Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Otto Stoeßl >

Die Schmiere

Otto Stoeßl: Die Schmiere - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDie Schmiere
authorOtto Stoessl
firstpub1927
year1927
publisherWeltgeist-Bücher
addressBerlin
titleDie Schmiere
pages3-64
created20070327
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Am nächsten Morgen schlenderte Ingomar mit seinem Hunde zu jener Landzunge hinaus, die ihm vom Oberkellner bezeichnet worden war. Wie ein stählerner Spiegel glänzte die Fläche des sonnigen Sees durch die dunklen Stämme der Linden, welche in einer geraden Paarreihe hinliefen. Hier und da standen weiße Bänke und schimmerten freudig im feuchten Morgenlicht. Der blaue Himmel, das helle Grün der Linden wirkten wie frischgewaschen. Die Luft war warm und gewissermaßen im Kerne leicht gekühlt, so angenehm strich sie um das Gesicht beim Gehen. In der Ferne sah man das andere Ufer des Sees, die Landzunge teilte ihn hier an seiner schmalsten Stelle in Hälften. Drüben lagen schön hingestreckte Berge voll Duft. Kinder bewegten sich mit Reifen und Wägelchen, mit jungen Bonnen, alten Kindsfrauen und mit lichtgekleideten Mamas durch diese natürlichste Spielbahn. Auf den Bänken saßen Fräulein mit Büchern und lasen, leicht gekleidet in hübschen Morgengewändern, mit ganz sauber frisierten Köpfen, die selbst so frisch gewaschen waren wie die Gegend. Ältere Damen in loseren Jacken nähten was oder unterhielten sich, hier und da war auch ein Herr dabei, meist bequemeren Alters mit ehrbarem Stock, denn die jüngeren Jahrgänge radelten wohl oder segelten oder waren auf ernsthafteren Wegen über Land. Ingomar schlenderte durch diese Morgenszenerie und blickte genau nach der Erwarteten. Sie ließ auf sich warten. Sie kam gewiß nicht allein. Junge Damen treten auf Promenaden immer rudelweise auf, auch wußte sie ja nicht, daß er hierherkam und sie suchte. Er setzte sich auf den Sand an der Spitze der Landzunge, zu Füßen des kleinen Wartturmes, der dort, ziemlich verfallen, mit einer morschen Holzstiege versehen war, damit man von seiner Spitze nach allen Seeseiten ausspähen konnte. Vielleicht kam sie hierher. Hektor lag neben ihm und genoß behaglich der vollen Sonne. Ingomar saß mit eingezogenen Knien, rauchend und gedankenlos oder in Gedanken, wie man will, und spähte auf die weißen Segel, die auf der Fläche des Wassers ruhten wie Falter. Es ging kein Wind, darum bewegten sie sich gar nicht. Das Wasser war nur ganz leicht gestreift und gefurcht von oberflächlich kreiselnden Wellenringen und schlug mit gleichem, sachtem, gluckendem Tonfall zufrieden ungefährlich an die Ufer. Ein altes Flachboot, an einen Pfahl gebunden, schaukelte gelassen auf und nieder. Ein gutes, sommerliches Nichtstun streckte sich wohlig allenthalben aus, indes oben am blauen Himmel ganz leise Feder- und Faserwölkchen zerzupft waren. Ob es hier wohl Stürme gab?

Er wollte den Hund jetzt auf Intelligenz und Schulung prüfen. Er erzählte ihm alles Wissenswerte über die erwartete Dame. Hektor saß aufmerksam da und schien treulich zuzuhören. Wenn sein Maul sich gelegentlich zu einem mächtigen Gähnen öffnete und das lange Gehänge dazu hin und herpendelte, war es gewiß nicht Langeweile, sondern nur eben Hundegewohnheit. Dem unschuldig ehrbaren Freunde mangelte jede taktlose Absicht, man konnte sich gewiß auf seine Bereitwilligkeit verlassen. Der würde ihn nicht schadenfroh ansehen, wenn ihm eine Sache vorbeigelänge. Also er beschrieb ihm die Dame, aber kurz, denn er nahm auf die Sprachfremdheit des Kameraden Rücksicht. Immerhin versuchte er auf dessen Instinkt einzuwirken. Er hielt ihm den Handschuh hin, den seidenen. Hektor blinzelte das ungenießbare Stück gleichgültig an. War es etwa zum Essen? Nein! Nun also. Aber da Ingomar es ihm immer wieder vor die Nase hielt, schnupperte er daran, um dem unbegreiflichen Herrn eben Genüge zu tun. Dazu hatte man ja Hunde. Dann hielt ihm der Herr ein kleines, vielgefaltetes Stückchen Papier hin, so lange, bis Hektor auch das durch die Nase gewürdigt hatte. Was darin stand, konnte ihm ja gleichgültig sein. Hektor schnappte nach Fliegen, gelegentlich wälzte er auch seine feuchte, lackschwarze Schnauze im Grase. Dann tat Ingomar das bewußte Stück zusammengefalteten Papiers in den Handschuh. Damit es nicht herausfalle, schob er es in die Mitte hinein und band dann das Gewebe wie ein Stück Schnur lose zusammen. Schändlich, einen Handschuh so zu verziehen und ein so zartes Andenken so grob zu verknoten. Aber es blieb ja nichts anderes übrig. Wiederum wehte er damit dem Hunde unzählige Male an der Schnauze vorbei. Die Sonne stand schon hoch am Himmel, es war bald Badezeit, als sich am Eingange der Allee eine Gesellschaft von lichten Röcken, Blusen, Schirmen zeigte. Auch ein paar Herren waren dabei, man sah Tennisschläger, Spazierstöcke, weiße Schuhe. Jetzt sollte es sich zeigen. Hektor wurde aufgefordert, den Handschuh zu nehmen und die Dame zu suchen. Der Hund erhob sich langsam, streckte zuerst gewaltig die Vorderbeine und Hinterbeine, so daß sich sein Körper gut um die Hälfte seiner Länge auszog. Das war sein Einspruch gegen den mißlichen Botenweg. Aber er nahm den Handschuh mit dem eingewickelten Briefchen immerhin ins Maul und trabte fort. Ob er das Pfand nicht etwa verlor und fallen ließ? Ingomar bedrohte ihn mit gewaltigen Strafen für diese etwaige Untat. Hektor achtete gar nicht mehr auf die Warnungen und Ermunterungen, die sein Herr ihm nachrief, sondern lief bis zum Anfang der Lindenallee, so schief nach der Rechten geneigt, wie ein nachdenklich überlegender und geduldiger Hund. Ingomar spähte ihm, die Hand über den scharfen, vorm Licht geschützten Augen nach. Jetzt war der Bote bei dem Haufen von Sonnenschirmen, lichten Röcken, Blusen, weißen Schuhen und Tennisschlägern. Er mischte sich unter die Leute. Er machte sich bei ihnen zu schaffen. Er blieb auch dort. Ha! Der Elende fing eine Annäherung mit einem Bulldogg an, der zu der Gesellschaft gehörte. Wenn er nur den Handschuh nicht verlor, wenn er nur nichts Despektierliches damit anstellte oder anstellen ließ. Die beiden Hunde, der weiße und der graubraune, jagten umeinander her und trieben in einem gewissen Kreise um die Gesellschaft ständig weiter, so veranlaßten sie die Röcke, Blusen, Sonnenschirme, sich etwas besser vorwärts zu bewegen. Alles spielte sich in den zivilen Formen des Hundelebens ab, ohne Lärm und Bellen, ohne offene Feindseligkeiten, besonders weil sich kein Mensch in ihren Verkehr mischte, weil niemand sie hetzte oder voneinander wegzuscheuchen suchte. Wenn nur dem Handschuh nichts passiert. Wenn dieser Hektor ihn nur richtig anbrachte. Er lief immer im Kreise um diese Herde, die er zu leiten schien. Endlich kamen allesamt näher. Die Schmachtende ging Arm in Arm mit der kleinen Braunen, die so munter lachte, wie eine Fünfzehnjährige, indessen ein junger Herr mit bartlosem und fadem Gesicht ihnen irgend etwas erzählte, das er ihnen für sehr komisch einzureden suchte, denn er lachte unaufhörlich, während die beiden Mädchen ernst blieben. Hektor hielt sich jetzt an der Seite der Schmachtenden, ja er trabte so dicht neben ihr, daß man hätte glauben können, er gehöre zu ihr. Die Gesellschaft ließ sich auf einer Bank nieder. Man mußte Ingomar von dort ebenso genau sehen, wie er die Herrschaften ausnahm. Die Schmachtende saß, die übrigen umstanden sie, und nach einer Weile nahm die kleine Braune, dann der junge Mann Platz. Die andern machten kehrt und spazierten noch einmal auf und ab. Hektor ließ sich neben der Schmachtenden nieder, ganz als gehörte er zu ihr. Er hatte richtig noch den Handschuh im Maul. Das Fräulein streichelte ihn. Er sah zu ihr empor, das intelligente Vieh! Jetzt kam der Augenblick. Die kleine Braune schien den Handschuh zuerst zu bemerken, wenigstens machte sie die Schwarze darauf aufmerksam; der Herr lachte und tat so, als wollte er den Handschuh an sich bringen. Die Schmachtende nahm ihn aber rasch aus dem Maul des Tieres. Jetzt mußte sie sich entscheiden. Hatte sie das Papier darin gespürt? Sie warf den Handschuh wie einen Fetzen weit weg. Hektor stürzte darauf zu, faßte den armseligen Rest eines Gewebes, das nach fernem Morgenland, nach kühler, gebadeter, bräunlicher Haut geduftet hatte und nun im Staube lag, und brachte ihn der Dame im Triumph zurück. Ärgerlich hielt sie den Handschuh einige Sekunden lang, dann ließ sie ihn einfach fallen und auf dem Boden liegen bleiben. Sie schien Ingomar nicht zu bemerken. Wenigstens blickte sie nicht ein einziges Mal nach ihm, der doch sowohl malerisch als schicklich, mit eingezogenen Knien und zurückgebeugtem Kopfe, ohne Hut, mit zurückgeschlagenem weißem Hemdkragen dasaß und darauf wartete, bemerkt zu werden. Das war ja gerade das Richtige, sie bemerkte ihn, indem sie ihn ignorierte. Hektor war es müde, tatenlos neben der fremden Person zu bleiben. Seine Dienste wurden jedenfalls hier nicht mehr benötigt. Er machte sich Bewegung, indem er langsam, sich schüttelnd, aufstand und das entferntere Rudel Sonnenschirme, weiße Schuhe, lichte Röcke und Blusen besuchte, indem er es wieder mit dem weißen Bulldogg in achtbar weiten Kreisen umlief und zu besserer Bewegung veranlaßte. Das ging so eine hübsche Weile hin und her, bis Hektor wieder vor der Bank haltmachte und zu Füßen der Schmachtenden Platz nahm. Jetzt streichelte sie ihn aber nicht mehr. Ingomar hielt es für angebracht, aller Welt zu zeigen, daß er der Herr des Hundes war. Darum tat er einen leisen Pfiff, worauf Hektor die Ohren spitzte und überlegte, ob er gleich folgen müsse. Er schien es für richtiger zu halten, eine deutliche nochmalige Willensäußerung seines Herrn abzuwarten, daher wedelte er ein bißchen herausfordernd und sprang erst auf die Beine, als Ingomar ein zweites Mal lauter und mit einem deutlichen Ton von Drohung pfiff. Hektor blickte noch einmal kurz auf die Dame, ob sie dazu vielleicht etwas zu bemerken habe, sie sehe ja, daß ihn andere Pflichten riefen und müsse ihn entschuldigen, damit lief er dann – er hätte es etwas rascher tun können – Ingomar zu.

