszuwerfen.

Bald aber machte sich der Wind auf und der nahende Sturm zwang das Boot Zuflucht zu suchen. Es lief bis zur englischen Küste. Aber die hohe See peitschte die Klippen und lief über den Strand, sodaß die Einfahrt in einen Hafen unmöglich war. Das kleine Schiff gewann wieder die hohe See und näherte sich der französischen Küste. Der Sturm blies fortwährend, sodaß es nicht möglich war, anzulaufen; er peitschte den Gischt und Schaum zu den Wolken und tobte so, daß die Hafeneinfahrt Gefahr drohte.

Das Boot lief also wieder aus auf dem Rücken der Wellen dahin, hin und hergeworfen, geschüttelt, triefend, von den Wogen überspült, aber trotz alledem aufrecht, denn es war solche Wetter gewöhnt, die es manchmal zwangen, vier oder fünf Tage lang zwischen den beiden Nachbarländern hin und her zu kreuzen ohne Möglichkeit, an einem von beiden anzulaufen.

Endlich legte sich der Sturm etwas, als das Boot sich gerade mitten auf See befand und obgleich der Seegang noch stark war, befahl der Kommandant dennoch, das Netz auszuwerfen.

Es ward also über Bord geschoben. Zwei Mann vorn, zwei Mann hinten fingen an, die Taue, die es hielten, über die Rollen ablaufen zu lassen. Plötzlich kam es auf Grund. Aber eine hohe Welle warf das Boot zur Seite. Und der jüngere Javel, der vorn stand und das Ablaufen des Netzes leitete, taumelte und sein Arm geriet zwischen das durch den Ruck einen Augenblick im Bogen hängende Tau und die Holzrolle. Er machte einen verzweifelten Versuch, mit der andern Hand das Tau zu lockern. Aber das Netz lief bereits am Boden hin und das nun wieder straff gespannte Seil gab nicht nach.

Der Mann krümmte sich vor Schmerz und schrie laut um Hilfe. Alle liefen herbei. Der Bruder verließ sogar das Ruder. Sie packten das Seil und versuchten seinen Arm, den es zerschnitt, frei zu machen. Vergeblich.

– Wir müssens durchschneiden, sagte ein Matrose, und zog ein breites Messer aus der Tasche, das mit zwei Schnitten den Arm des jüngeren Javel hätte retten können.

Aber der Schnitt hätte das Netz gekostet! Und das Netz kostete Geld, viel Geld, eintausendfünfhundert Franken, und es gehörte dem älteren Javel, der fest hielt an seinem Eigentum.

Er rief in größter Angst:

– Schneid nicht! Schneid nicht! Ich werde gegen den Wind anluven.

Und er lief zum Ruder.

Das Boot gehorchte kaum, weil das Netz an ihm hing und seine Bewegungen hemmte und weil die Trift und der Wind dagegenstanden.

Der jüngere Javel war in die Kniee gesunken, biß die Zähne zusammen und starrte vor sich hin. Er sagte kein Wort. Sein Bruder kam zurück, immer noch in der Befürchtung, einer der Leute möchte das Seil abschneiden.

– Wart mal! Warte mal, nicht abschneiden. Wir machen fest.

Es wurde Anker geworfen, die ganze Kette lief ab. Dann versuchten sie zu wenden, um das Seil abzuspannen. Endlich gelang es, und man zog den im blutigen Wollärmel unbeweglich herabhängenden Arm heraus.

Der junge Javel war wie irrsinnig. Man zog ihm den Matrosenkittel aus und ein entsetzlicher Anblick bot sich, ein fürchterlicher Fleischklumpen, aus dem das Blut strömte, als würde es aus einer Pumpe gepreßt. Da blickte der Mann seinen Arm an und murmelte:

– Futsch!

Als die Blutung dann auf Deck eine Lache machte, rief einer der Matrosen:

– Der verblutet sich. Wir müssen die Ader zubinden.

Sie nahmen eine Schnur, eine große, braune, getheerte Schnur, umwickelten das Glied oberhalb der Wunde und zogen den Strick zusammen mit allen Kräften. Allmählich ward die Blutung geringer und hörte endlich gänzlich auf.

Der junge Javel erhob sich. Der Arm hing ihm an der Seite herunter. Er nahm ihn mit der andern Hand, hob ihn, drehte ihn, schüttelte ihn. Alles war gebrochen, die Knochen entzwei, nur die Muskeln und Sehnen hielten noch das Stück seines Leibes an ihm fest. Nachdenklich betrachtete er es. Dann setzte er sich auf ein zusammengerolltes Segel, und die Kameraden rieten ihm, die Wunde unausgesetzt zu waschen, daß der »Brand nicht 'reinkommen« sollte.

Man stellte einen Eimer neben ihn und alle Minute tauchte er ein Glas hinein und begoß die fürchterliche Wunde, indem er eine Flut klaren Wassers über sie laufen ließ.

Sein Bruder sagte zu ihm:

– Unten is's besser. Geh' doch lieber runter.

Er ging hinunter. Aber nach einer Stunde kam er wieder herauf, weil er sich allein nicht wohl fühlte und dann mochte er die freie Luft lieber. Er setzte sich auf das Segel und fing wieder an, seinen Arm zu begießen.

Der Fang war gut. Die großen Fische mit weißem Bauche lagen neben ihm in letzter Todeszuckung und er sah sie an und kühlte dabei fortwährend seine Wunde.

