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Die Schlucht. Zweiter Teil

Iwan Gontscharow: Die Schlucht. Zweiter Teil - Kapitel 8
Quellenangabe
authorIwan Gontscharow
titleDie Schlucht. Zweiter Teil
booktitleDie Schlucht. Band 1
publisherAufbau-Verlag
year1952
translatorAugust Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180422
projectid8c69add1
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VII

Leontij erkannte Raiskij nicht, als dieser plötzlich in sein Arbeitszimmer trat.

»Darf ich fragen, mit wem ich die Ehre habe?« wandte er sich an den Eintretenden.

Kaum aber hatte Boris Pawlowitsch ein Wort gesprochen, als er sogleich gerührt an seine Brust sank.

»Frau! Ulinka! Komm doch her – sieh, wer angekommen ist!« rief er durchs Fenster seiner Frau zu, die in dem kleinen Garten vor dem Hause saß.

Sie lief herbei und begrüßte Raiskij mit einem Kuß.

»Wie stattlich Sie aussehen, wie ... hübsch Sie geworden sind!« sagte sie, und ihre Augen strahlten vor Vergnügen.

Sie warf einen raschen Blick auf sein Gesicht und seinen Anzug, dann sah sie ihm keck und schelmisch gerade in die Augen.

»Sie werden hier allen die Köpfe verdrehen, mir zuallererst ... Erinnern Sie sich noch?« sagte sie und blinzelte, gleichsam die Erinnerung ergänzend, mit den Augen.

Raiskij war ein wenig verwirrt und sah auf Leontij, was der wohl zu ihren Worten sage. Doch Leontij war die Unschuld selbst. Ohne sein Erstaunen über ihr Benehmen zu verbergen, sah Raiskij sie an; und sein Erstaunen wuchs noch, als er bemerkte, wie wenig die Jahre vermocht hatten, ihren Reizen Eintrag zu tun. Mit ihren mehr als dreißig Jahren erschien sie ihm, wenn auch nicht als das junge Mädchen von früher, so doch als eine eben erst erblühte, in voller Jugendlichkeit prangende Frau.

Etwas Keckes lag in ihrer Haltung, ihren Augen, ihrer ganzen Gestalt. Die Augen sprühten Funken, wie früher, die Wangen schimmerten in demselben, durch die Sommersprossen leicht gedämpften Rot, der Blick war so heiter und sorglos wie je, und der ganze Körper schien nichts von seiner Geschmeidigkeit verloren zu haben.

»Wie gut ... haben Sie sich konserviert«, sagte er, »immer noch die gleiche ...«

»Meine goldgelockte Kleopatra!« bemerkte Leontij. »Was geht ihr auch ab: wenig Sorgen, keine Kinder ...«

»Sie haben mich nicht vergessen?« fragte sie. »Erinnern Sie sich noch?«

»Und ob er sich erinnert!« antwortete Leontij statt seiner. »Und wenn er dich vergessen hat, dann hat er sicher deine Reisspeise nicht vergessen. Ulinka hat recht: du siehst so stattlich, so männlich aus – ich hatte dich nicht erkannt mit deinem Vollbart! Nun, was macht die Tante? Die wird sich nicht schlecht gefreut haben! Übrigens, nicht mehr als ich. So freu dich doch mit mir, Ulinka! Was starrst du ihn denn so an und sagst kein Wort?«

»Was soll ich sagen?«

»Sag: salve amico ... sei mir willkommen, Freund ...«

»Ach, geh mit deinem Kram! Du brauchst mich nicht zu belehren, ich werde schon wissen, wie ich ihn zu begrüßen habe!«

»Weißt nicht einmal, was du dem besten Freunde deines Mannes sagen sollst! Er hat uns doch miteinander bekannt gemacht! Wieviel Nächte haben wir zusammen aufgesessen und gelesen ...«

»Ja«, fiel ihm Raiskij ins Wort, »ohne dich wären die römischen Dichter und Historiker mir heute noch so fremd wie die chinesischen. Von unserem Iwan Iwanowitsch, der uns auf der Schule in die klassische Welt einführen sollte, haben wir nicht viel profitiert ...«

»Und in der Schule hat er mich immer verteidigt, wenn mich die anderen prügeln wollten«, fiel Koslow ihm ins Wort, »er selbst hat mich nur zweimal an den Haaren gezogen ...«

»So«, fragte Ulinka, »das ist wirklich auch mal vorgekommen? Haben Sie ihn wirklich geprügelt?«

»Wohl nur im Scherz«, sagte Raiskij.