Was nun? Nichts! Warten? Warum sollte er denn immer sein Gehirn anstrengen, um etwas Neues herauszukriegen? Wenn der Dame dort an ihm lag, sollte sie auch einmal zeigen, was ihr einfiele. Er war müde, die Sonne brannte, seine Stellung mit den eingezogenen Beinen behagte ihm nicht mehr. Er lehnte sich leichter an die Grasböschung, die zum Wartturm anstieg. Er lehnte und wartete so, während Hektor gemächlich kauerte und die Wärme ohne galante Wünsche auf sein Fell wirken ließ. Ingomar mußte sogar ein bißchen geschlummert haben, denn als er nochmals aufsah, saß niemand mehr auf der nächsten Bank, und am Ausgange der Allee bewegte sich das Rudel Sonnenschirme, weiße Röcke, Tennisschläger und lichte Schuhe fort, nach dem Bade. Das gab Ingomar einen Ruck. Er sprang auf, Hektor zuckte vor willkommener Bewegung. Beide schüttelten sich und gingen. »Such'! Such'!« befahl der Herr. Hektor verstand, was gemeint war, und brachte richtig den zerknüllen, verstaubten Handschuh zurück. Aber das Stückchen Papier war nicht mehr darin, auch nicht mehr bei der Bank zu finden. Sie hatte es also bei Gelegenheit herausgenommen. Gewiß war es gelesen. Merkwürdig nur, daß der Handschuh wieder zugebunden und zu einem Knäuel verkleinert war, wie vordem.

Ingomar eilte wieder vor das Bad, aber die Schmachtende fehlte. Bei allen Göttern, wo war sie? Was bedeutete das an seinem heutigen Benefiz? Sie fehlte. Kam sie nicht endlich zögernd hervor? Er hatte ihr wieder eine Rose gekauft und hielt sie verlegen zwischen seinen Fingern. Er hatte einen zweiten Brief bereit, den er ihr mit der Blume überreichen wollte. Wie brachte er den jetzt an die richtige Adresse? Heute am Tage seines Benefizes war Ingomar über dieses Ausbleiben sehr beunruhigt, heute mußte sich irgend etwas Besonderes ereignen. Daß sie fehlte, war das Besondere. Das Haus war ausverkauft. Er hatte eine gute Einnahme zu erwarten. Die Überackerin strahlte. Sie spielte die Millerin gar zu gern. Ingomar beschloß, sich im Hotel nach der Schmachtenden zu erkundigen. Was war sein Auftreten heute ohne sie? Vor dem Eingang sah er einen Mietwagen ganz bepackt, die Schmachtende mit ihrem Onkel nahm gerade von allen Leuten bewegten Abschied, die Damen überreichten ihr Blumen, die Herren machten ihr zum letzten Male den Hof, sie trug ein graues Reisekleid, auf dem schmalen Strohhut einen blauen wehenden Schleier, den sie später wohl um den Hals zuband. Der Onkel lehnte bequem im Rücksitz. Sie machte sich noch mit den Koffern zu tun. Endlich zogen die Pferde an, sie winkte mit beiden Händen und nickte. Heute geschah das! Heute zu seinem Benefiz! Ingomar stand wie versteinert. Er zog endlich tief seinen Jägerhut, da winkte sie auch ihm und ganz deutlich ihm, lächelte, ja sie ergriff eine Rose aus einem Strauß und warf sie ihm zu. Diese Verwünschte! Jetzt konnte sie ihm ein Zeichen geben, jetzt verstand sie es, jetzt, wo es zu spät war, jetzt rief sie ihn, jetzt sollte er ihr folgen! Heute? Zu seinem Benefiz? Wo er auf diese Einnahme wartete, wo er infolge des Hundekaufes – Hektor stand neben ihm und wedelte unschuldig – kaum mehr für ein paar Tage zu leben hatte. Was tat's! Ihr nach! Wohin fuhr sie? Er zog das Stubenmädchen beiseite. Wie diese dumme Person im schwarzen Kleide mit dem weißen Häubchen dastand und winkte und das eben empfangene Trinkgeld noch warm in der Hand hatte!

Vor allen Leuten zog er sie beiseite, so daß man ihn mit dem Hotelpersonal vertraut sah. Die Schmachtende mußte es auch noch sehen!

