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Die Schnepfe

Guy de Maupassant: Die Schnepfe - Kapitel 10
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleDie Schnepfe
publisherEgon Fleischel & Co.
seriesGesammelte Werke
volume8
year1919
firstpub1905
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060121
projectidc69ceb7b
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Die Rohrstuhlflechterin

Es war bei dem Diner, das, als die Jagd aufging, der Marquis von Bertrans gab, und zwar kurz ehe die Tafel aufgehoben wurde. Elf Jagdteilnehmer, acht junge Frauen und der Arzt aus der Nachbarschaft saßen um den großen, lichterglänzenden Tisch, auf dem Früchte und Blumen standen.

Man hatte eben von der Liebe gesprochen und ein großer Streit war ausgebrochen, der ewige Streit darüber, ob man im Leben nur einmal oder mehrmals wahrhaft lieben könne. Man nannte allerlei Leute, die nur eine wahre Liebe gehabt, dann nannte man auch wieder andere, die mehrmals leidenschaftlich geliebt hatten. Fast alle Herren behaupteten, daß die Leidenschaft wie eine Art Krankheit ein und dasselbe Wesen mehrmals überfallen und tödlich treffen könne, wenn ihm irgend ein Hindernis in den Weg trete. Obgleich man eigentlich diese Ansicht nicht weiter bestreiten konnte, so versicherten doch die Damen, die mehr aus Romanen als aus wirklicher Beobachtung ihre Erfahrungen schöpften, daß die Liebe, die wirkliche Liebe, die große Liebe, den Menschen nur einmal treffen könne, daß sie sei wie der Blitz und daß ein Herz, einmal von ihr getroffen, nachher ausgebrannt sei, daß darin kein anderes Gefühl, nicht einmal ein Traum wieder Wurzel fassen könne.

Der Marquis, der oft geliebt hatte, trat dieser Meinung lebhaft entgegen:

– Ich sage Ihnen, man kann mehr als einmal lieben mit all seinen Kräften und mit ganzer Seele; Sie nennen mir Leute, die durch die Liebe in den Tod getrieben worden sind, als Beispiel für die Unmöglichkeit einer zweiten Leidenschaft. Ich kann Ihnen aber nur antworten, wenn sie nicht die Dummheit begangen hätten, sich das Leben zu nehmen, was ihnen natürlich jede Möglichkeit raubte, sich ein zweites Mal zu verlieben, so würden sie geheilt worden sein, würden wieder angefangen haben, und immer wieder bis zu ihrem seligen Ende. Mit den Verliebten ist's nicht anders wie mit den Betrunkenen. Wer einmal getrunken hat, trinkt wieder, wer einmal geliebt hat, verliebt sich wieder, das ist einfach Sache des Temperaments.

Als Schiedsrichter wurde der Doktor aufgerufen, ein alter Pariser Arzt, der sich auf's Land zurückgezogen. Man bat ihn um seine Ansicht.

Eine rechte Ansicht darüber hatte er eigentlich nicht:

– Wie schon der Herr Marquis sehr richtig gesagt hat: das ist Temperamentssache. Ich weiß aber von einer Leidenschaft, die fünfundfünfzig Jahre, ohne einen einzigen Tag nachzulassen, gedauert hat und die erst mit dem Tode endigte.

Die Marquise klatschte in die Hände:

– Ach ist das schön. Muß das schön sein, so geliebt zu werden. Ach solch ein Glück, fünfundfünfzig Jahre lang immer von dieser Leidenschaft umgeben zu sein. Wie muß der Mann glücklich gewesen sein und das Dasein gesegnet haben, der einer solchen Liebe begegnet ist.

Der Arzt lächelte:

– Allerdings, darin irren Sie sich nicht. Das geliebte Wesen war ein Mann. Sie kennen ihn auch, es ist Herr Chouquet, der Apotheker hier im Orte. Und die betreffende Frau, haben Sie auch alle gekannt. Es war die Alte, die immer die Rohrstühle flickte und dazu jedes Jahr einmal auf's Schloß kam. Aber ich werde Ihnen mal die Sache genauer erzählen.

Die Begeisterung der Frauen hatte sichtlich nachgelassen, etwas von Ekel stand auf ihren Gesichtern, als ob die Liebe nur feine und vornehme Leute treffen dürfe, und nur für die gute Gesellschaft Interesse habe.