»Ach nein, Boris, es hat gehörig weh getan!« sagte Leontij. »Ich hätte es sonst nicht behalten. Ich weiß auch noch, weshalb es war. Das eine Mal hatte ich auf der Rückseite einer deiner Zeichnungen einen Auszug aus einem Buch gemacht – es war für dich, aber du wurdest doch ganz wütend! Und das zweite Mal hatte ich dir aus Versehen irgend etwas aufgegessen.«

»War's nicht eine Reisspeise?« fragte die Frau.

»Sieh, mit dieser Reisspeise neckt sie mich unaufhörlich«, bemerkte Leontij. »Sie sagt, ich hätte drei Teller davon aufgegessen, ohne es zu merken, und überhaupt hätte ich mich nur ihrer Mehlspeisen und ihrer Grütze wegen in sie verliebt. Bin ich wirklich ein solcher Jammerkerl?«

»Nein, du bist mein guter, verständiger Mann, mein edler, reiner Charakter«, sagte sie mit ihrem ewigen starren Lächeln im Gesicht und fuhr ihm mit der Hand über die Stirn. Dann schob sie seine Krawatte zurecht, zupfte an seinem Hemdkragen und warf wieder einen schelmischen Blick auf Raiskij. Er sah an diesem Blick, daß die alten Erinnerungen noch immer in ihr lebten, und daß sie sie nicht nur in ihrem Gedächtnis bewahren, sondern anscheinend wieder in irgendeiner Form aufzufrischen gedachte. Er tat jedoch, als ob er nicht bemerkte, was in ihr vorging.

Er beobachtete sie schweigend, und in seiner Vorstellung formten sich zwei neue Bilder, zwei neue Charaktere: sie und Leontij.

›Sie ist ganz dieselbe geblieben, nicht ein Zug an ihr hat sich verändert‹, dachte er. ›Ob Leontij etwas merkt? Ob er weiß, wes Geistes Kind sie ist? Sicherlich nicht – das Leben der alten Welt kennt er auswendig, sein eigenes Leben aber ist ihm fremd. Wie sie wohl miteinander auskommen mögen? ... Nun, wir wollen sehen ...‹

»Übrigens – du ißt doch mit uns zu Mittag, nicht wahr?« fragte ihn Leontij.

»Wie kannst du ihn nur einladen!« fiel seine Frau ein. »Bei dem einfachen Tisch, den wir führen! Ihr seid doch keine Studenten mehr: Boris Pawlowitsch ist in Petersburg verwöhnt worden ...«

»Was ißt du gern?« fragte Leontij.

»Alles«, antwortete Raiskij.

»Nun, dann wirst du bei uns auch satt werden. Ach, wie freu ich mich, Boris ... wirklich, ich kann es dir nicht sagen!«

Er begann seine Bücher und Papiere vom Tisch zu räumen.

»Die Großtante wird mich erwarten ...«, sagte Raiskij schwankend.

»Ach, Ihre Großtante!« versetzte Uljana Andrejewna in unwilligem Ton.

»Was ist mit ihr?«

»Ich liebe sie nicht!«

»Warum nicht?«

»Sie kommandiert mir zuviel ... und urteilt so scharf über alles ...«

»Das stimmt, sie ist eine Despotin ... das macht der Umgang mit den leibeigenen Bauern. Alte Sitten!«

»Wenn es nach ihr ginge«, fuhr Uljana Andrejewna fort, »dann müßten alle nur so dasitzen, ohne den Kopf zu bewegen, ohne nach rechts und links zu sehen oder mit jemandem ein Wort zu sprechen. Andere verurteilen – das kann sie! Und dabei steckt sie ewig mit Tit Nikonytsch zusammen, Tag und Nacht sitzt er bei ihr ...«

Raiskij mußte lachen.