In aller Eile, während man dem Wagen nachwinkte und Grüße nachschickte, erkundete er: Sie fuhr heute nach Salzburg, aber mit der Lokalbahn, um dort noch den Abendzug nach Linz zu erreichen. Ihr Gepäck ging gleich nach Linz, von wo sie zu Schiff nach Wien reisen wollte. Wenn er also bald aufbrach. konnte er noch den Dampfer erreichen und in der nächsten Hauptbahnstation den Zug, so daß er in Salzburg rechtzeitig für den Abendschnellzug nach Linz eintraf. Ein rascher Entschluß! Hol' ihn der Teufel, hole der Teufel das Benefiz! Sie hatte ihm ja gewinkt, deutlich gewinkt. Sollte er nicht fähig sein, ihretwegen auf eine Theatervorstellung, auf eine Tageseinnahme zu verzichten? War er ein Mann, ein Liebhaber, ein Schwärmer oder eine Theaterfigur? War die Überackerin wichtiger als seine Leidenschaft? Sollte er sich über einem Benefiz versäumen? Von allen Gedanken durchwirbelt, rannte er, den Hektor immer an der Seite zum »Braunen Ochsen« und stahl sich, von den Schauspielern unbemerkt, auf seine Dachstube. In höchster Eile warf er seine Siebensachen in seine Ledertasche, einen alten Lodenmantel über die Schulter und schlich, pfiffig lächelnd, wieder über die Holzstiege hinab, deren Knarren er bei jedem Schritt verwünschte. Endlich war er im Freien. Er hatte zwar Hunger – es war Mittagszeit, die andern saßen jetzt in der Gaststube beim Essen und stärkten sich – zu seinem Benefiz. Hol' sie der Henker! Er konnte ja noch beim Krämer ein Brot und ein Stück Wurst kaufen. Seine Zeche berichtigte er nicht, das überließ er der Überackerin. Sie hatte ihn ohnehin genug ausgenützt. So verschwand er vom Schauplatz dieser Handlung und betrat die Landungsbrücke des Dampfers. Um diese Zeit waren wenig Gäste da. Man erkannte ihn nicht. Der Dampfer kam, legte pfauchend und gurgelnd an. Ingomar stieg gespannten Ausdrucks ein, Hektor schlich neben ihm ängstlicher und schuldbewußter als sein Herr. Als das Schiff wieder mitten im See dahinfuhr und die hellen Häuser des Ortes an dem waldigen Ufer kleiner wurden, beruhigte sich seine Aufregung und er malte sich im Geiste die Verlegenheiten aus, welche heut abend entstehen würden, wenn der Ferdinand bei der Kabale und Liebe fehlte. Nun, mochte die Überackerin sehen, wie sie ohne ihn fertig wurde. Er hatte Besseres vor, gelt, Hektor? Der Treue sah ihn ratlos an und tat, als verstünde er ihn. Dafür verabreichte ihm Ingomar ein Stück Brot und Wurst.

Abends – gerade als die Vorstellung angehen mochte – fand er sich in Salzburg in der Bahnhofshalle mit Hektor ein. Großes Gedränge, er wurde in einen Wagen dritter Klasse hineingeschoben und konnte nur eben von weitem einen blauen Reiseschleier winken sehen. Geduld, liebes Herz, in Linz sehen wir uns wieder! –

 

Die Überackerin müßte eine schlechte Prinzipalin gewesen sein, wenn sie den Abgang ihres ersten Helden nicht lange vor dem Beginn der Vorstellung gemerkt hätte. Schon am Nachmittag fehlte ihr der Junge. Seine Stube war leer, aufgeräumt. Kein Zweifel, er war davongegangen. Oh, ihre Ahnungen. Nun hatte er wirklich den gefürchteten Raptus bekommen und gleich auch das Äußerste ausgeführt. Daß er sehr bald in Verlegenheit sein würde, konnte sie hier weder trösten, noch beruhigen. Was sollte sie mitten in ihrer Saison ohne Helden anfangen? Ob sie sich heute mit einer Ersatzvorstellung helfen konnte? Aber man kann leider nicht täglich Ersatzvorstellungen geben. Seine Zeche fiel ihr auch zu. Sie rannte in alle Geschäfte des Ortes, um nach dem Flüchtling zu fragen, er hatte sich ja auch im Hotel herumgetrieben, sie versuchte beim Oberkellner etwas Näheres herauszubringen. Der schmunzelte und deutete mit aller Vorsicht und gewählten Ausdrücken an, daß vielleicht irgendein galantes Abenteuer den Herrn weggelockt haben möge, vielleicht stünde die Abreise einer gewissen Dame mit der seinen in einem gewissen Zusammenhange. O ahnungsvoller Engel! Da erinnerte sie sich, daß die Sommergäste alle um diesen Herrn Baron Bühl versammelt zu sein pflegten, der gewissermaßen der Oberste der Sommerfrischgesellschaft war und auch der anerkannte Herr des Ortes selbst. Vielleicht wußte der Näheres, konnte ihr raten, helfen. So wagte sie denn, ihn aufzusuchen, und ließ sich in dem vornehmen alten Schlosse anmelden, das hoch über dem See, halb Burg, halb Landhaus, geräumig mit Wirtschaftsgebäuden, Stallungen und behaglichen Wohnzimmern, inmitten eines gepflegten Gartens dastand und die ganze Landschaft überblickte. Von den Fenstern der Halle sah man weithin in alle Himmelsrichtungen über den See, über die Höhenzüge nach fernen Tälern, und in ihrer Aufregung glaubte sie, wenn sie nur einen Wink bekäme, wo sie ihren Flüchtling eigentlich suchen müßte, sie würde ihn irgendwo, als einen ganz kleinen schwarzen Punkt hinziehen sehen können und von seinem Benefiz wegstreben. Der Baron war nicht einmal sehr erstaunt, als man ihm die Überackerin meldete. Da er mit allen Angelegenheiten und Neuigkeiten befaßt wurde, überraschte es ihn nicht weiter, daß ihn auch die Prinzipalin des wandernden »modernen Ensembles« aufsuchte. Er trat, ein freundliches Lächeln auf seinem roten und braunen Gesicht, halb Gutsherr und Bauer, halb Weltmann und ländlicher Gewalthaber ein und begrüßte die ältliche Person mit einer Verbeugung, welche leicht genug ausfiel, da er mit diesem Theater nicht zu viel Aufhebens machen wollte, aber doch angemessen schien, da er mit einer Dame zu tun hatte. Denn irgendwie war diese ältliche, anständig, aber kümmerlich gekleidete Person doch eben eine Dame und verriet auch eine gewisse Gebieterschaft und Bildung. Ja, ihr verblühtes Gesicht, ihre groben, bei Tageslicht schon recht grauen Haare unter dem altmodischen Blumenhut, die hageren Arme in Zwirnhandschuhen, das graue Wollkleid, die versorgten Züge und die unruhigen, dunkeln Augen machten hier im Leben, nachmittags, einen besseren Eindruck von Ernst, Verantwortung, Sorge und Selbstbeherrschung, als jemals in der Abendbeleuchtung des Theaters, wo sie geschminkt war und jugendlich tat. Sie setzte denn auch gleich mit anständigen Worten den Zweck ihres Besuches auseinander und verhehlte nicht, daß die Flucht ihres Schauspielers für sie eine fürchterliche Verlegenheit bedeute, ja den Bestand ihres ganzen Unternehmens in höchste Gefahr bringe, da sie ohne Helden und Liebhaber überhaupt kein Stück aufführen und ihr Ensemble nicht zusammenhalten könne. Sie selbst und auch die Mitglieder stünden brotlos da. Ersatz sei jetzt kaum zu beschaffen. Darum frage sie den Herrn Baron, ob er ihr nicht einen Wink geben könne, wie sie den Unglücklichen suchen, auffinden und zur Stelle schaffen möge. Denn auch der Leichtsinnige sei mehr zu beklagen, als zu verdammen. In jedem Künstler stecke nun einmal irgendein gefährlicher Hang zum Abenteuer und Ausbruch, eben dadurch und deshalb sei einer ja eben Künstler, und man müsse einen solchen bitteren Mangel eben um des Vorzugs willen verzeihen, dem er entstamme. Sie habe an dem Entflohenen doch trotz allem einen fleißigen, begabten und strebsamen Schauspieler gehabt und geschätzt, dem sie schließlich auch diesen unverantwortlichen Streich zugutehalten müsse als einem rechten Kinde, nur wolle sie ihn zurückbekommen und zur gewohnten Arbeit wieder haben. Der Baron hörte sie höflich und geduldig an. Er wußte nichts anderes, als was alle wußten, daß Ingomar entflohen war. Sowohl die Überackerin als er selbst hüteten sich, den Verdacht auszusprechen, der ihnen beiden zu Ohren gekommen sein mußte, daß der Leichtsinnige einer schönen Person zuliebe das Weite gesucht habe und nun ins Blaue hinein einem blauen Reiseschleier nachziehe. Beide waren welterfahren genug, eine solche, andere Damen der Gesellschaft und mittelbar auch die Gönner des Theaters berührende Beziehung nicht zu erwähnen. Der Baron machte sich freilich ebenso wie die Überackerin seinen Reim auf die Schmachtende und auf den von ihrem Magnet angezogenen leichten Span. Er wußte aber nichts über Ingomars Verbleiben, Reiseziel oder Aufenthalt und konnte mit gutem Gewissen versichern, er ahne nicht entfernt, was der Held und Liebhaber draußen in der Welt vorhabe. Die Überackerin schüttelte schmerzlich den Kopf, sie sehe nun ein, daß sie wohl auch nur geringe Hoffnung hegen dürfe, den Flüchtling wiederzubekommen. Wie sie sich nun helfen solle und könne, wisse sie freilich nicht.