Als sie nach Boulogne zurückkehren wollten, machte sich der Sturm von neuem auf und das kleine Schiff begann wieder seine tolle Fahrt in Sprüngen und Sätzen und schüttelte den unglücklichen Verwundeten.

Die Nacht kam. Das Wetter war schwer bis Tagesanbruch. Als die Sonne aufging, sahen sie wieder die englische Küste, aber da der Seegang etwas geringer ward, so kreuzten sie wieder nach Frankreich hinüber.

Gegen Abend rief der junge Javel seine Kameraden und zeigte ihnen schwarze Striche, den gräßlichen Anfang der Verwesung an dem Teil seines Gliedes, das nicht mehr fest saß.

Die Matrosen betrachteten es und gaben jeder seine Ansicht.

– Es könnte schon der Brand sein, meinte der eine.

– Da müßte Salzwasser drauf, sagte der andere.

Man brachte also einen Eimer mit Salzwasser und goß ihn über die Wunde. Der Verwundete wurde bleich, preßte die Zähne zusammen und wand sich vor Schmerzen. Aber er schrie nicht.

Als das Brennen nachgelassen hatte, sagte er zu seinem Bruder:

– Gieb mir mal Dein Messer.

Und der Bruder gab ihm sein Messer.

– Halt mal den Arm in der Luft ganz gerade und zieh.

Sie thaten, was er wollte. Da fing er selbst an zu schneiden. Er schnitt ganz vorsichtig mit aller Ueberlegung, indem er die letzten Sehnen mit der scharfen Schneide abtrennte wie mit dem Rasirmesser und bald war nichts weiter übrig als ein Stumpf. Er stieß einen tiefen Seufzer aus und erklärte, das hätte sein müssen, sonst wäre es aus mit ihm.

Er schien sich erleichtert zu fühlen und atmete tief. Nun begann er wieder, Wasser auf den Stumpf seines Gliedes, der ihm noch übrig geblieben war, zu gießen.

Es folgte wieder eine böse Nacht und man konnte nicht einlaufen.

Als es Tag ward, nahm der junge Mann den abgeschnittenen Arm und betrachtete ihn lange Zeit. Die Verwesung hatte begonnen. Auch die Kameraden kamen, um ihn zu besehen und der Arm ging von Hand zu Hand. Sie befühlten ihn, drehten ihn um und um und rochen daran.

Sein Bruder sagte:

– Das müssen wir ins Wasser schmeißen.

Aber der junge Javel wurde böse:

– Fällt mir gar nicht ein. Nee, ich will nicht, das gehört mir, nicht wahr, da es doch mein Arm ist.

Er nahm ihn wieder an sich und legte ihn zwischen seine Füße.

– Der verfault auch so, sagte der ältere Bruder.

Da kam dem Verwundeten ein Gedanke. Um die Fische aufzubewahren, wenn man lange auf See war, that man sie eingesalzt in Fäßchen.

Er fragte:

– Könnten wir 'n denn nicht in die Salzlake thun?

– Das ist wahr, erklärten die andern.

Da leerte man eins der Fäßchen, das schon vom letzten Tage her mit Fischen gefüllt war und legte ganz unten hinein den Arm; darauf ward Salz geschüttet und dann einer nach dem andern die Fische wieder darauf gethan.

Einer, der Matrosen sagte aus Spaß:

– Wenn wir 'n nur nicht mit verkaufen.

Und alle lachten, nur die beiden Javels nicht.

Der Wind blies immerfort. Man kreuzte angesichts Boulogne bis zum andern Morgen zehn Uhr. Der Verwundete goß fortwährend Wasser auf seine Wunde.

Ab und zu stand er auf und ging auf dem Schiffe von einem Ende zum andern hin und her. Sein Bruder, der das Ruder hielt, folgte ihm mit den Blicken und schüttelte den Kopf.

Endlich liefen sie in den Hafen ein.

Der Arzt betrachtete die Wunde und meinte, sie sei in ganz gutem Zustande. Er machte einen Verband und ordnete Ruhe an. Aber Javel wollte sich nicht legen, ohne seinen Arm wieder zu haben und kehrte sofort zum Hafen zurück, das Fäßchen zu suchen, das er mit einem Kreuz bezeichnet.

Vor ihm wurde es entleert. Er nahm seinen im Salze noch gut erhaltenen Arm, der ganz frisch war, wickelte ihn in ein Tuch, das er mitgebracht und kehrte nach Hause zurück.

Seine Frau und seine Kinder betrachteten lange das Stück von ihrem Vater, befühlten es, kratzten ein paar Salzkörner, die unter dem Nagel waren, ab. Dann ließ man den Tischler kommen, der für einen kleinen Sarg Maß nehmen mußte.

Am andern Tage folgte die ganze Besatzung des Bootes dem Begräbnisse des abgeschnittenen Armes. Die beiden Brüder schritten Seite an Seite an der Spitze; der Sakristan der Gemeinde trug den Leichnam unter dem Arm.

Der jüngere Javel ging nicht wieder in See. Er bekam im Hafen eine kleine Anstellung. Und wenn er später von seinem Unglück sprach, pflegte er ganz leise zu seinen Zuhörern zu sagen:

– Wenn mein Bruder das Netz hätte abschneiden wollen, dann hätte ich sicher meinen Arm heute noch. Aber er hielt auf sein Eigentum.

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