»Was reden Sie da!« sagte er. »Sie ist eine Heilige!«

»Eine schöne Heilige: das ist nicht recht, und das ist nicht recht. Nur ihre Nichten, das sind die wahren Perlen! Und wer weiß, was mit denen noch wird! Marfinka tändelt nur immer mit ihren Vögeln und Blumen, und die andere sitzt wie ein Kobold im Winkel und spricht kein Wort. Was aus der mal wird, muß sich erst noch zeigen!«

»Sie sprechen von Werotschka? Ich habe sie noch nicht gesehen, sie ist zu Besuch auf dem anderen Wolgaufer ...«

»Wer weiß, was sie dort treibt, jenseits der Wolga ...«

»Nein, ich liebe Tatjana Markowna wie eine Mutter«, sagte Raiskij. »Von so vielem im Leben habe ich mich losgesagt, sie aber bleibt für mich eine Autorität. Sie ist klug, ehrenhaft, gerecht – vielleicht etwas sonderbar, ja, aber es steckt in ihr viel ursprüngliche Kraft. Sie ist eine ungewöhnliche Frau. Ich sehe in ihr etwas ...«

»Sie werden ihr also auch glauben, wenn sie ...«

Uljana Andrejewna führte Raiskij ans Fenster, während Leontij immer noch damit beschäftigt war, die Bücher in das richtige Fach zu stellen und die Papiere einzuschließen.

»Sie werden ihr also glauben, wenn sie Ihnen sagt ...« wiederholte sie.

»Ich glaube ihr alles«, sagte Raiskij.

»Glauben Sie ihr nicht, es ist nicht wahr«, sagte sie. »Ich weiß, sie wird Ihnen etwas vorschwatzen ... von Monsieur Charles ...«

»Wer ist Monsieur Charles?«

»Ein Kollege meines Mannes, ein Franzose, der hier am Gymnasium unterrichtet. Sie lesen beide viel zusammen, oft bis in die tiefe Nacht hinein ... was kann ich dafür? Und in der Stadt erzählt man sich Gott weiß was ... als ob ich ... als ob wir ...«

Raiskij schwieg.

»Glauben Sie es nicht – es ist Unsinn, gar nichts ist zwischen uns ...«

Sie sah bei diesen Worten mit einem rätselhaften Nixenblick auf Raiskij.

»Was geht mich das an?« sagte Raiskij und machte Miene, sich vom Fenster zu entfernen. »Ich höre auf solche Erzählungen nicht.«

»Wann werden Sie uns wieder besuchen?« fragte sie.

»Ich weiß es nicht, bei Gelegenheit ...«

»Kommen Sie recht oft ... Sie hatten mich früher gern ...«

»Denken Sie immer noch an diese Torheiten?« sagte Raiskij, während er sich von ihr entfernte. »Wir waren doch noch fast Kinder ...«

»Ja, schöne Kinder! Ich hab's noch nicht vergessen, wie Sie mir damals die Hand zerkratzt haben ...«

»Was reden Sie da!« sagte Raiskij, noch weiter von ihr fortgehend.

»Ja, ja. Und wer hat bis tief in die Nacht hinein draußen am Gartengitter gewartet?«

»Was für ein Dummkopf muß ich gewesen sein, wenn das wahr ist! Doch nein, es kann nicht sein!«

»Ja, Sie sind wohl jetzt auch verständig geworden, und ein ›reiner Charakter!‹ ... Sie Wildfang!« fügte sie mit zärtlich singender Stimme hinzu.

»Lassen wir die alten Geschichten«, suchte er ihren Worten Einhalt zu tun. Er war sichtlich verlegen.

»Ja, meine Zeit verrinnt ...«, sagte sie mit einem Seufzer, und das Lächeln verschwand einen Augenblick von ihrem Gesicht. »Ich habe nicht mehr viel zu erwarten ... Wie glücklich sind doch die Männer; die können lange lieben ...«

»Lieben?« wiederholte Raiskij ironisch, ganz leise für sich.