Der Baron Brühl betrachtete sie mit einem gewissen Wohlwollen, die ordentliche, nüchterne und selbst in aller Aufregung gefaßte Person gefiel ihm gar nicht übel, und da es schon sein Beruf war, begann er wieder Vorsehung zu spielen und nachzudenken, wie er ihr helfen könne. Wenn er nicht schon ein so alter Knabe gewesen wäre, hätte er ihr vielleicht angetragen, selbst als Ferdinand oder in anderen Rollen aufzutreten, um ihr das Weiterspielen zu ermöglichen, denn er hatte zeitlebens für das Theater eine rührende, wenn auch unerwiderte Liebe gehabt. Aber Scherz beiseite, er möchte ihr einen anderen Vorschlag machen. Da er nicht zum Theater kommen könne, möge sie zu ihm kommen. Die Überackerin sah ihn erstaunt an. Nun, das sei nicht so unglaublich und unmöglich, wie es scheine. Er halte sie für eine ordnungsliebende, genaue und ehrliche Frau, der man wohl auch ein Hauswesen anvertrauen könne, das ja schließlich auch nicht viel verwickelter zu betreiben sei als eine Theaterwirtschaft. Kurz und gut, er suchte eine Beschließerin, die ihm auf seine Vorräte sehe, das Nötige austeile und überwache. Die Vorgängerin sei ihm zwar nicht durchgegangen, wie Frau Überacker ihr Held, aber sie habe ihm gekündigt, und nun scheine ihm das Zusammentreffen zweier Verlegenheiten einen gemeinsamen Ausweg zu zeigen. Sie sei doch schließlich im Theater nicht gerade glücklich, meinte er, die ewigen Verlegenheiten und Sorgen müßten einer Frau in vorgerückten Jahren, sie verzeihe, daß er so aufrichtig rede, doch zuwider werden, das Einkommen schwanke von Schulden zu geringstem Ertrag, jeder Tag bringe neue Enttäuschungen, neue Schwierigkeiten, er glaube kaum, daß sie auch nur einen Zehrpfennig für Zeiten der Not und Krankheit zurücklegen könne. Sie habe vielleicht selbst schon manches Mal die Bühne und den falschen Zauber dieses Berufes verwünscht, ein ruhiges, bürgerliches Geschäft begehrt, eine sichere Zukunft und eine Ausnützung ihrer fraulichen Fähigkeiten. Was aber ihre kleine Truppe anlange, um die sie sich etwa auch noch Sorge machen müsse und die sie nicht ohne weiteres im Stich lassen könne, so glaube er auch für die Leutchen, wenn sie nur arbeiten wollten und ehrlich seien, Arbeit und Brot schaffen zu können. Jeder würde sich schon an einer geeigneten Stelle verwenden lassen und wenigstens so lange hierbleiben können, bis er etwas anderes, Geeigneteres gefunden habe. Aber auch von den Mitgliedern erwarte er, daß sie in das bürgerliche Dasein am Ende nicht ungern zurückkehrten.

Er hatte sich in edlen Eifer hineingeredet und alle Gründe erschöpfend vorgetragen, die er für seine gute Absicht nur geltend machen konnte. Die Überackerin saß still da, senkte den Kopf und spürte, wie sie rot im Gesicht wurde und wie ihr langsam, unaufhaltsam Tränen in die Augen drangen, so daß sie, als er endlich geschlossen hatte und auf ihre Antwort wartete, kaum sprechen konnte, denn sie fühlte sich völlig verwirrt und nun noch mehr aus allem Gleichgewicht gebracht als vordem.

Einen Augenblick schien ihr freilich aus diesem gutgemeinten Angebot die Rettung selbst, eine bessere Zukunft zu winken, ein Ende aller Mühen und Sorgen, eine aufrichtige, einfache, wahre, menschliche Existenz, ohne Selbstbetrug und ohne jene abendliche Täuschung, die sie – gescheit wie sie war – als solche verspürte und als schicksalhafte Last ertrug. Aber auch nur einen Augenblick lang. Im nächsten schien ihr die Zumutung unglaublich und unwürdig. Sie sollte einen Beruf aufgeben, dem sie ein Leben lang in Sorge und Eifer, aber auch treulich gelebt hatte, der mit allen seinen Mühseligkeiten, auch mit seiner Lüge und seinem Selbstbetrug doch auch die Schönheit, das Wunder der Welt selbst bedeutete und ihr gerade daran Anteil gab, je stiefmütterlicher sie sonst vom Glück bedacht war. Hatte sie denn ihr Geschäft nur betrieben, weil sie kein anderes Brot finden konnte, oder weil es eben ihre Kunst war? Ihre Kunst, ihr Wille und Wunsch, der seit ihrer Kindheit ihr ganzes Selbst ausgefüllt hatte. Wie mußte man einen Menschen und sein eigentliches Wesen gering einschätzen, wenn man ihm zumuten konnte, es an einem bösen Tage aufzugeben und ein anderes anzunehmen. Sie mochte freilich anderen, Besseren, Glücklicheren an Erfolg, an Begabung nachstehen, aber vielleicht waren ihr Wille, ihr Streben, ihre menschliche Kraft eben darum mehr wert als der leichtere Triumph der anderen, denn sie ertrug Leiden und jahrelange Qualen, eine Wanderschaft voll Entbehrung, Verdruß und Enttäuschung um dieser Kunst willen. Und nun sollte sie ihren Beruf, ihr eigentliches Wesen, das einzige, wofür sie lebte, wenn anders sie eben überhaupt für einen Zweck lebte, aufgeben, diese Kunst verlassen, die ihr treuer geblieben war als Jugend, Hübschheit und Liebe? Denn die Kunst hielt bei ihr aus, so wie sie bei der Kunst. Wenn man vierzig Jahre Schauspielerin ist, dann ist man es eben und wird nicht Beschließerin oder irgendwas sonst auf der Welt. Sie kleidete ihre Ablehnung freilich in höfliche und besonnene Worte, um den wohlgemeinten Rat nicht zu kränken und den hilfreichen Baron nicht zu verletzen: sie ließ zwar durchblicken, daß ihr Stolz und ihre eigentliche Natur das Angebot verwerfen müßten, aber sie fand eine leidliche Form dafür, indem sie sich außerstande erklärte, so spät und in so vorgerückter Zeit in neue Verhältnisse einzutreten, die alten, wenn auch kümmerlichen und schwierigen aufzugeben, in denen doch, trotz allem, eine gewisse Befriedigung, sogar, wenn man es sagen dürfe, auch das eigentliche wahre Glück eines kummervollen Daseins läge.

So empfahl sie sich dem Baron, der sie mit bedauerndem Kopfschütteln entließ. – Wem nicht zu raten ist, dem ist nicht zu helfen. –

 

Wie erging es mittlerweile unserem, ihrem Ausreißer?