Der Arzt begann:

– Vor drei Monaten wurde ich an's Krankenbett dieser alten Frau gerufen. Sie war am Tage vorher mit dem Wagen angekommen, der ihr als Haus diente, von der alten Schindmäre gezogen, die Sie immer gesehen haben, und von ihren beiden schwarzen Hunden, ihren Freunden und Beschützern, begleitet. Der Pfarrer war schon da. Wir sollten ihre Testamentsvollstrecker sein. Und um uns den Sinn ihres letzten Willens klar zu machen, erzählte sie uns ihr ganzes Leben. Ich weiß kaum etwas Eigentümlicheres und Ergreifenderes.

Ihr Vater war Rohrstuhlflechter und ihre Mutter desgleichen. Sie hat nie eine feste Wohnung auf der Erde gehabt.

Als Kind lief sie schmutzig, voll Ungeziefer, in Lumpen einher.

Man blieb am Eingang eines jeden Dorfes am Wegesrande halten und spannte den Wagen aus. Das Pferd rupfte am Wege Gras ab. Der Hund schlief, die Schnauze auf die Pfoten gelegt, und die Kleine wälzte sich im Grase, während Vater und Mutter im Schatten der Ulmen am Wege alle alten Rohrstühle der Gemeinde flickten.

Es fiel kaum ein Wort in diesem rollenden Hause, außer den paar Silben, die nötig waren, um die Entscheidung zu treffen, wer in den Ort laufen und den wohlbekannten Ruf ertönen lassen sollte, »Stü ... ü ... ühle fle – cht – en«. Dann setzte man sich gegenüber oder nebeneinander und machte sich an die Arbeit. Wenn das Kind zu weit fortlief, oder mit irgend einem Bengel aus dem Dorfe in Berührung kam, rief der Vater es mit wütender Stimme zurück:

– Willst Du gleich herkommen, dummes Kind!

Das waren die einzigen zärtlichen Worte, die sie hörte.

Als sie größer wurde, schickte man sie aus, um die beschädigten Stuhlsitze zusammen zu lesen. Da machte sie ein paar flüchtige Bekanntschaften hier und da mit den Dorfjungen. Aber dann riefen die Eltern ihrer neuen Freunde ihrerseits ihre Kinder grob zurück:

– Willst Du gleich hierher kommen, Du dummer Junge, Du wirst doch nicht mit dem Barfüßler da reden!

Manchmal warfen sie die Bengel mit Steinen. Ab und zu schenkte ihr eine der Frauen einen Dreier. Den hob sie sich sorgsam auf.

Eines Tages, sie war damals elf Jahre alt, kamen sie durch diese Gegend und da begegnete sie hinter dem Kirchhofe dem kleinen Chouquet, der weinte, weil ein Schulkamerad ihm zwei Heller gestohlen hatte. Daß dieser kleine Bürgersjunge, einer von denen, die, wie sie in ihrem gebrechlichen Wägelchen der Enterbten geglaubt, immer nur glücklich und zufrieden sein müßten, weinte, erschütterte sie sehr. Sie näherte sich ihm, und als sie den Grund seines Kummers erfahren, gab sie ihm ihre ganzen Ersparnisse: sieben Sous. Er nahm sie natürlich und wischte sich die Thränen ab. Da war sie so glücklich vor Freude, daß sie es wagte, ihn zu küssen. Da er aufmerksam sein Geld betrachtete, ließ er sie gewähren. Als sie sich nun weder zurückgestoßen sah noch geschlagen, fing sie wieder an, küßte ihn, und drückte ihn ans Herz. Dann lief sie davon.

Was ging in dem armen Hirn wohl vor? Hatte sie sich nun an den kleinen Jungen gehängt, weil sie ihm ihr ganzes Besitztum, die paar Bettelpfennige geopfert hatte, oder weil sie ihm den ersten Kuß gegeben. Das ist immer eine feierliche Handlung für Kleine, wie für Große.

Monate hindurch träumte sie von der Kirchhofsecke und dem Jungen. In der Hoffnung, ihn wieder zu sehen, bestahl sie ihre Eltern, grapste hier einen Sou und da einen, bei einer Flickarbeit die sie einkassieren sollte oder bei Eßwaaren, die sie einholte, zusammen.

Als sie hierher zurückkam, hatte sie zwei Franken in der Tasche. Aber sie konnte den Apothekerssohn nur sauber gekleidet hinter den Fensterscheiben des väterlichen Ladens sehen zwischen einer roten Flasche und einem in Spiritus gesetzten Bandwurm.

Sie liebte ihn nun noch mehr, verführt, geblendet, bezaubert von dem Schimmer, den das rote Glas auf ihn warf, von dem Glanz, der von dem blitzenden Kristall auf ihn fiel.