»Sie werden sich jetzt wohl nicht mehr in mich verlieben?« sagte sie.

»Ich bitte Sie: weder in Sie noch in sonst jemand!« sagte er. »Meine Zeit ist vorüber; da, ich werde schon grau! Und was reden Sie überhaupt von Liebe? Sie haben Ihren Gatten, und ich habe meine Arbeit ... Die Arbeit, die Kunst – das ist alles, was mir geblieben ist. Ihnen muß ich den Rest meines Lebens weihen ...«

Er sah nachdenklich vor sich hin: Marfinkas reine, vom frischen Hauch der Jugend umwehte Gestalt tauchte vor ihm auf. Es zog ihn nach Hause, zu ihr, zur Großtante, aber die Freude des Wiedersehens mit dem alten Kameraden hielt ihn zurück.

»Was haben Sie sich da ausgedacht, die Arbeit!« erwiderte Uljana Andrejewna ärgerlich. »Sie sind ein vermögender Mann, eine stattliche Erscheinung, Sie können das Leben genießen – und reden von Arbeit! Sie sind doch kein Leontij; wenn der seine Nase in die Bücher steckt, will er von nichts sonst etwas wissen. Lassen Sie ihn ruhig pauken! Das ist doch nichts für Sie! ... Kommen Sie mit in den Garten ... Erinnern Sie sich noch unseres Gartens in Moskau?«

»Ja, ja, gehen wir in den Garten!« rief Leontij, der eben zu ihnen trat. »Dort wollen wir auch zu Mittag essen. Laß auftragen, was da ist, Uljana – nur rasch! Komm, Boris, laß uns plaudern ... Übrigens«, sagte er rasch, als ob ihm plötzlich etwas einfiele, »welche Strafe hast du mir zugedacht ... wegen der Bibliothek?«

»Wegen welcher Bibliothek? Du schreibst da irgend etwas, ich habe es nicht verstanden, irgendein Mark soll Bücher zerrissen haben ...«

»Ach, Boris Pawlowitsch, du kannst dir nicht vorstellen, wieviel Ärger mir dieser Mark bereitet hat! Da, sieh!« Er holte ein paar Bücher hervor und zeigte Raiskij die Bände, aus denen verschiedene Blätter herausgerissen waren.

»Da, was er aus dem Voltaire gemacht hat! Wie dünn die Bände des Dictionnaire philosophique geworden sind! Und hier der Diderot, und die Übersetzung des Bacon, und der Machiavelli ...«

»Was geht mich das an?« sagte Raiskij ungeduldig und schob die Bücher zur Seite. »Du bist geradeso wie die Tante: die kommt mir mit ihren Rechnungen, und du mit den Büchern! Bin ich deshalb hierhergekommen, um mich mit solchen Dingen langweilen zu lassen?«

»Ja – wie denn, Boris? Ich weiß nicht, mit was für Rechnungen dich die Tante gelangweilt hat – aber hier handelt es sich doch um deinen kostbarsten Besitz, um die Bücher, die Bücher! ... Sieh doch her!« Er zeigte ihm mit Stolz die rings um die Wände des Kabinetts laufenden Bücherreihen, die sich in musterhafter Ordnung zu befinden schienen.

»Nur das, was hier in diesem einen Fach ist, hat er ramponiert; ein Spitzbube, dieser Mark! Alles übrige ist unversehrt – sieh her! Ich habe einen Katalog angefertigt; ein halbes Jahr habe ich daran gearbeitet. Da, guck!«

Er zeigte ihm ein dickes, sauber eingebundenes Buch mit handschriftlichen Aufzeichnungen. Man sah ihm an, daß er sich darauf etwas zugute tat.

»Das habe ich alles selbst geschrieben!« sagte er, während er das Buch Raiskij unter die Nase hielt.

»Laß mich in Ruhe, sage ich dir!« versetzte Raiskij ärgerlich.