Der Abendzug fährt von Salzburg nach Linz seine guten drei Stunden und verliert allmählich die Dämmerung, die Passagiere werden müde, draußen zieht die Dunkelheit auf und weht kühl in die Fenster. Ingomar fröstelt und er spürt auch das Zittern des empfindlichen Hundes, der unter der Bank, hinter den Beinen seines Herrn kauert. Allmählich denkt der Herr nicht mehr an die Verlockungen seiner Flucht, sondern an die näheren unbequemen Umstände, weniger an den bösen Spaß seiner Benefizvorstellung ohne ihn, als an die Kälte im Wagen und an das warme Nachtmahl, das es jetzt im »Braunen Ochsen« gegeben hätte. Hingegen mußte er in Linz mit seinem Gelde zu Rate gehen, wenn er seiner Schönen noch eine gute Weile nachreisen und auch einen ernsteren Erfolg erzielen wollte. Nichts da, warmes Nachtmahl und bequemes Quartier! Wir werden im Freien auf einer Gartenbank warten, bis es Zeit ist, zu Schiff zu gehen. So begann unser Held zu denken, womit sein Hund anfing und blieb: Essen und Schlafen! In Linz schüttete der Zug die Leute rasch aus, und Ingomar erhaschte nicht einmal mehr ein flüchtiges Wehen des blauen Schleiers, der längst schon in einem Hotelwagen versorgt war. Durchfroren und hungrig stieg er über die Treppe in die Stadt hinab und gab sich gar nicht einmal mehr besondere Mühe, der Begehrten, der er nachreiste, eindringlich nachzusehen. Er versuchte seinem Gang immerhin eine muntere Bewegung, einen gefälligen, geschwinden Rhythmus zu geben, erstens wegen der Erwärmung, zweitens weil dadurch auch sein ganzes seelisches Verhalten wieder elastisch und schwungvoll werden sollte. Damit bekam auch das träge Pendel seiner Phantasie einen Stoß, daß es herzhafter schwang und in der Richtung einer wunderbaren Stromfahrt mit einem wunderbaren Mädchen in Duft und Märchen. Um bis zu diesem Morgen – das Schiff fuhr gottlob wenigstens sehr früh am Tage ab – seine Phantasie nicht völlig nüchtern durch anstrengende Vorstellungen weiter jagen zu müssen, suchte er mit seinem Hektor ein kleines Gasthaus auf und genoß ein bescheidenes, aber schmackhaftes warmes Essen, dazu das kühle, frische Bier, ließ auch dem Hund ein standesgemäßes Futter reichen, trat so gestärkt seine nächtliche Wanderung durch die Stadt an, so lange, bis er so schläfrig war, daß er auf einer Bank im Volksgarten halbwegs ungestört bis zum Tagesanbruch einzunicken hoffen konnte. Hektor leistete ihm dabei still und geduldig Gesellschaft. Endlich war es so weit Morgen, daß das graue Licht des späteren herbstlichen Tages die Stille schon mit Hahnenrufen und erstem Marktfuhrwerkslärm durchbrach. Ingomar wusch sich etwas oberflächlich an einem fließenden Brunnen und kämmte sich vor seinem Taschenspiegel, zupfte sein Hemd, seine Krawatte, Rock und Weste zurecht, gab dem weichen Hütel eine neue gefälligere Form und bestieg als erster das Schiff, um die Schöne nicht zu versäumen und sogleich mit den Augen wenigstens gefangenzunehmen, wenn sie auftrat. Seine Mittel erlaubten ihm freilich nicht, eine Fahrkarte für den ersten Platz zu lösen, wie die Schmachtende gewiß tat, aber auf dem Verdeck nahm man diese bösen Geldunterschiede nicht so genau und konnte sich hierhin und dorthin ergehen, die Aussicht bewundern oder ein hübsches Gegenüber und immer so tun, als sei man an der geziemenden Stelle.

Vorderhand füllten sich die Räume der zweiten Kajüte und das Hinterdeck rascher als der erste Platz. Bauern, Städter, ländliche Frauen, Studentlein, reisende Handwerksleute fanden sich gleich mit Taschen und Koffern, Waren und Körben und mit Musik, Gesang und Fröhlichkeit zueinander, und kaum war der Einlaß eröffnet, so trugen die eilfertigen Schiffskellner schon Bier und Wein und warme Würste, ja saftiges Fleisch mit köstlichem Zwiebelgeruch herum, boten Obst und Kuchen aus. Ein reisender Musikmacher spielte auf der Ziehharmonika, die Zuhörer sangen zu seiner Begleitung, und in aller Eile war gleich eine ganz lustige Welt auf diesen Planken zusammengebracht und in ihrem Gange; die muntere reisehafte Welt der einfachen Leute: als bestünde sie ewig und nicht bloß für ein paar Stunden Fahrt über den rasch hintragenden Strom. Ingomar fühlte sich von diesem Durcheinander heimelig berührt, glich es doch irgendwie der vertrauten Welt des Theaters mit seinem Gedränge und Geschiebe, mit seinen allbekannten, darum nicht minder wahren Figuren und Situationen, dem allerweltsweisen Wirt, der jedem seine Erfahrungen zum besten gibt, dem jugendlichen Reiseanfänger in tausend Verlegenheiten, netten, achtzehnjährigen Schönen, die mit vollem Herzen lachen und ihre dunklen Blicke nach gefälligen männlichen Reisegenossen auswerfen, bis sie in eine kleine Galanterie eingefangen sind, wo sie sich und den lieben Nächsten haben wollen. Dazu ein Chorus von Statisten, schreienden Kindern, musizierenden Gesellen, ausrufenden Kellnern unter einem Geruch von Wein, Bier, Speise, Petroleum und Hanfseilen. Schon war Ingomar mitten in diesem unwillkürlichen Trubel, als er von weitem den blauen Schleier flattern und seine Schöne einsteigen sah. Nicht nur ihr Oheim war bei ihr, sondern auch ein hoher, stattlicher und sichtlich reicher Kavalier mit einem prächtigen englischen braunen Schafwollmantel, weichem Filzhut und dauerhaften, ansehnlichen Schuhen, kurz mit einer Sammlung von Eigenschaften und Zubehör, die ihn von vornherein verdächtig und zugleich hochachtungswürdig machten. Ingomar verstand sich als Schauspieler auf diese Garderobe und auf den Charakter, den sie zugleich fördert, ja erschafft: den Gentleman. Mit ruhiger, beinahe hoheitsvoller Selbstverständlichkeit umgab dieser Fremdling die Schmachtende wie mit einer unnahbaren Atmosphäre von Reichtum, Unduldsamkeit und Selbstgenügen. Er versorgte sie mit allem erdenklichen Nötigen, das heißt auf seinen Wink wurde alles zur Stelle gebracht. Ein Liegestuhl am geeignetsten Platze, so daß man die vorbeiziehende Landschaft in bequemer Haltung genoß, auf einem Schemelchen wurde eine Platte mit Wein, Süßigkeiten, kaltem Braten, Obst hingestellt. Dazu nahmen der Gentleman und der Oheim rechts und links ihre Sitze ein, so daß die Schmachtende zwischen zwei Paladinen geschützt dalag und seelenvergnügt schmachten konnte. Das tat sie denn auch auf die unverschämteste Weise, indem sie in die eben stärker aufglühende Morgensonne hinaufblinzelte, dann einem Scherz des Gentlemans mit halbem Ohre horchend, halb im Traum vor sich hin lachte, die Beine über die ganze Länge des Liegestuhles ausstreckte, dann wieder katzenhaft einzog. Man hätte sie nur so schnurren hören mögen vor Zufriedenheit. Ingomar nahm in der Nähe an einem Pfosten Aufstellung, wo er in ganzer Figur und guter Haltung auch in bescheidener Tracht immerhin Eindruck machen konnte. Denn schließlich braucht sich ein Künstler von einem Nur-Gentleman keineswegs beschämen zu lassen, wenn der Blick, der beide beobachtet, die höhere Menschlichkeit und Bedeutung eben zu erkennen und zu würdigen weiß. Ingomar fühlte, daß er einen ganzen Menschen, eine Gattung Mensch für sich vorstelle, dafür sogar verantwortlich sei, beinahe sozusagen vor Gottes Richterstuhl. Er selbst beherrschte darum seine Züge, das zugleich Werbende, Flehende und Triumphierende des Blickes, ein Lächeln des Mundes, fragend und überlegen, das sich ebenso leicht in Schwärmerei wie in Bitterkeit erhöhen oder vertiefen konnte, eine Haltung des leicht zurückgebeugten Kopfes mit dem vollen braunen Haar, die Entrücktheit und Sicherheit, Sichgehenlassen und Fassung darstellte. Sein Anzug war nachlässig und über die bürgerliche Korrektheit des andern erhaben. Den Hut trug er in der Hand, einesteils weil sein Haar in der Brise wie eine braune Flamme im Wind stürmisch wehte, also kühn wirken mußte, andernteils weil die Kopfbedeckung am meisten die unzulänglichen Mittel verriet, mit denen er sich behelfen mußte, und daß sie in Regen und Sonne ohne Schirm, in Staub und Schmutz im Dienst herabgekommen war. Hektor achtete seinen Herrn augenblicklich nicht so sehr, um sich kleine vorsichtige, aber eigentlich schamlose Streifereien nach Eßbarkeiten auf eigne Faust hierhin und dorthin zu versagen. So kam er für diese Szene nicht in Betracht und zur Geltung, die gewissermaßen monologisch dargestellt wurde. Lange Zeit bemerkte die Schmachtende den Mahnenden, Hochaufgerichteten, schwermütig Bezwingenden an seinem Pfahle gar nicht, weil sie mit den beiden Herren ihrer Gesellschaft lebhaft sprechend die Uferlandschaft würdigte, die sich in gefällig langsamer Bewegung, ein Bild mählich ins andere überleitend, vor den Augen der Ruhenden entfaltete. Oder die Schlaue tat so, als bemerkte sie ihn nicht. In der Wirkung kam es auf dasselbe hinaus. Endlich konnte sie freilich nicht umhin, auch einmal anderswohin zu schauen, als auf die Bäume und Berge. Da beeilte er sich, ihrem Auge richtig zu begegnen, und legte in seinen Blick allen nur in einer Sekunde möglichen Ausdruck von Begehrlichkeit, Vertraulichkeit, Zusammengehörigkeit und so weiter, als seien sie beide längst schon ein nur durch den fatalen Bindestrich: Raum getrenntes Doppelwort. Aber nun denke man: sein Blick traf ins Leere, der Bindestrich traf das andere Wort nicht mehr an seiner Stelle, sie sah ihn zwar an, aber sie schien ihn nicht zu erkennen, das heißt, sie gab ihm zu verstehen, daß sie ihn nicht kannte, noch erkannte, daß er für sie ein fremdes, beliebiges, wenn schon nicht unbeliebtes, ein gleichgültiges Mitreisewesen war, nicht ein Mitreisebetörter, Mitlebensverlockter. Sie hatte eine Art, die schwarzen Augen zu öffnen und dabei die Seele dahinter zu verschließen, um die sie der arme Schauspieler hätte beneiden können, wenn er an Kunst, an seine Kunst bei dem armseligen kleinen Trauerspiel hätte denken können, dessen letzte Szenen – Dastehen, Schauen und Angesehenwerden – er hier ausführen, mit sich ausführen lassen mußte. Er schämte sich, wie er dastand und gesehen wurde, ohne zu einem eigentlichen Bemerktwerden zugelassen zu sein. Ein umgekehrter Sankt Sebastian am Pfahl, der gemartert wird, indem man ihm die holden Pfeile entzieht. Er wartete auf einen zweiten Blick. Der war aber nicht besser als der erste. Ingomar fühlte sich so durchfroren von dieser Kälte, daß er seine Haltung aufgab und müde, verdrossen über das Deck zu wandern anfing. Auch das war nicht leicht, denn es gab allenthalben Hindernisse: Liegestühle, Hocker, Operngucker, Koffer, Kinder und Große. Er wollte noch nicht alle Hoffnung ausgeben, vielleicht konnte er ihr bei einer besseren Gelegenheit besser begegnen. Er fand seinen Weg genau an ihr und ihren Beschützern vorüber. Er streifte sie beinahe. Der Gentleman sah über ihn hinweg, der Onkel dachte nicht an ihn, die Schmachtende zeigte ein verdrießliches Gesicht. Nein, sie kannte ihn nicht, sie hatte es so beschlossen, die Elende, diese gewissenlose Verführerin, die ihn richtig aus seinem sicheren Ganzen herausgedreht und als einzelnen Faden um ihren Finger bis hierher gewickelt hatte. Jetzt warf sie diesen Faden weg und drehte bereits mit allem Behagen an einem neuen: Gentleman! Ingomar hatte nicht übel Lust, mit diesem Selbstvergnügten anzubinden, um ihm irgendeine Wahrheit dieses Weib betreffend an den Kopf zu werfen. Aber er besann sich zeitig seiner Menschenwürde und verschmähte den Streit. Zudem war der Kerl besser genährt als er, mithin zum Siege bestimmt. Hatte Ingomar nicht schon Schaden genug an seiner bereitwilligen Phantasie erlitten, um Schluß zu machen?