Sie behielt in ihrem Herzen eine unverwischbare Erinnerung und als sie ihn im nächsten Jahre hinter dem Schulhause traf, wie er mit seinen Spielgefährten mit Murmeln spielte, warf sie sich auf ihn, packte ihn beim Arm und küßte ihn mit solcher Heftigkeit, daß er vor Schreck anfing zu heulen. Da gab sie ihm, um ihn zu beruhigen, ihr Geld. Drei Franken zwanzig, ein wahrer Schatz, den er mit aufgerissenen Augen betrachtete.

Er nahm das Geld und ließ sich soviel sie wollte, liebkosen.

Während der folgenden vier Jahre noch übergab sie ihm alle ihre Ersparnisse, die er bedächtig dafür einsteckte, daß er sich küssen ließ. Einmal waren es dreißig Sous, einmal zwei Franken, einmal nur zwölf Sous – sie weinte, vor Schmerz und Scham, daß es so wenig sei, aber das Jahr war sehr schlecht gewesen – und das letzte Mal gab sie ihm fünf Franken, ein großes rundes Geldstück, das ihm ein zufriedenes Lächeln entlockte.

Sie dachte nur noch an ihn und auch er erwartete ihre Wiederkehr mit Ungeduld, lief ihr entgegen, sobald er sie sah, sodaß das Herz des Mädchens vor Freude klopfte.

Dann verschwand er. Man hatte ihn auf das Gymnasium gethan. Durch geschickte Fragen brachte sie es heraus. Da wandte sie unendliche diplomatische Schlauheit auf, den Reiseplan ihrer Eltern zu ändern und sie gerade in das Dorf zu lenken, wann er Ferien hätte. Es gelang ihr endlich, nachdem sie sich ein Jahr lang vergeblich gequält. So hatte sie ihn zwei Jahre lang nicht gesehen und erkannte ihn kaum wieder, so sehr hatte er sich verändert. Er war groß geworden, hübscher, stattlicher in seinem Rock mit goldenen Knöpfen. Er that, als sehe er sie nicht und ging stolz an ihr vorbei.

Zwei Tage lang weinte sie darüber und seitdem konnte sie ihren Schmerz nicht vergessen.

Sie kam jedes Jahr wieder, ging an ihm vorüber und wagte ihn nicht zu begrüßen. Er würdigte sie nicht einmal eines Blickes. Sie liebte ihn rasend. Sie sagte zu mir:

– Er ist der einzige Mann, den ich auf der Erde gesehen habe, Herr Doktor. Ich wußte gar nicht, ob es überhaupt Andere gäbe.

Ihre Eltern starben. Sie setzte deren Geschäft fort, aber statt eines Hundes nahm sie zwei, zwei bösartige Köter, die man nicht reizen durfte.

Eines Tages entdeckte sie, als sie wieder in das Dorf kam, wo sie ihr Herz gelassen, eine junge Frau, die aus dem Apothekerladen trat, am Arme eines Mannes. Es war seine Frau. Er war verheiratet.

Am Abend dieses Tages sprang sie in den Teich auf dem Hauptplatze des Dorfes. Ein spät heimkehrender Betrunkener zog sie heraus und brachte sie in die Apotheke. Der junge Chouquet kam im Schlafrock herunter, um nach ihr zu sehen und als kennte er sie nicht, entkleidete er sie, rieb sie und sagte dann zu ihr in hartem Tone:

– Sie sind wohl verrückt! Sie müssen nicht solche Dummheiten machen!

Das genügte, sie zu heilen. Er hatte mit ihr gesprochen. Nun war sie auf lange Zeit glücklich.

Er mochte für seine Mühewaltung nichts annehmen, obgleich sie ihn durchaus bezahlen wollte.

Ihr Leben strich so dahin. Sie flickte ihre Stühle und dachte immer dabei an Chouquet. Jedes Jahr erblickte sie ihn hinter den Scheiben der Apotheke und sie nahm die Gewohnheit an, immer bei ihm Vorräte von verschiedenen Arzneien einzukaufen. So sah sie ihn ganz in der Nähe, konnte mit ihm sprechen und gab ihm wieder Geld.

Wie ich es Ihnen, als ich meine Erzählung begann, gesagt habe, ist sie dieses Frühjahr gestorben. Nachdem sie mir die ganze traurige Geschichte erzählt hatte, bat sie mich, dem, den sie so geduldig geliebt, alle Ersparnisse ihres Lebens zu übergeben, denn sie hatte nur für ihn gearbeitet, wie sie sagte, Hunger gelitten und gefastet, um zu sparen, damit sie die Gewißheit hätte, daß er wenigstens einmal an sie dächte: wenn sie tot wäre.

Sie gab mir also zweitausenddreihundertsiebenundzwanzig Franken. Ich stellte die siebenundzwanzig Franken dem Herrn Pfarrer für das Begräbnis zu, und nahm das übrige Geld an mich, sobald sie den letzten Seufzer gethan.