»Nimm da in dem Sessel Platz und lies laut die Titel, immer der Reihe nach, und ich werde auf die Leiter klettern und dir die Bücher zeigen. Ich habe alles numeriert«, sagte Leontij.

»Was dir da wieder einfällt! Laß mich endlich in Ruhe, ich will essen.«

»Nun gut, also nach dem Mittagessen – wir würden ohnedies jetzt nicht fertig werden.«

»Hör mal, möchtest du wohl eine solche Bibliothek besitzen?« fragte Raiskij.

»Ich? Eine solche Bibliothek?«

Es war Leontij, als wenn plötzlich die Sonne ihm voll ins Gesicht schiene; er strahlte förmlich bei der bloßen Vorstellung, sein Mund verzog sich zu einem breiten Lachen, und selbst das Haar über seiner Stirn schien mitzulachen.

»Eine solche Bibliothek!« rief er aus. »Das sind ja an dreitausend Bände! Fast alles ist da! Wieviel Memoirenwerke allein! Ob ich die besitzen möchte?« Er schüttelte den Kopf. »Verrückt würde ich werden!«

»Sag, hast du mich noch gern?« fragte Raiskij. »Noch so gern wie früher?«

»Wie kannst du fragen! Du hast mir doch aus der Not geholfen, hast mich nur zweimal an den Haaren gezogen ...«

»Nun, dann nimm diese Bücher für immer als erbliches Eigentum in deinen Besitz, jedoch unter einer Bedingung ...«

»Wie – diese Bücher sollen mir gehören?« sagte Leontij und schaute bald auf die Bücher, bald auf Raiskij. Dann aber winkte er traurig, wie verzichtend, mit der Hand ab und stieß einen Seufzer aus.

»Treib keinen Scherz, Boris, es wird mir schwarz vor den Augen ... Nein, vade retro ... geh rückwärts ... Führe mich nicht in Versuchung ...«

»Ich rede im Ernst!«

»So nimm sie doch, wenn man sie dir schenkt!« rief Ulinka lebhaft, als sie die letzten Worte Raiskijs vernahm.

»Nun hör einer!« rief Leontij vorwurfsvoll. »Aber so ist sie immer, von den Kaufleuten läßt sie sich zu den Feiertagen beschenken, auch von den Eltern der Schüler nimmt sie Präsente an – ich werfe die Leute aus dem Hause, und sie läßt sie dann vom Hof wieder herein und nimmt, was sie kriegt. Das ist Bestechlichkeit! Hat ein Gesicht wie Lukretia, und ist eine Naschkatze, nicht so wie diese!« Raiskij lachte, während sie ernstlich böse wurde.

»Geh mir mit deiner Lukretia!« versetzte sie geringschätzig. »Mit wem er mich nicht alles vergleicht! Einmal bin ich die Kleopatra, dann wieder irgendeine Posthumia, Lavinia, Cornelia, dann eine Matrone ... Nimm lieber die Bücher, wenn man sie dir schenkt! Sonst laß ich sie mir von Boris Pawlowitsch schenken ...«

»Daß du es nicht wagst!« rief Leontij energisch. »Und was soll ich ihm denn schenken? Dich vielleicht?« fügte er hinzu, während er zärtlich seinen Arm um ihre Taille legte.

»Immerzu, ich geh gern – nehmen Sie mich, Boris Pawlowitsch!« sagte sie, während sie ihn mit ihren Augen anblitzte.

»Gut – wenn du die Bücher nicht willst, dann schenke ich sie dem Gymnasium! Her mit dem Katalog! Noch heute schicke ich ihn dem Direktor ...«, sagte Raiskij, während er nach dem Katalog griff.

»Erbarm dich! Nicht einen Band bekäme das Gymnasium zu sehen ... Du kennst den Direktor nicht!« rief Leontij voll Eifer und ließ den Katalog nicht aus den Händen.