Das Schiff legte bei einer ganz fremden Station an: Hier ist gewiß auch eine sehenswerte Gegend, und aller Vermutung nach wird es auch hier nicht mehr Elende geben als sonstwo, dachte Ingomar, pfiff seinem Hektor und verließ zu seiner eigenen Überraschung über einen so eiligen Entschluß das Schiff. Dabei winkte er noch der Schmachtenden mit einem höhnisch-ehrerbietigen Gruße, den sie ebensowenig erwiderte wie alle bisherigen Grüße auf der Fahrt.

Nun stand er also in der Fremde mit seinem Hund allein, inmitten der neugierigen Menge, die musternd die Aussteigenden umringte und den Einsteigenden nachblickte. Er drang eilig durch den Haufen und gewann die Landstraße, einen so heißen Zorn und solche Verachtung im Herzen, daß es ihn gelüstete, seine Arme und Hände und Beine zu brauchen, um über irgend etwas herzufallen. Die Besinnung, die ihm jetzt kam, stellte ihm auch seine nächste Zukunft bedrohlich genug vor. Er hatte gerade nur noch soviel Geld in seiner Börse und Brieftasche, um knapp ein paar Tage sehr genau haushalten zu können, bis er wieder etwas Ordentliches verdiente. In diesen paar Tagen durfte er aber beileibe keine Seitensprünge machen. Nicht etwa eine Reise nach zwei elenden Verführerinnenaugen unternehmen, nicht einmal zwei Mahlzeiten im Tag und kein eigentliches Nachtquartier beziehen, sondern nur bei Mutter Grün oder Vater Gelegenheit, im Heu oder in einem Wald und Laubwinkel. War aber mit all dieser Vorsicht das weitere Leben, das sogenannte nackte Leben – es fror ihn schon bei diesem Eigenschaftsworte – gesichert und gewonnen? Wohin sollte er denn reisen, was suchen und unternehmen? So gingen die Abenteuer auf dieser Welt des Wenn und Aber, des Bargeldes und der moralischen Sicherheiten, der genauen Rechnungen aus, bevor sie noch angefangen hatten. Anstatt daß einer das Wunder wahrmachen durfte, sich auf dem Mantel seiner Wünsche in das ferne blaue Land der Einbildung zu begeben ohne Fahrkarte und gesicherten Aufenthaltsausweis, anstatt daß einer das kümmerliche Denken auf Urlaub schicken durfte, um sich vom mächtigen Gefühl allein tragen zu lassen, warf ihn der erste Windstoß gleich zu Boden, stieß ihm die Nase gegen die Härte und lehrte ihn denken. Lehrt Not beten? Sie lehrt nur kläglich überlegen, beten wäre tröstlicher, aber er hatte um eine Schmachtende gebetet, um zwei dunkle Augen, um ein verflucht schönes Lächeln, und das hatte nur den Erfolg gehabt, daß er jetzt zu denken bekam.