Am nächsten Tage ging ich zu den Chouquets. Sie waren eben mit dem Frühstück fertig und saßen einander gegenüber dick und rot. Sie rochen nach Apotheke und sahen sehr gewichtig und selbstzufrieden aus.

Man hieß mich setzen, bot mir einen Schnaps an, den ich annahm und ich begann meine Erzählung in bewegtem Ton, fest überzeugt, ich würde sie zu Thränen rühren. Sobald er begriff, daß ihn diese Landstreicherin geliebt habe, diese Rohrstuhlflickerin, dieses Lumpenpack, fuhr Chouquet vor Empörung auf, als hätte man seinen Ruf angetastet, ihm die Achtung aller anständigen Leute gestohlen, seine Ehre, kurz etwas, das ihm wichtiger war, als das Leben.

Seine Frau teilte seine Entrüstung und sagte immerfort:

– Dieses alte Bettelweib, dieses Bettelweib! Dieses Bettelweib!

Sie konnte kein anderes Wort finden.

Er war aufgestanden, ging mit großen Schritten hinter den Tisch, die Mütze schief auf dem Kopf und stotterte:

– Sagen Sie mal, Doktor, wie ist das nur möglich, das ist ja fürchterlich für einen Mann wie ich. Was soll man denn da thun? Wenn ich das gewußt hätte, als sie noch lebte, hätte ich sie arretieren und ins Gefängnis werfen lassen und das kann ich Ihnen sagen, die wäre nicht wieder 'rausgekommen.

Ich war ganz erschrocken über das Ergebnis meines pietätvollen Schrittes. Ich wußte nicht, was ich sagen, nicht, was ich thun sollte. Aber ich mußte meine Sendung erfüllen und sprach:

– Sie hat mich beauftragt, ihre Ersparnisse die sich auf zweitausenddreihundert Franken belaufen Ihnen zu überbringen. Da ich nun aber sehe, daß Ihnen das, was ich Ihnen eben mitteilte, offenbar sehr unangenehm zu sein scheint, so wäre es wohl vielleicht das Beste, wenn man das Geld den Armen gebe.

Mann und Frau sahen mich beide an wie vom Donner gerührt.

Ich zog das Geld aus der Tasche, sauer zusammengesparte Groschen aller Länder, alle Münzsorten, Gold und Kupfer durcheinander. Dann fragte ich:

– Also, was gedenken Sie zu thun?

Frau Chouquet sprach zuerst:

– Ja, da es der letzte Wille der Frau ist ... Es ist wohl für uns sehr schwierig abzulehnen.

Der Mann, der doch ein wenig verlegen war, fügte hinzu:

– Wir könnten vielleicht damit etwas für unsere Kinder kaufen.

Ich antwortete in trockenem Ton:

– Thun Sie, was Ihnen beliebt.

Und er begann wieder:

– Nun, da sie Sie damit beauftragt hat, bitte, geben Sie es uns immerhin, wir werden schon Mittel und Wege finden, es zu irgend einem guten Werke zu verwenden.

Ich gab ihnen das Geld, grüßte und ging.


Am nächsten Tag kam Chouquet zu mir und sagte eifrig:

– Aber sie hat ja auch ihren Wagen hinterlassen, diese ... Frau. Was werden Sie denn damit anfangen, ich meine mit dem Wagen.

– Nichts, den können Sie auch noch nehmen, wenn Sie wollen.

– Schön, das paßt mir ganz gut, ich werde eine Laube für meinen Gemüsegarten daraus machen.

Er ging davon. Ich rief ihn zurück:

– Sie hat auch einen alten Gaul und ihre beiden Hunde hinterlassen. Wollen Sie die auch haben?

Er blieb erstaunt stehen:

– O nein, wissen Sie, was soll ich denn damit anfangen? Darüber können Sie nach eigenem Ermessen verfügen.

Und er lachte. Dann reichte er mir die Hand, die ich drückte. Was sollte ich anders thun. In einem und demselben Ort dürfen Arzt und Apotheker nicht Feinde sein.

Ich habe die Hunde bei mir behalten, der Pfarrer, der einen großen Hof besitzt, hat das Pferd genommen. Der Wagen dient Chouquet sozusagen als Laube und von dem Geld hat er fünf Eisenbahn-Obligationen gekauft.

Das ist die einzige tiefe Liebe, die mir in meinem Leben begegnet ist.


Der Arzt schwieg.

Da seufzte die Marquise, der die Thränen in den Augen standen:

– Es ist doch wahr, nur Frauen können wahrhaft lieben!

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