»Der versteht von Büchern so viel wie ich von Parfüm und Pomaden ... Verschleudern wird er alles, zerreißen – schlimmer noch als Mark!«

»Nun, dann nimm sie endlich!«

»Diesen kostbaren Schatz soll ich plötzlich, so mir nichts, dir nichts, zum Geschenk nehmen? Nein – wenn sich ein anständiger Käufer fände, der etwas davon versteht – das wäre was ... Ach, mein Gott! Nie habe ich mir Reichtümer gewünscht, aber wenn ich jetzt fünftausend Rubel hätte ... Nein, ich kann nicht, ich kann sie nicht nehmen. Du bist ein Verschwender, ein verlorener Sohn – oder nein, nein, du bist ein blindes Kind, ein Ignorant ...«

»Ich danke dir ...«

»Nicht doch, nicht doch – nicht das wollt ich sagen«, sagte Leontij ganz verwirrt. »Du bist ein Künstler; hast nur für Bilder, für Statuen, für Musik Sinn. Was sind dir Bücher? Du weißt nicht, was für Schätze hier verborgen sind. Ich will sie dir nach dem Essen zeigen ...«

»So–o! Also nach dem Essen willst du, statt mir eine Tasse Kaffee vorzusetzen, mich mit den Büchern quälen! Schön – sie wandern ins Gymnasium.«

»Nun, gut, gut; doch halt: unter welcher Bedingung wolltest du mir die Bibliothek überlassen? Soll ich sie dir ratenweise bezahlen, von meinem Gehalt? Alles verkauf ich, wenn sie wirklich mein werden soll, mich selbst verpfänd ich, samt meiner Frau ...«

»Laß mich aus dem Spiel, bitte ...«, warf sie ein. »Ich kann mich selbst verpfänden oder verkaufen, wenn ich will!«

Raiskij sah auf Leontij bei diesen Worten, und dieser sah wiederum auf Raiskij.

»Siehst du, die ist um Worte nicht verlegen!« sagte jener.

»Welche Bedingung stellst du mir also? Sprich!«

»Daß du nie wieder die Bücher erwähnst, auch nicht mit einem Wort, soviel ihrer Mark auch zerreißt ...«

»Glaubst du wirklich, ich würde Mark noch einmal an die Bücherregale herangehen lassen?«

»Der wird dich nicht lange fragen, wenn er herangehen will«, sagte die Frau. »Wovor hätte der wohl Angst, der Spitzbube?«

»Ja, du hast recht, ich muß feste Schlösser vorlegen«, sagte Leontij. »Du triffst immer das Richtige!« Und zu Raiskij gewandt, fügte er hinzu: »Du glaubst nicht, wie sie mich liebt – wollte Gott, daß jede Frau ihren Mann so liebte!«

Er legte seinen Arm um ihre Schultern; sie senkte ihre Augen, und das Lachen verschwand für einen Augenblick von ihrem Gesicht. Auch Raiskij sah zu Boden.

»Wenn sie nicht wäre, würdest du nicht einen Knopf an mir sehen«, fuhr Leontij fort. »Ich habe meinen guten Tisch, meinen ruhigen Schlaf, und unsere Wirtschaft ist, wenn auch klein, so doch immer in Ordnung. Wie gering sind meine Einkünfte – und doch reicht es zu allem!«

Sie hob langsam die Augen und sah die beiden Männer offen und gerade an. Es war richtig, was Leontij da sagte, und es gereichte ihr nur zum Ruhme.

»Nur einen Fehler hat sie«, fuhr Leontij fort, »für Bücher hat sie keinen Sinn. Sie plaudert ganz nett französisch, und soll sie ein französisches Buch lesen, dann versteht sie noch nicht die Hälfte; auch im Russischen macht sie noch Fehler. Wenn sie griechischen Druck sieht, sagt sie, das gäbe ein hübsches Kattunmuster ab, und stellt die Bücher verkehrt ins Fach. Selbst lateinische Titel kann sie nicht lesen. Steht da ›Opera Horatii‹, so liest sie das ›die Opern des Horaz‹!«

»Nun hör aber auf, von den Büchern zu reden; nur unter dieser Bedingung wandern sie nicht ins Gymnasium«, sagte Raiskij. »Und jetzt laß endlich etwas auftragen, oder ich gehe zur Tante. Ich bin nämlich hungrig geworden.«

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