Er überlegte, ob er etwa an die Überackerin telegraphieren sollte: Alles verloren, hier bin ich oder so ähnlich. Vielleicht würde sie ihn auslösen, ihm das Fahrgeld schicken, und er konnte wieder im modernen Ensemble erscheinen. Aber das widerte ihn an, nicht nur, weil er sich vor dem ganzen schönen Ort am Salzkammergutsee und vor den Schauspielerkollegen und vor jedem Bekannten und Unbekannten dort in die tiefste Seele hinein schämte als blamierter, genarrter Guckindiewelt, sondern weil ihm mit der Reue auch ein blutiger Zweifel an diesem ganzen bisherigen Geschäft des Scheins aufgestiegen war, das er als Kunst mit selbstverständlichem Stolze und sozusagen von Natur aus betrieben hatte, als sei es gerecht und gut. Er hatte diese Kunst leicht genommen und war dabei selber zu leicht. Darum erschien sie ihm jetzt – wahr oder unwahr – als eine arge Fratze des Eigentlichen, das sie meinte oder wollte. Darstellung und Kunde des Menschen und der Seele durch ein würdiges Werkzeug. Wer mit einer Schmiere umherzog und der noch beim ersten Anlaß davonlief, hatte bei der Kunst nichts zu suchen. Er mochte wohl das Talent haben, jedoch der Charakter fehlte ihm. Er hätte wissen müssen, daß man als Künstler sich am Scheine zu sättigen hat, an den Vorstellungen des Gefühls, an den berauschenden Gedanken der Erfüllung, am Wort, daß man aber ein elender Narr ist, wenn man die Abenteuer bar erleben, jeden Blick wirklich nehmen und eine Schmachtende anders erobern will als im hohen Traum des ersten Schauens zwischen Himmel und Erde. Er hatte Wirklichkeit haben wollen statt Schein, Tatsache statt Einbildung, so gehörte er in die Hölle der Wirklichkeit, nicht in die wunderbaren Himmel der Lüge und Einbildung. Ihm war es nicht mehr gesagt, in irgendeinem dumpfen Theatersaal mit einer sechzigjährigen armseligen Parthenia und zwei bärtigen Tectosagen den »Sohn der Wildnis« zu erleben oder die ungeheure Wildnis der »Räuber« oder der »Kabale« oder die muntere Lüge irgendwelcher gefälligen Gattung. Ihm war der Glorienschein der Einbildung, der Schimmer des selbstverständlichen Tuns und Glaubens und Müssens, des eigentlichen Spieles und Ernstes vom Haupt genommen, er war wie ein gestürzter Engel des Herrn in die Finsternis des Ja, Ja, Nein, Nein, der logischen, wahrhaften, wirklichen Hölle versetzt worden. Nun war es nur recht und billig, daß er sich hier ordentlich läuterte. Er brannte ordentlich nach läuternder gemeiner Arbeit. Nicht, daß er sie höher stellte als seine leichtsinnige Kunst, im Gegenteil, aber er fühlte sich ihrer schuldig, mit Arbeit strafbar. Er wollte seine Arme, Beine, Muskeln, jedes einzeln, spüren und mit Beschäftigung strafen, als könne er diese arge Welt umwerfen und einreißen.

So wanderte er denn grimmig entschlossen neben seinem von solchen Zweifeln vermutlich nicht beirrten Hektor über die Landstraße, durch kleine Ortschaften mit Obstbäumen und letzten üppig blühenden Georginen und Dahlien und an manchen sanft oder steil ansteigenden Weingeländen vorüber. Nirgends schien man ihn zu bemerken, in den Häusern alles ausgestorben, denn es war volle Arbeitszeit und die Leute auswärts. Höchstens, daß ihn eine ganz verblödete Alte oder ein noch nicht vernünftiges, flachshaariges, kleines Wesen unverständig ansah, wenn er kräftig hindurchging, denn es war ihm zumute, als sei er vom Bodenlosen, aus dem luftig unwahren Bezirk nun auf die Erde gelangt und gelandet.

Endlich traf er auf der freien Landstraße ein altes Anwesen, ein Haus, ein bißchen verwahrlost, mit offener Türe, die auf einen dunklen Flur sehen ließ, unter dem Gesims Tauben, vor dem Rinnstein ein paar Enten, Gänse und auf dem Misthaufen, der dem kleinen Garten mehr als gerecht Raum wegnahm, ein Schock Hühner. An der ganzen Hauswand entlang lief aber eine Holzbank, und auf der saß ein ältlicher Mensch mit einem zufriedenen, doch kümmerlichen Gesichtsausdruck, hatte neben sich einen Laib Brot, ein großes Stück Speck, einen anmutig geformten Krug mit Wein und ein volles Krügelglas. Von seinem Brote warf er gelegentlich den Vögeln ein paar Brosamen zu und betrachtete sie, wie sie fleißig und sauber jedes Stücklein auflasen, indes er einen großen Bissen in den Mund beförderte, dazu ein Stück Speck abschnitt, einen Schluck aus dem Krügel tat und mit dem Handrücken danach den Mund wischte. Hektor, der wohl niemals alt und satt genug werden mochte, um gleichgültig einem möglichen Essen unbeteiligt zuschauen zu können, blieb ganz unverfroren vor dem Manne, vor der Bank stehen und wedelte mit freundlichem Ausdruck. So blieb auch sein Herr unwillkürlich stehen und war – ohne es zu wissen – gebannt von der freundlichen Aussicht einer solchen einsamen Rast bei Brot und Speck und Wein. Indem diese sechs einfältigen Augen einander maßen und wogen, ergab sich auch eine Frage nach dem Woher und Wohin. Der Essende fand bald heraus, daß der Stehende auf der Wanderschaft und hungrig sei, wie sein Hund, Ingomar aber, daß der Essende gewissermaßen übersatt von Einsamkeit und Arbeit ganz wohl einen Gesellen brauchen konnte wie ihn, denn er lud ihn zum Sitzen ein, brachte ein zweites Brot, holte aus dem Keller, der gleich vom Hausflur über ein paar Stufen erreichbar war und aus der geöffneten Tür den säuerlichen, betäubenden Geruch jungen Weines heraufschickte, einen zweiten Krug, aus der Küche ein zweites Stück Speck und für den Hund eine Ladung geeigneter Brocken und fütterte so zwei fremde Gäste wie die Vögel, die er speiste an Stelle des Herrn, der die Lilien auf dem Felde wachsen ließ und die Vögel der Einsamkeit sättigte.

Indem Ingomar sich neben dem Alten niederließ und die beiden doch schon ermüdeten Beine weit ausstreckte, ins Brot hineinbiß und vom Speck mit seinem zierlichen Taschenmesser angemessen kleine Schnitten mit Anstand und guter Art absäbelte und aß, hörte er die Klage seines Wirtes an, daß dem unlängst sein Weib gestorben war und ihm Haus, Weingarten und Gerät in aller Unordnung allein überlassen hatte, so daß er sich gar nicht mehr auskannte vor Arbeit. Daß er keine Kinder und niemand auf der Welt hatte, aber da noch leben wollte, weil er eben da war und weil sich doch jemand der Hühner und Enten, des Kellers und der Reben annehmen mußte; daß er darum recht geplagt sei und Hilfe suche, ohne jemand rechten zu finden. Indem er den vornehmen jungen Mann mit einem halb argwöhnischen und verdächtigen, halb zutraulichen und freundlichen Blick vom Kopf bis zu den Füßen musterte, schien er zu fragen: Bist du zu brauchen und willst dich brauchen lassen oder bist du zu gut und zu schlecht für mich? Und indem Ingomar diese halbe Werbung dieser Blicke aus den kleinen, von schweren Augenlidern fast zur Hälfte verschlossenen grauen Augen über sich ergehen ließ, ähnlich wie weiland die Schmachtende im Bade seine Blicke, dachte er so von ungefähr: Wie wär's, wenn ich dabliebe und es versuchte, hier Ernst und Arbeit und die Hölle der Langeweile und Wirklichkeit zu ertragen?

So kamen die beiden, sitzend und kauend und zähe Worte wechselnd, zu einer stillschweigenden Verständigung, während Hektor vor den Hühnern in aller Ruhe die Knochen sauber abnagte. Die Gänse und Enten gackerten, die Tauben flogen elegant und schwungvoll auf, ließen sich nieder und spazierten mit stolzen Rucken ihrer kleinen eingebildeten Köpfchen auf und ab, der Hahn schrie von seinem Miste. Auf diesem Schauplatze ward also ein Vergleich zwischen dem Abenteuer und der Wirklichkeit abgeschlossen, ein beschämender Friede, bei welchem die Kunst ihre Waffen streckte und ihre Fittiche einzog vor Brot und Speck. Ingomar verriet sich aber nicht, er gab nur beiläufig zu verstehen, daß er als wandernder Student zufrieden sei, hier eine Weile zu hausen und zu helfen. Schon um ein wenig in Gottes freier Natur zu schaffen und zu leben, wie so viele Menschen vor, neben und nach ihm. Der Alte machte sich über die Antwort nicht viele Gedanken und hatte genug an der Aussicht, jemand bei sich zu wissen, der ihm arbeiten und schweigen half.

Nach der Mahlzeit führte er den neuen Hausgenossen gleich auf den Weinberg und hieß ihn jäten und säubern, Reben binden, die Vogelscheuchen instand setzen, Wasser holen und die schweren Eimer von unten bis hoch hinauf zu den letzten Reihen tragen, wo gegossen werden mußte. Zwischen den Reben wuchs auch Kohl und Kraut und Unkraut, das bedient, also gereutet werden mußte. Ingomar lernte die schönen, flattersüchtigen Schmetterlinge verachten und verscheuchen, lernte Holz sägen und kleinmachen, in der Küche Geschirr waschen, ordnen, den Boden fegen und säubern, sogar ein Essen kochen, wenn ihnen am Abend nach etwas Warmem zu Sinne war.

Unter dem Dach bekam er ein Zimmerchen, das er von Grund aus reinigen mußte, um es ohne Furcht bewohnen zu können. Vom Fenster wehte sogar ein alter roter Vorhang kriegerisch in die Lüfte, und Geranien standen in Töpfen am Brett, die er begoß, damit sie wieder in Grün und Blüte kamen, denn alles war recht verwahrlost und vertan. Der Alte rauchte seine Pfeife, der Junge seine Zigarette, und sie knurrten einander dabei mit wenigen und nicht eben ausgebildeten Worten an.

So flossen die Tage des Herbstes mit Duft und Farbe ineinander und vorüber, die Landstraße war einsam, man glaubt gar nicht, wie selten ein Wagen und Wanderer vorüberzieht, wenn einer bei der Arbeit nicht Zeit hat, darauf zu achten, und wie rasch die Sonne vorübergeht und wie fremd und unnahbar die Wolken am Himmel vorübergehen, und wie plötzlich sich die Bäume färben und das Laub bunt wird, und wie wenig man vom sogenannten Leben sieht, wenn man keine Zeit hat. Über der Arbeit versäumt man es, und es ist gar kein Spiel mehr, sondern nur Mühe und Müdigkeit. Ingomar hatte nicht einmal Zeit, sich vor den Leuten zu schämen, die vorbeizogen, ja, es kam ihm sogar vor, als bemerkten sie ihn gar nicht, daß er, ein anderer, unzuständiger, hier wie ein Knecht diente.

Nach der Weinlese kam die Presse im Felsenkeller, der im Weinberg selbst eingemauert war. In dem schwülen, süßen Geruch der dicken, dunstgesättigten Luft des finsteren Raumes ward man von diesem Hauch von Schwere allein schon trunken, aber ohne Gedanken und ohne Traum. Man leerte ein Krügel des trüben Mostes nach dem andern und aß fettes Geselchtes dazu. Draußen sammelte sich der Haufen rötlicher Treber, drinnen floß langsam der ungegorene Wein in die großen Fässer. Dann schleppte man auf umgehängtem Tragbrett den Dünger von unten hoch hinauf zu den begierigen, Schweiß und Mühe fressenden nimmersatten Reben. Dann ging man wieder in den Keller und schwankte wieder in dem traumlosen Schweben dieses schweren Duftes, bis man abends auf das Lager niederfiel.

War das Recht und Unrecht, Strafe oder Lohn, Hölle oder Himmel, dieses Leben ohne Gedanken, diese Selbständigkeit der Hände und des Hungers, dieses von der Hand in den Mund, diese Nahrung wegen der Ruhe, diese Ruhe wegen der Arbeit, und immer neben dem alten Menschen, der das gleiche tat und von heute auf morgen da war? Ingomar schienen hundert Jahre seit seiner Verwandlung vergangen, und als würde er die andere, eigentliche Welt, die Welt der Worte und des Spieles, der gedachten Leidenschaften und eingebildeten Figuren gar nicht mehr wiedererkennen, wenn er sie jemals wiederfände. Wo war sie denn, war sie überhaupt wirklich auf der Welt, diese andere Welt des Scheines, der Bühne, der geputzten Menschen, der gefallsamen Frauenzimmer, der witzigen, gutgekleideten Zuschauer, der eifersüchtigen Schauspieler, der Rollen, des Souffleurs, der interessierten Gedanken?

Langsam vergingen auch die Herbsttage, ließen achtlos die Blätter fallen, führten achtlos Regenwolken und jagende nasse Schauer herbei, streiften die letzten Beeren von den Trauben, vergoren den trüben Most, schlossen Türen und Fenster vor der wachsenden Kälte. Die Gärtchen wurden fahl und unordentlich, die Astern verwickelten sich in ihren letzten Blüten und verdorrenden Blättern, man hörte die Fuhrwerke häufiger vorüberrasseln, die Welt der Farben wich der Welt der Geräusche und Töne, man hörte jetzt den Strom stärker rauschen und brausen, in den Lüften scholl der Lärm der Winde und der Raben, das Pfeifen der aufgejagten Staub- und Blätterhaufen, alter Kehricht pfiff um die Ecken, die Türen schlugen, die Schlüssel klirrten, die Wände knarrten, durch das einsame Haus fuhren Stöße. So redete die Einsamkeit und Leere, gedankenlose Hölle der Arbeit und traumlosen Einfalt zu dem gesättigten, verstoßenen Komödianten.

 

Im November sollte er einmal ins nächste Städtchen gehen, um ein Faß Wein abzuliefern. Er führte es in einem Handwägelchen, und sein überflüssiger, aber treuer Begleiter Hektor trabte frei daneben. Denn der edlere Hund ließ sich nicht einspannen, und so kam es, daß Ingomar wie ein Hund die Last schleppte, während Hektor wie ein Herr lustig daneben lief und ihn gewissermaßen bewachte. Der alte Mann hatte Ingomar gebeten, dieses Geschäft zu besorgen, das Faß Wein machte einen ganz guten vorläufigen Ertrag aus. Ward es vorteilhaft angebracht, so konnte man noch ein zweites und drittes liefern und für den Winter allerhand Bedarf eintauschen, sich dann in das Haus einschließen und auf das Frühjahr warten, denn das hieß hier und allzumal: Leben.

Als Ingomar so ingrimmig gedankenlos mit seinem Wägelchen in die kleine Stadt eingefahren war und das Faß Wein in dem großen Gasthofe abgeliefert hatte, der ihm bezeichnet war, trat er, seiner Last und seines Auftrages entledigt, unwillkürlich vor einen großen Anschlagzettel, der am Tore hing und ihm erst bekannt vorkam, als er sich der langvergessenen Gewohnheit des Lesens entsann. »Friederike Theresia Überackers modernes Ensemble.«

Und wie auf ein Stichwort kam aus dem Gastzimmer auch die alte Prinzipalin, kam der Souffleur, Inspizient, diensthabende Regisseur, komische Alte und Zettelträger mit der Schirmkappe und dem Leinenkittel hervor. Beide maßen Ingomar verdutzt und trauten ihren Augen nicht.

Er war es, sie waren es. Sie schwiegen betreten. Dann lächelte die Überackerin wunderlich, als wäre ihr ein Traum in Erfüllung gegangen, es zuckte um ihre Augen, Ingomar stand da und wußte nicht, welchen Gebrauch er von seinen steif gewordenen Gliedmaßen, vor allem aber von seinem verhärteten Gesicht machen sollte, denn er schämte sich jetzt und verachtete sich, nicht wegen seiner Arbeitswochen und seines Fleißes, auch nicht wegen des längst verwundenen Abenteuers um eine gewisse Schmachtende, sondern wegen des begangenen Verrates an seinem Schicksal und eigentlichen Selbst: an seiner Kunst.

Sie schüttelten einander die Hände, und so war er wieder bei ihnen, bei sich selbst.

Hektor aber lief um diese Gruppe, schnupperte gelegentlich an einem Eckstein, kehrte zurück und hielt die drei Wiedergefundenen gutmütig zusammen als ein glücklich unwissendes, glücklich überlegenes Geschöpf Gottes, das nicht irren kann, weil es sich auf die Höheren verläßt, selig, wenn alle irrenden Willen und Wünsche tröstlich zusammenkommen, ohne daß es für einen Hund Schläge und Hunger absetzt.

 << Kapitel 1 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.